# taz.de -- Deutsche Entwicklungspolitik: Nur noch im beidseitigen Interesse
> Ökonomen des Kiel Instituts für Weltwirtschaft schlagen vor,
> Entwicklungspolitik systematischer an Reformbereitschaft und Interessen
> zu orientieren.
(IMG) Bild: Der erste Bundesentwicklungsminister Walter Scheel 1961 auf einem Kamel in Ägypten. Auch damals ging es schon um Eigeninteressen
Der Anspruch, dass Entwicklungszusammenarbeit deutschen Interessen dienen
soll, ist nicht neu, wird aber wieder lauter. Das
Bundesentwicklungsministerium (BMZ) hat vergangene Woche [1][einen
Kurswechsel angekündigt], der die wirtschaftlichen und geopolitischen
Interessen Deutschlands zukünftig mehr in den Fokus von Entwicklungspolitik
stellt. Gleichzeitig soll sie partnerschaftlicher werden.
Das Kiel Institut für Weltwirtschaft (IfW Kiel) schlägt [2][in einem
aktuellen Bericht vor], diesen Anspruch in der bilateralen Zusammenarbeit
mit Ländern zu systematisieren. Demnach sollen nur noch Projekte gefördert
werden, die echte Entwicklung für die Bevölkerung vor Ort und einen
konkreten Vorteil für Deutschland bringen.
„Dieser Nutzen kann ökonomisch oder geopolitisch sein, es kann um ‚Soft
Power‘ gehen oder um Stabilität in der Welt, also beispielsweise die
Verhinderung zukünftiger Pandemien durch bessere Gesundheitssysteme“, sagt
Co-Autor Rainer Thiele vom IfW Kiel.
Die überproportionalen Kürzungen im BMZ-Etat sieht Thiele auch als Reaktion
auf eine sinkende Zustimmung der Bevölkerung zur
Entwicklungszusammenarbeit. „Die Menschen glauben, sie wirkt nicht
besonders gut.“
## Förderung nur bei Reformbereitschaft
In den Plänen des BMZ vermisst der Entwicklungsökonom klare Kriterien,
wonach zukünftig Förderungen gegeben werden, sowie eine übergeordnete
Strategie, sodass geförderte Länder langfristig nicht mehr auf externe
Gelder angewiesen sind. „Das BMZ setzt noch zu sehr auf viele einzelne
Projekte, die meist für sich gut sind, aber nicht unter einer
Gesamtstrategie laufen“, kritisiert Thiele.
Die Kieler Ökonomen schlagen deshalb vor, dass zukünftig nur noch Länder
gefördert werden sollen, die Reformbereitschaft zeigen. Die Idee: Sie
können sich freiwillig für tiefere Kooperation qualifizieren, wenn ihre
eigene Reformagenda mit den Prinzipien der deutschen Entwicklungspolitik
übereinstimmt. Inländische Reformen sollen ergänzt, nicht ersetzt werden.
Im Gegenzug erhalten die Partnerländer verlässliche, mehrjährige
Unterstützung.
Mit der BMZ-Reform will Bundesentwicklungsministerin Reem Alabali Radovan
mit den Haushaltsmitteln die ärmsten Länder, sogenannte „least developed
countries“ (LDCs), stärker fördern. „Das wollen wir auch, aber nicht
bedingungslos“, entgegnet Thiele. In der Demokratischen Republik Kongo sei
beispielsweise wenig Reformbereitschaft der Regierung erkennbar. Dort
könnte etwa weiterhin der Tropenwaldschutz finanziert werden, denn der
trage zur CO₂-Minderung bei – das sei auch im Interesse der Geberländer.
Aber: „Große Straßenbau- oder Infrastrukturmaßnahmen würden in dem Land
einfach verpuffen. Sie würden dann entsprechend auch keinen Ertrag in den
Geberländern bringen.“
Besteht Reformbereitschaft, folgt das Prinzip des beidseitigen Interesses:
„Wenn wir beispielsweise einen Hafen in Senegal ausbauen oder durch eine
Straße mit dem Landesinneren verbinden, dann ist das in erster Linie dazu
da, lokale Entwicklung zu ermöglichen. Aber wir machen es auch für deutsche
Unternehmen attraktiver und günstiger, zu investieren und Handel zu
treiben“, erklärt Thiele.
Mehr Transparenz deutscher Interessen ermöglicht eine bessere Abstimmung
mit den Partnerländern. Doch auch ein systematisierter Ansatz entkommt den
Fallstricken der Vergangenheit nicht. Denn nicht immer kommen die
Reformvorstellungen der Geberländer oder auch der Nehmerländer der
Bevölkerung zugute, etwa wenn sie unter dem Schlagwort eines besseren
Investitionsklimas günstige Steuern oder Zugang zu Land fordern. Ebenso ist
der Mehrwert für die Bevölkerung nicht immer eindeutig definierbar.
Letztlich werden bilaterale Abkommen zwischen Regierungen verhandelt.
Besonders vulnerable Gruppen haben hier aber oft das Nachsehen, etwa
Kleinbauern, die nicht gegen Exportkonzerne konkurrieren können, oder
Indigene, die Rohstoffe lieber im Boden sehen.
22 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Deutsche-Entwicklungspolitik/!6144929
(DIR) [2] https://www.kielinstitut.de/de/publikationen/mutual-interest-development-cooperation-entwicklungszusammenarbeit-am-beiderseitigen-interesse-ausrichten-19409/
## AUTOREN
(DIR) Leila van Rinsum
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