# taz.de -- Münchner Sicherheitskonferenz: Die Menschlichkeit bewahren
> Deutschland kann die nationale Sicherheit stärken. Militärische
> Abschreckung allein reicht aber nicht. Es braucht Investitionen in
> globale Stabilität.
(IMG) Bild: Kanzler Merz und Präsident Selenskyj bei der Münchner Sicherheits-konferenz, wo die akuten Krisen im Vordergrund standen
Militärische Wehrhaftigkeit wird zunehmend das Nonplusultra in den
internationalen Beziehungen. Umso aufschlussreicher ist Adenauers
Verständnis von europäischer Macht. Sein „in Frieden geeintes Europa“
beruhte nicht allein auf militärischer Stärke, sondern auf gemeinsamen
Normen, Glaubwürdigkeit, Recht und einer geteilten Zielsetzung. Auch das
Grundgesetz stellt die Menschenwürde ins Zentrum staatlicher Autorität,
bindet Stärke an Zurückhaltung und erinnert daran: Macht bedeutet
Verpflichtung – also sollte das Ziel sicherheitspolitischer Macht der
Schutz der menschlichen Würde sein.
Gerade jetzt, wenn Deutschland für einen nichtständigen [1][Sitz im
Sicherheitsrat] der Vereinten Nationen kandidiert, wird dieses Prinzip auf
die Probe gestellt. Die [2][Münchner Sicherheitskonferenz] findet in Zeiten
akuter sicherheitspolitischer Spannungen statt. Zugleich erodiert die
globale Ordnung sichtbar. Staaten missachten Regeln, Zivilist:innen
werden gezielt angegriffen und Institutionen zur Bewältigung globaler
Risiken werden blockiert – auch der Sicherheitsrat selbst.
Diese „neue Welt(un)ordnung“ ist tägliche Realität für Hunderte Millionen
Menschen, die in humanitären Krisenkontexten leben, wo Macht ohne
Rechenschaft ausgeübt wird. Die zentrale Frage lautet daher: Gelingt es
uns, eine neue Ordnung zu gestalten – oder wird Unordnung zum Dauerzustand?
Militärische Abschreckung ist unverzichtbar. Doch ebenso entscheidend für
unsere Wehrhaftigkeit ist die menschliche Sicherheit. Diese Dimensionen
müssen sich gegenseitig stärken.
Unsere kürzlich veröffentlichte [3][IRC-Emergency Watchlist 2026] benennt
zwanzig Länder, in denen sich humanitäre Krisen im kommenden Jahr am
stärksten verschlechtern werden. In Sudan, Haiti oder der Sahelzone sind
geschwächte globale Zusammenarbeit, Kriegsprofiteurtum und die
systematische Missachtung individueller Rechte Alltag und Ausdruck eines
wachsenden Zeitalters der Straflosigkeit.
## Tragfähige Koalitionen aufbauen
In einer vernetzten Welt bleibt Instabilität nicht lokal begrenzt.
Konflikte, Hunger, Krankheiten und Klimaschocks wirken weit über Grenzen
hinaus. Gleiches gilt für die [4][Fluchtbewegungen], die sie verursachen.
Humanitäre Krisen sind daher kein Randthema der Sicherheitsdebatten in
München. Sie gehören zu den klarsten Warnsignalen dafür, was geschieht,
wenn die politische Steuerungsfähigkeit zerbricht.
Die Aufmerksamkeit in politischen und sicherheitspolitischen Foren mag
rasch von einer Krise zur nächsten wechseln – von [5][Sudan] zu
[6][Venezuela], in die [7][Arktis]. Doch die Menschen, die diese Krisen
durchleben, können nicht warten auf sprunghafte diplomatische
Aufmerksamkeit oder institutionelle Neuordnungen. Eine Politik, die
ausschließlich die jeweils nächstliegende Bedrohung priorisiert – so nah
und dringend sie auch ist –, ist kurzsichtig und letztlich
selbstzerstörerisch. Ordnung entsteht durch gemeinsam vereinbarte Normen,
tragfähige Koalitionen und nachhaltige Investitionen in globale öffentliche
Güter. Auf diesen Grundlagen beruht globale Stabilität.
