# taz.de -- Springers Welt: Mit Vollgas gegen die Brandmauer
> Springer macht Schlagzeilen – und nicht alle sind gut für den Verlag. Ein
> Treffen mit Ulf Poschardt, seit einem Jahr Herausgeber der
> „Premiummarke“.
(IMG) Bild: Ulf Poschardt in einem seiner Sportwagen in Berlin, am 28. Januar 2026
Vor dem Axel-Springer-Neubau in Berlin-Mitte, einem modernen Glaswürfel mit
diagonalem Einschnitt, weht die Israelfahne an diesem frischen
Dezembernachmittag nicht mehr. Im Sommer hatten Palästina-Protestler
versucht, sie zu entwenden. Vergeblich. Sicherheitskräfte des
Medienkonzerns verhinderten die Aktion.
Ob der Flaggenraub inzwischen gelungen sei? „Nein, das überlebt niemand“,
sagt, ohne zu zögern, Ulf Poschardt auf dem Weg zu seinem Büro im fünften
Stock des Gebäudes. „Also im übertragenen Sinne“, schiebt er ein paar
Sekunden später nach. Die blau-weiße Fahne mit Davidstern, die immer wieder
vor dem Springer-Sitz gehisst wird, sei nach der Freilassung der
israelischen Geiseln und dem Waffenstillstand in Gaza im Oktober eingeholt
worden, erklärt er. „Es gibt keine Fahne, die mir so viel bedeutet wie die
israelische in Berlin.“
Für Ulf Poschardt selbst scheint es aber keinen Waffenstillstand zu geben.
Er, Jahrgang 1967, wähnt sich im Krieg gegen die vermeintlichen und
tatsächlichen Feinde des Westens im Allgemeinen und des jüdischen Staats im
Besonderen. Gegen einen aus seiner Sicht übergriffigen, überregulierenden
Staat, der hierzulande den Bürgern die Freiheit raube.
Selbst Poschardts unaufgeräumter Schreibtisch wirkt wie ein ideologisches
Miniaturschlachtfeld. Darauf stehen ein Modell des World Trade Centers aus
Messing, ein Armee-Patch mit den Lettern „Poschardt“, ein ukrainischer
Orden, Davidstern-Manschettenknöpfe des jüdischen Sportvereins Makkabi und
eine knallgelbe „Shitbürgertum“-Tasse – voller Bonbonpapiere. Monitor oder
Tastatur: keine. Nur ein MacBook, in das er dann mit Furor den nächsten
Leitartikel tippt.
## Er sucht gern Provokation
Insgesamt drei Stunden spricht die taz mit Ulf Poschardt, einem höflichen,
neugierigen Gegenüber mit Hang zu steilen Thesen. Einem Mann, der keinen
Hehl aus seiner linken Sozialisierung macht, um heute einen libertären
Kulturkampf zu führen. Und der dabei genau zu verstehen scheint, wie sowohl
seine treuen Fans als auch seine vielen Gegner ticken.
Poschardt sucht gern die Provokation und findet leicht Provozierbare. Er
gendert im Gespräch mit der taz durchgehend mit theatralischen
Glottisschlag-Pausen, die er „dadaistisch“ nennt. Er lobt die
Klimaaktivistin Luisa Neubauer, weil sie „den Wahrnehmungs- und
Meinungsmarkt besser verstanden hat als wir hier“. Denn das „Shitbürgertum“
habe ja den Kulturkampf gewonnen. Die taz lese er gern, sagt Poschardt.
Als er im Februar vergangenen Jahres bei der rechtspopulistischen Schweizer
Weltwoche zu Gast war, klang das noch weniger differenziert: Die Omas gegen
Rechts seien „weiße Biokartoffeln“. Nichts sei „nationalbefreitere Zone“
als eine Fahrraddemo. Und der öffentlich-rechtliche Rundfunk eine
„rot-grüne Propagandamaschine“.
