# taz.de -- Regime und Ruin
> Auf die Proteste gegen Währungsverfall, Verarmung und Repression
> reagieren Irans Machthaber mit brutaler Gewalt. Die Wirtschaftskrise im
> Land spitzt sich weiter zu
Von Lisa Schneider
Fast 1,5 Millionen. So viel Iranische Rial kostet im Januar 2026 ein
einziger US-Dollar. Im vergangenen September lag er noch bei etwa 1
Million. Und als durch die Revolution im Jahr 1979 aus dem Kaiserlichen
Iran die Islamische Republik wurde, stand der Wechselkurs noch bei 70 Rial
pro Dollar.
Mehr muss man kaum wissen, um den derzeitigen Zustand des Regimes zu
verstehen. Und um nachvollziehen zu können, warum so viele Iranerinnen und
Iraner in den vergangenen Wochen gegen die Machthaber auf die Straßen
gegangen sind – trotz der [1][brutalen Gewalt und Repression des Staates],
trotz des Risikos für ihre Gesundheit, ihre Freiheit und ihr Leben.
Über 5.000 von ihnen sind tot und identifiziert, [2][berichtet die Human
Rights Activist News Agency (HRANA)]. Tausende weitere Leichen werden der
Organisation zufolge derzeit noch den jeweils ausgelöschten Leben
zugeordnet. Der Oberste Führer Ali Chamenei selbst spricht von „ein paar
tausend Toten“, das Medium „Iran International“ von 12.000.
Wie groß die Proteste zuletzt waren, lässt sich nicht genau sagen: Zu
unklar die Quellenlage, auch wegen der [3][anhaltenden Internetabschaltung]
im ganzen Land. Doch dass HRANA zufolge über 26.000 Menschen verhaftet
wurden, gibt einen Hinweis auf das Ausmaß der Demonstrationen. Eine ganze
Kleinstadt an Gefangenen, inhaftiert innerhalb weniger Wochen.
Was als Protest gegen die ökonomische Situation begann, wuchs schnell zu
Widerstand gegen das Regime an sich heran. Viele in Iran wissen: Das System
– auch das wirtschaftliche – ist nicht reformierbar. Dass der Rial jetzt
weiter in den Keller rauscht, hat vor allem drei Gründe – und zu allen trug
das Regime aktiv bei.
Ende August 2025 aktivierten [4][Deutschland, Frankreich und Großbritannien
den „Snapback-Mechanismus]“. Daraufhin traten Sanktionen wieder in Kraft,
die 2015 mit dem Atom-Deal ausgesetzt worden waren. Sie betrafen etwa
Einzelpersonen, deren Vermögen im Ausland eingefroren wurde.
Vor allem aber trafen sie die iranische Wirtschaft: Der Import, Kauf und
Transport von Öl, Gas und Gold aus Iran wurde damit verboten. In Iran
liegen die drittgrößten Ölreserven der Welt.
Außerdem wurde das Vermögen der iranischen Zentralbank und anderer
iranischer Banken im Ausland eingefroren. Für bereits bestehende Verträge
wurde eine Übergangsphase bis zum 1. Januar 2026 festgehalten.
Durch diese Sanktionen reduzierte sich der Strom von US-Dollar aus dem
Verkauf von Öl und Gas in die iranischen Devisenreserven hinein. Die
US-Dollar aus dem Verkauf braucht aber die iranische Zentralbank, um die
eigene Währung durch den Verkauf von US-Dollar und Kauf von Rial zu
stabilisieren.
Hinzu kommt: Der Staatshaushalt hat bereits seit Jahren Löcher – und zwar
massive. Von einem Haushaltsdefizit von etwa 30 Prozent pro Jahr berichtet
„Iran International“ – und das seit 2018, als die USA aus dem Atom-Deal
ausstiegen und damit US-Sanktionen wieder in Kraft traten. Die Antwort des
Regimes: Geld drucken. Und damit massiv zur Inflation beitragen. Allein
zwischen 2021 und 2024 verdoppelte sich die Geldmenge in Iran, das zeigen
Daten der Zentralbank.
Aus den Geldproblemen der Islamischen Republik resultierte eine weitere
Entscheidung zu Lasten der Iranerinnen und Iraner: Bislang hatte die
iranische Regierung den Importeuren bestimmter, essenzieller Güter – etwa
Grundnahrungsmittel – mit subventionierten Wechselkursen unter die Arme
gegriffen. Das bedeutet: Geschäftsleute erhielten etwa einen US-Dollar für
nur knapp 290.000 Rial. Bessere Konditionen, als der freie Wechselkurs sie
erlauben würde. Die Rechnung für diese Differenz zahlte letztlich der
Staat. Das, so hatte es Präsident Massud Peseschkian zum 1. Januar 2026
angekündigt, soll nun enden. Damit dürften die Preise weiter anziehen.
