# taz.de -- Angsttheater nach Kafka: Man belauert sich unter Honigwolken
> Ästhetisch bezaubernde sozialpsychologische Lehrstunde mit Humor: Rebecca
> David inszeniert „Zeit für Monster“ am Theater Braunschweig.
(IMG) Bild: Die Festung perfektionieren: Die Gruppe werkelt im selbst gewählten goldenen Luxusgefängnis
Angst ist ein prima Gefühl. Nähert sich ein fleischfressendes Raubtier mit
mörderischem Hunger oder ein bewaffneter Dschihadist mit mörderischem Hass,
mobilisiert die Angst durch Stresshormonausschüttung die Kräfte zu Abwehr
oder Flucht. Sie schärft die Sinne, sorgt für besorgte Erregtheit, auf dass
wir keine unverantwortlichen Risiken eingehen. Ohne Angst wäre der Mensch
längst ausgestorben.
Bleibt die Angst aber, obwohl sich reale Gefahr oder akute Bedrohung
verflüchtigt haben, wird es ungemütlich fürs werte Befinden – [1][und
gefährlich für die Gesellschaft]. Darauf verweist Franz Kafka in seiner
Parabel [2][„Der Bau“ (1923/24)]. Und das verdeutlicht nun auch
[3][Regisseurin Rebekka David] mit der Inszenierung des Stoffes am
Staatstheater Braunschweig: „Zeit für Monster“.
In der Vorlage hat sich ein Tier im Ausnahmezustand unablässiger
Was-wäre-wenn-Erwägungen verfangen: Ständig und überall sieht es Gefahren
lauern und reagiert mit dem Rückzug in ein unterirdisches Labyrinth.
Isolation vor der unsicheren Außenwelt ist die bestmögliche Illusion von
Sicherheit – auf Kosten der Freiheit.
## Eingebunkert im Luxus
In der Braunschweiger Fassung ist es eine sektiererische Wohngemeinschaft,
die sich derart eingebunkert hat. Ihr selbst gewähltes Luxusgefängnis wirkt
unter triefenden Honigwolken wie ein Mix aus Wabe und Goldsafe (Bühne: Jana
Wassong).
[4][In diesem Glanz von Reichtum] werkelt das sechsköpfige Ensemble in
Imkerkostümen an der Perfektionierung der Festung, um jedwede
Wohlstandsminderung zu verhindern, den „täglichen Vernichtungskampf“ auf
Erden zu vergessen sowie die Bedrohungen einer unbestimmten Zukunft zu
antizipieren. In der Überlebens-Logistik ihrer Preppermentalität hat das
Sextett [5][ausreichend Nahrung für ein halbes Jahr eingelagert], nascht
allerdings auch gern mal vorüberhuschende Mäuse.
Kafka-Zitate und Beiträge des Ensembles werden garniert mit
Alltagsweisheiten wie: „Wer Furcht hat, hat auch was zu verlieren“, und:
„Wer keine Angst hat, hat auch keine Fantasie“. Frieden und Stille seien
trügerisch, heißt es. Was die Gruppe zusammenhält, ist eben die wachsende
Angst vor allem, was kreucht und fleucht oder auch einfach nur herumsteht.
## Jeder Luftzug beunruhigt
Reichlich Situationen, Objekte, Lebewesen dienen zu undramatischem
Gedankenaustausch. Geht es ums Telefonieren, steigt der Angstpegel nur bei
einem Bewohner, beim Stichwort Schlange dagegen zucken alle zusammen. Jedes
Geräusch, jeder Luftzug beunruhigt. Ein erlauschtes Zischen wird schnell
als das nahende Fremde interpretiert und löst geradezu Panik aus. Sofort
ist eine Widerstandsfront aufgebaut, bewaffnet mit Insektenspray,
Fleischklopfer und Mausefalle. Ja, eingebildete Angst kann sehr komisch
sein.
Zudem erscheint vieles aufs Verflixteste ambivalent. Der Angst, doch mal
rauszugehen in die Welt, steht jene gegenüber, allein zu bleiben im Bau.
Jede seiner Öffnungen wird als Fluchtweg wahrgenommen. Das entspannt. Bloß
ist jede halt auch als Möglichkeit kenntlich, einzudringen, und das sorgt
für die zittrige Anspannung einer gnadenlosen Vorsicht.
[6][Konkret haben alle Angst vor „Eindringlingen“], die einen „verderben“
könnten, was geradezu Mordlust weckt. Zu den wirklichen und fantasierten
äußeren Feinden kommen Vermutungen über weitere im Bauinneren. Ein
Daseinsgefühl des Ausgeliefertseins an allgegenwärtige Kräfte und Mächte
breitet sich aus.
Aus gegenseitigem Vertrauen wird ein permanentes Belauern. Wobei einerseits
die Furcht wächst, nicht akzeptiert und selbst ausgeschlossen zu werden.
Andererseits wird der Ruf nach totaler Kontrolle laut und lauter.
Anpassungszwang trifft auf Ausgrenzungswahn, wird zu Paranoia. Die
Bereitschaft wächst, sich [7][strengeren Gesetzen und autoritären
Anführern] unterzuordnen, und schon hitlert jemand los.
Ängste sind der Humus des Totalitarismus. Es entwickelt sich eine
sozialpsychologische Lehrstunde, aber eben nicht akademisch, sondern
ästhetisch bezaubernd, textlich vielschichtig und schauspielerisch mit
satirisch keckem Humor. Ein schlaues Vergnügen.
15 Apr 2026
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