# taz.de -- Aufstand in Iran: Das religiöse Zombie-Regime ist am Ende
       
       > Mullahs und Revolutionsgarde in Iran begehen furchtbare Massaker. Die
       > Bevölkerung will in Frieden und Freiheit leben, der Westen könnte helfen.
       
 (IMG) Bild: „Möge Gott sehr bald das Gefühl des Sieges in den Herzen aller Menschen in Iran verbreiten“, schrieb Irans Führer Chamenei auf X
       
       Wer ist Massud Peseschkian? Er sei Arzt, Chirurg und Islamgelehrter, sagt
       er. Und so wie im Krankenhaus oder in einer Vorlesung wolle er auch mit
       anderen Problemen gewissenhaft und pflichtbewusst umgehen. Sagte er
       landauf, landab, als er Präsident werden wollte. Das war im Juni 2024. So
       mobilisierte er die vom Regime Enttäuschten für die „Wahl“. Also jenen
       Rest, der noch an die Reformierbarkeit der Theokratie glaubte.
       
       Seit den letzten Tagen wissen wir nun, wer dieser Peseschkian wirklich ist.
       Ein Verbrecher, der die Befehle zu Mord, inzwischen Massenmord, an den
       Demonstrierenden in iranischen Städten erteilt.
       
       Über Tasnim, die von den Revolutionsgarden kontrollierte
       Nachrichtenagentur, ließ der Präsident dieser „Islamischen Republik“
       verlauten, er habe die Sicherheitskräfte angewiesen, erbarmungslos gegen
       alle Unruhestifter vorzugehen.
       
       Im staatlichen Fernsehen tobte er dann auch noch live herum. Wortreich und
       mit religiösem Vokabular geißelte er die zivilen Protestierenden. Alles
       Terroristen und ausländische Agenten, die man ausmerzen werde. Sein
       geschäftsführender Vize, Dschafar Ghaem-Panah, hatte wenige Tage zuvor noch
       behauptet, Präsident Peseschkian habe verfügt, dass es „zu keinem
       gewaltsamen Vorgehen gegen die protestierende Bevölkerung kommen“ solle.
       Was für eine Lüge.
       
       ## Die Turbane des Gemetzels
       
       Über den Telegram-Kanal Vahid Online konnte man dank Starlink – das
       Internet ist in Iran aktuell blockiert – sehen, was Peseschkians Order nun
       wirklich bedeutet. Ein Gemetzel an unbewaffneten Zivilistinnen.
       
       Ein zutiefst verstörendes Video zeigt Aufnahmen an der Gerichtsmedizin
       Kahrizak im Süden Teherans. Unzählige tote Menschen liegen dort in
       Leichensäcken, um sie herum weinende und verängstigte Menschen, die nach
       ihren Angehörigen suchen.
       
       Von bis zu 250 Toten allein in Kahrizak war schon bis Donnerstag, 8.
       Januar, die Rede. Und das nur in einem einzigen Teheraner Stadtteil. Man
       kann sich ausrechnen, was seither und auch an anderen Orten dieses großen
       Landes noch geschehen ist.
       
       „Selbst wenn nur ein Teil dieser Berichte stimmt, sprechen wir von
       Massakern: begangen im Schutz der Dunkelheit, während das Internet
       abgeschaltet war, zudem fortgesetzt durch die Geiselnahme an den Leichnamen
       und die systematische Demütigung der Hinterbliebenen“, schreibt
       Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi auf ihrem Telegram-Kanal.
       
       ## Floskeln der Anteilnahme genügen nicht
       
       Unmittelbar nach dem Interview mit Peseschkian zeigt das staatliche TV
       einen Bericht, in dem zahlreiche Leichen zu sehen sind. Und das Regime ist
       so dreist, die Demonstrierenden als die Mörder auszugeben. Eine kurze
       Momentaufnahme, in der die Weltöffentlichkeit das Ausmaß der
       Brutalitätsmaschine erahnen könnte, die seit 47 Jahren über Iran herrscht.
       
       In den Medien zirkuliert die Zahl von über 500 Ermordeten. Es werden wohl
       sehr viel mehr sein. Viele Politiker der westlichen Welt flüchteten sich
       angesichts der brutalen Ereignisse in Teheran in diplomatische Floskeln von
       Bestürzung und Abscheu.
       
       US-Präsident Donald Trump erklärte allerdings, die Islamische Republik sei
       dabei, durch die Massaker die von ihr ausgerufene „rote Linie“ zu
       überschreiten. Das US-Militär prüfe Optionen für ein Eingreifen. Er sagte:
       „Menschen sind getötet worden, die nicht hätten getötet werden dürfen. Die
       Führer Irans – wenn man sie überhaupt Führer nennen kann – sind
       gewalttätige Menschen, die ausschließlich mit Gewalt regieren. Wir prüfen
       diese Angelegenheit sehr ernsthaft, und uns stehen starke Optionen zur
       Verfügung.“
       
       Inzwischen sagte Trump jedoch, die iranischen Führer hätten bei ihm
       angerufen, um zu verhandeln. Ein Treffen werde vorbereitet. Angesichts
       dessen, was in Iran passiere, müssten die USA allerdings eventuell sofort
       handeln.
       
