# taz.de -- Deutsche Entwicklungspolitik: Mehr Geopolitik, mehr Wirtschaft
       
       > Ministerin Alabali Radovan will die Entwicklungspolitik reformieren. Sie
       > soll interessengeleiteter sein und weniger Themen in den Fokus nehmen.
       
 (IMG) Bild: Reem Alabali Radovan bei der Vorstellung ihrer Reformpläne zur Neuausrichtung der deutschen Entwicklungszusammenarbeit am 12. Juni
       
       Strategischer, partnerschaftlicher und fokussierter soll die deutsche
       Entwicklungspolitik werden. Nach sechs Monaten Evaluierung im
       Entwicklungsministerium (BMZ), hat die zuständige Ministerin Reem Alabali
       Radovan (SPD) am Montag [1][30 Seiten Reformpläne] vorgestellt.
       
       Die stetig sinkenden Mittel ihres Hauses will sie demnach in Zukunft
       gezielter einsetzen. In einigen Regionen sollen weniger Themen gefördert
       werden, globale Initiativen und die Zusammenarbeit mit der Wirtschaft soll
       gestärkt werden. „Weg von der Gießkanne“, fasste die Ministerin die
       Neuausrichtung der deutschen Entwicklungspolitik bei der
       Bundespressekonferenz am Montag zusammen. „Wir können nicht überall alles
       machen. Deshalb bündeln wir unsere Kräfte“, sagte sie.
       
       So sollen Länder mit mittlerem Einkommen nur noch Kredite erhalten, die sie
       zurückzahlen. Dieses Vorgehen ist bereits üblich, soll aber in Zukunft noch
       konsequenter umgesetzt werden. Haushaltsmittel sollen vor allem in den
       wenigsten entwickelten Entwicklungsländern (LDCs) eingesetzt werden. Die UN
       definiert derzeit 44 Länder in dieser Kategorie, mit 27 will das BMZ
       weiterhin verstärkt zusammenarbeiten, die meisten davon sind in Afrika,
       außerdem dabei sind Afghanistan, Bangladesch, Kambodscha und Jemen.
       
       ## Förderungen zu Fluchtursachen und Krisen in Südostasien und
       Lateinamerika laufen aus
       
       In Afrika soll es laut Ministerin einen stärkeren Fokus auf die Bekämpfung
       von Hunger, Armut und Ungleichheit geben. „Das bedeutet, dass wir Programme
       zu Ernährungssicherheit in anderen Ländern auslaufen lassen“, erklärte
       Alabali Radovan bei der Vorstellung der Pläne am Montag. Ebenso würden
       Förderungen zu Fluchtursachen und Krisen in Südostasien und Lateinamerika
       beendet. Im Bereich Frieden und Krisenprävention werde das BMZ zukünftig
       einen Schwerpunkt auf die europäische Nachbarschaft, den Nahen Osten und
       Nordafrika, den Sahel und das Horn von Afrika legen. Insgesamt bliebe eine
       Zusammenarbeit mit allen bisher geförderten 65 Ländern bestehen, erklärte
       die Ministerin.
       
       Weniger Mittel soll es zudem für bilaterale Zusammenarbeit in den Bereichen
       Bildung und Gesundheit geben, hier will das BMZ zukünftig stärker auf
       multinationale Initiativen setzten, etwa die Impfallianz Gavi. Der
       Gesundheitsbereich ist besonders stark von dem finanziellen Rückzug der USA
       aus der Entwicklungspolitik betroffen, die etwa ein Drittel der
       Finanzierung übernommen hatten.
       
       Gleich zu Beginn seiner Amtszeit hatte US-Präsident Donald Trump den
       Ausstieg aus der Weltgesundheitsorganisation angekündigt und kürzte die
       Gelder von zahlreichen multilateralen Programmen. Im September vergangenes
       Jahr veröffentlichte die Trump-Regierung dann ihre
       [2][„Amerika-First-Globale-Gesundheitsstrategie“]. Daraus geht hervor, dass
       die USA ein Akteur im Feld bleiben will, aber vor allem auf bilaterale
       Zusammenarbeit setzt, von der US-Unternehmen verstärkt profitieren sollen.
       Ende Dezember waren bereits Abkommen mit rund 12 afrikanischen Ländern
       unterzeichnet.
       
