# taz.de -- Kein Sitz im UN-Sicherheitsrat: Deutschland gibt sich nach verlorener Wahl beleidigt
> Beim Rennen um einen Sitz im UN-Sicherheitsrat geht Deutschland leer aus.
> Der Außenminister ist zerknirscht, andere Teile der Union drehen frei.
(IMG) Bild: Sichtlich enttäuscht vom Wahlergebnis: Johann Wadephul (CDU), Außenminister
Nach der Schlappe Deutschlands bei der Abstimmung um einen Sitz im
UN-Sicherheitsrat herrscht nicht zuletzt in Teilen der Union Katerstimmung.
„Das Ergebnis ist eine echte Enttäuschung, und es ist eine herbe
Niederlage“, zeigte sich Außenminister Johann Wadephul in New York
regelrecht zerknirscht. Persönlich habe er sich trotzdem „nichts
vorzuwerfen“. Deutschland habe „ein gutes Angebot“ unterbreitet, behauptete
der CDU-Mann.
Wadephuls Parteifreund Manfred Pentz, seines Zeichens hessischer
Landesminister für Internationales und Entbürokratisierung, will es dabei
nicht belassen. Wobei seine Reaktion an die reflexhaften Einlassungen
deutscher Politiker erinnert, wenn Deutschland mal wieder einen der letzten
Plätze beim [1][Eurovision Song Contest] belegt hat.
So verwies der CDU-Politiker in der Bild-Zeitung darauf, dass Deutschland
„einer der größten Geldgeber der Vereinten Nationen“ sei. Um dann trotzig
hinzuzusetzen: „Wenn wir künftig dort nicht den Einfluss haben, der uns
zusteht, stellt sich die Frage: Warum sollten wir dann weiterhin so viel
Geld in die UN investieren?“ Man wird ja mal fragen dürfen.
Deutschland hatte am Mittwoch in New York für einen der zwei frei werdenden
nichtständigen Sitze im Sicherheitsrat in der Regionalgruppe „Westeuropa
und andere“ für die Jahre 2027/28 kandidiert. Bei der geheimen Abstimmung
in der UN-Vollversammlung holten die Mitbewerber Portugal und Österreich
134 beziehungsweise 131 Stimmen. [2][Deutschland landete mit 104 Stimmen
weit abgeschlagen auf dem dritten Platz]. Ein Novum. Sechsmal hatte sich
die Bundesrepublik in der Vergangenheit für jeweils zwei Jahre als
nichtständiges Mitglied des Sicherheitsrats beworben, stets ging die
Kandidatur durch – bis zu diesem Mittwoch.
## Grüne und Linke sehen Verantwortung bei Merz
Die Opposition in Berlin nutzte die Abstimmungsniederlage erwartungsgemäß
für einen Rundumschlag gegen die Bundesregierung. Grünen-Fraktionsvize
Agnieszka Brugger sprach etwa von einer „blamablen Niederlage
Deutschlands“, die [3][auf das Konto von CDU-Kanzler Friedrich Merz] und
Außenminister Wadephul gehe.
Die Regierung habe die UN-Kandidatur nicht nur „altbacken und ambitionslos“
gestaltet. Zu denken sollte auch das internationale Auftreten des Kanzlers
geben. Das gelte für die Aufarbeitung der Kolonialgeschichte ebenso wie für
die Klimapolitik. In Erinnerung geblieben ist in dieser Hinsicht auch
[4][Merz’ Gebaren bei der Klimakonferenz im brasilianischen Belém] im
Herbst vergangenen Jahres, als er erklärt hatte, alle in der deutschen
Delegation seien „froh“, das südamerikanische Land nach dem Treffen wieder
verlassen zu können.
Die grüne Außenpolitikerin Brugger ist sich denn auch sicher: „Viele
Staaten in Südamerika und Afrika haben das Desinteresse und die arroganten
Aussagen von Kanzler Merz zur Kenntnis genommen, geholfen hat es bei der
Kandidatur sicher nicht.“
Linken-Chef Jan van Aken erklärte die Pleite in New York auch und vor allem
mit der Position Deutschlands zum Konflikt der USA mit Venezuela und zum
Irankrieg. „Ja, das passiert, wenn man das Völkerrecht schreddert“, sagte
van Aken am Mittwochabend in der ARD-Talkshow „Maischberger“. Er glaube,
bei der geheimen Abstimmung in der Vollversammlung hätten sich „ganz viele
Länder“ gesagt: „Diesen Friedrich Merz, den will ich nicht im
Sicherheitsrat sehen.“
## Kritik auch aus der SPD
Durchaus scharfe Kritik kam aber auch aus den Reihen von Merz’
sozialdemokratischem Koalitionspartner. „Die Nichtwahl ist kein
Betriebsunfall, sondern ein Warnsignal“, sagte Adis Ahmetović, der
außenpolitische Sprecher der SPD-Fraktion. Wer wie Deutschland den Anspruch
erhebe, „Hüter der regelbasierten internationalen Ordnung zu sein“, dürfe
beim Völkerrecht keine doppelten Maßstäbe anlegen. Das Ergebnis sei so
gesehen auch ein „Gradmesser dafür, wie unser Land international
wahrgenommen wird“.
Tatsächlich hatte Johann Wadephul am Mittwoch in seiner Bewerbungsrede vor
der Vollversammlung zwar erklärt, dass das Völkerrecht „von allen geachtet
werden“ müsse. Im Detail bezog er sich dann allerdings allein auf den
russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Weder über den Gaza- noch über
den Irankrieg verlor er ein Wort.
Kritiker:innen halten der Bundesregierung insbesondere beim Gaza-Krieg
vor, sich aus Solidarität mit Israel nicht den Vorwürfen anderer Staaten
anschließen zu wollen, Jerusalem verstoße hier gegen das Völkerrecht. Dass
es auch deshalb bei der Abstimmung am Ende nicht gereicht haben könnte,
bezeichnete der Außenminister im Anschluss als „Überinterpretation“.
Ins Schlingern geriet er in den ARD-„Tagesthemen“ am Mittwochabend
gleichwohl bei der Frage nach der Forderung aus Hessen, den widerborstigen
Vereinten Nationen den Geldhahn zuzudrehen. Er halte jetzt nichts von
„Ad-hoc-Reaktionen“ und man werde „mit Sicherheit im UN-System aktiv
bleiben“, sagte Wadephul. Aber das Engagement müsse sich die Regierung
„sowieso im Einzelfall angucken“. Schließlich obliege der Bundeshaushalt ja
gewissen „Beschränkungen“.
Wadephul hatte bei den UN-Mitgliedern zuvor auch mit der deutschen Finanz-
und Wirtschaftskraft geworben. Nach Angaben des Auswärtigen Amtes rückte
Deutschland bis 2024 zum zweitgrößten Beitragszahler des gesamten
UN-Systems auf. Vor dem Hintergrund des finanziellen Rückzugs der USA als
bisheriger Top-Beitragszahler gehen Beobachter:innen sogar davon aus,
dass Deutschland derzeit die meisten Beiträge leistet.
4 Jun 2026
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## AUTOREN
(DIR) Rainer Rutz
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