# taz.de -- Oxfam-Chef über Milliardäre: „Viele Demokratien entwickeln sich zu Oligarchien“
> Extreme Ungleichheit gefährdet Rechtsstaatlichkeit und Multilateralismus,
> sagt Oxfam-International-Chef Amitabh Behar. Aber es gebe Ansätze
> dagegen.
(IMG) Bild: Milliardär im Rahmen anderer Reicher: US-Präsident Trump ist ein offensichtliches Beispiel für die Verquickung von Geld und Macht
taz: Herr Behar, in Davos liegt längst frischer Schnee auf den
Helikopter-Landeplätzen, von denen aus die Politiker und Unternehmerinnen
das Weltwirtschaftsforum wieder verlassen haben. Sie waren auch dort. Was
haben Sie da gemacht?
Amitabh Behar: Die Superreichen und Supermächtigen treffen sich dort, um
über die Weltwirtschaft zu sprechen – fernab von den Realitäten der übrigen
99 Prozent. Durch unsere Präsenz als Oxfam bringen wir ein Stück
Wirklichkeit. Hauptsächlich nutzen wir diese Plattform, um unseren
jährlichen Bericht zur Ungleichheit zu veröffentlichen. Ich habe das
Gefühl, dass jeder dort zumindest den Kern unserer Aussagen versteht. Die
gesamten globalen Medien sind vor Ort und greifen das Thema auf. Das
verleiht dem Weltwirtschaftsforum eine andere Schlagzeile.
taz: Die Schlagzeilen dieses Jahres drehten sich um US-Präsident Donald
Trumps Forderung bezüglich Grönland.
Behar: Auch [1][innerhalb des Weltwirtschaftsforums] sprachen alle über
Trump und seinen Eingriff in die globale Ordnung. Das zeigt, dass weltweit
eine enorme Nervosität herrscht. Für uns bei Oxfam ist es wichtig zu
betonen, dass die Grundlagen des Nachkriegskonsenses über die liberale
Ordnung, also Multilateralismus, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte,
inzwischen stark erodiert sind. Es fehlt zunehmend ein normativer Konsens.
taz: In Ihrem [2][jüngsten Bericht zu Ungleichheit] stellen Sie einen
Zusammenhang zwischen diesen Dynamiken und der zunehmenden politischen
Macht von Milliardären her.
Behar: Milliardäre geben sich nicht mehr damit zufrieden, reich zu sein.
Sie wollen politische Macht kaufen. [3][Sie kaufen Kriege, sie kaufen
Wahlen, sie kaufen Medien]. Unser Bericht zeigt, dass Milliardäre 4.000-mal
häufiger ein politisches Amt bekleiden als der Durchschnittsbürger. Wir
beobachten, dass sich viele Demokratien zu Oligarchien entwickeln. Der
Ursprung davon liegt in der extremen Ungleichheit. Länder mit hoher
Ungleichheit erfahren siebenmal häufiger, dass Rechtsstaatlichkeit
ausgehöhlt und Wahlen untergraben werden.
taz: Laut Ihrem Bericht ist seit Amtsantritt von Milliardär Trump das
Vermögen der Milliardäre dreimal so schnell gewachsen wie in den fünf
Jahren zuvor. Wie sieht es im Rest der Welt mit extremer Ungleichheit aus?
Behar: Unter den reichen Ländern sind die USA das Land mit der größten
Ungleichheit. Aber Ungleichheit ist ein weltweites Problem. In
Lateinamerika und der Karibik besitzen derzeit zwei Personen mehr Vermögen
als die Hälfte der Bevölkerung zusammen. In Afrika besitzen vier Personen
mehr Vermögen als 50 Prozent der Bevölkerung. Das Vermögen der Milliardäre
weltweit beläuft sich derzeit auf 18,3 Billionen US-Dollar. Allein im
letzten Jahr haben sie es um 2,5 Billionen Dollar erhöht. Dieser Zuwachs
würde ausreichen, um die extreme Armut 26-mal zu beseitigen. Der Kontext
ist, dass 50 Prozent der Weltbevölkerung in Armut leben. Jede Vierte geht
hungrig zu Bett.
taz: Mit Steuern auf Vermögen oder für Überreiche könnte ein Teil
rückverteilt werden, aber es repariert das System nicht. Was muss noch
geschehen?