       ## Der Ruf nach Schah und Übergang
       
       Auf den Straßen Irans ertönt indessen immer wieder der Ruf nach der
       Rückkehr des Sohns des bis 1979 regierenden Schahs. Reza Pahlewi ist die
       Symbolfigur des erhofften Übergangs von der Theokratie zu einer
       demokratischen Gesellschaftsordnung. Der im amerikanischen Exil lebende
       Reza Pahlewi ist in der Tat die einzige Person aus der Opposition, die über
       die Autorität verfügt, den Übergang zu einer laizistischen Ordnung zu
       moderieren.
       
       Seit letzter Woche Donnerstag ist das Internet vollständig abgeschaltet,
       das Land quasi von der Außenwelt abgeschnitten. Auch Starlink ist nur sehr
       eingeschränkt nutzbar, per eingeschmuggelter Technik. Es soll um die 50.000
       Nutzer:innen geben.
       
       Die von Peseschkian ausgerufene Gangart hatte Ajatollah Ali Chamenei am
       Samstag auch auf seinem X-Account bekräftigt: „So Gott will, möge Gott sehr
       bald das Gefühl des Sieges in den Herzen aller Menschen in Iran
       verbreiten.“
       
       Der britische Telegraph zitiert einen hochrangigen Beamten, der Führer habe
       den Revolutionsgarden befohlen, in höchster Alarmbereitschaft zu bleiben.
       Sein Schicksal habe er den Revolutionsgarden anvertraut.
       
       ## Der Schlächter Vahidi hat viele Tote zu verantworten
       
       Die Ernennung von Ahmad Vahidi zum stellvertretenden Kommandeur der Garden
       gilt als weiteres Warnsignal. Denn Vahidi ist kein gewöhnlicher Militär
       oder Bürokrat. Er ist ein absoluter Hardliner der ersten Stunde, einer der
       langjährigen Architekten der Repression.
       
       Vahidi war der erste Kommandant der sogenannten Quds-Brigaden, der Einheit
       für die Auslandseinsätze der Revolutionsgarden. Gegen ihn liegt ein
       internationaler Haftbefehl vor. Nach Einschätzung argentinischer
       Ermittler:innen ist Vahidi auch der Drahtzieher des schweren
       Bombenanschlags, der 1994 auf das jüdische Gemeindezentrum Amia in Buenos
       Aires verübt wurde und bei dem 85 Menschen ums Leben kamen.
       
       Er gilt als enger Vertrauter von Chameneis Sohn Mojtaba, der von vielen als
       Nachfolger seines greisen Vaters betrachtet wird.
       
       Die von Vahidi mitbegründete Quds-Brigade, die acht Jahre lang unter der
       Führung von Ghassem Soleimani in Syrien wütete und gemeinsam mit Diktator
       Assads Schergen für 500.000 Tote verantwortlich zeichnet, ist nun nach
       Hause zurückgekehrt – in eine erschöpfte und wütende Gesellschaft mit
       schwindender Hoffnung. Währungszerfall, Korruption, politische Willkür
       bestimmen den Alltag. Auf Massenproteste kennen Leute wie Vahidi nur eine
       Antwort: Gewalt.
       
       ## Der Mörder Radan als Polizeichef
       
       Neben Vahidi, der nun die gesamte Revolutionsgarde als stellvertretender
       Kommandeur befehligt, steht der gefürchtete Ahmad Reza Radan als
       Oberbefehlshaber einer Armee namens فراجا – Faraja – „Kommando der
       Strafverfolgungsbehörden der Islamischen Republik Iran“. Der 1963 in
       Isfahan geborene Hardliner hat eine sehr blutige Karriere hinter sich.
       
       Bei Revolutionsbeginn 16 Jahre alt, schloss er sich den paramilitärischen
       islamistischen Basidsch-Milizen an. Er stieg in der Revolutionsgarde auf
       und half in der iranischen Region Kurdistan, die dortigen Aufstände gegen
       das Regime niederzuschlagen. Bis 1997 kommandierte er verschiedene
       Einheiten der Garden, wurde Polizeichef in verschiedenen Provinzen. 2006
       wurde er zum Chef der Polizei von Teheran ernannt. Während der Unruhen 2022
       stieg er zum Kommandeur der gesamten iranischen Polizei auf.
       
       Die sogenannten Erschad-Patrouillen, die das Tragen des Hidschabs in der
       Öffentlichkeit überwachen, wurden in seiner Zeit gegründet. Er befehligt
       eine hochgerüstete Bürgerkriegsarmee mit eigenem Geheimdienst und Gefängnis
       zur Bekämpfung städtischer Unruhen. Er betrachtet die aktuellen Proteste
       als Fortsetzung des Zwölftagekriegs mit Israel im vergangenen Juni, die
       Demonstrierenden als ausländische Agenten.
       