## Wie viel ist dabei Performance – und wie viel ist Poschardt?
„Der Westen ist eigentlich das, was mir am meisten als Ideenlandschaft
verteidigenswert erscheint“, sagt Poschardt, auf einem Vitra-Stuhl in
seinem Büro sitzend. „Und das Judentum steht als Chiffre für all die
Sachen, die ich geil finde: Hedonismus, Schönheit, Avantgarde. Wenn das
jemand angreift, dann ist er mein Feind.“ Ob das nicht eine philosemitische
Projektion sei? – „Philosemitismus ist so ein Unwort.“
Poschardt pflegt ein Image als Bad Boy der Publizistik. Sein
„Shitbürgertum“, 176 Seiten, brachte er zunächst selbst über Amazon heraus,
weil der zu Klampen! Verlag die geplante Veröffentlichung gestoppt hatte –
der Band war dem Verlagshaus am Ende zu polemisch.
Für das Buch erwies sich diese Entscheidung als PR-Geschenk, als hätte das
„Shitbürgertum“ selbst Poschardts Abrechnung zu zensieren versucht.
40.000-mal hat sich allein schon die Erstausgabe verkauft, bevor es der
Westend Verlag ins Programm nahm – ein eher linker „Alternativverlag“, der
mit einer Nähe zu Querdenkern und Verschwörungsfans auffällt. Seitdem tourt
Poschardt mit seiner Streitschrift durch die Bundesrepublik und das
Internet. Inzwischen sei es 120.000-mal verkauft worden, sagt er.
„Shitbürgertum“ wirkt vor allem wie ein endgültiger Abschiedsbrief an ein
Milieu, aus dem Poschardt selbst stammt. Punkiger als die Rio Reisers
dieser Welt sind für ihn heute die Mileis und die Musks. Trotzdem steht auf
der Rückseite des Buchs die Ton-Steine-Scherben-Zeile „Macht kaputt, was
euch kaputt macht“.
Poschardt warnt in seiner Polemik vor einer regressiven Gesinnungspolitik,
die ideologische Konformität verlange. Er plädiert für weniger Staat und
vor allem weniger „Staatsliebe“, für mehr Marktwirtschaft und radikalen
Individualismus. Eine Ablehnung des Liberalismus und eine Neigung zu
Autoritarismus vereine die Linke und Rechte, schreibt er.
## Was Menschen über ihn sagen
Über diese Kernthesen des Buchs könnte man streiten. Eine messerscharfe
Analyse aber bieten sie nicht, denn Poschardt setzt gleich die Kettensäge
an; er will eine politische Krankheit diagnostiziert haben und befürwortet
die sofortige Vollamputation.
Manche Thesen hätten genauso gut von rechts außen kommen können. Etwa wenn
er schreibt, die Brandmauer zur rechtsextremen AfD sei ein „Strick“ des
„Shitbürgertums“ um den Hals der CDU, „mit dem ein politisch abgewähltes
Milieu die letzten bürgerlichen Kräfte höhnisch durch die politische Manege
zieht“.
Poschardt ist ein Mann, der sich ausführlich und intensiv mit dem
beschäftigt, was Menschen über ihn sagen. Er zählt unaufgefordert alle
Porträts und Rezensionen auf, die er für gelungen oder verfehlt hält. „Die
besten Besprechungen kamen von links“, sagt er und erwähnt eine Rezension
in der Jungle World. Ein Spiegel-Porträt von sich nennt er „beschissen“.
Doch Poschardt kann auch lachen über sich selbst. Er lobt Jan Böhmermanns
Satirefigur seines unehelichen Neffen „Alexander Poschardt“ im „ZDF Magazin
Royale“: „Super gemacht.“ Poschardt hat den Clip selbst mit seinen 110.000
Followern auf Instagram geteilt. Anfang Dezember war er wieder in Micky
Beisenherz’ Podcast zu Gast. In den sozialen Medien gab es eine Mischung
aus Lob und Ekel für den Auftritt. Poschardt antwortete auf jeden einzelnen
Kommentar, auch die negativen; weniger aus Dünnhäutigkeit als aus
Trolllust.
## Schadet Poschardt der „Welt“, oder nutzt er ihr?
Ende November kündigte Poschardt in einem Instagram-Video, gefilmt in
seinem Büro, ein „Denunziationsportal“ an, um Buchhändler*innen zu
verpetzen, die von seinem Buch abraten oder es im Laden verstecken. 20.000
Likes hat der Clip. „Wenn man da die Ironie nicht kapiert, dann weiß ich es
auch nicht mehr“, sagt er, darauf angesprochen, und schüttelt den Kopf.