Behar: Die [4][meisten Milliardäre haben ihr Vermögen geerbt], daher ist
eine Besteuerung wichtig. Wir müssen aber auch die Monopole von Konzernen
stoppen. Fast alle Sektoren werden von wenigen Firmen dominiert, die in den
meisten Fällen Milliardären gehören. Schauen Sie sich die sozialen Medien
und KI-Technologien an, aber auch die Landwirtschaft: Dort dominieren
mittlerweile nur noch zwei Saatgutunternehmen den weltweiten Markt.
Drittens müssen wir die Finanzarchitektur ändern.
taz: Was heißt das?
Behar: Die Art und Weise, wie Schuldensysteme funktionieren, ist nicht
nachhaltig, und die Kreditkosten für Länder im Globalen Süden sind viel zu
hoch. Aus jahrzehntelanger Forschung wissen wir auch, dass der beste Weg
zur Bekämpfung von Ungleichheit darin besteht, in Bildung,
Gesundheitsversorgung und soziale Sicherheit zu investieren. Außerdem muss
allen Menschen ein angemessener Lohn garantiert werden.
taz: Wo setzen Regierungen Ungleichheit etwas entgegen?
Behar: Brasilien hat erst vor Kurzem die Besteuerung von Superreichen
durchgesetzt. So auch Uruguay. Die Afrikanische Union hat sich
zusammengetan und die UN-Steuerkonvention vorangebracht, [5][zum ersten Mal
werden Steuerregeln in den Vereinten Nationen verhandelt]. Natürlich gibt
es Hindernisse, aber dass es überhaupt angenommen wurde, liegt vor allem an
der Geschlossenheit der afrikanischen Staaten bei dem Thema.
taz: Sie sagten, dass der Konsens für Multilateralismus oder Menschenrechte
schwindet. Das geht auch einher mit der Kürzung von Entwicklungshilfe und
Geldern für NGOs. Wie sieht Ihre Strategie für Veränderungen aus?
Behar: Wir arbeiten auf verschiedenen Ebenen, wir haben geholfen, das Thema
Ungleichheit auf die Agenda der G20 zu setzen. Wir haben Allianzen mit
Gewerkschaften, bauen soziale Bewegungen auf und organisieren
Straßenproteste mit der Bevölkerung. Die Menschen werden wütender,
insbesondere die junge Generation. Veränderungen müssen vom Volk ausgehen.
Und das tun sie auch.
taz: Wo zum Beispiel?
Behar: Die Bevölkerung Sri Lankas hat vor Kurzem einen Regimewechsel
herbeigeführt. Auch in Bangladesch und [6][Nepal hat die Gen Z
Veränderungen gefordert], und das Regime musste reagieren. In Indonesien
kam es nach dem Tod eines Gig-Arbeiters zu Aufständen und fünf Minister
wurden entlassen. In Kenia protestierte [7][die junge Generation gegen ein
Steuergesetz], es gab Tote, aber das Gesetz wurde gestoppt. Das alles ist
sehr inspirierend, aber die Medien, die ebenfalls Milliardären gehören,
berichten oft nicht darüber.
taz: Manche Milliardäre beeinflussen über philanthropische Stiftungen auch
Entwicklungspolitik oder NGOs. Gewinnt ihr Einfluss auch hier – bei
sinkenden öffentlichen Mitteln – an Bedeutung?
Behar: NGOs müssen sich dieser Gefahr bewusst sein. Ich muss aber deutlich
sagen, philanthropisches Geld ist nur ein kleiner Betrag des Ganzen und
kann die wegfallenden öffentlichen Gelder nicht ersetzen. Wir wollen, dass
Überreiche fair besteuert werden und Parlamente entscheiden, wie dieses
Geld ausgegeben wird.
18 Feb 2026
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## AUTOREN
(DIR) Leila van Rinsum
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