# taz.de -- EU-Kommissar über den „Global Gateway“: „Europa kann nicht zum Geber der letzten Instanz werden“
       
       > Die EU hat ihre Entwicklungspolitik angepasst. Ziel der
       > Global-Gateway-Initiative: Sicherung von Rohstoffen für Europa und
       > Wertschöpfung vor Ort.
       
 (IMG) Bild: Über den Lobito-Korridor sollen Mineralien aus Kongo nach Angola gelangen, wo sie nach Europa verschifft werden: Endpunkt Hafen
       
       taz: Herr Síkela, bekommt Europa eine eigene neue Seidenstraße? 
       
       Jozef Síkela: Sollten wir eine haben?
       
       taz: Gute Frage, sollten wir eine haben? 
       
       Síkela: Im Vergleich zum chinesischen Ansatz ist unser Wertversprechen
       völlig anders, denn China konzentriert sich ausschließlich auf den Zugang
       zu Rohstoffen, wahrscheinlich mit dem Ziel, diese Kontrolle direkt als
       Waffe einzusetzen. Derzeit kontrollieren sie 50 Prozent des weltweiten
       Bergbaus, 90 Prozent der Seltenerdmetalle und 70 Prozent der übrigen
       kritischen Rohstoffe. Dies schafft eine enorme Abhängigkeit, die nicht nur
       teuer, sondern auch sehr gefährlich ist.
       
       taz: Was ist anders am europäischen Ansatz der [1][Investitionsstrategie
       Global Gateway]? 
       
       Síkela: Unser Ziel ist es, unsere Partnerländer mit nachhaltiger
       Entwicklung, einem menschenzentrierten Ansatz und hohen Umweltstandards zu
       unterstützen. Ich nenne Ihnen zwei Zahlen. Erstens werden in wenigen Jahren
       50 bis 60 Millionen junge Menschen in Afrika in den Arbeitsmarkt eintreten.
       Zweitens macht Afrika nur 1,5 bis 2 Prozent der Wertschöpfung im
       verarbeitenden Gewerbe aus. Wir wollen unseren Partnerländern helfen,
       lokale Wertschöpfung und Arbeitsplätze zu schaffen, was auch zu Europas
       Zukunft beiträgt.
       
       taz: Wie? 
       
       Síkela: Wir bieten Hilfe bei einer sauberen Industrialisierung. Das schafft
       hochwertige Arbeitsplätze und Wissenstransfer, ermöglicht uns aber auch,
       einen Mehrwert zu schaffen. Wir wollen beim Aufbau von Transportkorridoren
       zu den regionalen und weltweiten Märkten unterstützen. Und natürlich wollen
       wir einen zuverlässigen [2][Zugang zu kritischen Rohstoffen], um die
       Widerstandsfähigkeit, Unabhängigkeit und Sicherheit Europas zu
       gewährleisten.
       
       taz: Bei einer Veranstaltung in Berlin haben Sie versucht, deutsche
       Unternehmen zur Teilnahme zu bewegen. Diese kritisierten Global Gateway
       wegen komplexer Verfahren, unklarer Finanzierungskanäle und hoher Risiken.
       Was haben Sie geantwortet? 
       
       Síkela: Meine Antwort war, dass wir fair sein müssen, denn es geht hier
       nicht nur um die Kommission. Im Rahmen von Global Gateway ist es
       entscheidend, zunächst ein starkes Team Deutschland zu bilden, das mit der
       deutschen Wirtschaft zusammenarbeitet und uns überzeugende Projekte
       vorlegt. Das ist nichts Kompliziertes – Team Schweden ist sehr stark, Team
       Finnland, Team Niederlande und viele andere auch.
       
       taz: 93 Prozent der Global-Gateway-Finanzmittel müssen die
       [3][Anforderungen für Entwicklungszusammenarbeit der OECD] erfüllen, und
       das Hauptziel muss die Armutsbekämpfung sein. Wie stellen Sie sicher, dass
       Global Gateway diese Anforderungen erfüllt? 
       
