# taz.de -- Internationale Tourismusbörse Berlin: Credo des demonstrativen Konsums
       
       > Reisen ist und war schon immer ein Wohlstandsprivileg. Aber geht es heute
       > weniger um das Andere, das Fremde, das beim Reisen einmal so wichtig war?
       
 (IMG) Bild: Höher- schneller- weiter, ales andere scheint der Tourismusbranche egal
       
       Es geht zu wie in den Fernsehserien „Dallas“ oder „Der Denver-Clan“. Wir
       goutieren reiche, schöne und erfolgreiche Menschen unter sich beim
       Intrigieren, Feiern und Sich-Zudröhnen für heißen Sex. Menschen, die global
       mobil sind, modern und aufgeschlossen, und die sich eine Woche Auszeit in
       Luxusressorts gönnen. Und alles ist so unverschämt ansprechend, ist
       Werbeästhetik vom Feinsten, dass man nur wünschen kann: dahin will ich
       selbst einmal.
       
       Die Rede ist von der Kultserie [1][„The White Lotus“], bislang drei
       Staffeln mit Drehorten in den fotogenen Anlagen der „Four Seasons“-Hotels
       auf Hawaii, auf Sizilien und in Thailand. Die Ästhetik und der Effekt der
       üppigen Naturkulisse ist umwerfend. Es ist touristische Werbung at its
       best. Und dennoch: Feuilleton und Medienkritik loben die Serie als
       Tourismuskritik. Sie mache beispielsweise das „strukturelle Machtgefälle“
       deutlich, das „überall im Tourismus“ bestehe (Der Spiegel).
       
       Die KI sagt dazu zusammenfassend: „White Lotus wird oft als
       tourismuskritische Serie beschrieben. Sie zeigt, wie Privilegien,
       kulturelle Klischees und wirtschaftliche Machtverhältnisse im Kontext von
       Luxusreisen und Ressorts miteinander verwoben sind. Die Serie setzt sich
       mit Fragen auseinander wie: Ausbeutung und Ungleichheit im Tourismus, die
       Auswirkungen von Tourismus auf lokale Gemeinschaften und Kulturen,
       Oberflächlichkeit, Konsumismus und Rassismus in exotischen
       Urlaubsdestinationen. Allerdings wird sie auch als satirisch-prägnant
       genutzt, um Verhaltensweisen von Touristen zu kommentieren, statt eine rein
       dokumentarische Kritik zu liefern. Insgesamt gilt: ja, sie enthält eine
       deutliche tourismuskritische Perspektive.“
       
       Stimmt das? Kann man eine Kritik, die affirmativ Tourismus fördert,
       wirklich als tourismuskritisch bezeichnen? Oder geht es hier nur um
       intelligentes Storytelling? Ist es schon tourismuskritisch, wenn eine
       gutgemachte Inszenierung, die so starke Begehrlichkeiten in uns weckt,
       diese als Untiefen der Reichen thematisiert und vorführt? Ist
       Tourismuskritik Kritik am schlechten Benehmen der Touristen und ihren
       schlichten Bedürfnissen? Oder ist Tourismuskritik Gesellschaftskritik an
       der kapitalistischen Verwertung der Reisewünsche? Oder ist das alles von
       gestern? Wovon sprechen wir eigentlich, wenn wir von Tourismuskritik
       sprechen?
       
       ## Vor 70 Jahren im Aufwind
       
       Das Gestern, das war vor rund 70 Jahren, als der Tourismus in westlichen
       Industriestaaten in großem Stil anfing. Zur selben Zeit schrieb Hans Magnus
       Enzensberger einen Essay, in dem er [2][Tourismuskritik als
       Gesellschaftskritik] am modernen Tourismus begründete. Tourismus, so
       behauptete er, sei Massenbetrug an den Wünschen nach Freiheit, und ein
       Betrug, an den wir uns gewöhnt hätten.
       