Doch viele seiner Fans scheinen die Aufforderungen durchaus ernst zu
nehmen.
Das ist der eine Poschardt – der Bestsellerautor, Onlinetroll und
Politfluencer.
Der andere Poschardt zählt zumindest auf dem Papier zu den mächtigsten
Medienmännern der Bundesrepublik. Acht Jahre lang war Poschardt
Chefredakteur der Welt-Gruppe, seit genau einem Jahr ist er Herausgeber
einer neuen „Premiummarke“ der Axel Springer SE, zu der neben Welt auch
Politico Deutschland und Business Insider Deutschland gehören.
Es gibt Spekulationen, dass Poschardt damit wegbefördert worden sein könnte
– mit einem glänzenden Titel, dafür aber weniger publizistischer und
personeller Macht.
Ein Mitarbeiter sagt der taz, er habe der Welt enorm geschadet. Eine zweite
Person, die mehrere Jahre mit Poschardt zusammengearbeitet hat, sagt: „Wir
sehen Ulf bei einer Radikalisierung zu, er wird immer extremer und fühlt
sich so bedroht.“ Ein inzwischen ehemaliger Mitarbeiter erzählt: „Er wirkte
schon als Chefredakteur eher wie ein Herausgeber, war aber bei den teils
kontroversen Morgenkonferenzen durchaus präsent und gab eine Linie vor.“
Vielleicht habe der Verlag jetzt jemanden gebraucht, der „nicht nur edgy
Kommentare schreibt“, spekuliert er.
Poschardt selbst sagt, er habe den Job als Chefredakteur länger gemacht als
jeder andere vor ihm und sei stolz, die Zeitung „von einem defizitären
Betrieb hin zu einem Schwarze-Null-Betrieb“ entwickelt zu haben.
Die digitale Strategie des Verlags, der früh in seinen Onlineauftritt
investierte, scheint aufgegangen zu sein. Die Zahl der Printabos sinkt wie
branchenüblich, dafür steigt jene der Welt-E-Paper-Abos stark. Bei der Welt
am Sonntag gibt es inzwischen mehr E-Paper- als Printabos: 72.000 zu
56.000. Hinzu kommen mittlerweile mehr als 225.000 digitale Weltplus-Abos.
## Medienwirksame Gesichter für die Außendarstellung
Zur Strategie gehören auch medienwirksame Gesichter, die die
Springer-Marken nach außen vertreten. Im März 2025 kündigte der Verlag ein
neues globales Reporternetzwerk an, mitaufgebaut von Poschardt, geleitet
von Tim Röhn. Bild-Veteran Paul Ronzheimer sollte zum Netzwerk gehören,
ebenso Hauptstadtkenner Robin Alexander, Ex-„Tagesschau“-Sprecher
Constantin Schreiber, die somalisch-niederländische Autorin Ayaan Hirsi Ali
sowie der New-York-Times-Meinungsautor James Kirchick. Ein weiteres,
prominentes Gesicht des Verlags ist zweifelsohne Poschardts eigenes.
Mit der wirtschaftlichen Entwicklung zeigt sich der Herausgeber zufrieden.
„Es war ein sehr erfolgreiches Jahr.“ Sein Nachfolger, Welt-Chefredakteur
Jan Philipp Burgard, mache einen „Granatenjob“, sagt Poschardt noch beim
Gespräch im Dezember.
Worin Poschardts Aufgabe im Verlag genau besteht, bleibt auch nach einem
Jahr diffus. „Das Geile an dem Job des Herausgebers ist, jeder spielt die
Rolle anders“, sagt Poschardt auf Nachfrage. Er sei auch nie ein typischer
Chefredakteur gewesen, eher die „Nachkriegsrandalegeneration“, die „den
Chefredakteur militärisch als Avantgarde verortet und sich freut, wenn ein
paar hinterherlaufen und mitkämpfen“.
Und als Herausgeber? „Ich bin ja irgendwie so ein geländegängiges,
fränkisches Mäuschen“, sagt der gebürtige Nürnberger. „Man kann mich auf
Podien schicken, man kann mich zu Anzeigenkunden schicken, man kann mich
mit dem Betriebsrat reden lassen, und ich repräsentiere die Marke nach
außen.“ Er versuche, „der nahbarste Herausgeber ever“ zu sein. „Ich laufe
durch die Redaktion und spreche mit allen.“ Kolleg*innen bietet er bei
einer Begehung mit der taz buddymäßig die Faust zur Begrüßung.
