# taz.de -- Atommüll-Tourismus in NRW: BUND sieht Umwelt-Rechtsschutz in Gefahr
> Im Streit um Castor-Transporte will der BUND sein Klagerecht verteidigen.
> Anti-Atom-Aktivist:innen hoffen, dass Grüne auf Distanz zur eigenen
> Landesregierung gehen.
(IMG) Bild: In Ahaus wird bereits Atommüll zwischengelagert. Der BUND will verhindern, dass noch welcher aus Jülich dazukommt
Das juristische Tauziehen um Dutzende Castor-Transporte mit hoch
radioaktivem Atommüll mitten durch Nordrhein-Westfalen geht weiter: Der
Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) hat Beschwerde gegen einen Beschluss
des Verwaltungsgerichts Berlin eingelegt, das einen Eilantrag des
Umweltverbands gegen den seit Jahren als „unsinnig und gefährlich“
kritisierten Atommülltourismus [1][für unzulässig erklärt hatte].
Jetzt soll das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg sicherstellen,
dass die Transporte von 288.161 Brennelementen des Hochtemperatur-Reaktors
des ehemaligen Kernforschungszentrums in Jülich bei Aachen ins rund 170
Kilometer entfernte Zwischenlager Ahaus nicht während des laufenden
Eilverfahrens starten dürfen.
Denn das Verwaltungsgericht als erste Instanz hatte den Antrag des BUND
lediglich aus formalen Gründen abgeschmettert: Der Umweltverband sei
gegenüber dem in Berlin ansässigen Bundesamt für die Sicherheit der
nuklearen Entsorgung (BASE), das SPD-Bundesumweltminister Carsten Schneider
untersteht, [2][schlicht „nicht antragsbefugt“], so die Berliner Richter –
im konkreten Fall habe der BUND kein Verbandsklagerecht.
Inhaltlich hatte die 10. Kammer des Verwaltungsgerichts dagegen
beschlossen, aufgrund der Sicherheitsbedenken des BUND sei der Erfolg eines
juristischen Hauptverfahrens „zum gegenwärtigen Zeitpunkt als offen zu
beurteilen“.
## Gericht hatte geschwärzte Unterlagen vor sich
Schließlich sollen die knapp 300.000 hoch radioaktiven Brennelemente in 152
Castoren mit Dutzenden Lkw-Fahrten offenbar monatelang über die maroden
Autobahnen des mit 18 Millionen Menschen bevölkerungsreichsten Bundeslands
NRW rollen – etwa durch die Landeshauptstadt Düsseldorf und das dicht
besiedelte westliche Ruhrgebiet um Duisburg.
Überhaupt sei die Transportgenehmigung des BASE [3][rechtlich nur
eingeschränkt bewertbar gewesen], so das Verwaltungsgericht: Zentrale Teile
der Genehmigungsunterlagen waren geschwärzt und deshalb auch für die
Berliner Richter nicht lesbar.
Vom BUND hagelt es deshalb Kritik: „Wenn Gerichte anerkennen, dass
Sicherheitsfragen nicht umfassend zu beurteilen sind, aber gleichzeitig
verhindern, dass sie überhaupt überprüft werden können, läuft effektiver
Rechtsschutz ins Leere“, sagt Kerstin Ciesla, in NRW stellvertretende
Landesvorsitzende des Umweltverbands. „Hier wurde nicht über Sicherheit
entschieden, sondern darüber, wer überhaupt fragen darf.“
Das Urteil widerspreche damit dem Europarecht, das anerkannten
Umweltverbänden die gerichtliche Überprüfung von Verstößen gegen
umweltbezogene Rechtsvorschriften zusichere, argumentiert der BUND. „Wir
lassen uns unser Recht nicht nehmen – deshalb gehen wir in die Beschwerde“,
erklärt Vize-Landesvorsitzende Ciesla. Denn wenn selbst „hochriskante
Atomtransporte der gerichtlichen Kontrolle entzogen“ würden, stehe „der
Umwelt-Rechtsschutz insgesamt auf dem Spiel“.
## Für Sonntag sind Demos angekündigt
Anti-Atom-Initiativen wie das Aktionsbündnis Münsterland gegen Atomanlagen,
das Aktionsbündnis Stop Westcastor Jülich und der Bundesverband
Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU) begrüßten die BUND-Beschwerde.
Für den kommenden Sonntag rufen Anti-Atom-Aktivist:innen deshalb zu einer
Kundgebung vor dem Rathaus in Ahaus auf, die um 14 Uhr beginnen soll. Und
am Samstag, 24. Januar, soll ab 11 Uhr am Autobahnrasthof Bottrop-Süd
demonstriert werden.
Die Anwohner:innen entlang der Autobahnen wurden bisher weder von der
Bundes- noch der Landesregierung oder der Polizei über die „erheblichen
Unfall- und Sicherheitsgefahren der Lkw-Atommülltransporte“ informiert,
sagt der Atomkraftgegner Jens Dütting von der Ahauser Initiative zur
Begründung. Wegen einer Autobahn-Großbaustelle zwischen Bottrop und
Oberhausen sei die A 2 dort ein „offensichtliches sicherheitstechnisches
Nadelöhr“.
„Endlich handeln“ müsse auch die schwarz-grüne Landesregierung, fordert
Matthias Eickhoff vom Aktionsbündnis Münsterland gegen Atomanlagen. Die
BUND-Beschwerde biete ein „politisches Zeitfenster“ für die [4][auch für
die Atomaufsicht zuständige grüne NRW-Landeswirtschaftsministerin Mona
Neubaur], aber [5][auch für Nordrhein-Westfalens CDU-Ministerpräsident
Hendrik Wüst selbst], die Castor-Transporte durch Verhandlungen mit der
Bundesregierung noch zu verhindern.
## Grüner Landesverband wird kritischer
Mittlerweile gehe selbst der NRW-Landesverband der Grünen vorsichtig auf
Distanz zur eigenen Landesregierung, glauben Atomkraftgegner:innen wie
Eickhoff. Denn zur Teilnahme an der Demo am Sonntag vor dem Rathaus in
Ahaus riefen auch die Grünen auf – und damit auch zum Protest gegen die
Politik der eigenen stellvertretenden Ministerpräsidentin Neubaur.
„Atommülltransporte sind gefährlich und ein Sicherheitsrisiko für unser
Land“, so der Co-Landeschef der Grünen, Tim Achtermeyer. Vorausgegangen war
heftige Kritik etwa der Linken: „Spätestens wenn der erste Castor rollt,
ist ein Rücktritt Neubaurs überfällig“, hatte deren atompolitischer
Sprecher in NRW, Hubertus Zdebel, gegenüber der taz erklärt.
16 Jan 2026
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## AUTOREN
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