       Enzensberger verstand Tourismus als eine einzige große Fluchtbewegung, die
       sich zugleich aus der Unwirtlichkeit moderner Lebensverhältnisse wie auch
       aus den bürgerlichen Freiheitswünschen der 1848er-Revolutionäre speise,
       nämlich als Versuch, den in die Ferne projizierten Wunsch der Romantik
       leibhaftig zu verwirklichen. „Das Verlangen aus dem sich der Tourismus
       speist ist das nach dem Glück der Freiheit.“ Dieses Freiheitsbedürfnis
       allerdings würde unter kapitalistischen Zurichtungen als massenhaft
       käufliches Pauschalarrangement eingefangen. Für ihn sind Touristen
       diejenigen, die betrogen werden und die süffisante Kritik am Verhalten der
       Touristen, die sie von Anfang an begleite, sei „Denunziation“, die sich mit
       einer Kritik des Tourismus verwechsle.
       
       Danach wechselten in der kritischen Betrachtung die Betroffenen. Nicht mehr
       die Reisenden, sondern die [3][Bereisten] rückten in den Fokus. In den
       1980er Jahren wurde die [4][Dritte-Welt-Thematik] und die Ökobewegung immer
       wichtiger. Als Folie für die scharfen Konturen einer neuen Kritik am
       Tourismus diente das damals noch schmale Segment Ferntourismus. Am
       touristischen Treiben in der Ferne wurde die Ausbeutung von Ressourcen und
       Arbeitskräften, wurden Landraub, Naturzerstörung und die serielle
       Ausrichtung von Kultur als Folklore unübersehbar. Auch Sextourismus geriet
       in den Blick. Und die klimatischen Schäden durch die Fliegerei.
       
       [5][Tourismus wurde als Industriesektor] identifiziert und kritisiert. Auch
       wenn im Unterschied zu anderen Industrien nicht die Ressourcen zu den
       Verbrauchern, sondern die Verbraucher zu den Ressourcen transportiert
       wurden.
       
       ## Einmal um die ganze Welt
       
       Gleichzeitig wuchs auch die Erkenntnis, dass Tourismus als ein
       [6][Globalisierer der ersten Stunde] zwar Natur und Lebenswelten ruinieren
       kann, aber auch moderne Infrastrukturen befördert. Tourismus hat sich in
       traditionelle Lebensräume geschlichen, aber auch deren traditionelle
       Herrschafts- und Machtstrukturen angefressen sowie geregelte
       Arbeitsverhältnisse und Emanzipationsprozesse für Frauen befördert. Nach
       dem zweiten Weltkrieg förderte er ein neues internationales Verständnis.
       
       Tourismus hatte den Erfahrungsraum aller erweitert und Kontakte ermöglicht.
       Er ist heute ein unverzichtbarer Eckpfeiler der Volkswirtschaften vieler
       Länder. Die Fliegerei ist ein Klimakiller, und die Mobilität ist ein
       Stressor, aber ohne Mobilität keine Internationalität und keine
       Weltgesellschaft.
       
       In Folge dieser tourismuskritischen Analysen wurden auch erstmals
       [7][Konzepte] entwickelt und realisiert, die sich als Alternativen „im“ wie
       auch „zum“ Tourismus verstanden. Die Ideen eines „sanften Tourismus“
       reichten vom gemeindebasierten Wüstentourismus bis zur Wiederbelebung alter
       Pilgerrouten und europaverbindender Rad- und Wanderwege. In der Hauptsache
       ging es um einen umwelt-und sozialverträglichen Tourismus, dessen
       Notwendigkeit sich angesichts der Verschlechterungen der Umweltbedingungen
       und Dritte-Welt-Themen von selbst verstand.
       
       Was ist von dieser Tourismuskritik, die die Erfolgsgeschichte der modernen
       Tourismusindustrie begleitet hat, geblieben?
       
       Tatsächlich hat sich seit den 1950er Jahren vor allem ihr Umfeld stark
       verändert. Mief und Pief der Adenauerära waren das gesellschaftliche
       Setting, in dem Enzensberger seine Kritik an den Zumutungen und
       Verführungen des Kapitalismus formulierte. War es früher der Konformismus,
       der Kritik herausforderte, der Spießer, vor denen es die Freiheitlichen
       gruselte, dann fordert uns heute die allgegenwärtige Konsummentalität
       heraus. [8][Die Tourismuskritik ist zahnlos geworden], weil die Abstimmung
       mit den Füßen längst stattgefunden hat. Die Freiheit der Revolutionäre, die
       Enzensberger noch zitierte, ist einem umfassenden Bedürfnis nach
       Marktfreiheit gewichen: nach Bewegungsfreiheit von Menschen, Kapital, Waren
       und Dienstleistungen.
       