Vor allem aber hat Poschardt jetzt Zeit zum Schreiben. 60 PS-starke
Meinungsbeiträge hat Poschardt für die Welt verfasst, seit er Herausgeber
ist. Etwa jenen darüber, dass die Brandmauer gegen die AfD vor allem dem
strategischen Machterhalt des rot-grünen Milieus diene. Oder darüber, dass
antisemitische Ressentiments bei der Linkspartei noch aggressiver als bei
der AfD vorkämen. Oder dass die FDP die „rationalste Partei der Gegenwart“
sei. Wenig später erklärte er die liberale „Ampelpartei“ für „tot“. Die
Marke Poschardt – mit solchen Beiträgen zahlt sie sich für den Verlag wohl
aus.
## Immer weniger Gegenwind
Das Meinungsressort der Welt, für das Poschardt oft schreibt, wurde 2025
offiziell in „Meinungsfreiheit“ umbenannt, nun geleitet vom
„Chefkommentator“ Andreas Rosenfelder. Sind solche neuen Titel nicht etwas
albern? „Ich finde es total richtig“, sagt Poschardt. „Es macht deutlich,
dass wir eine Zeit erleben, in der immer wieder versucht wird, den Raum des
Sagbaren einzuengen – und das halte ich für höchst problematisch.“
Polarisierende bis polemische Kommentare wie die Poschardts dürften viel
angeklickt werden, die Zahl der Onlineabos dürften sie noch gesteigert
haben. Hört man sich in der Redaktion um, scheint die Frustration über
diesen Kurs aber zu wachsen. Eine Person sagt: „Es gibt immer weniger
Gegenwind.“
Im November 2025 lobte Poschardt in einem Kommentar den ehemaligen Neonazi,
neurechten Ideologen und AfD-Bundestagsmitarbeiter Benedikt Kaiser mehrfach
als „clever“, „kühl“ und „nüchtern“. Eine gezielte Provokation? Poschardt
sagt, dass Kaiser ihn und sein Buch „Shitbürgertum“ wegen der Liebe zu
Israel und den USA ablehne.
Kurz vor der Bundestagswahl, vor Poschardts Wechsel vom Chefredakteur zum
Herausgeber, erschien im Dezember 2024 in der Welt am Sonntag ein
Gastkommentar von Elon Musk, in dem er unverhohlen Wahlwerbung für die
rechtsextreme AfD machen durfte: eine Partei, die der reichste Mann der
Welt als „letzten Funken Hoffnung“ für Deutschland bezeichnete.
Wer den Gastbeitrag eingefädelt hat – darüber gibt es widersprüchliche
Aussagen. Ob Poschardt selbst den Musk-Beitrag durchgeboxt habe, gegen den
Willen der Redaktion? „Ich musste gar nichts durchboxen, sondern wir haben
uns einfach gemeinsam entschieden, dass es ein Interesse daran gibt, so was
zu lesen.“ Welt-Mitarbeiter*innen, mit denen die taz gesprochen hat,
bestreiten das. Die interne Stimmung sei danach „unfassbar schlecht“
gewesen, sagt eine Mitarbeiterin und spricht von einem „Tabubruch“.
Auf den Musk-Beitrag folgten einige Abgänge im Haus. Sie zeigen ein Muster.
Meinungschefin Eva Marie Kogel kündigte schon am Erscheinungstag aus
Protest. Der Investigativreporter Hans-Martin Tillack schmiss ebenfalls
hin. Auch der politische Korrespondent Jörg Wimalasena sowie der
Investigativreporter Ulrich Kraetzer verließen seitdem die Zeitung. Im Juni
2025 gab Jennifer Wilton, seit fast 20 Jahren bei Springer und seit 2022
Chefredakteurin der Welt, aus unbekannten Gründen überraschend ihren
Rücktritt bekannt. Sie war zu diesem Zeitpunkt die einzige Frau in der
Chefetage.
