# taz.de -- Springers Welt: Mit Vollgas gegen die Brandmauer
       
       > Springer macht Schlagzeilen – und nicht alle sind gut für den Verlag. Ein
       > Treffen mit Ulf Poschardt, seit einem Jahr Herausgeber der
       > „Premiummarke“.
       
 (IMG) Bild: Ulf Poschardt in einem seiner Sportwagen in Berlin, am 28. Januar 2026
       
       Vor dem Axel-Springer-Neubau in Berlin-Mitte, einem modernen Glaswürfel mit
       diagonalem Einschnitt, weht die Israelfahne an diesem frischen
       Dezembernachmittag nicht mehr. Im Sommer hatten Palästina-Protestler
       versucht, sie zu entwenden. Vergeblich. Sicherheitskräfte des
       Medienkonzerns verhinderten die Aktion.
       
       Ob der Flaggenraub inzwischen gelungen sei? „Nein, das überlebt niemand“,
       sagt, ohne zu zögern, Ulf Poschardt auf dem Weg zu seinem Büro im fünften
       Stock des Gebäudes. „Also im übertragenen Sinne“, schiebt er ein paar
       Sekunden später nach. Die blau-weiße Fahne mit Davidstern, die immer wieder
       vor dem Springer-Sitz gehisst wird, sei nach der Freilassung der
       israelischen Geiseln und dem Waffenstillstand in Gaza im Oktober eingeholt
       worden, erklärt er. „Es gibt keine Fahne, die mir so viel bedeutet wie die
       israelische in Berlin.“
       
       Für Ulf Poschardt selbst scheint es aber keinen Waffenstillstand zu geben.
       Er, Jahrgang 1967, wähnt sich im Krieg gegen die vermeintlichen und
       tatsächlichen Feinde des Westens im Allgemeinen und des jüdischen Staats im
       Besonderen. Gegen einen aus seiner Sicht übergriffigen, überregulierenden
       Staat, der hierzulande den Bürgern die Freiheit raube.
       
       Selbst Poschardts unaufgeräumter Schreibtisch wirkt wie ein ideologisches
       Miniaturschlachtfeld. Darauf stehen ein Modell des World Trade Centers aus
       Messing, ein Armee-Patch mit den Lettern „Poschardt“, ein ukrainischer
       Orden, Davidstern-Manschettenknöpfe des jüdischen Sportvereins Makkabi und
       eine knallgelbe „Shitbürgertum“-Tasse – voller Bonbonpapiere. Monitor oder
       Tastatur: keine. Nur ein MacBook, in das er dann mit Furor den nächsten
       Leitartikel tippt.
       
       ## Er sucht gern Provokation
       
       Insgesamt drei Stunden spricht die taz mit Ulf Poschardt, einem höflichen,
       neugierigen Gegenüber mit Hang zu steilen Thesen. Einem Mann, der keinen
       Hehl aus seiner linken Sozialisierung macht, um heute einen libertären
       Kulturkampf zu führen. Und der dabei genau zu verstehen scheint, wie sowohl
       seine treuen Fans als auch seine vielen Gegner ticken.
       
       Poschardt sucht gern die Provokation und findet leicht Provozierbare. Er
       gendert im Gespräch mit der taz durchgehend mit theatralischen
       Glottisschlag-Pausen, die er „dadaistisch“ nennt. Er lobt die
       Klimaaktivistin Luisa Neubauer, weil sie „den Wahrnehmungs- und
       Meinungsmarkt besser verstanden hat als wir hier“. Denn das „Shitbürgertum“
       habe ja den Kulturkampf gewonnen. Die taz lese er gern, sagt Poschardt.
       
       Als er im Februar vergangenen Jahres bei der rechtspopulistischen Schweizer
       Weltwoche zu Gast war, klang das noch weniger differenziert: Die Omas gegen
       Rechts seien „weiße Biokartoffeln“. Nichts sei „nationalbefreitere Zone“
       als eine Fahrraddemo. Und der öffentlich-rechtliche Rundfunk eine
       „rot-grüne Propagandamaschine“.
       
