# taz.de -- Nach der gescheiterten UN-Wahl: Deutschland sollte eine Koalition der Hinterhöfe schmieden
> Ein Zurück zur regelbasierten Weltordnung gibt es nicht – die
> Machtpolitik der USA nachzuahmen ist aber ein Fehler. Doch Berlin hat
> noch eine andere Option.
Die [1][krachende Niederlage Deutschlands] bei der Wahl der nichtständigen
Mitglieder des UN-Sicherheitsrats für die Amtsperiode 2027–2028 steht
emblematisch für den Machtverlust der Bundesrepublik im Kontext einer sich
wandelnden Weltordnung. Lange Zeit profitierte Deutschland von seiner
zentralen Position in einer liberal ausgerichteten, regelbasierten
internationalen Ordnung. Die Bundesrepublik war in der Lage, die
Verrechtlichung internationaler Wirtschaftsbeziehungen für sich zu nutzen
und gleichzeitig als eine Macht, die bestimmte Werte vertritt, Einfluss auf
internationale Politik zu nehmen.
Diese Weltordnung erodiert. Spätestens seit Beginn der zweiten
Präsidentschaft Donald Trumps in den USA ist klar, dass eine offen
machtbasierte Logik zunehmend die internationale Politik prägt. Die
internationalen Institutionen, die das Völkerrecht wahren sollen, werden an
den Rand gedrängt. Großmächte machen zunehmend das Recht des Stärkeren in
ihren jeweiligen Einflusssphären geltend.
Ob Russland gegenüber seinen südwestlichen Nachbarn, die USA im Nahen Osten
und in Lateinamerika oder China im Südchinesischen Meer: Die geopolitischen
Praktiken ähneln sich.
## Gefangen zwischen Recht und Macht
Die deutsche Außenpolitikdebatte ist angesichts dieser Entwicklungen
gespalten. Auf der einen Seite stehen die Verteidigerinnen der liberalen
internationalen Ordnung, die sich eine Rückkehr zur regelbasierten
internationalen Politik wünschen und Deutschland in der Rolle des Retters
sehen. Auf der anderen Seite stehen sogenannte Realpolitikerinnen, die der
Ansicht sind, die machtbasierte Ordnung sei als Tatsache anzuerkennen und
Deutschland müsse [2][sich darin durch eigene Machtpolitik behaupten.]
In der Praxis ist der deutsche Kurs in den letzten Jahren zwischen diesen
beiden Polen zunehmend ins Schlingern geraten. Moralische Verurteilungen
von Völkerrechtsverletzungen (insbesondere durch Russland) und
demonstrative Unterstützung für internationale Institutionen paaren sich
mit [3][interessengeleiteter Selektivität] in der Geltung des Völkerrechts
(sobald es Israel oder die USA betrifft).
Dazu kommen Kürzungen der finanziellen Beiträge für internationale
Organisationen, vor allem im humanitären Bereich. Diese Mischung ist
giftig, weil sie die Glaubwürdigkeit Deutschlands als Kooperationspartner
untergräbt und gleichzeitig die angestrebte Stärkung der deutschen und
europäischen Verteidigungsfähigkeiten als neues Großmachtgebaren erscheinen
lässt. So verliert man Wahlen in der UN-Generalversammlung.
Deutschland – ebenso wie die Europäische Union insgesamt – braucht einen
klaren Kurs. Allerdings stellen weder der nostalgische Kampf für eine
Wiederbelebung der regelbasierten Ordnung noch die Umpolung auf
Machtpolitik die geeigneten Zielkoordinaten dar. Weder dienen sie
langfristig Deutschlands Interessen, noch sind sie moralisch wünschenswert.
## Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war?
Was ist falsch an einer liberalen, regelbasierten Weltordnung? Vereinfacht
gesagt: Sie ist nicht möglich – oder zumindest nicht für alle. Außerhalb
Europas wird das Konzept der liberalen internationalen Ordnung so gut wie
nicht verwendet. Schon lange wird darin eher ein Euphemismus gesehen für
eine politische Ordnung, in der nicht die Herrschaft des Rechts gilt,
sondern Herrschaft durch Recht vollzogen wird.
Zwar liegt den Strukturen der existierenden institutionellen Ordnung ein
liberaler, universalistischer Legitimationsdiskurs zugrunde – sie
reflektieren aber substanziell (auch) die Interessen der mächtigsten
Akteure, einschließlich Deutschlands. Die extremen Machtungleichgewichte
auf der Welt – sowohl zwischen Staaten als auch zwischen transnationalen
sozialen Klassen – lösen sich in der regelbasierten Ordnung nicht auf,
sondern finden in ihr einen Mantel der Rechtfertigung. Die real
existierende Ordnung war und ist daher sehr viel weniger (oder eben nur
sehr einseitig) liberal, als es das Label vermuten ließe.
Aber selbst wenn man sich dem Idealtyp einer liberalen Weltordnung annähern
könnte, bliebe diese mit inhärenten Widersprüchen konfrontiert, die sie
langfristig instabil machen. Tatsächlich zeigt die politikwissenschaftliche
Forschung, dass gerade diejenigen Bereiche der Ordnung heute angegriffen,
unterminiert und rückabgewickelt werden, die liberale Werte besonders stark
institutionalisieren – ob im globalen Freihandelsregime oder in der
internationalen Strafgerichtsbarkeit.
