# taz.de -- Linksliberalismus-Kritik in der „Welt“: Das falsche Feindbild
       
       > Der Journalist Marc Felix Serrao behauptet in der „Welt“, der
       > Linksliberalismus würde den Westen destabilisieren. Trump sei nur eine
       > Abwehrreaktion dagegen.
       
 (IMG) Bild: Linksliberal wird als Schimpfwort gebraucht. Dazu zählt alles, was nicht stockkonservativ oder rechts ist
       
       Was ist Linksliberalismus? Diese Frage stellt sich, wenn man Marc Felix
       Serrao liest. „Der Westen“, schreibt der Autor in der Welt, „wird nicht nur
       durch diktatorische Großmächte bedrängt, sondern auch von innen
       destabilisiert.“ Und weiter: Der „Linksliberalismus […] attackiert das
       Fundament der eigenen politischen Ordnung. Freiheit ist für ihn nicht das
       Ziel einer verantwortlichen Selbstbindung, sondern die radikale Loslösung
       von Tradition, Familie und Nation.“ Und als Pointe des Textes schreibt
       Serrao von „Exzessen des Linksliberalismus“ und bezeichnet Trump als
       „bislang deutlichste politische Abwehrreaktion“ dagegen.
       
       Kurz, dass „die Linken“, und zwar zusammen mit „den Woken“, selbst schuld
       seien am gegenwärtigen Autoritarismus und Backlash nach rechts – und eben
       nicht die Rechten selbst, die in dieser Lesart nur in einer Art Notwehr
       gegen eine angeblich übermächtige Linke agieren –, wurde zuletzt immer
       wieder mal behauptet. Serrao erweitert das jetzt auch zu Linksliberalen
       hin. Das aber ist nichts anderes als ein verschärfter Versuch, die
       gesellschaftlichen Errungenschaften der vergangenen sechzig Jahre
       zurückzudrehen und die Mitte so weit nach rechts zu verschieben, dass von
       ihr nichts mehr übrigbleibt.
       
       Schließlich: Willy Brandts Vorhaben [1][„mehr Demokratie wagen“] zu wollen
       – was ist das anderes als linksliberal? Die soziale Marktwirtschaft –
       mindestens sozialliberal. Die „Fundamentalliberalisierung“ (Habermas) der
       Bundesrepublik durch Frauenbewegung, Respekt vor Minderheiten und
       [2][allgemeine Emanzipationsbestrebungen] – als Verbindung von
       Sozialbewegungen und individueller Emanzipation – auch linksliberal.
       
       Das alles wertet Serrao jetzt als Destabilisierung der Demokratie von innen
       und als „Versuch, den Menschen von allen Bindungen zu befreien“? Neben
       aller Empörung reibt man sich auch schlicht die Augen. Und fragt sich: Hat
       Serrao in seiner Anti-links-Verve nicht schlicht das falsche Feindbild? Von
       Bindungen befreien wollen doch die Neoliberalen, Vibe Shift, Motorsäge und
       so weiter. Linksliberalismus dagegen ist doch gerade der Versuch, Bindungen
       und individuelle Emanzipation zusammen möglich zu machen.
       
       ## Wokismus als Popanz
       
       Wenn rechte Denker das wieder zurückdrehen wollen, sollen sie es direkt
       sagen. Aber das tun sie nicht – weil dann ja auch deutlich würde, woran sie
       alles die Axt anlegen. Sondern sie verschanzen sich, so wie Serrao in
       diesem Text, hinter einer pauschalisierenden [3][Abwehr eines Wokismus,]
       den sie sich vorher als Popanz zurechtgebogen haben.
       
       Was die Traditionen betrifft, so gibt es halt gute und schlechte. Zu den
       schlechten gehört es, Selbsthinterfragung und Gesellschaftskritik als
       Zersetzung der Gesellschaft zu werten. Zu den guten aber gehört, den Stand
       von Gesellschaft und individuellen Freiheiten immer wieder neu zu prüfen
       und Gesellschaftskritik als genuinen Teil der demokratischen Verfahren zu
       begreifen. Es ist irritierend, dass man diese Selbstverständlichkeit
       überhaupt verteidigen muss.
       
       12 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
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