# taz.de -- Nachhaltiger Tourismus: Nur noch kurz das Reisen retten
       
       > Tourismus und Naturschutz stehen oft im Widerspruch zueinander. Ein
       > Resort am australischen Great Barrier Reef will es besser machen. Ein
       > Ortsbesuch.
       
 (IMG) Bild: Die Meeresschildkröten vor Lady Elliot Island sind nicht nur eine Touristenattraktion, sondern auch für das Korallenriff wichtig
       
       Es dauert keine Minute, bis die erste Schildkröte vorbeigleitet. Fast so
       groß wie eine Luftmatratze, der Panzer von braun-grünem Mosaik überzogen.
       Mit kräftigen Zügen navigiert sie durch das Labyrinth aus Korallen, das
       sich unter den Schnorchelnden auftut. Plötzlich schießt eine zweite hervor.
       Etwas kleiner, der Panzer noch kunstvoller, wie mit kräftigen
       Pinselstrichen bemalt. Dann eine dritte. Als die Gruppe eine halbe Stunde
       später zurück aufs Boot klettert, blickt die Crew in strahlende Gesichter.
       
       Lady Elliot Island, am südlichen Ende des Great Barrier Reefs gelegen,
       zählt zu den bedeutendsten Schildkrötenrefugien der australischen Ostküste.
       Gleich drei Arten leben rund um die kleine Insel, darunter mit der Echten
       Karettschildkröte eine weltweit gefährdete. Die Häufung zeigt, wie
       vielfältig das dortige Ökosystem ist. Denn Schildkröten, Meerestiere
       generell, dienen als biologischer Seismograf: Wo sie leben und nisten,
       [1][sind Riffstruktur und Wasserqualität in der Regel intakt].
       
       Ein Paradies. Für Tiere – und für Reisende, die diese Tiere in ihrem
       natürlichen Lebensraum erleben wollen. Nur: Schutz und Schnorchelspaß, kann
       das zusammengehen? Das Lady Elliot Island Eco Resort, das vor rund zwei
       Jahrzehnten auf der Insel eröffnete, versucht [2][Tourismus und den Erhalt
       eines sensiblen Naturgefüges] zu verbinden.
       
       Lady Elliot Island liegt knapp 400 Kilometer nordöstlich von Brisbane im
       australischen Bundesstaat Queensland. Die Insel ist keinen halben
       Quadratkilometer groß, zu Fuß umrundet man sie in 45 Minuten. Anders als
       viele Inseln, die aus Felsen oder Vulkanen bestehen, ist diese ein Produkt
       von Korallen: Über Jahrtausende hinweg vermischte sich abgetragenes
       Korallenmaterial mit Sand, Muscheln und Pflanzenteilen.
       
       Im Südwesten ist sie von einem Wald aus Pisonienbäumen überzogen. Rundherum
       wachsen Kasuarinen mit staubwedelartigen Nestern aus langen Nadeln und
       Küstensträucher wie das Samtblatt mit seinen ledrigen, leuchtend grünen
       Blättern. Mehr als 1.200 Meerestiere leben und nisten auf und um die Insel,
       außerdem unzählige Vögel, Frösche und Schmetterlinge.
       
       Das war nicht immer so. Im 19. Jahrhundert wurde auf der Insel Guano
       abgebaut. Die nährstoffreichen Exkremente von Seevögeln waren ein
       wertvoller Dünger. Nach Ende der kommerziellen Förderung in den 1870er
       Jahren blieb eine Sandwüste zurück. Eine wissenschaftliche Arbeit aus den
       1980er Jahren nennt die Insel als Beispiel für „das Schlimmste der
       Menschheit“: ein vollständig zerstörtes Ökosystem. Es dauerte Jahrzehnte,
       bis es sich langsam erholte. Die Wende kam, als Peter und Julie Gash 2005
       den Pachtvertrag für die Insel übernahmen und dort die Ferienanlage
       aufbauten. Die Gashs trieben die Renaturierung massiv voran. Um das
       zerstörte Ökosystem wiederherzustellen, pflanzten sie Zehntausende
       einheimische Pflanzen, entfernten [3][invasive Arten] und schufen so
       Lebensraum für Wildtiere.
       
