# taz.de -- Proteste im Iran: Wenn die Menschen die Demütigungen nicht mehr ertragen
> Im Iran ziehen immer mehr Menschen auf die Straßen – das Mullah-Regime
> reagiert brutal. Könnte dies sein Ende sein? Hinweise darauf gibt es.
(IMG) Bild: Schnauze voll: Proteste in der iranischen Stadt Kermanshah am 8. Januar
Revolutionen beginnen oft nicht in Zeiten absoluter Armut, sondern in dem
Moment, in dem die Menschen die Demütigungen nicht mehr ertragen können.
Doch wird die Islamische Republik diesmal fallen? [1][Steht der Iran vor
einem Regimewechsel?]
Heute ist der [2][13. Tag der Proteste im gesamten Iran] und der zweite Tag
seit Pahlavis Aufruf, die Straßen zurückzuerobern. Die Islamische Republik
Iran hat seit mehr als 18 Stunden das Internet und das landesweite
Telefonnetz, sowohl Mobilfunk als auch Festnetz, vollständig abgeschaltet.
Nur einige Iraner, denen es gelungen ist, Zugang zum
Satelliten-Internetdienst Starlink zu erhalten, können Nachrichten in den
sozialen Medien teilen. Sie berichten von überfüllten Straßen und
Massendemonstrationen. Mindestens drei verifizierte Videos zeigen Berge von
Leichen, Menschen, die von den Streitkräften der Islamischen Republik
getötet wurden. Offenbar haben Demonstranten außerdem in den Städten
Mashhad, Hamedan und Isfahan Gebäude der staatlichen Fernsehsender besetzt.
Die Islamische Republik hat den Iran nicht zum ersten Mal in ein
Internet-Blackout gestürzt. Die Bedeutung ist klar: Das Regime fürchtet die
Größe der protestierenden Bevölkerung und bereitet sich auf eine neue Runde
der Unterdrückung und Tötung vor.
## Ali Khamenei ist denkbar geschwächt
Auslöser für diese Proteste waren der starke Einbruch der iranischen
Landeswährung und wirtschaftliche Not. [3][Doch die Slogans verloren
schnell ihren wirtschaftlichen Charakter.] Die Menschen fordern nun direkt
die Abschaffung der Islamischen Republik. Wird es ihnen gelingen?
Das religiöse und politische Oberhaupt des Iran, Ali Khamenei, ist denkbar
geschwächt. Während des zwölf Tage dauernden Krieges und darüber hinaus
blieb er in einem Bunker versteckt. Von Zeit zu Zeit taucht er seitdem auf,
um Reden zu halten, in denen er den Demonstranten mit Repressionen droht
und sie als Feinde des Iran und des Islam brandmarkt. Doch seine
Botschaften wirken nicht stark.
Während des Krieges mit Israel sind einige Kommandeure der
Revolutionsgarden getötet worden, andere sind in eine Sinnkrise geraten,
auch sie sehen, wie Khameneis Autorität schwindet. Berichte über Bemühungen
von Seiten Khameneis, das Land zu verlassen, haben die Sicherheitskräfte
demoralisiert – und die Demonstranten ermutigt. Und mit der
Wiedereinführung von Sanktionen steht das Regime nur noch einen Schritt vor
dem totalen Zusammenbruch.
Zara Kanaani, eine in Deutschland lebende Sozialwissenschaftlerin, erklärte
gegenüber der taz, dass die Antwort des Regimes auf die jüngsten Proteste
sich von den vorherigen Antworten unterscheide. „Erstens“, so Kanaani, „ist
das Regime aufgrund seiner wirtschaftlichen Schwäche nicht mehr in der
Lage, seine bekannte ‚Zuckerbrot und Peitsche‘-Strategie gegen
Demonstranten anzuwenden.“ Traditionell würde das Regime
Straßendemonstranten brutal unterdrücken und den Rest mit kleinen
Zugeständnissen und Privilegien beschwichtigen. Doch die Insolvenz des
Regimes hat ihm diese Option genommen.
## Die Führungsfigur: Prinz Reza Pahlavi
Außerdem gibt es bei den jetzigen Protesten eine Führungsfigur: Prinz Reza
Pahlavi, der älteste Sohn des 1979 gestürzten Schahs. Als Reaktion auf die
weit verbreiteten Sprechchöre mit seinem Namen in den iranischen Straßen
rief dieser am Donnerstag zum ersten Mal seit fünfzig Jahren direkt dazu
auf, zu protestieren. Daraufhin strömten am Abend um 20 Uhr Menschen in
allen Teilen des Landes auf die Straßen.
„Der Aufruf von Prinz Reza Pahlavi hat die größte Welle von Demonstrationen
gegen das Regime seit mehr als einem Jahrzehnt ausgelöst“, sagt Kanaani.
Die Menschen seien entschlossen, sich dem Regime bis zu seinem
vollständigen Sturz entgegenzutreten. „Die Slogans, die auf den Straßen zu
hören sind, sind nicht mehr nur negativ und konzentrieren sich nicht mehr
ausschließlich auf die Ablehnung der Islamischen Republik. Sie nennen Prinz
Reza Pahlavi ausdrücklich als Alternative zum herrschenden System.“
Hinzu kommt das Damoklesschwert eines möglichen Militärschlags durch die
USA, das über den Mullahs schwebt. All das schwächt das Regime – und stärkt
die Protestierenden.
Es ist möglich, dass einige Insider der Islamischen Republik, die gemeinhin
als „Reformisten“ bezeichnet werden, versuchen werden, während einer
Übergangsphase schnell die Macht zu ergreifen. Ob die iranische Bevölkerung
dies hinnehmen würde, ist jedoch fraglich.
## Vorbereitungen für erneute Proteste am Abend
Der bei den Iranern populärere Weg ist der, der unter Blendgranaten,
Tränengas und Schrotkugeln auf den Straßen lautstark gefordert wird: „Prinz
Reza Pahlavi“.
Derzeit bereiten sich die Iraner darauf vor, am Abend wieder auf die
Straßen zu gehen. Gerade hat der Oberste Führer der Islamischen Republik
eine harte Rede gehalten, in der er die Demonstranten verurteilte und sie
als Feinde brandmarkte. Auch der Staatsanwalt von Teheran hat eine
deutliche Warnung ausgesprochen: „Unsere Reaktion wird entschlossen und
schnell sein.“
Am Donnerstag, bevor das Internet vollständig abgeschaltet wurde, habe ich
zahlreiche private Nachrichten aus dem Iran erhalten. Es waren
Abschiedsbriefe junger iranischer Bürgerinnen und Bürger, die wussten, dass
sie getötet werden könnten. Sie sind bereit, den Preis der Freiheit mit
ihrem Leben zu bezahlen.
Revolutionen beginnen oft nicht in Zeiten absoluter Armut, sondern in dem
Moment, in dem die Menschen die Demütigungen nicht mehr ertragen können.
Die Autorin war 2024 Stipendiatin des [4][Auszeit-Programms Rest and
Resilience], das die taz Panter Stiftung jährlich ausrichtet.
9 Jan 2026
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