       „Wir kennen alle Unruhestifter, und wir werden alle verhaften“, drohte
       Radan schon gleich zu Beginn der jetzigen Proteste. Damit liegt er ganz auf
       der Linie Chameneis.
       
       ## Tiefe Kluft in der iranischen Gesellschaft
       
       „Eine verkommene Schicht von Messerstechern und Rowdys, Unkraut, das
       ausgerissen, niedergemäht und weggeworfen werden muss“, hatte dieser einst
       gesagt, als sich am 10. Juni 1992 die Menschen in seiner Heimatstadt
       Maschhad zum Protest erhoben. Wegen der Tötung eines Schülers durch die
       Sicherheitskräfte, unweit der Gasse mit Chameneis Geburtshaus.
       
       33 Jahre später richtet sich der Blick erneut auf Maschhad, die
       ideologisch-religiöse Hochburg, die eng mit Chameneis Laufbahn verbunden
       ist. Die Stadt ist dieser Tage erneut einer der Schauplätze der größten
       Proteste gegen seine „Republik“.
       
       Der Aufruhr auch in religiösen Zentren wie Qom und Maschhad verdeutlicht
       die Dimension der tiefen Kluft in der iranischen Gesellschaft.
       
       Auf die Proteste in Maschhad im Jahr 1992 folgte die Studentenbewegung von
       1999. Darauf die Grüne Bewegung 2009, die Proteste im Januar 2018, der
       Aufstand im November 2019 und schließlich die „Frau, Leben, Freiheit
       “-Bewegung 2022. Jedes Mal hat sich das frömmelnde Regime nur durch
       größtmögliche kriminelle Brutalität retten können. Das alte Muster der
       Gewalt kommt aktuell erneut zum Einsatz.
       
       ## Regime kann Versprechen nicht halten
       
       Doch dieses Mal bilden das Ausmaß des wirtschaftlichen Zusammenbruchs sowie
       [1][die katastrophale Niederlage im zwölftägigen Krieg mit Israel] einen
       neuen, veränderten Hintergrund. Sie haben verdeutlicht: Dieses Regime kann
       Versprechen elementarster wirtschaftlicher Sicherheit und militärischer
       Behauptungen nicht im Ansatz einlösen.
       
       Warum weiterhin diejenigen dulden, die sich allein bereichern und komplett
       unfähig sind, einen funktionstüchtigen Staat zu garantieren?
       
       Die Islamische Republik ist in den Augen vieler zu einem reinen
       „Zombie-Regime“ verkommen. Sie verfügt in der Breite der Bevölkerung
       [2][über keinerlei Legitimität mehr]. Viele ihrer wichtigsten aggressiven
       Führungspersonen sind ihr bereits abhandengekommen. Oder sind im Sterben
       begriffen.
       
       Die jetzige Politik der Massaker macht alles nur noch schlimmer. Die Gewalt
       wird auf ihre Verursacher zurückfallen.
       
       12 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Israel-Iran-und-das-Mullahregime/!6094358
 (DIR) [2] /Pahlavi-Berater-zu-Intervention-im-Iran/!6144635
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Ali Sadrzadeh
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Proteste in Iran
 (DIR) Schwerpunkt Nahost-Konflikt
 (DIR) Schwerpunkt Iran
 (DIR) Demokratie
 (DIR) Islamismus
 (DIR) Schwerpunkt USA unter Trump
 (DIR) Iran-Israel-Krieg
 (DIR) Proteste in Iran
 (DIR) Proteste in Iran
 (DIR) Proteste in Iran
 (DIR) Nahost-Debatten
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) +++ Nachrichten zu Iran +++: Trump fordert weitere Proteste in Iran und verspricht Hilfe
       
       Die Zahl der getöteten Demonstrant:innen in Iran steigt dramatisch. Der
       US-Präsident verspricht baldige Hilfe. EU-Staaten bestellen Irans
       Botschafter ein.
       
 (DIR) Proteste in Iran: Es braucht internationalen Druck
       
       Wieder erheben sich die Menschen in Iran, das Regime reagiert mit Gewalt.
       Die diplomatische Reaktion von Kanzler Merz ist einfach nur lächerlich.
       
 (DIR) Proteste im Iran: Iraner trotzen Repression
       
       Auch nach zwei Wochen und massiver Gewalt gehen Iraner in Massen gegen das
       Mullah-Regime auf die Straße. Viele umgehen auch die Internetsperre.
       
 (DIR) Israel, Iran und das Mullahregime: Teheran, was nun?
       
       Vor der Kamera sagt es niemand, doch viele Menschen in Iran freuen sich
       über die Verluste des despotischen Regimes. Es wirkt instabiler denn je.