       ## Emotionaler Konsum
       
       Die Kultur des Kapitalismus hat sich auch im emotionalen Erleben und der
       Selbstwahrnehmung der Menschen entfaltet. Wir mögen unsere Gefühle für
       unser Ureigenes und Intimstes halten, aber die [9][Soziologin Eva Illouz]
       sieht in ihnen auch eine Verlängerung der Gesellschaft in uns selbst. Die
       Affektstruktur der Moderne, die Illouz in zahlreichen Publikationen zum
       Thema gemacht hat, sei zunehmend durch Logiken der Ökonomie geprägt. Zu
       dieser neuen Kultur gehöre auch eine beispiellose Emotionalisierung, denn
       ökonomischen Logiken zufolge lassen sich auch aus den Gefühlen selbst neue
       Waren und Konsumpraktiken und somit neue Wertschöpfungen generieren.
       
       Mit Social Media wurde die Vermarktungsspirale weiter gedreht. Hier wird
       Aufmerksamkeit mit Emotionen geweckt, die von den Nutzern selbst
       eingespeist und in Netzwerken verstärkt werden können. Denn heute mischt
       alle Welt mit. [10][Influencer] setzen neue Maßstäbe für die Kultur des
       Reisens, Hotspots werden von heute auf morgen kreiert. Und viele verdienen
       daran. Reisen und dafür zu posieren ist mehr denn je zum Geschäftsmodell
       geworden. Anbieter und Destinationen bewerben so subjektiv und gefühlig
       ihre Angebot. Was auch immer „viral“ geht, ist im Grunde ein emotionales
       Phänomen – als Folge einer neuen Technologie, die neue Begehrensdynamiken
       in Gang bringt. Illouz spricht von einer Matrix aus Konsumerlebnissen,
       Technologien und Gefühlen, in der jedes Glied die anderen ermögliche und
       erzeuge und dabei gewaltige wirtschaftliche Werte schaffe.
       
       Und so wirkt Fundamentalkritik an den Produktions- und
       Verwertungsmechanismen der touristischen Industrie wie von gestern, denn
       kapitalistischer Realismus von heute lässt kaum noch einen Spielraum für
       alternative Vorstellungen und Weltsichten zu. Tourismus heute ist
       eingebettet in eine Konsumkultur, für die es Diversifizierungen und
       Differenzen der Produktpalette, aber keine Alternativen mehr gibt. Nicht
       mehr innerhalb des Tourismus und erst recht nicht zum Tourismus.
       
       Und wo Alternativen existierten, sind sie eingemeindet. Selbst Pilgerwege
       sind Teil des standardisierten Angebots. Flug inklusive, Vorbuchen sowieso,
       perfekte Planung. Auf dem legendären Camino nach Santiago in Spanien
       bewegen sich heute überwiegend Urlaubspilger aus aller Welt mit einem engem
       Zeitbudget. Das Hippieflair ist Historie.
       
       ## Reisen schafft Identität
       
       Nicht alle Welt kann reisen. Selbst im [11][reichen Deutschland] konnten
       sich 20,8 Prozent der Bevölkerung noch keine einwöchige Urlaubsreise
       leisten. EU-weit sind das sogar 25,8 Prozent. In 2024 wurden in Deutschland
       56,4 Millionen Reisende gezählt, von denen 36 Prozent im Land blieben, 16
       Prozent machten eine Fernreise, insgesamt 47,5 Prozent buchten eine
       Pauschalreise. Aber weltweit sind [12][immer mehr Menschen auf
       Urlaubsreisen unterwegs]; und zwar weit entfernt von einer
       Nord-Süd-Problematik, wie sie ehedem in der Tourismuskritik zum Thema
       wurde. Federführend sind die wohlhabenden globalen Mittelschichten.
       [13][Global, progressiv, weltoffen.]
       
       Reisen ist Status und schafft Identität. Es ist auch das Konzept
       demonstrativen Konsums, und Konsum ist der Maßstab der neuen Zeit.
       Demonstrativer Konsum dient seit jeher der Distinktion, aber zunehmend auch
       einer identitären Selbstvergewisserung.
       
