# taz.de -- Kunstaktion gegen Springer-Gruppe: 24 auf einen Streich
> Aktivist:innen überkleben Bildschirme des BVG als Statement gegen
> rechte Hetze. Die taz begleitet sie beim Reigen durch das Berliner
> U-Bahn-Netz.
(IMG) Bild: Morgens um 6 Uhr in einer Berliner U-Bahn: Protestaktion gegen die Springer-Presse
Der U-Bahnhof Rathaus Neukölln ist leer, als sich um 6 Uhr morgens die
Gruppe trifft. Zusammen bringen die drei 100 Plakate mit der Aufschrift
„#Hetzefrei! Heute ist springerfreier Tag“ – im BVG-Design, gelber
Hintergrund, schwarze Schrift. Matthias, Janina und Jens (ihre Namen denken
sie sich eben mal aus) haben ein Ziel: die Infotainment-Bildschirme in den
U-Bahnwagen abzukleben. „Pünktlich zur Rushhour.“
Das Dreierteam in der U7 ist eines von zehn, die sich gleichzeitig in ganz
Berlin treffen. Kurz nach 6 Uhr steigen sie in die erste Bahn, die
angefahren kommt. Sie ist noch fast komplett leer. „Besser als ein Kaffee
am Morgen“, sagt Matthias vom „Springer raus“-Kollektiv.
Dieses tritt mit der Kampagne „Springer raus aus der BVG“ seit Monaten „im
öffentlichen und digitalen Raum für eine U-Bahn ohne rechte Hetze“ ein.
Denn im „Berliner Fenster“ in den Wagen der BVG laufen Schlagzeilen der
„kleinen Bild-Schwester“ B. Z. Die BVG solle aufhören, sich hinter
„undurchsichtigen Verträgen“ zu verstecken, „endlich Haltung zeigen“ und
das Senden von Inhalten der B. Z. stoppen. Eine entsprechende Petition
haben bereits mehr als 25.000 Berliner*innen unterschrieben.
Aufgefächert in Matthias’ linker Hand sind die bedruckten Plakate, mit
doppelseitigem Klebeband versehen, vorsorglich ist eine Ecke abgezogen. Mit
der anderen Hand zieht er die Kapuze hoch.
Sobald die Türen geschlossen sind, schwärmen die drei durch den Wagen und
überkleben die Bildschirme. „Immer die rechten“, dort, wo die Mc R&D GmbH
das Berliner Fenster unter anderem mit Nachrichten von Springer betreibt.
Laut Recherchen von „Springer raus“ [1][ist der Deal für die BVG ein
Minusgeschäft], in dem öffentliche Gelder verschwinden. „Werft Springer aus
dem Fenster“, fordert die Gruppe auf Instagram.
## Schneller als die BVG
„Ey mein Lieber, darf ich ein paar davon haben für meinen Laden?“, fragt
ein Passagier und weist auf die Plakate, als er versteht, was die Gruppe im
Wagen macht. Eine Station später steigen die drei wieder aus.
Ob sie geschnappt werden, ist für Janina eine „Effizienzgeschichte“: Sind
sie schneller, als die BVG auf die Aktion reagieren kann? Der nächste
Wagen, der aus der Gegenrichtung kommt, ist bereits beklebt.
Nach ein paar Stopps am U-Bahnhof Mehringdamm wechselt die Gruppe in die
Linie 6. Bei jedem Halt hoffen die drei, dass es eine Bahn neueren Typs
ist, die über die ganze Länge begehbar ist. Denn das wären 24 „Berliner
Fenster“ auf einen Streich. Unter ihren Plakaten verschwinden ein
B.-Z.-Beitrag über Fußball, die Quizfrage und auch ein Mark-Twain-Zitat.
„Schade, ich war gerade am Lesen“, kommentiert jemand. Eine Passagierin
fragt irritiert: „Dürft ihr das überhaupt?“ Das sei eine Kunstaktion,
erklärt die Gruppe. „Ach so, na dann.“
Während wir auf die nächste Bahn warten, erläutert Matthias: „Gegen
Springer zu demonstrieren hat in Berlin Tradition.“ Zuletzt etwa, [2][als
Die Welt mit dem rechtsextremen Elon Musk gemeinsame Sache machte]. Bis im
Oktober 2025 war neben der B. Z. auch das Springer-Blatt Die Welt im
Programm des Berliner Fensters, bis [3][die Betreiberin diese mit dem
Tagesspiegel ersetzte.]
Mittlerweile ist fast eine Stunde vergangen, am U-Bahnhof Unter den Linden
füllen sich die Züge stetig. Viele schmunzeln beim Anblick der
Anti-Springer-Plakate. „Da ist eine Neue!“, ruft jemand und die drei
verteilen sich routiniert auf der Länge des Bahnsteigs. Doch im Wagen ist
Security-Personal. „Hatte ich befürchtet, mehr Präsenz“, sagt Janina. Das
Team tauscht Nachrichten mit den anderen Gruppen aus. „Es scheint alles
reibungslos zu laufen.“
„Springer raus“ hat die Klebe-Aktion einen Monat vorbereitet. „Orga-Kram,
Sticker drucken, Leute finden. Die rund 1.000 Sticker mit Klebeband zu
befestigen, war ein riesengroßer Aufwand.“ Auch, weil sie darauf achten,
nichts zu beschädigen, erklärt Jens. „Alles sollte rückstandslos entfernbar
sein. Wir nageln die Dinger ja nicht an.“
Warum sie das machen? „Ich bin seit Jahren genervte Nutzerin des ÖPNV“,
sagt Janina. Matthias fügt an: „Anti-Migration, Hetze, das Framing
Klimaaktivismus – generell wird in jede Richtung geschossen.“ Der Gruppe
geht es bei der Forderung nach einem Programmwechsel um das Einhalten
journalistischer Standards beim Informieren der Öffentlichkeit. Kurz:
„Öffentlich-rechtliche in die Öffis.“
Die U-Bahnen sind nun randvoll, durchzukommen wird immer schwieriger.
Matthias, Janina und Jens zählen die übrigen Plakate und entscheiden,
zurück zur U-Station Rathaus Neukölln zu fahren. Und danach? „Gehen wir
arbeiten“, im Büro in Mitte.
Als wir wieder am Ausgangspunkt ankommen, heftet die Gruppe noch die
letzten Hetzefrei-Plakate über die Bildschirme. Nach eineinhalb Stunden
verlassen sie zum ersten Mal wieder den Untergrund. Es ist noch immer
dunkel, Neuköllns Geschäfte sind geschlossen. Sie rufen sich zu: „Komm gut
zur Arbeit – endlich springerfrei!“
13 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.instagram.com/p/DSF9nPFDLkC/?img_index=1
(DIR) [2] /Gastbeitrag-in-der-Welt-am-Sonntag/!6055663
(DIR) [3] /Berliner-U-Bahn-Fernsehen/!6116088
## AUTOREN
(DIR) Nathan Pulver
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