       ## Wie viel ist dabei Performance – und wie viel ist Poschardt?
       
       „Der Westen ist eigentlich das, was mir am meisten als Ideenlandschaft
       verteidigenswert erscheint“, sagt Poschardt, auf einem Vitra-Stuhl in
       seinem Büro sitzend. „Und das Judentum steht als Chiffre für all die
       Sachen, die ich geil finde: Hedonismus, Schönheit, Avantgarde. Wenn das
       jemand angreift, dann ist er mein Feind.“ Ob das nicht eine philosemitische
       Projektion sei? – „Philosemitismus ist so ein Unwort.“
       
       Poschardt pflegt ein Image als Bad Boy der Publizistik. Sein
       „Shitbürgertum“, 176 Seiten, brachte er zunächst selbst über Amazon heraus,
       weil der zu Klampen! Verlag die geplante Veröffentlichung gestoppt hatte –
       der Band war dem Verlagshaus am Ende zu polemisch.
       
       Für das Buch erwies sich diese Entscheidung als PR-Geschenk, als hätte das
       „Shitbürgertum“ selbst Poschardts Abrechnung zu zensieren versucht.
       40.000-mal hat sich allein schon die Erstausgabe verkauft, bevor es der
       Westend Verlag ins Programm nahm – ein eher linker „Alternativverlag“, der
       mit einer Nähe zu Querdenkern und Verschwörungsfans auffällt. Seitdem tourt
       Poschardt mit seiner Streitschrift durch die Bundesrepublik und das
       Internet. Inzwischen sei es 120.000-mal verkauft worden, sagt er.
       
       „Shitbürgertum“ wirkt vor allem wie ein endgültiger Abschiedsbrief an ein
       Milieu, aus dem Poschardt selbst stammt. Punkiger als die Rio Reisers
       dieser Welt sind für ihn heute die Mileis und die Musks. Trotzdem steht auf
       der Rückseite des Buchs die Ton-Steine-Scherben-Zeile „Macht kaputt, was
       euch kaputt macht“.
       
       Poschardt warnt in seiner Polemik vor einer regressiven Gesinnungspolitik,
       die ideologische Konformität verlange. Er plädiert für weniger Staat und
       vor allem weniger „Staatsliebe“, für mehr Marktwirtschaft und radikalen
       Individualismus. Eine Ablehnung des Liberalismus und eine Neigung zu
       Autoritarismus vereine die Linke und Rechte, schreibt er.
       
       ## Was Menschen über ihn sagen
       
       Über diese Kernthesen des Buchs könnte man streiten. Eine messerscharfe
       Analyse aber bieten sie nicht, denn Poschardt setzt gleich die Kettensäge
       an; er will eine politische Krankheit diagnostiziert haben und befürwortet
       die sofortige Vollamputation.
       
       Manche Thesen hätten genauso gut von rechts außen kommen können. Etwa wenn
       er schreibt, die Brandmauer zur rechtsextremen AfD sei ein „Strick“ des
       „Shitbürgertums“ um den Hals der CDU, „mit dem ein politisch abgewähltes
       Milieu die letzten bürgerlichen Kräfte höhnisch durch die politische Manege
       zieht“.
       
       Poschardt ist ein Mann, der sich ausführlich und intensiv mit dem
       beschäftigt, was Menschen über ihn sagen. Er zählt unaufgefordert alle
       Porträts und Rezensionen auf, die er für gelungen oder verfehlt hält. „Die
       besten Besprechungen kamen von links“, sagt er und erwähnt eine Rezension
       in der Jungle World. Ein Spiegel-Porträt von sich nennt er „beschissen“.
       
