# taz.de -- Proteste im Iran: Iraner trotzen Repression
       
       > Auch nach zwei Wochen und massiver Gewalt gehen Iraner in Massen gegen
       > das Mullah-Regime auf die Straße. Viele umgehen auch die Internetsperre.
       
 (IMG) Bild: Unklare Verhältnisse: Aufnahmen aus den sozialen Medien von Protesten am Samstag in Teheran
       
       Obwohl Irans Regime alle verfügbaren Mittel eingesetzt hat, um die Proteste
       im Land zu unterdrücken, ist es ihr nicht gelungen, die Demonstrationen zu
       stoppen. Am Montag, 12. Januar, gehen die Menschen im ganzen Iran zum
       sechzehnten Mal in Folge gemeinsam auf die Straße und fordern den Rücktritt
       der Islamischen Republik, viele auch die Rückkehr von Reza Pahlavi, Sohn
       des letzten Schah.
       
       Offizielle Vertreter der Islamischen Republik, allen voran Oberster Führer
       [1][Ali Chamenei] und Präsident Massud Peseschkian, haben die
       Protestierenden als Feinde und Terroristen gebrandmarkt und gewarnt, dass
       die Demonstranten mit Konsequenzen zu rechnen hätten. [2][Sie drohten den
       Protestierenden] mit Mordanklagen und dem Tod, schalteten das Internet ab,
       störten sämtliche Kommunikationswege wie Telefonverbindungen und griffen
       Menschen auf den Straßen mit scharfer Munition sowie Blend- und
       Reizgasgranaten an. Viele wurden getötet.
       
       Dennoch verbreiten die wenigen Personen im Iran, die Zugang zu Empfängern
       für [3][Starlink] haben, dem Satellitennetzwerk von Elon Musk, weiterhin
       zahlreiche Bilder, die große Menschenmengen auf den Straßen zeigen.
       
       Es kursieren widersprüchliche Angaben zur Zahl der Todesopfer und zur Art
       der Gewalt. In einem Exklusivbericht beziffert BBC Persian die Zahl der
       Toten allein in zwei Krankenhäusern in Teheran und Rascht auf 110. Laut der
       Organisation Iran Human Rights (IHRNGO) mit Sitz in Oslo wurden mindestens
       192 Menschen getötet. Die tatsächliche Zahl der Todesopfer könnte höher
       liegen.
       
       ## „Nachts gehen immer mehr Menschen auf die Straße“
       
       Dennoch weigern sich die iranischen Bürger, die Straßen zu verlassen. Auf
       den über das Internet geteilten Bildern sind ganze Familien zu sehen,
       Frauen und Männer, die gemeinsam mit ihren Kindern und älteren Angehörigen
       protestieren.
       
       Die taz konnte mit mehreren Starlink-Nutzern sprechen. Obwohl diese
       Gespräche im Laufe der letzten 24 Stunden immer wieder unterbrochen und von
       massiven Verbindungsproblemen beeinträchtigt wurden, erfuhren wir, dass die
       Menschen über persischsprachige Satellitenfernsehsender wie Iran
       International, BBC Persian und Manoto schnell Nachrichten erhalten.
       
       Es gebe ihnen Hoffnung, die Unterstützungsbekundungen des US-Präsidenten
       Donald Trump zu hören, sie erhielten regelmäßig Botschaften von Reza
       Pahlavi und beobachten die Lage in verschiedenen iranischen Städten
       aufmerksam.
       
       Eine 20-jährige Iranerin berichtete der taz in einem Telegram-Chat: „Nachts
       gehen immer mehr Menschen auf die Straße – und die Hoffnung und Freude über
       die Proteste der Bewegung ‚Frau, Leben, Freiheit‘ ist viel stärker
       spürbar.“ Raha (ein Pseudonym) erklärte: „Morgens bleiben die Menschen zu
       Hause und gehen erst am späten Nachmittag auf die Straße.“
       
       Sie lebt im Zentrum Teherans und betonte: „Ich selbst habe noch keine
       Schüsse mit scharfer Munition gesehen, aber ich weiß, dass die Islamische
       Republik nicht zögert, auf Demonstranten zu schießen. Angesichts der großen
       Menschenmengen ist diese Option den Behörden jedoch praktisch genommen.“
       
       Sanam ist das Pseudonym einer weiteren jungen Demonstrantin. Die 37-Jährige
       hat über Instagram Kontakt zu uns aufgenommen. Sie sagt: „Wir hoffen auf
       internationale Hilfe. Wenn die Vereinigten Staaten nicht bald eingreifen,
       werden wir verlieren – und diesmal werden wir die Verzweiflung nach einem
       gescheiterten Protest nicht verkraften.“
       
       Sie hat persönlich Schüsse und gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen
       Demonstranten und Sicherheitskräften miterlebt: „Ich sah, wie ein
       Basij-Mitglied seine Waffe direkt auf uns richtete. Die Kugel traf den Mann
       neben mir. Ich sah, wie Blut aus seinem Mund strömte. Keiner von uns
       wusste, was wir tun sollten. Wir hatten Steine – und wir wussten nicht
       einmal, wie man sie richtig wirft. Sie hatten Gewehre – und keine
       Hemmungen, abzudrücken.“
       
       Sanam sagte gegenüber taz: „Als wir das Blut auf der Straße sahen,
       verstummten wir keineswegs. Wir begannen zu skandieren und schafften es,
       die Basij-Truppen zu vertreiben.“
       
       Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Berichts veröffentlichte das
       unabhängige Online-Medium Vahid Online ein siebenminütiges Video, das
       zahlreiche Leichen im gerichtsmedizinischen Zentrum Kahrizak nahe Teheran
       zeigt. Die Aufnahmen dokumentieren die Opfer des 8. Januar, deren Leichen
       in die Einrichtung gebracht wurden.
       
       Zu Beginn des Videos sind Fotos zahlreicher Leichen auf einem Monitor zu
       sehen, während Angehörige versuchen, sich die Identifikationsnummern ihrer
       Verwandten einzuprägen, um diese wiederzufinden. Ein weiterer Teil des
       Videos zeigt unzählige Leichen, die im Hof des gerichtsmedizinischen
       Zentrums liegen. Jede Familie steht neben ihrem Angehörigen und trauert.
       Der Absender des Videos sagte: „Sie bringen die Leichen auf Pick-ups und
       fordern die Leute auf, unter ihnen nach ihren Angehörigen zu suchen.“
       Dieses extrem verstörende Video verbreitete sich rasend schnell auf
       Twitter.
       
       Die Autorin war 2024 Stipendiatin des [4][Auszeit-Programms Rest and
       Resilience], das die taz Panter Stiftung jährlich ausrichtet.
       
       11 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Mahtab Qolizadeh
       
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