# taz.de -- Massenproteste in Iran: Weder Mullah noch Schah!
       
       > Nicht nur das Regime, sondern auch Teile der Opposition verhindern
       > demokratische Bestrebungen. Das Land darf nicht erneut zur Monarchie
       > werden.
       
 (IMG) Bild: Monarchistische Stimmen erhalten im Ausland überproportional viel Aufmerksamkeit, wie hier in London, am 11. Januar 2026
       
       Die [1][Demonstrierenden in Iran] fühlen sich gerade wie ein Blatt Papier
       in einem Tacker. Die islamische Regierung unterdrückt die Bevölkerung
       systematisch von innen, während die Angst vor einem Krieg von außen wächst.
       Über Jahrzehnte hinweg war die Gründung politischer Parteien in Iran
       aufgrund [2][systematischer Unterdrückung] unmöglich. Aktivist*innen
       befinden sich nach wie vor in Haft. Zwar existieren immer wieder einzelne
       Personen, Gruppen oder Organisationen, die gegen die islamische Regierung
       protestieren, doch agieren sie meist isoliert. In den letzten acht Jahren
       kam es alle zwei bis drei Jahre zu größeren Protestbewegungen, die jeweils
       mit äußerster Härte niedergeschlagen wurden.
       
       Die bedeutendste Protestbewegung der letzten Jahre war die [3][„Frau,
       Leben, Freiheit!“-Bewegung]. Versuche monarchistischer Gruppen, diesen
       Slogan durch „Mann, Patriot, Wohlstand“ zu ersetzen, blieben, zumindest
       bislang, erfolglos. Mittlerweile haben die Monarchisten, die sich den Sohn
       des Schahs, Reza Pahlavi, als neues Staatsoberhaupt wünschen, erheblich an
       Einfluss gewonnen – insbesondere unter Exiliraner*innen im Ausland.
       Sie diffamieren, auch in Deutschland, ihre Gegner, sodass viele inzwischen
       aus Angst darauf verzichten, ihre Meinung öffentlich zu äußern.
       
       Wo die Monarchistenbewegung ideologisch steht, ist eigentlich kein
       Geheimnis. Vor drei Jahren nahmen Monarchisten drei Gruppen in ihre
       Todeslisten auf – Jasmin Pahlavi, die Frau des Schah-Sohns, präsentierte
       ein Plakat mit der Aufschrift: „Tod den drei Verdorbenen: Mullahs, Linken,
       Mudschaheddin“. Die Monarchisten wollen also im Falle einer Machtübernahme
       ähnlich mit ihren Gegnern umgehen wie das aktuelle iranische Regime.
       
       Vor ihrer Propaganda sollte man sich in Acht nehmen: Zu Beginn der
       aktuellen Bewegung am 28. Dezember 2025 manipulierten Monarchisten etwa
       Parolen in Videos, die im Netz kursierten. Inzwischen ist schwer zu
       unterscheiden, ob Rufe wie „Lang lebe der Schah“ tatsächlich von der
       iranischen Bevölkerung stammen oder ob sie künstlich über Videos von den
       Demonstrationen drübergelegt wurden.
       
       Reza Pahlavi und seine Monarchistenbewegung stehen in einer Tradition, die
       mit Freiheit und Demokratie wenig zu tun hat. Reza Schah, der Begründer der
       Pahlavi-Dynastie und Vater des letzten Schahs, kam 1920 mithilfe
       Großbritanniens durch einen Militärputsch an die Macht. Im Zweiten
       Weltkrieg wurde er wegen seiner Nähe zum deutschen Nazi-Regime von
       denselben Mächten wieder abgesetzt und ins Exil geschickt. Nach seiner
       Absetzung wurde sein Sohn Mohammad Reza Schah zum neuen Herrscher.
       
       Nur für eine kurze Zeit, in den frühen 1950er Jahren, erlebte der Iran
       unter dem demokratisch gewählten Premierminister Mohammad Mossadegh mehr
       politische Freiheit. Doch Mossadegh wollte die iranische Ölindustrie
       verstaatlichen, die bis dahin vor allem von britischen Unternehmen
       kontrolliert wurde. Daraufhin stürzten die USA und Großbritannien seine
       Regierung im Jahr 1953.
       
       Mohammad Reza Schah, der zuvor aus dem Land geflohen war, kehrte mit
       westlicher Unterstützung zurück und errichtete erneut eine autoritäre
       Herrschaft – ähnlich wie schon sein Vater zuvor. Viele Intellektuelle,
       Oppositionelle und Kritiker des Regimes wurden unter Mohammad Reza Schah
       verhaftet, gefoltert oder hingerichtet. Besonders hart ging er gegen linke
       und sozialistische Gruppen vor, die er als Gefahr für seine Macht
       betrachtete.
       
       Auch von kultureller Freiheit konnte nicht die Rede sein. Bücher der
       Weltliteratur waren teilweise verboten. Wer trotzdem Romane bekannter
       Autor*innen las, riskierte Gefängnis oder Folter. Während der Revolution
       von 1979 wurden an Universitäten – die wegen der täglichen Proteste
       geschlossen waren – verbotene Bücher mit neutralen weißen Umschlägen
       verkauft.
       