       Doch Poschardt kann auch lachen über sich selbst. Er lobt Jan Böhmermanns
       Satirefigur seines unehelichen Neffen „Alexander Poschardt“ im „ZDF Magazin
       Royale“: „Super gemacht.“ Poschardt hat den Clip selbst mit seinen 110.000
       Followern auf Instagram geteilt. Anfang Dezember war er wieder in Micky
       Beisenherz’ Podcast zu Gast. In den sozialen Medien gab es eine Mischung
       aus Lob und Ekel für den Auftritt. Poschardt antwortete auf jeden einzelnen
       Kommentar, auch die negativen; weniger aus Dünnhäutigkeit als aus
       Trolllust.
       
       ## Schadet Poschardt der „Welt“, oder nutzt er ihr?
       
       Ende November kündigte Poschardt in einem Instagram-Video, gefilmt in
       seinem Büro, ein „Denunziationsportal“ an, um Buchhändler*innen zu
       verpetzen, die von seinem Buch abraten oder es im Laden verstecken. 20.000
       Likes hat der Clip. „Wenn man da die Ironie nicht kapiert, dann weiß ich es
       auch nicht mehr“, sagt er, darauf angesprochen, und schüttelt den Kopf.
       Doch viele seiner Fans scheinen die Aufforderungen durchaus ernst zu
       nehmen.
       
       Das ist der eine Poschardt – der Bestsellerautor, Onlinetroll und
       Politfluencer.
       
       Der andere Poschardt zählt zumindest auf dem Papier zu den mächtigsten
       Medienmännern der Bundesrepublik. Acht Jahre lang war Poschardt
       Chefredakteur der Welt-Gruppe, seit genau einem Jahr ist er Herausgeber
       einer neuen „Premiummarke“ der Axel Springer SE, zu der neben Welt auch
       Politico Deutschland und Business Insider Deutschland gehören.
       
       Es gibt Spekulationen, dass Poschardt damit wegbefördert worden sein könnte
       – mit einem glänzenden Titel, dafür aber weniger publizistischer und
       personeller Macht.
       
       Ein Mitarbeiter sagt der taz, er habe der Welt enorm geschadet. Eine zweite
       Person, die mehrere Jahre mit Poschardt zusammengearbeitet hat, sagt: „Wir
       sehen Ulf bei einer Radikalisierung zu, er wird immer extremer und fühlt
       sich so bedroht.“ Ein inzwischen ehemaliger Mitarbeiter erzählt: „Er wirkte
       schon als Chefredakteur eher wie ein Herausgeber, war aber bei den teils
       kontroversen Morgenkonferenzen durchaus präsent und gab eine Linie vor.“
       Vielleicht habe der Verlag jetzt jemanden gebraucht, der „nicht nur edgy
       Kommentare schreibt“, spekuliert er.
       
       Poschardt selbst sagt, er habe den Job als Chefredakteur länger gemacht als
       jeder andere vor ihm und sei stolz, die Zeitung „von einem defizitären
       Betrieb hin zu einem Schwarze-Null-Betrieb“ entwickelt zu haben.
       
       Die digitale Strategie des Verlags, der früh in seinen Onlineauftritt
       investierte, scheint aufgegangen zu sein. Die Zahl der Printabos sinkt wie
       branchenüblich, dafür steigt jene der Welt-E-Paper-Abos stark. Bei der Welt
       am Sonntag gibt es inzwischen mehr E-Paper- als Printabos: 72.000 zu
       56.000. Hinzu kommen mittlerweile mehr als 225.000 digitale Weltplus-Abos.
       
       ## Medienwirksame Gesichter für die Außendarstellung
       
       Zur Strategie gehören auch medienwirksame Gesichter, die die
       Springer-Marken nach außen vertreten. Im März 2025 kündigte der Verlag ein
       neues globales Reporternetzwerk an, mitaufgebaut von Poschardt, geleitet
       von Tim Röhn. Bild-Veteran Paul Ronzheimer sollte zum Netzwerk gehören,
       ebenso Hauptstadtkenner Robin Alexander, Ex-„Tagesschau“-Sprecher
       Constantin Schreiber, die somalisch-niederländische Autorin Ayaan Hirsi Ali
       sowie der New-York-Times-Meinungsautor James Kirchick. Ein weiteres,
       prominentes Gesicht des Verlags ist zweifelsohne Poschardts eigenes.
       