       Aber auch die Bundesregierung will zukünftig die eigenen wirtschaftlichen
       Interessen stärker in den Vordergrund rücken. Ein weiterer Schwerpunkt der
       deutschen Entwicklungspolitik soll die wirtschaftliche Zusammenarbeit sein.
       Entwicklungsministerin Alabali Radovan hatte hierzu bereits im Oktober
       vergangenes Jahr [3][einen Aktionsplan vorgestellt.]
       
       Demnach sollen Unternehmen zukünftig stärker von Entwicklungsprojekten
       profitieren. Das BMZ will den Marktzugang für Unternehmen erleichtern,
       indem es Vergabe- und Förderinstrumente anpasst, etwa durch
       Qualitätsvorgaben, die deutsche Unternehmen begünstigen. Außerdem sollen
       Wirtschaftsvertreter*innen auch bei Gesprächen mit Partnerländern
       stärker einbezogen werden.
       
       Die Schwerpunktsetzung werde sich auch im Haushalt widerspiegeln, sagte
       Alabali Radovan. „Kern des Reformplans ist es, die Entwicklungspolitik
       stärker zu fokussieren. Das heißt, dass Mittel auf die neuen Ziele
       ausgerichtet und umgeschichtet werden. Dafür wird sich
       Entwicklungsministerin Reem Alabali Radovan in den Haushaltsverhandlungen
       für den Haushalt 2027 einsetzen“, erklärte eine Sprecherin des BMZ der taz.
       
       Unter „partnerschaftlich“ versteht die Ministerin auch, dass Deutschland
       seine Interessen klarerer benennt, das würden auch Vertreter*innen von
       Ländern des Globalen Südens häufig fordern. Die interessengeleitete
       Entwicklungspolitik stehe im Vordergrund, solle aber mit den Werten von
       Menschenrechten und Umweltschutz etwa zusammengebracht werden.
       
       ## Venro begrüßt, dass dekoloniale und feministische Ansätze fortgesetzt
       werden sollen
       
       Carsten Montag, Vorstandsvorsitzender von Venro, dem Verband von
       Entwicklungsorganisationen, begrüßte gegenüber der taz, dass dekoloniale
       und feministische Ansätze fortgesetzt würden. So werde die Bedeutung der
       Zivilgesellschaft in den Reformplänen hervorgehoben und verstärkt auf
       lokale Ansätze gesetzt. Bei der Vorstellung der Pläne betonte Alabali
       Radovan etwa die Zusammenarbeit mit Kommunen, lokalen Zivilorganisationen
       und der Diaspora beim Wiederaufbau in der Ukraine und Syrien.
       
       „Mit der neuen Strategie droht die deutsche Entwicklungszusammenarbeit
       allerdings zu einem geopolitischen und wirtschaftlichen Instrument zu
       werden“, sagte Montag. Auch den regionalen Fokus auf die europäische
       Nachbarschaft in puncto Frieden und Stabilität sieht der Verband kritisch.
       
       Ralf Südhoff, Direktor des Center for Humanitarian Action, sagte:
       „Armutsbekämpfung und eine an Werten orientierten
       Entwicklungszusammenarbeit mögen manchmal identisch sein mit
       interessengeleiteten Prioritäten, sehr häufig stehen die Ziele aber im
       klaren Widerspruch zueinander.“ Das BMZ wiederhole die Fehler des
       Auswärtigen Amts, das humanitären Hilfe zugunsten einer
       interessengeleiteten Außenpolitik halbiert habe.
       
       Die Ampelkoalition hatte im Koalitionsvertrag festgelegt, dass 0,2 Prozent
       der Wirtschaftsleistung für LDCs ausgegeben werden sollen – das Ziel
       allerdings verfehlt. Die neue Bundesregierung will hingegen gar kein Ziel
       festlegen.
       
       12 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.bmz.de/resource/blob/282486/reformplan-zukunft-zusammen-global-gestalten.pdf
 (DIR) [2] https://www.state.gov/releases/office-of-the-spokesperson/2025/09/america-first-global-health-strategy/
 (DIR) [3] /Neu-Ausrichtung-der-Entwicklungspolitik/!6115426
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Leila van Rinsum
       
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