Ein Jahr später scheint Poschardt die Sprengkraft des Musk-Beitrags immer
noch nicht ganz bewusst zu sein. Oder vielleicht sind ihm die Folgen
schlicht egal. „Ich würde es heute genauso machen. Und wenn jetzt Elon Musk
mich morgen anruft und sagt, ich halte Annalena Baerbock für die beste
Politikerin Europas, kann ich darüber schreiben? Dann würde ich sagen:
Klar, gern.“
Der Musk-Beitrag ist nur ein Beispiel für einen Trend. Manche
Welt-Redakteur*innen rütteln mittlerweile kräftig an der [1][Brandmauer
nach rechts außen]. Ein Feuilletonredakteur fand neulich freundliche Worte
für eine AfD-nahe Buchmesse in Halle, auf der rechtsextreme Verlage wie
Antaios, Jungeuropa und Compact vertreten waren. Erst kürzlich soll die
Redaktion einen geplanten [2][Gastbeitrag des AfD-Ehrenvorsitzenden
Alexander Gauland] verhindert haben. Den Text, in dem Gauland keine
rechtsextreme Radikalisierung seiner Partei sehen will und die Brandmauer
kritisiert, druckte am Ende die Berliner Zeitung.
## Robin Alexander will nicht mehr mitmachen
Sieht Poschardt den Rechtsruck bei der Welt? „Das ist eine Frage des
Standpunkts“, antwortet er. „Das einzig relevante kritische Buch über die
AfD in diesem Jahr kommt von einem Kollegen von uns.“ Damit meint er
Frederik Schindlers Spiegel-Bestseller „Höcke“. Poschardt nennt außerdem
seine Kollegen Deniz Yücel und Robin Alexander, wie Schindler sind auch sie
ehemalige taz-Redakteure und dienen Poschardt als Belege dafür, dass das
mit dem Rechtsruck nicht stimme – die beiden habe er zu Springer geholt,
sagt er.
Doch bilden solche Stimmen nicht eher die Minderheit bei Springer? „Nö, ich
bin die Minderheit“, erwidert Poschardt.
Zwei Wochen nachdem Poschardt diesen Satz sagt, gibt auch Robin Alexander,
stellvertretender Chefredakteur der Welt, seinen Rücktritt bekannt. Die
Diskussion über den Gauland-Beitrag soll für die Entscheidung
ausschlaggebend gewesen sein.
Einen Monat später, Mitte Januar, kommt der nächste Paukenschlag im Haus:
Jan Philipp Burgard, Poschardts Nachfolger, legt ebenso überraschend sein
Amt nieder – „aus gesundheitlichen Gründen“, vermeldet der Verlag in einer
äußerst knappen Abschiedserklärung.
[3][Mehrere] [4][Medien] [5][berichten] jedoch vom angeblich
„unangemessenen Verhalten“ Burgards gegenüber Mitarbeiterinnen auf der
Weihnachtsfeier. Bei einer internen Befragung soll er sich nicht mehr daran
erinnert haben, was genau passiert sei. Burgards Anwälte weisen die
Vorwürfe auf taz-Nachfrage zurück, der Rücktritt sei allein aus
medizinischen Gründen erfolgt. Ein Springer-Sprecher sagt, dem Unternehmen
lägen keinerlei Beschwerden wegen Belästigung oder eines übergriffigen
Verhaltens gegen Burgard vor.
Unstrittig ist: Poschardts Nachfolger war erst ein Jahr im Amt und
hinterlässt einen Scherbenhaufen. Der bisherige „Tagesthemen“-Chef Helge
Fuhst soll den Posten jetzt übernehmen.
Poschardt will Burgards Rücktritt nicht direkt kommentieren. Was er aber
per E-Mail dazu schreibt: „Wenn wir weiterhin so aufeinander losgehen, geht
das Land vollends kaputt, und das sage ich als jemand, der vor Polemik
wahrlich nicht zurückschreckt. Wenn es so weitergeht, werde ich wider
Willen zum Brückenbauer werden müssen.“
Über einen anderen prominenten Abgang aus dem Hause Springer spricht
Poschardt schon im Dezember – vom Ferrari-Ledersitz aus. Es ist der Abend
nach dem taz-Interview im Springer-Haus, Poschardt dreht eine
Feierabendrunde auf der Autobahn in seinem Ferrari 430 Scuderia, einem von
vier schwarzen Sportwagen der italienischen Luxusmarke in seinem Besitz.