       Mit der wirtschaftlichen Entwicklung zeigt sich der Herausgeber zufrieden.
       „Es war ein sehr erfolgreiches Jahr.“ Sein Nachfolger, Welt-Chefredakteur
       Jan Philipp Burgard, mache einen „Granatenjob“, sagt Poschardt noch beim
       Gespräch im Dezember.
       
       Worin Poschardts Aufgabe im Verlag genau besteht, bleibt auch nach einem
       Jahr diffus. „Das Geile an dem Job des Herausgebers ist, jeder spielt die
       Rolle anders“, sagt Poschardt auf Nachfrage. Er sei auch nie ein typischer
       Chefredakteur gewesen, eher die „Nachkriegsrandalegeneration“, die „den
       Chefredakteur militärisch als Avantgarde verortet und sich freut, wenn ein
       paar hinterherlaufen und mitkämpfen“.
       
       Und als Herausgeber? „Ich bin ja irgendwie so ein geländegängiges,
       fränkisches Mäuschen“, sagt der gebürtige Nürnberger. „Man kann mich auf
       Podien schicken, man kann mich zu Anzeigenkunden schicken, man kann mich
       mit dem Betriebsrat reden lassen, und ich repräsentiere die Marke nach
       außen.“ Er versuche, „der nahbarste Herausgeber ever“ zu sein. „Ich laufe
       durch die Redaktion und spreche mit allen.“ Kolleg*innen bietet er bei
       einer Begehung mit der taz buddymäßig die Faust zur Begrüßung.
       
       Vor allem aber hat Poschardt jetzt Zeit zum Schreiben. 60 PS-starke
       Meinungsbeiträge hat Poschardt für die Welt verfasst, seit er Herausgeber
       ist. Etwa jenen darüber, dass die Brandmauer gegen die AfD vor allem dem
       strategischen Machterhalt des rot-grünen Milieus diene. Oder darüber, dass
       antisemitische Ressentiments bei der Linkspartei noch aggressiver als bei
       der AfD vorkämen. Oder dass die FDP die „rationalste Partei der Gegenwart“
       sei. Wenig später erklärte er die liberale „Ampelpartei“ für „tot“. Die
       Marke Poschardt – mit solchen Beiträgen zahlt sie sich für den Verlag wohl
       aus.
       
       ## Immer weniger Gegenwind
       
       Das Meinungsressort der Welt, für das Poschardt oft schreibt, wurde 2025
       offiziell in „Meinungsfreiheit“ umbenannt, nun geleitet vom
       „Chefkommentator“ Andreas Rosenfelder. Sind solche neuen Titel nicht etwas
       albern? „Ich finde es total richtig“, sagt Poschardt. „Es macht deutlich,
       dass wir eine Zeit erleben, in der immer wieder versucht wird, den Raum des
       Sagbaren einzuengen – und das halte ich für höchst problematisch.“
       
       Polarisierende bis polemische Kommentare wie die Poschardts dürften viel
       angeklickt werden, die Zahl der Onlineabos dürften sie noch gesteigert
       haben. Hört man sich in der Redaktion um, scheint die Frustration über
       diesen Kurs aber zu wachsen. Eine Person sagt: „Es gibt immer weniger
       Gegenwind.“
       
       Im November 2025 lobte Poschardt in einem Kommentar den ehemaligen Neonazi,
       neurechten Ideologen und AfD-Bundestagsmitarbeiter Benedikt Kaiser mehrfach
       als „clever“, „kühl“ und „nüchtern“. Eine gezielte Provokation? Poschardt
       sagt, dass Kaiser ihn und sein Buch „Shitbürgertum“ wegen der Liebe zu
       Israel und den USA ablehne.
       