       Das Lady Elliot Island Eco Resort, das heute Gäste aus aller Welt auf die
       Insel lockt, trägt maßgeblich zur Finanzierung der Schutzmaßnahmen bei.
       Rund 40 Minuten dauert der Flug vom Festland. Anfang Dezember, zu Beginn
       des australischen Sommers, ist die kleine Propellermaschine gut gefüllt.
       Vor der Landung dreht der Pilot eine Extraschleife, damit die Fluggäste die
       kreisrunde Insel und das blau leuchtende Wasser bewundern können, das so
       flach und klar ist, dass die Korallen hindurchschimmern. Dann landet er die
       Maschine routiniert auf der buckligen, aus einem Grasstreifen bestehenden
       Landebahn.
       
       Jessica Blackmore ist Umweltmanagerin des Resorts. Sie stellt sicher, dass
       die Schutzmaßnahmen „nicht nur auf dem Papier stehen, sondern in der
       täglichen Praxis umgesetzt und kontinuierlich verbessert werden“. Entdeckt
       hat sie die Insel als Taucherin. Inmitten dieser „einzigartigen
       Meereslandschaft“ arbeiten zu dürfen, sei ihr wahr gewordener Traum. Als
       Master Reef Guide teilt sie Begeisterung und Wissen mit den Inselgästen.
       Das 2019 begonnene Ausbildungsprogramm zum Master Reef Guide verknüpft
       Umweltbildung und Tourismus. Master Reef Guides wie Jessica Blackmore
       werden zu Botschafterinnen des Riffs – und Gäste, so die Idee, zu
       verantwortungsvolleren Reisenden.
       
       Wegen seiner ökologischen Bedeutung zählt das Great Barrier Reef seit 1981
       zum Unesco-Weltnaturerbe. Der Schutzstatus variiert je nach Farbzone: Lady
       Elliot Island liegt im streng geschützten grünen Bereich. In diesen
       sogenannten No-take-Zonen ist Fischen verboten; das Tauchen und Boote sind
       unter Auflagen erlaubt. Kritiker:innen werfen Australien vor, das Land
       tue zu wenig für den Schutz des Riffs und gegen den Klimawandel, seine
       [4][größte Bedrohung]. Das Land argumentiert dagegen, sein Riffmanagement
       sei eines der strengsten weltweit, man könne globale Klimatrends nicht
       alleine aufhalten.
       
       Das stimme, sagt Meeresbiologin Christine Dudgeon. Es brauche
       internationale Anstrengungen. Dennoch könnten einzelne Projekte einiges
       bewirken. Dudgeon forscht an der University of the Sunshine Coast in
       Queensland unter anderem zur [5][Wechselwirkungen zwischen Ökosystemen an
       Land und der Meeresumwelt]. Im Kern geht es um die Frage, wie die
       Widerstandsfähigkeit von Riffen in Zeiten des Klimawandels gestärkt werden
       kann.
       
       Korallenriffe gehören zu den produktivsten und artenreichsten Ökosystemen
       der Erde, obwohl sie meist in nährstoffarmen Gewässern wachsen. Auf den
       ersten Blick ein Widerspruch, weil die vielen Arten sich wenige Nährstoffe
       teilen müssen. Der Trick: eine Symbiose mit einzelligen Algen, sogenannten
       Zooxanthellen. Sie versorgen die Korallen mit Energie, die sie aus
       Sonnenlicht und Nährstoffen im Wasser gewinnen. Im Gegenzug liefern diese
       Schutz und Abfallstoffe, die Algen für die Fotosynthese brauchen.
       
       „Koralleninseln wie Lady Elliot Island sind kleine Nährstoffbomben“, meint
       Dudgeon. Vorausgesetzt, sie sind mit üppiger Vegetation bedeckt. Die Insel
       – einst kahl, heute grün und voll Leben – bietet eine einzigartige
       Gelegenheit, den Zusammenhang zwischen Land und Meer zu untersuchen.
       
       Der Zustand der hiesigen Korallen sei gut, meint Dudgeon. Deutlich
       [6][besser als in vielen nördlich gelegenen Regionen]. Durch die Lage am
       südlichen Ende des Riffs ist die Wassertemperatur generell niedriger, zudem
       sorgt der unweit der Insel abfallende Meeresboden dafür, dass kühles,
       nährstoffreiches Wasser aus der Tiefe an die Oberfläche gelangt. Zwar gab
       es auch hier erste Korallenbleichen. „Aber die Korallen haben sich sehr gut
       erholt“, sagt Dudgeon, das zeigten neue Messungen. Grund dafür ist neben
       dem kühleren Wasser das intakte Ökosystem der Insel, das die Korallen mit
       Nährstoffen versorgt. Aber wie kommen die Nährstoffe von der Insel zur
       Koralle?
       