       Es wäre vor allem der Konsumismus, der sich heute einer Gesellschaftskritik
       stellen müsste. Und das dürfte am schwierigsten zu kritisieren sein. Denn
       Konsum gilt mehr denn je als Tugend. Vor allem der richtige Konsum, nämlich
       einer, der ins jeweilige Milieu passt. Und der lässt sich sogar moralisch
       begründen: Der global bewusste Konsument, der Verantwortung etwa für
       einheimische Bevölkerung, Kaffeeproduzenten oder den Erhalt der Umwelt
       übernimmt.
       
       Dabei steigen die Ressourcen– und Umweltbelastungen ins Unermessliche.
       Durch Flüge, die Internetnutzung und den absoluten Willen zur Party. In den
       USA stabilisiert sich derzeit ein Trend zur umweltschädlichsten aller
       Reiseformen, dem [14][Kreuzfahrttourismus]. Dachte man hier bislang nur an
       Seniorenreisen und besinnlichen Lebensabend, so rückt jetzt die Jugend
       nach. 25 Prozent der Gen Z waren bereits auf Kreuzfahrt, doch 59 Prozent
       haben Interesse daran – 22 Prozent davon wollen sogar auf jeden Fall eine
       Kreuzfahrt machen, ist das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage. [15][Das
       Potenzial für neue Gäste ist also groß]. Besonders ausschlaggebend sind
       dabei das Erlebnis, das standardisierte Angebot und die Möglichkeit,
       mehrere Reiseziele in kurzer Zeit zu erkunden und ein abwechslungsreiches
       Freizeitangebot an Bord mit Gleichgesinnten zu genießen.
       
       ## Oasen sinnlicher Erfahrung
       
       Nicht das Andere, das Fremde, das beim Reisen immer mitschwang, ist
       gefragt, sondern die Selbstdarstellung und Selbstverwirklichung in Oasen
       der körperlichen Erfahrung. Posts auf Instagram und Blogger-Aktivitäten
       erzählen davon in Fülle. Es ist auch der Verlust der realen Welt. Das
       touristische Universum umspannt wie eine Folie die Welt, niemand muss mehr
       in ihre Niederungen absteigen.
       
       Reisen war und ist ein Wohlstandsprivileg. Das sich alle Wohlständler auf
       der Welt gerne gefallen lassen. Und alle Anderen? in der Serie The White
       Lotus findet die Zurschaustellung und Rechtfertigung des demonstrativen
       Konsums ihr Credo: „Wir haben Glück gehabt. Kein Mensch in der Geschichte
       hat je besser gelebt als wir. Selbst die alten Könige nicht. Und das
       mindeste ist, dass wir es einfach genießen. Alles andere ist eine
       Beleidigung für die Milliarden, die nur davon träumen können, eines Tages
       so zu leben wie wir.“
       
       3 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] http://az.de/Tiere-in-The-White-Lotus/!6081759&s=White+lotus/
 (DIR) [2] /Kommentar-Globalisiertes-Reisen/!5536498
 (DIR) [3] /Tourismus-im-Globalen-Sueden/!6071967
 (DIR) [4] /Laender-nicht-als-Schnaeppchen-handeln/!312591&s=Tourismuskritik/
 (DIR) [5] /Tourismus-neu-denken/!5729445
 (DIR) [6] /Debatte-zur-ITB/!5487882
 (DIR) [7] https://www.zenat-tourismus.de/index.php?lang=de
 (DIR) [8] /Overtourism/!5982172
 (DIR) [9] https://www.shrkamp.de/buch/eva-illouz-gefuehle-in-zeiten-des-kapitalismus-t-9783518294574
 (DIR) [10] /Reisen-und-Schreiben/!5614490
 (DIR) [11] https://www.adac.de/verkehr/standpunkte-studien/mobilitaets-trends/tourismusstudie-reisen/
 (DIR) [12] https://www.reisereporter.de/reisenews/destinationen/reiselust-bleibt-trotz-globaler-krisen-gross-diese-ziele-erleben-einen-tourismus-boom-PVXJMUI7GVDDVCHURFT6LTVWM4.html
 (DIR) [13] /Soziologe-ueber-Mobilitaet-und-Grenzen/!5810994
 (DIR) [14] /Klimaschaedlicher-Tourismus/!5950128
 (DIR) [15] https://de.statista.com/themen/593/kreuzfahrt/#topicOverview
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Christel Burghoff
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       In „Traum Zeit Reise“ geht der Tourismusforscher Hasso Spode zurück zu den
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