       Kurz vor der Bundestagswahl, vor Poschardts Wechsel vom Chefredakteur zum
       Herausgeber, erschien im Dezember 2024 in der Welt am Sonntag ein
       Gastkommentar von Elon Musk, in dem er unverhohlen Wahlwerbung für die
       rechtsextreme AfD machen durfte: eine Partei, die der reichste Mann der
       Welt als „letzten Funken Hoffnung“ für Deutschland bezeichnete.
       
       Wer den Gastbeitrag eingefädelt hat – darüber gibt es widersprüchliche
       Aussagen. Ob Poschardt selbst den Musk-Beitrag durchgeboxt habe, gegen den
       Willen der Redaktion? „Ich musste gar nichts durchboxen, sondern wir haben
       uns einfach gemeinsam entschieden, dass es ein Interesse daran gibt, so was
       zu lesen.“ Welt-Mitarbeiter*innen, mit denen die taz gesprochen hat,
       bestreiten das. Die interne Stimmung sei danach „unfassbar schlecht“
       gewesen, sagt eine Mitarbeiterin und spricht von einem „Tabubruch“.
       
       Auf den Musk-Beitrag folgten einige Abgänge im Haus. Sie zeigen ein Muster.
       Meinungschefin Eva Marie Kogel kündigte schon am Erscheinungstag aus
       Protest. Der Investigativreporter Hans-Martin Tillack schmiss ebenfalls
       hin. Auch der politische Korrespondent Jörg Wimalasena sowie der
       Investigativreporter Ulrich Kraetzer verließen seitdem die Zeitung. Im Juni
       2025 gab Jennifer Wilton, seit fast 20 Jahren bei Springer und seit 2022
       Chefredakteurin der Welt, aus unbekannten Gründen überraschend ihren
       Rücktritt bekannt. Sie war zu diesem Zeitpunkt die einzige Frau in der
       Chefetage.
       
       Ein Jahr später scheint Poschardt die Sprengkraft des Musk-Beitrags immer
       noch nicht ganz bewusst zu sein. Oder vielleicht sind ihm die Folgen
       schlicht egal. „Ich würde es heute genauso machen. Und wenn jetzt Elon Musk
       mich morgen anruft und sagt, ich halte Annalena Baerbock für die beste
       Politikerin Europas, kann ich darüber schreiben? Dann würde ich sagen:
       Klar, gern.“
       
       Der Musk-Beitrag ist nur ein Beispiel für einen Trend. Manche
       Welt-Redakteur*innen rütteln mittlerweile kräftig an der [1][Brandmauer
       nach rechts außen]. Ein Feuilletonredakteur fand neulich freundliche Worte
       für eine AfD-nahe Buchmesse in Halle, auf der rechtsextreme Verlage wie
       Antaios, Jungeuropa und Compact vertreten waren. Erst kürzlich soll die
       Redaktion einen geplanten [2][Gastbeitrag des AfD-Ehrenvorsitzenden
       Alexander Gauland] verhindert haben. Den Text, in dem Gauland keine
       rechtsextreme Radikalisierung seiner Partei sehen will und die Brandmauer
       kritisiert, druckte am Ende die Berliner Zeitung.
       
       ## Robin Alexander will nicht mehr mitmachen
       
       Sieht Poschardt den Rechtsruck bei der Welt? „Das ist eine Frage des
       Standpunkts“, antwortet er. „Das einzig relevante kritische Buch über die
       AfD in diesem Jahr kommt von einem Kollegen von uns.“ Damit meint er
       Frederik Schindlers Spiegel-Bestseller „Höcke“. Poschardt nennt außerdem
       seine Kollegen Deniz Yücel und Robin Alexander, wie Schindler sind auch sie
       ehemalige taz-Redakteure und dienen Poschardt als Belege dafür, dass das
       mit dem Rechtsruck nicht stimme – die beiden habe er zu Springer geholt,
       sagt er.
       
       Doch bilden solche Stimmen nicht eher die Minderheit bei Springer? „Nö, ich
       bin die Minderheit“, erwidert Poschardt.
       