       Nach mehr als fünf Jahren Forschung wisse man, dass Seevögel dabei eine
       große Rolle spielen, sagt Dudgeon. Und davon gibt es auf Lady Elliot Island
       viele. Sie sind das Erste, was man sieht, hört und riecht. Der Weg zum
       Haupthaus, wo sich Umkleiden und Restaurant befinden, ist mit ihren weißen
       Hinterlassenschaften bedeckt. Die sich zersetzenden Mikroorganismen im Kot
       tränken die Luft mit süßlichem Duft. „Wir befinden uns mitten in der
       Brutsaison“, meint der Guide lachend. Als er die Gruppe zum Schnorcheln
       einweist, muss er zeitweise fast schreien, um das Krächzen der Vögel zu
       übertönen. Dank der Wiederaufforstung wurde die Insel zu einem der
       wichtigsten Nistplätze für Seevögel im gesamten Riffgebiet. Dezember bis
       März gilt als Hochzeit, denn dann sind sowohl Jungvögel als auch die flügge
       werdenden Küken präsent. Insgesamt mehr als 100.000, die [7][Nährstoffe aus
       dem Meer oder vom Festland aufnehmen, als Kot auf die Insel bringen und so
       zum Schutz des Riffs beitragen].
       
       In einer [8][2024 erschienenen Studie] legt das Team der Forschenden dar,
       dass die Vegetation auf der Insel in zweifacher Hinsicht eine Rolle spielt:
       Sie bietet nicht nur Nistplätze, sondern beeinflusst durch die
       Transpiration, also die Abgabe von Wasser über die Blätter der Pflanzen,
       auch das Grundwasser. Regen fließt so weniger schnell ins Meer ab und
       verlangsamt so den Fluss des Grundwassers, das dadurch mehr Nährstoffe
       aufnehmen kann, bevor es ins Meer gelangt. Entscheidend dafür ist vor allem
       die Wechselwirkung von Transpiration und Grundwasserfluss und gar nicht
       unbedingt die Zahl der Vögel auf der Insel, die saisonal schwankt.
       
       Seit 2018 wird die Wiederaufforstung auf Lady Elliot Island im Rahmen der
       groß angelegten Reef Islands Initiative mit privaten und öffentlichen
       Mittel unterstützt: Neben dem Reef Trust der australischen Regierung und
       der Regierung von Queensland finanzieren ein australischer
       Infrastrukturkonzern und eine gemeinnützige Familienstiftung die
       Pflanzungen mit. Das Resort beteiligt sich an der Verwaltung und
       Durchführung von Schutz- und Forschungsprojekten und investiert die
       erwirtschafteten Gewinne in die Naturschutzmaßnahmen.
       
       Als Nächstes gelte es, mehr über das sensible Nährstoffgleichgewicht zu
       erfahren, meint Meeresbiologin Dudgeon. Einerseits brauchte das Riff
       Nährstoffe zum Wachstum. Sind jedoch zu viele Nährstoffe im Wasser, kippt
       die Wirkung, die Algen nehmen überhand. Kürzlich begann eine Trackingstudie
       mit jungen Meeresschildkröten, die rund um die Insel überdurchschnittlich
       häufig vorkommen. „Wir glauben, dass sie ihre gesamte Jugend hier
       verbringen und dabei ständig Algen fressen.“ Dies spiele, so ihre
       Vermutung, eine wichtige Rolle bei der Regulierung des Algenwachstums.
       
       Die Ausbreitung der Makroalgen ist ein wichtiger Indikator für die
       Riffgesundheit. Ihre Zunahme gilt als Warnsignal für zu hohe
       Nährstoffbelastung oder fehlende Pflanzenfresser wie etwa Schildkröten.
       Überwacht wird auch die für die Riffgesundheit wichtige Vogelpopulation:
       Vom Weißkappennoddi, der am häufigsten vorkommenden Art, wurden 2025 mehr
       als 50.000 Paare gezählt – fast doppelt so viele wie zehn Jahre zuvor.
       
       Auch die Gäste werden in die Forschung eingebunden. Im Haupthaus hängen
       Whiteboards, auf denen sie Sichtungen eintragen können: Schildkröten,
       Riffhaie, Mantarochen. Die Insel ist als „Home of the Manta Ray“ bekannt.
       Das sogenannte Project Manta, das ihr Vorkommen und Verhalten erforscht,
       läuft bereits seit mehr als 18 Jahren. Durch die
       [9][Citizen-Science-Projekte] entstehe eine persönliche Verbindung zum
       Riff, sagt Umweltmanagerin Blackmore.
       