Wo globale Einigung fehlt – ob bei KI, Klima, Rohstoffen oder dem Schutz
Geflüchteter – müssen handlungsfähige Staaten Verantwortung übernehmen, sie
zu finden. Die Alternative einer Welt aus isolierten Einflusssphären ist
unzureichend für Stabilität und Sicherheit. Deutschland steht vor einem
Wendepunkt. Die Reformen im Auswärtigen Amt und im Bundesministerium für
wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung bergen Risiken: geschwächte
Aufmerksamkeit, eingeschränkte Handlungsfähigkeit oder eine geschwächte
Verpflichtung zu prinzipiengeleiteter Auslandshilfe.
Zugleich bieten sie die Chance, Sicherheit neu zu definieren und umzusetzen
– durch eine stärkere ressortübergreifende Einigkeit bei der Wahrnehmung
globaler Verantwortung. Es geht nicht darum, humanitäres Handeln und
Entwicklungszusammenarbeit der Geopolitik unterzuordnen, sondern
Verantwortung für die am stärksten von Konflikten und extremer Armut
Betroffenen strukturell zu verankern – und mit gleichgesinnten Akteuren
umzusetzen.
## Keine Sicherheit ohne Menschlichkeit
Deutschland kann und sollte nicht allein handeln. Gestaltungsmacht bedeutet
heute, auf mehreren Ebenen zu wirken: innerhalb der Europäischen Union, in
multilateralen Institutionen und in neuen Koalitionen. Menschliche
Sicherheit ist kein optionaler Zusatz. Sie ist eine tragende Säule
nachhaltiger Sicherheit. Der Prüfstein für Deutschland ist, ob es gelingt,
harte Macht und menschliche Sicherheit gemeinsam voranzutreiben – oder ob
es riskiert, die moralische und strategische Autorität einzubüßen, die
Europa weltweit zugeschrieben wird.
Erfolgreiche Gestaltungsmacht sollte sich auf drei Prioritäten
konzentrieren. Erstens: Investitionen in menschliche Sicherheit als Pfeiler
europäischer Stärke. Deutschland sollte in Krisenkontexten kosteneffiziente
humanitäre Hilfe, vorausschauende Maßnahmen und verlässliche
zivilgesellschaftliche Partnerschaften priorisieren – bilateral wie auch
über den EU-Haushalt.
Zweitens: die Stärkung multilateraler Rechenschaftspflicht. Deutschland
sollte sein diplomatisches Gewicht nutzen, um konkrete UN-Reformen
voranzutreiben. Dazu gehören Beschränkungen des Vetorechts bei
Massengräueltaten ebenso wie eine stärkere Unterstützung von
UN-Rechenschaftsmechanismen.
Drittens: die Widerstandsfähigkeit gegenüber neuen Bedrohungen zu stärken.
Investitionen in [8][Klimaanpassung], öffentliche Gesundheitsvorsorge und
wirtschaftliche Resilienz sind keine Zusätze zur Sicherheitspolitik.
Nachhaltige Sicherheit ist präventiv, nicht reaktiv.
In Wehrhaftigkeit zu investieren, bedeutet daher mehr als militärische
Stärke oder wirtschaftliche Autonomie. Es bedeutet auch, die Normen zu
verteidigen, die Gesellschaften zusammenhalten – im Inneren wie
international. Sicherheit ohne Menschlichkeit ist keine Sicherheit.
Deutschland hat die Chance – und die Verantwortung – zu zeigen, dass Stärke
und Verantwortung einander ergänzen und keine Gegensätze sind.
15 Feb 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Kommentar-Sitz-im-UN-Sicherheitsrat/!5134118
(DIR) [2] /Sicherheitskonferenz-in-Muenchen/!6150938
(DIR) [3] https://www.rescue.org/de/watchlist2026
(DIR) [4] /Schwerpunkt-Flucht/!t5201005
(DIR) [5] /Schwerpunkt-Krieg-in-Sudan/!t5930698
(DIR) [6] /Venezuela/!t5009200
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## AUTOREN
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