       Zwei Wochen nachdem Poschardt diesen Satz sagt, gibt auch Robin Alexander,
       stellvertretender Chefredakteur der Welt, seinen Rücktritt bekannt. Die
       Diskussion über den Gauland-Beitrag soll für die Entscheidung
       ausschlaggebend gewesen sein.
       
       Einen Monat später, Mitte Januar, kommt der nächste Paukenschlag im Haus:
       Jan Philipp Burgard, Poschardts Nachfolger, legt ebenso überraschend sein
       Amt nieder – „aus gesundheitlichen Gründen“, vermeldet der Verlag in einer
       äußerst knappen Abschiedserklärung.
       
       [3][Mehrere] [4][Medien] [5][berichten] jedoch vom angeblich
       „unangemessenen Verhalten“ Burgards gegenüber Mitarbeiterinnen auf der
       Weihnachtsfeier. Bei einer internen Befragung soll er sich nicht mehr daran
       erinnert haben, was genau passiert sei. Burgards Anwälte weisen die
       Vorwürfe auf taz-Nachfrage zurück, der Rücktritt sei allein aus
       medizinischen Gründen erfolgt. Ein Springer-Sprecher sagt, dem Unternehmen
       lägen keinerlei Beschwerden wegen Belästigung oder eines übergriffigen
       Verhaltens gegen Burgard vor.
       
       Unstrittig ist: Poschardts Nachfolger war erst ein Jahr im Amt und
       hinterlässt einen Scherbenhaufen. Der bisherige „Tagesthemen“-Chef Helge
       Fuhst soll den Posten jetzt übernehmen.
       
       Poschardt will Burgards Rücktritt nicht direkt kommentieren. Was er aber
       per E-Mail dazu schreibt: „Wenn wir weiterhin so aufeinander losgehen, geht
       das Land vollends kaputt, und das sage ich als jemand, der vor Polemik
       wahrlich nicht zurückschreckt. Wenn es so weitergeht, werde ich wider
       Willen zum Brückenbauer werden müssen.“
       
       Über einen anderen prominenten Abgang aus dem Hause Springer spricht
       Poschardt schon im Dezember – vom Ferrari-Ledersitz aus. Es ist der Abend
       nach dem taz-Interview im Springer-Haus, Poschardt dreht eine
       Feierabendrunde auf der Autobahn in seinem Ferrari 430 Scuderia, einem von
       vier schwarzen Sportwagen der italienischen Luxusmarke in seinem Besitz.
       
       Mehr als vier Jahre nach dem Rauswurf von Bild-Chefredakteur Julian
       Reichelt aufgrund einer MeToo-Affäre scheint Poschardt fast Mitleid mit
       seinem früheren Kollegen zu haben.
       
       „Ich finde es bemerkenswert, dass er als totaler Outlaw gilt“, sagt
       Poschardt. Er würde Reichelt gerne in mehr öffentlich-rechtlichen Talkshows
       sehen, „um den Diskurs breiter zu machen“. Und er findet, dass die ARD auch
       in dieselbe Richtung wie Nius recherchieren solle, das rechtspopulistische
       Hetzportal, an dessen Spitze Reichelt steht. Dieses sei nicht tendenziöser
       als der Deutschlandfunk, sagt Poschardt.
       
       Auch er selbst inszeniert sich ja als Outlaw des medialen Establishments.
       Geht es dabei noch um Springer oder nur noch um die eigene Marke? „Ich
       spiele für die Mannschaft“, sagt Poschardt. „Sagen Sie mir ein politisches
       Sachbuch, das in den Bestsellerlisten der letzten Jahre war, das so eng an
       den fünf Essentials von Axel Springer ist, und zwar an jedem einzelnen.“
       
       Diese sogenannten Essentials – ein Bekenntnis zu Demokratie, Israels
       Existenzrecht, transatlantischen Beziehungen und sozialer Marktwirtschaft
       sowie eine Ablehnung jedes Extremismus – sind Leitplanken, zu denen sich
       alle Springer-Mitarbeiter*innen bekennen müssen. Eigentlich.
       