Mehr als vier Jahre nach dem Rauswurf von Bild-Chefredakteur Julian
Reichelt aufgrund einer MeToo-Affäre scheint Poschardt fast Mitleid mit
seinem früheren Kollegen zu haben.
„Ich finde es bemerkenswert, dass er als totaler Outlaw gilt“, sagt
Poschardt. Er würde Reichelt gerne in mehr öffentlich-rechtlichen Talkshows
sehen, „um den Diskurs breiter zu machen“. Und er findet, dass die ARD auch
in dieselbe Richtung wie Nius recherchieren solle, das rechtspopulistische
Hetzportal, an dessen Spitze Reichelt steht. Dieses sei nicht tendenziöser
als der Deutschlandfunk, sagt Poschardt.
Auch er selbst inszeniert sich ja als Outlaw des medialen Establishments.
Geht es dabei noch um Springer oder nur noch um die eigene Marke? „Ich
spiele für die Mannschaft“, sagt Poschardt. „Sagen Sie mir ein politisches
Sachbuch, das in den Bestsellerlisten der letzten Jahre war, das so eng an
den fünf Essentials von Axel Springer ist, und zwar an jedem einzelnen.“
Diese sogenannten Essentials – ein Bekenntnis zu Demokratie, Israels
Existenzrecht, transatlantischen Beziehungen und sozialer Marktwirtschaft
sowie eine Ablehnung jedes Extremismus – sind Leitplanken, zu denen sich
alle Springer-Mitarbeiter*innen bekennen müssen. Eigentlich.
„Shitbürgertum“ sei erst der Anfang, sagt Poschardt im rasenden Sportauto,
das Buch sei Teil einer Trilogie. Der zweite Band soll „Bückbürgertum“
heißen und im Juni erscheinen, 200 Seiten habe er schon geschrieben. Der
dritte: „Fightbürgertum“. Er habe außerdem schon ein Buch über Enzo Ferrari
angefangen. „Ich habe mehrere Berge von Papier zu Hause rumfliegen.“
Ob er mit „Shitbürgertum“ nicht schon alles gesagt habe? „Nö“, sagt er –
der Rest des Satzes geht im Motorgebrüll unter, als er demonstrativ auf das
Gaspedal tritt. „Es geht darum: Wer hat dem Shitbürgertum das Land
überlassen?“, schreit er, um gehört zu werden. „Die Bückbürger!“
Der Ferrari schießt über die Autobahn. Auf dem Tacho stehen inzwischen 200
km/h, Scheinwerfer rasen vorbei. Poschardt fährt wie ein überambitionierter
Rennfahrer, findet jede Lücke, gibt Vollgas, bremst hart. Er grinst, wirkt
glücklich. „Ich fahre jetzt für Sie ganz zivil“, sagt er. Und spottet
gleich hinterher über „Lastenfahrrad-taz-Freund*innen“.
Hatte er schon Unfälle?
„Ja“.
Viele?
„Kind of, aber seit Langem nicht mehr.“
Dann sagt er: „Ich weiß auch, dass es Kollegen gibt, die wirklich fremdeln
mit dem, was ich mache.“
Als der schwarze Ferrari Scuderia wieder das ruhige Villenviertel am Rande
Berlins erreicht, in dem Poschardt wohnt, wird er nachdenklich. „Ich war
bei Makkabi der schlechteste Fußballer und im Nachtleben wahrscheinlich der
unbegabteste DJ. Ich kann eigentlich nichts“, sagt er. „Nur schreiben und
Auto fahren.“ Was er heute Abend vorhat? „Weiterschreiben.“
1 Feb 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://x.com/KeilaniFatina/status/1998626882267525342?s=20
(DIR) [2] https://www.sueddeutsche.de/medien/robin-alexander-abgang-welt-burgard-afd-musk-springer-li.3294258?reduced=true
(DIR) [3] https://www.nytimes.com/2026/01/18/business/media/axel-springer-editor-welt.html
(DIR) [4] https://www.spiegel.de/kultur/philipp-burgard-warum-musste-der-welt-chefredakteur-gehen-a-8aa9fc6b-17c5-420a-a18c-d29fb6746f70
(DIR) [5] https://correctiv.org/aktuelles/medien/2026/01/19/eine-firmen-weihnachtsfeier-und-der-abgang-eines-chefredakteurs/
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