       Síkela: Zunächst einmal stellen wir sicher, dass wir in echte
       Entwicklungsprojekte investieren. Wir verfügen über ein konkretes
       Berichterstattungssystem und einen Ungleichheitsindikator, die eindeutig
       bestätigen, dass wir dabei erfolgreich sind. Die Armutsbekämpfung bleibt
       das Hauptziel. Wenn man sich jedoch die am wenigsten entwickelten Länder
       ansieht, die LDCs, so haben es in den letzten 55 Jahren von 46 nur 8
       geschafft, in die Gruppe der Länder mit mittlerem Einkommen aufzusteigen.
       Offensichtlich stimmt etwas mit dem bisherigen Ansatz nicht.
       
       taz: Was stimmt nicht? 
       
       Síkela: Das Hauptproblem, von dem ich von den Regierungen der Partnerländer
       höre, ist, dass sie Arbeitsplätze brauchen, dass sie produzieren müssen.
       Nehmen wir [4][Kakao]: Die größten Produzenten von Kakaobohnen sind nicht
       in der Lage, Schokoladentafeln herzustellen. Auf diese Weise verlieren sie
       den größten Teil des Endwertes. Mit der Initiative für nachhaltigen Kakao
       versuchen wir, dies in Ländern wie Ghana, der Elfenbeinküste oder Kamerun
       zu ändern. Als Team Europa ist es uns gelungen, über 150 Millionen Euro an
       Investitionen für dieses Projekt zu mobilisieren.
       
       taz: Der [5][Europäische Rechnungshof kritisiert], dass die Priorisierung
       von Global Gateway die Gefahr birgt, dass die am wenigsten entwickelten
       Länder aufgrund ihrer Verschuldungsanfälligkeit zurückbleiben. 
       
       Síkela: Ja, die LDCs sind mit einer sehr hohen Schuldenlast konfrontiert.
       Der größte Teil dieser Last stammt aus China, dessen Kreditbedingungen für
       die Gläubiger viel günstiger sind als unsere Kredite oder die Kredite
       multilateraler Entwicklungsbanken. Wenn Sie vorschlagen, dass wir uns
       lieber ganz zurückziehen und China oder Russland als einzige Investoren in
       unseren Partnerländern zulassen sollten, würde ich sagen, dass Sie unrecht
       haben. Wir sollten die Interessen Europas und unserer Partner miteinander
       verbinden.
       
       taz: Einige NGOs in diesen Ländern befürchten, dass das Hauptziel der
       Zugang zu ihren Rohstoffen ist, die wie in der Vergangenheit
       abtransportiert werden, [6][beispielsweise beim Lobito-Korridor] – einer
       Bahnstrecke, die Mineralien von Kongos Kupferminen zu Angolas Hafen bringen
       soll. 
       
       Síkela: Das ist falsch. Das Lobito-Projekt umfasst eine Vielzahl von
       Projekten entlang des Korridors, um den Menschen vor Ort zu helfen, den
       Korridor für ihre eigenen Geschäfte zu nutzen. Wir helfen ihnen beim Aufbau
       lokaler Wertschöpfungsketten in der Landwirtschaft, wir investieren in
       Bildung, Ausbildung, Unterstützung für kleine und mittlere Unternehmen und
       neue Arbeitsplätze. Und wir arbeiten mit NGOs zusammen, um sicherzustellen,
       dass die lokale Zivilgesellschaft in die Entwicklung des Korridors
       einbezogen wird und dass seine Auswirkungen wirklich positiv sind.
       
       taz: Während des letzten Global-Gateway-Forums im Oktober in Brüssel
       veranstalteten NGOs aus verschiedenen Ländern, in denen Projekte wie der
       Lobito-Korridor umgesetzt werden, ein separates Forum. Sie beklagten sich
       über mangelnde Transparenz und Beteiligung. Wenn die Umwelt- und
       Sozialstandards so hoch sind, warum werden NGOs dann nicht angemessen
       beteiligt? 
       