       Im Haupthaus hat das Team ein Lernzentrum eingerichtet. Wichtig ist ihm
       auch die Zusammenarbeit mit Schul- und Universitätsgruppen, die trotz der
       entlegenen Lage und der entsprechend kostspieligen Anreise regelmäßig auf
       die Insel kommen. Auf Behind-the-Scenes-Touren können private Gäste, aber
       auch Schul- und Unigruppen hinter die Kulissen blicken und mehr über die
       Nachhaltigkeitsinitiativen des Resorts erfahren. „Die Touren sind
       wahnsinnig gefragt“, meint Blackmore lachend. Obwohl Gäste schon vor ihrem
       Besuch einen „Sustainability Pledge“ ablegen müssen, der sie zu
       umweltverträglichem Verhalten verpflichtet, habe sie das „doch ziemlich
       überrascht“.
       
       Die Tour führt zu den PV-Anlagen, die jedes Dach und viele Freiflächen
       bedecken, und zur solarbetriebenen Anlage, mit der Meerwasser entsalzt
       wird. Mehr als vier Fünftel des Energiebedarfs wird durch Solarstrom
       gedeckt. Derzeit läuft ein Pilotprojekt, das Trinkwasser aus von Sonne
       erwärmter Luft gewinnt. Immerhin 60 Liter Wasser kann die simpel wirkende,
       aber hochkomplexe Anlage – ein schräg stehendes Panel, in dem sich
       Kondenswasser sammelt – an sonnigen Tagen produzieren. Bei einem
       durchschnittlichen Verbrauch von 2,5 Litern pro Person und Tag deckt das
       immerhin den Tagesbedarf von 24 Gästen. Der Müll wird dreimal pro Jahr aufs
       Festland gebracht, Essensreste werden auf der Insel kompostiert. Das
       Abwasser von Duschen und Waschmaschinen wird vor Ort in der Kläranlage
       aufbereitet und für die Bewässerung der Landebahn verwendet, deren
       Grasbewuchs die Landung zumindest etwas weniger holprig macht.
       
       Die Lage so weit draußen macht den Schutz von Flora und Fauna einfacher:
       Besucherzahlen können besser beschränkt werden, Industrieanlagen sind fern.
       Hinzu kommt die generell vorteilhafte Lage – das kältere Wasser, das Verbot
       von Fischfang. Dennoch kann die Insel als Blaupause für andere Orte im Riff
       dienen, die durch Guanoabbau oder andere menschliche Eingriffe stark
       verändert sind. Wegen ihrer intakten, einheimischen Vegetation zeigt sie
       den Wert der Wiederaufforstung. Es wurde Nist- und Lebensräume für
       Pflanzenfresser geschaffen und sensible Nährstoffflüsse zwischen Land und
       Wasser aufrechterhalten. Dudgeon plädiert für mehr allgemeine Schutzzonen,
       damit Meereslebewesen die empfindliche Nährstoffbalance bewahren können.
       „Wir wissen noch nicht genau, was sie machen. Aber wir wissen, dass sie
       wichtig sind.“ Dieses Wissen sei das Rüstzeug im Kampf um den Schutz des
       Riffs. Eine ihrer Studentinnen forscht gerade zu Seegurken, die einst rund
       um die Insel gefischt wurden und sich nun sehr gut erholt hätten. Ziel sei
       es nun, die Populationen in küstennahen Regionen wiederherzustellen.
       
       Projekte wie dieses stimmen Dudgeon optimistisch. Sie trieben Menschen an
       und schenkten ihnen Hoffnung. An Orten wie Lady Elliot Island wird das ganz
       praktisch erfahrbar. Im Resort setze man auf die Kombination aus Bildung
       und einmaligen Erlebnissen, sagt Umweltmanagerin Blackmore.
       
       Zu solchen Momenten gehört etwa die völlig überraschende Sichtung eines
       Mantarochens außerhalb der eigentlichen Saison, kurz bevor das Boot mit den
       Schnorchelnden wieder am Ufer ankommt. „Nachdem ich all das gesehen habe“,
       sagte eine Inselbesucherin zum Abschied, „habe ich mir geschworen, ein
       besserer Mensch zu werden.“
       
       29 Jan 2026
       
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