## Ein Staat im Staate
Man könnte argumentieren: Die Sanktionen haben Iran erst in diese Lage
gebracht. Doch das wäre zu kurz gedacht. Denn während die Bevölkerung seit
1979 immer mehr verarmte, ihr Erspartes und ihren Lohn mit der Entwertung
des Rial dahinschmelzen sah, rafften andere. Die Islamischen
Revolutionsgarden wurden zu einem Staat im Staat, einer Ökonomie in der
Ökonomie. Einer der größten Ingenieursdienstleister im Land ist etwa
Khatam-al Anbiya Construction Headquarters. Er wird von den
Revolutionsgarden kontrolliert. Außerdem stehen ihnen große Banken,
Versicherungs- und Investmentfirmen nahe. Den Garden nahestehende Personen
besitzen zudem Restaurants, Hotels, Shopping-Malls, Immobilienfirmen.
Diese Art von System ist typisch für dysfunktionale Staaten. So beschreiben
es zumindest die Ökonomen Daron Acemoglu und James A. Robinson in ihrem
Buch „Warum Nationen scheitern. Die Ursprünge von Macht, Wohlstand und
Armut“.
Die Autoren beobachten: Manche Staaten bleiben arm, während andere reich
werden – nicht aufgrund der jeweiligen Kultur, nicht einmal aufgrund
geografischer Umstände. Sondern weil in den einen Staaten sogenannte
extraktive und in den anderen inklusive Institutionen vorherrschen. Gemeint
sind damit die Machtstrukturen und Regularien, nach denen ein Staat
funktioniert.
Inklusive Institutionen stehen für Rechtsstaatlichkeit, für Teilhabe und
offene Märkte. Daraus entstehen, so die Autoren, Wachstum und Wohlstand für
einen breiten Teil der Bevölkerung. Extraktive Institutionen herrschen
hingegen vor, wenn die persönlichen Rechte eingeschränkt sind, die Macht in
der Hand weniger konzentriert ist und Korruption vorherrscht. Das, so die
Autoren, führt zu Stagnation und verbreiteter Armut.
Die Islamische Republik erfüllt diese Kriterien in großen Teilen. Sie ist
ein extrem autokratischer, von einer kleinen Elite gelenkter Staat, die
einen soliden Teil der Ökonomie kontrolliert. [5][Das Buch selbst wurde
2015 auf der Teheraner Buchmesse konfisziert.] Nach Angabe von Radio
Liberty entstand seine persische Übersetzung im Teheraner
[6][Evin-Gefängnis].
Bislang konnte sich das Regime an der Macht halten. Trotz verschiedener
Protestwellen in den vergangenen 30 Jahren – man denke an die Grüne
Revolution 2009 oder die Frau-Leben-Freiheit-Proteste 2022 und 2023.
Gelungen ist das durch massive Repression: Zehntausende Bürgerinnen und
Bürger saßen und sitzen in den Knästen, wurden hingerichtet.
Doch im Angesicht der ökonomischen Lage in Iran tut sich ein kleines
Fenster für die Schwächung des Repressionsapparats auf: Auch
Gefängniswärter und Sicherheitskräfte wollen bezahlt werden. Und die Kluft
zwischen den Gehältern der Eliten der Revolutionsgarden und den einfachen
Polizisten und Soldaten ist groß.
## Verweigerte Befehle
Es gibt Berichte, dass sich bei der jüngsten Protestwelle Sicherheitskräfte
weigerten, Befehlen nachzukommen. Oft sind sie unbestätigt. Doch ein
solcher Mann sei vor Kurzem zum Tode verurteilt worden, berichtet die
Menschenrechtsorganisation Center for Human Rights in Iran. Javid Khales,
ein junger Soldat, der sich geweigert habe, auf die Demonstrierenden zu
schießen. Auch das US-Außenministerium griff den Fall auf.
Und noch etwas ist derzeit im Gange: Die USA verlegen Militär-Equipment in
die Region. Der Flugzeugträger „USS Lincoln“ ist auf dem Weg, ihn begleiten
zwei Zerstörer. Ein Dutzend F-25-Kampfjets brachte das US-Militär nach
Jordanien, weitere Flieger, auch Tankflugzeuge, werden erwartet. Weiter
werden Patriot PAC-3 und THAAD-Raketenabwehrsysteme in die Region bewegt.
US-Präsident Donald Trump hatte der Islamischen Republik zuvor gedroht:
Sollten noch mehr Protestierende getötet werden, werde man handeln.
Die militärische Konfrontation von Israel, Iran und USA im Juni 2025 hat
die Verteidigungs- und Angriffskapazitäten des Iran geschwächt. Auch vor
dem Hintergrund der ökonomischen Lage könnte ein möglicher Angriff das
Regime empfindlich treffen. Und es vielleicht ins Wanken bringen.
24 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] /!6145911&SuchRahmen=Print
(DIR) [2] https://www.en-hrana.org/day-twenty-six-of-the-protests-government-commits-violence-denies-responsibility-and-continues-mass-arrests/
(DIR) [3] /!6145455&SuchRahmen=Print
(DIR) [4] /!6110653&SuchRahmen=Print
(DIR) [5] https://www.rferl.org/a/tehran-book-fair-confiscation-censorship-iran/27016149.html
(DIR) [6] /!5915486&SuchRahmen=Print
## AUTOREN
(DIR) Lisa Schneider
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