       „Shitbürgertum“ sei erst der Anfang, sagt Poschardt im rasenden Sportauto,
       das Buch sei Teil einer Trilogie. Der zweite Band soll „Bückbürgertum“
       heißen und im Juni erscheinen, 200 Seiten habe er schon geschrieben. Der
       dritte: „Fightbürgertum“. Er habe außerdem schon ein Buch über Enzo Ferrari
       angefangen. „Ich habe mehrere Berge von Papier zu Hause rumfliegen.“
       
       Ob er mit „Shitbürgertum“ nicht schon alles gesagt habe? „Nö“, sagt er –
       der Rest des Satzes geht im Motorgebrüll unter, als er demonstrativ auf das
       Gaspedal tritt. „Es geht darum: Wer hat dem Shitbürgertum das Land
       überlassen?“, schreit er, um gehört zu werden. „Die Bückbürger!“
       
       Der Ferrari schießt über die Autobahn. Auf dem Tacho stehen inzwischen 200
       km/h, Scheinwerfer rasen vorbei. Poschardt fährt wie ein überambitionierter
       Rennfahrer, findet jede Lücke, gibt Vollgas, bremst hart. Er grinst, wirkt
       glücklich. „Ich fahre jetzt für Sie ganz zivil“, sagt er. Und spottet
       gleich hinterher über „Lastenfahrrad-taz-Freund*innen“.
       
       Hatte er schon Unfälle?
       
       „Ja“.
       
       Viele?
       
       „Kind of, aber seit Langem nicht mehr.“
       
       Dann sagt er: „Ich weiß auch, dass es Kollegen gibt, die wirklich fremdeln
       mit dem, was ich mache.“
       
       Als der schwarze Ferrari Scuderia wieder das ruhige Villenviertel am Rande
       Berlins erreicht, in dem Poschardt wohnt, wird er nachdenklich. „Ich war
       bei Makkabi der schlechteste Fußballer und im Nachtleben wahrscheinlich der
       unbegabteste DJ. Ich kann eigentlich nichts“, sagt er. „Nur schreiben und
       Auto fahren.“ Was er heute Abend vorhat? „Weiterschreiben.“
       
       1 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://x.com/KeilaniFatina/status/1998626882267525342?s=20
 (DIR) [2] https://www.sueddeutsche.de/medien/robin-alexander-abgang-welt-burgard-afd-musk-springer-li.3294258?reduced=true
 (DIR) [3] https://www.nytimes.com/2026/01/18/business/media/axel-springer-editor-welt.html
 (DIR) [4] https://www.spiegel.de/kultur/philipp-burgard-warum-musste-der-welt-chefredakteur-gehen-a-8aa9fc6b-17c5-420a-a18c-d29fb6746f70
 (DIR) [5] https://correctiv.org/aktuelles/medien/2026/01/19/eine-firmen-weihnachtsfeier-und-der-abgang-eines-chefredakteurs/
       
       ## AUTOREN
       
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 (DIR) Von der ARD zu Axel Springer: „Tagesthemen“-Chef Helge Fuhst wechselt zur „Welt“
       
       Erst vor Kurzem ist bekannt geworden, dass der Leiter der
       „Tagesthemen“-Redaktion, Helge Fuhst, die ARD verlässt. Nun ist klar, wohin
       es ihn zieht.
       
 (DIR) Kunstaktion gegen Springer-Gruppe: 24 auf einen Streich
       
       Aktivist:innen überkleben Bildschirme des BVG als Statement gegen
       rechte Hetze. Die taz begleitet sie beim Reigen durch das Berliner
       U-Bahn-Netz.
       
 (DIR) Linksliberalismus-Kritik in der „Welt“: Das falsche Feindbild
       
       Der Journalist Marc Felix Serrao behauptet in der „Welt“, der
       Linksliberalismus würde den Westen destabilisieren. Trump sei nur eine
       Abwehrreaktion dagegen.