       ## Trump ist nicht unser Retter
       
       Der Sohn Mohammad Reza Schahs, Reza Pahlavi, sieht heute Donald Trump und
       Benjamin Netanjahu als seine Verbündeten. So begrüßt er öffentlich Trumps
       Drohungen gegen den Iran und forderte ihn auf, den Iraner*innen zu
       helfen. Doch wie hätte diese Hilfe konkret aussehen sollen? Und warum
       sollten die USA überhaupt eingreifen? Die Erfahrungen aus Afghanistan,
       Irak, Syrien und anderen Ländern zeigen, dass US-Interventionen oft zu
       Krieg, Instabilität und auf lange Sicht zu neuen Diktaturen geführt haben.
       Sind wir wirklich so geschichtsvergessen oder mit Absicht blind für eine
       Geschichte, die zeigt, dass die USA uns nicht retten werden?
       
       Israels Netanjahu-Regierung ist der zweite wichtige internationale
       Unterstützer Reza Pahlavis. Deshalb zeigen Monarchist*innen bei
       Demonstrationen nicht nur die alte iranische Königsflagge mit Löwe und
       Schwert, sondern auch die israelische Flagge.
       
       Monarchistische Stimmen erhalten im Ausland, auch in Deutschland,
       überproportional viel Aufmerksamkeit. Linke und alternative Positionen
       kommen vergleichsweise wenig vor. Das beeinflusst auch die
       Berichterstattung in deutschen Medien auf eine gefährliche Art und Weise.
       
       Trotz der harten Repression engagieren sich in Iran selbst weiterhin viele
       mutige Menschen im Widerstand gegen das islamische Regime. Es sind diese
       Aktivist*innen, die noch immer im Gefängnis sitzen oder nur unter
       internationalem Druck freigelassen wurden, die für das tatsächliche
       Veränderungspotenzial im Land stehen. Dennoch werden sie kaum als Bewegung
       anerkannt, aus der eine politische Führung hervorkommen kann – weder von
       der Regierung noch von Teilen der Opposition im Ausland.
       
       Da die Mehrheit der iranischen Bevölkerung sowohl religiöse Herrschaft als
       auch die absolute Macht der Monarchisten ablehnt, sollte nach dem Ende des
       Mullah-Regimes zunächst eine Übergangsregierung gebildet werden. In Iran
       gibt es ausreichend kompetente Personen, die ein solches Provisorium führen
       könnten, bis freie, demokratischen Wahlen abgehalten werden können.
       
       Die Iraner*innen brauchen keinen aus dem Ausland präsentierten
       Monarchen, sondern ein demokratisches System mit einem funktionierenden
       Rechtsstaat, der für alle gilt – für religiöse Minderheiten, politisch
       Andersdenkende und für Frauen, die selbst über ihr Leben und ihre Rechte
       entscheiden wollen.
       
       13 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Proteste-im-Iran/!6144636
 (DIR) [2] /Proteste-im-Iran/!6144539
 (DIR) [3] /Proteste-in-Iran/!5893454
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Noshin Shahrokhi
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Proteste in Iran
 (DIR) Schwerpunkt Iran
 (DIR) Monarchie
 (DIR) Unterdrückung
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Social-Auswahl
 (DIR) Proteste in Iran
 (DIR) Proteste in Iran
 (DIR) Proteste in Iran
 (DIR) Proteste in Iran
 (DIR) Proteste in Iran
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Proteste in Iran: Die kreisläufige Form der Geschichte
       
       Indonesiens Diktator Suharto ist Nationalheld, Irans Pahlewi-Dynastie wird
       rehabilitiert. Die Idee eines linearen Fortschritts ist ein Trugschluss.
       
 (DIR) Massenproteste in Iran: Exilmedium zählt 12.000 Tote in Iran
       
       Recherchen zufolge hat sich seit dem 28. Dezember das größte Massaker der
       jüngeren iranischen Geschichte ereignet. Informationen aus dem Land sind
       rar.
       
 (DIR) Proteste in Iran: Es braucht internationalen Druck
       
       Wieder erheben sich die Menschen in Iran, das Regime reagiert mit Gewalt.
       Die diplomatische Reaktion von Kanzler Merz ist einfach nur lächerlich.
       
 (DIR) Pahlavi-Berater zu Intervention im Iran: „Die Frage ist nicht, ob Trump handeln wird, sondern wann“
       
       Der Berater von Reza Pahlavi erwartet eine US-Intervention – und sieht den
       Sohn des letzten Schah als Führungsfigur der aktuellen Proteste.
       
 (DIR) Proteste im Iran: Iraner trotzen Repression
       
       Auch nach zwei Wochen und massiver Gewalt gehen Iraner in Massen gegen das
       Mullah-Regime auf die Straße. Viele umgehen auch die Internetsperre.