       Síkela: Sie werden angemessen beteiligt. Wir haben Plattformen, auf denen
       wir unsere Arbeit mit NGOs diskutieren, und die NGOs sind an unseren
       Projekten beteiligt. Kürzlich habe ich mich mit NGOs in der Tschechischen
       Republik getroffen, wo die US-Regierung die Zivilgesellschaft zerschlägt.
       Ich habe versucht, das Ausmaß des Schadens für Europa und unsere
       Aktivitäten im Ausland zu verstehen. Das tun wir auch in anderen
       europäischen Ländern. Die größten Beschwerden, die ich von den NGOs höre,
       betreffen die [7][Kürzungen der USAID-Mittel].
       
       taz: Nicht nur die USA, sondern auch die EU kürzt ihre Entwicklungsgelder –
       ebenso wie viele Mitgliedstaaten, darunter Deutschland. Ist das Ihre
       Antwort? 
       
       Síkela: Wir passen unseren Ansatz an und treten nicht an die Stelle aller
       anderen. Zunächst konzentrieren wir uns auf lebenswichtige Bereiche,
       insbesondere das Gesundheitswesen. Durch die
       Global-Health-Resilience-Initiative gestalten wir unsere Investitionen
       gezielter, koordinierter und wirkungsvoller. Zweitens schützen wir unsere
       gemeinsamen strategischen Investitionen mit den Vereinigten Staaten. Wir
       wollen Kontinuität gewährleisten und vermeiden, dass bereits erzielte
       Fortschritte und bereitgestellte Ressourcen verloren gehen. Aber wir müssen
       ehrlich sein: Europa kann und sollte nicht zum Geber der letzten Instanz
       werden.
       
       taz: Zurück zu Global Gateway, auch das Europäische Parlament hat sich über
       mangelnde Transparenz und Kontrollmöglichkeiten beschwert. [8][In einem
       weiteren Bericht] empfiehlt der Europäische Rechnungshof, die
       Rechenschaftspflicht über verwendete Mittel zu überarbeiten und das
       Parlament einzubeziehen. 
       
       Síkela: Ich habe großen Respekt vor dem Parlament. Im November habe ich mit
       dem Parlament über diese Ergebnisse diskutiert. Die aktuellen
       Prüfungsergebnisse beziehen sich jedoch auf die Jahre vor meiner Amtszeit
       als Kommissar, und dafür kann ich kaum Verantwortung übernehmen. Ich
       bezweifle, dass die Abgeordneten empfehlen würden, nichts zu unternehmen
       und alles China zu überlassen, ebenso wenig würden sie sich auf einen
       völlig altruistischen Ansatz einigen. Unser gemeinsames Interesse gilt der
       Lage Europas, den Abhängigkeiten und der Unfähigkeit, sich auf die
       Kernnarrative zu einigen, und der Unterstützung einer nachhaltigen
       Entwicklung.
       
       taz: In der aktuellen Situation geopolitischer, wirtschaftlicher und
       militärischer Interessen treten Umwelt- und Sozialstandards in Europa
       bereits in den Hintergrund, und zivilgesellschaftliche Gruppen,
       insbesondere in diesen Partnerländern, haben es schwer, diese Standards
       einzufordern. 
       
       Síkela: Alle unsere Partnerländer können selbst entscheiden, mit wem sie
       zusammenarbeiten möchten. Europa ist bei Weitem der größte Geber sowohl von
       Entwicklungshilfe als auch von humanitärer Hilfe. Und wenn wir investieren,
       dann zu fairen Bedingungen. Wir sind führend im Kampf gegen den
       Klimawandel. Die Projekte im Rahmen von Global Gateway konzentrieren sich
       hauptsächlich auf saubere Energie und nachhaltige Infrastruktur. Wenn wir
       uns zurückziehen, werden andere an unsere Stelle treten. Und sie werden
       dies auf eine viel weniger nachhaltige, viel weniger transparente und viel
       weniger faire Weise tun.
       
       6 Apr 2026
       
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 (DIR) [4] /Kakao-Markt/!6155965
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 (DIR) [6] /Entwicklungsprogramm-der-EU/!6116549
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