Der Anspruch, liberalen Normen durch völkerrechtliche Verpflichtung
universale und dauerhafte Geltung zu verschaffen, steht in einem
unauflösbaren Spannungsverhältnis mit dem Prinzip der Selbstbestimmung auf
nationaler und regionaler Ebene. In einer Welt, die von extrem diversen
Wertegemeinschaften geprägt ist, bedeuten die globale Verrechtlichung
liberaler Normen und die Ermächtigung internationaler Organisationen zu
ihrer Umsetzung immer auch ein wachsendes Demokratieproblem.
Dies besteht nicht nur darin, dass wenige Mächtige die Regeln für viele
Schwächere vorgeben, sondern auch darin, dass die zugrunde liegenden
Wertentscheidungen systematisch der politischen Debatte und dem
demokratischen Einfluss entzogen werden. So ergibt sich einerseits eine
wachsende Anfechtung „von unten“: von denjenigen, die an der Formulierung
der Normen und Regeln unzureichend beteiligt waren.
Die Kritik der Afrikanischen Union an der einseitigen Ausrichtung des
Internationalen Strafgerichtshofs ist ein Beispiel. Andererseits kommt es
auch zur Anfechtung „von oben“: von den Autorinnen der Regeln selbst,
sobald diese nicht mehr den eigenen Interessen entsprechen. Die Blockade
des Streitbeilegungsverfahrens der Welthandelsorganisation durch die USA,
seitdem dieses im Handelskonflikt mit China den USA im Wege stand, wäre
hierfür ein Beispiel.
Die Versuchung der Machtpolitik
Was ist falsch daran, sich in einer machtbasierten Weltordnung behaupten zu
wollen? An sich wenig, und es soll hier nicht in Abrede gestellt werden,
dass Macht- und Geopolitik geschehen, ob man es will oder nicht. Dabei ist
es richtig, eine eigene Abschreckungsfähigkeit zu haben und etwa
militärische und wirtschaftliche Abhängigkeiten strategisch zu prüfen.
Was es jedoch zu verhindern gilt, ist, mit dem eigenen Handeln die
machtbasierte Ordnung selbst zu legitimieren oder zu verstärken.
Deutschlands außenpolitisches Ziel kann es nicht sein, in einem neuen,
globalen Konzert der Mächte mitzuspielen und um Einflusssphären zu ringen.
Dafür gibt es mindestens drei Gründe: Erstens ist die Vorstellung, im
Fahrwasser der USA als Schutzpatronin in einer solchen Ordnung zu bestehen,
unrealistisch. Die USA sind keine verlässliche Partnerin. Sie betrachten
Europa zunehmend als weiteren „Hinterhof“ und werden keine Rücksicht auf
hiesige Interessen nehmen, wenn diese nicht im Einklang mit ihren eigenen
stehen.
Zweitens würde ein eigenes deutsches oder europäisches Großmachtprojekt
aufgrund fehlender Machtressourcen und mangelnder europäischer Einheit
schlicht fehlschlagen. Und drittens ist dieser Weg normativ noch
fehlgeleiteter als das liberale Ordnungsprojekt. Die Tendenz, die offene
Unterdrückungspolitik des 18. Jahrhunderts wiederzubeleben, ist moralisch
nicht vertretbar. Deutschland muss sich dem entgegenstellen.
## Pluralismus statt Hegemonie
Wenn nun also weder die liberale, regelbasierte Ordnung noch die
machtbasierte Ordnung als Fluchtpunkte der Debatte taugen, was dann? Die
deutsche außenpolitische Debatte muss sich endlich weiterentwickeln und die
Recht-oder-Macht-Binarität überwinden. Es braucht sowohl neue normative
Konzepte als auch Strategien, um diese umzusetzen.
Eine alternative und normativ vertretbare Ordnungsvorstellung könnte etwa
das Konzept einer pluralistischen internationalen Ordnung bieten. In einer
solchen Ordnung gelten grundlegende Regeln der Interaktion zwischen
Staaten. Diese Regeln erstrecken sich jedoch nicht (oder weniger) auf die
einheitliche, substanzielle Verhaltensregulierung aller. Sie würden etwa
Souveränitätsrechte festlegen und Regeln der friedlichen Streitbeilegung
enthalten, aber nicht festlegen, welche Wirtschaftsordnungen, welche
Entwicklungsmodelle oder welche Menschenrechtsvorstellungen global
durchzusetzen sind.
Der politische und wirtschaftliche Liberalismus wäre nicht mehr einziges
Leitmotiv der Ordnung, sondern müsste Alternativen dulden und
extraterritoriale Einmischung begrenzen. Die Rolle internationaler
Organisationen bestünde vermehrt in operativen, etwa humanitären, und
koordinativen Aktivitäten, während die Regelsetzung vor allem auf
regionaler Ebene angesiedelt wäre.
Eine Strategie zur Annäherung an diese Vorstellung könnte darin bestehen,
dass Deutschland die geopolitische Realität anerkennt, in der es selbst
keine Großmacht ist und auch die USA nicht mehr Partner sind, sondern eine
Großmacht, die Europa als weiteren „Hinterhof“ betrachtet.
Die Bundesrepublik müsste eine größere strategische Eigenständigkeit
gegenüber den USA und China entwickeln und zugleich auf eine Stärkung der
EU setzen. Deutschland könnte im Rahmen der EU darauf hinarbeiten,
„Koalitionen der Hinterhöfe“ zu schmieden, die gemeinsam eine gewisse
Autonomie gegenüber den Großmächten wahren können.
Stärkere Kooperation mit Lateinamerika, Südostasien und afrikanischen
Staaten wäre in dieser Hinsicht im gegenseitigen Interesse. Sie wäre auch
Voraussetzung dafür, sich einer pluralistischen internationalen Ordnung
anzunähern.
14 Jun 2026
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## AUTOREN
(DIR) Christian Kreuder-Sonnen
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