# taz.de -- Deutschlands UN-Niederlage: Das war kein Fauxpas
       
       > Deutschlands Ansehen hat insbesondere im Globalen Süden gelitten. Man ist
       > zu Recht unzufrieden über den Umgang des Landes mit dem Völkerrecht.
       
 (IMG) Bild: Von allen verlassen: Johann Wadephul CDU, Bundesaussenminister, bei der Generalversammlung der Vereinten Nationen in New York City
       
       Guten Morgen, Deutschland! – das ist wahrscheinlich der erste Gedanke, der
       nach dem UN-Fiasko vom Mittwoch all jenen in den Sinn kam, die die deutsche
       Außenpolitik der vergangenen Jahre kritisch beobachten. Weit überraschender
       als die Tatsache, dass Deutschland bei der Wahl für den UN-Sicherheitsrat
       gegen Österreich und Portugal so haushoch verloren hat, ist, dass man in
       Berlin das Ergebnis nicht hat kommen sehen. Von einem „engen Rennen“ sprach
       Außenminister Johann Wadephul im Vorhinein.
       
       Dabei warnen deutsche Menschenrechts-, Entwicklungsorganisationen und
       Kulturdiplomaten die Bundesregierung seit Jahren vor einem Verlust von
       Softpower – insbesondere in den Ländern des Globalen Südens und mit Blick
       auf die deutsche Unterstützung der genozidalen Kriegsführung Israels in
       Gaza. Zumindest hätte Deutschland eine solche Superblamage vermeiden
       können, hätte man hier genauer hingehört, realistisch eingeschätzt, wie es
       um Deutschlands Ansehen in der Welt steht – und auf die Wahl verzichtet.
       
       Dass [1][Deutschland aber sein Ansehen überhaupt so gravierend verspielt]
       und so die Wahl letztlich verloren hat, war nicht einfach ein Fauxpas. Es
       ist die Konsequenz aus den strategischen Entscheidungen, die erst die
       Ampelregierung und später Schwarz-Rot bewusst getroffen haben. Nämlich
       immer wieder kurzfristige deutsche Interessen über das Völkerrecht und die
       Interessen der globalen Mehrheit zu stellen. Israel hat man mit Waffen
       beliefert, um die strategisch wichtige Allianz nicht zu gefährden. Bei der
       [2][Entführung des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro durch die
       USA] wollte man sich nicht festlegen, ob diese denn nun völkerrechtswidrig
       war; den US-israelischen Angriffskrieg im Iran hat man bejubelt, um Donald
       Trump an seiner Seite zu bewahren.
       
       Viele sprechen jetzt von der „deutschen Doppelmoral“, unter anderem, weil
       Deutschland gegenüber Russland das Völkerrecht hochhält und gegenüber
       seinen Freunden nicht. Dieser Begriff ist aber irreführend, wie der
       Journalist Stephan Kaufmann im neuen deutschland anmerkte. Denn um Moral
       geht es auch schon bei der deutschen Verurteilung russischer
       Kriegsverbrechen nicht. Sondern um dieselben deutschen Machtinteressen, die
       im Falle Israels und der USA eine gegenteilige Gewichtung des Völkerrechts
       notwendig machten.
       
       Deutschland hat sich also für nahezu blinde Loyalität gegenüber den zwei
       westlichen Mächten entschieden, die ihre Interessen mit roher Militärgewalt
       in der ganzen Welt durchsetzen – statt gegenüber jenen Ländern, die
       zumindest langsam einen eigenständigeren Weg suchen: Spanien, Frankreich,
       Belgien, Kanada. Und genau wie die USA hat auch Deutschland massiv bei der
       globalen Entwicklungshilfe gekürzt, auf die insbesondere die Länder des
       Globalen Südens sich verlassen hatten. Warum sollte die Mehrheit der
       UN-Mitgliedstaaten wollen, dass ausgerechnet dieses Deutschland im
       Sicherheitsrat die Trump-Netanjahu-Flanke stärkt? Da wählt man lieber
       Österreich, dessen Loyalitäten zwar nicht grundlegend anders gelagert sind,
       das sie aber mit weitaus weniger Gewicht verfolgen kann.
       
       Das UN-Fiasko könnte theoretisch Anlass für einen Kurswechsel sein. Nur
       müsste Deutschland dafür zum einen kurzfristige Machtinteressen
       zurückstellen, um langfristig neue Allianzen aufzubauen. Dann müssten
       deutsche Entscheidungsträger auch noch ihre Selbstüberschätzung ablegen.
       
       Forderung wie die der CDU-geführten hessischen Landesregierung, Deutschland
       solle [3][nun seine UN-Mitgliedsbeiträge kürzen], wenn man nicht den
       Einfluss bekomme, den man verdient habe, deuten in die entgegengesetzte
       Richtung. Das wäre das Trump-Drehbuch nach dem Muster: Unsere Gelder sind
       gar nicht für den Weltfrieden gedacht, sondern eine reine Investition in
       unseren politischen Einfluss in der Welt. Immerhin ehrlich.
       
       Das Problem ist nur: Die USA können sich diese arrogante Ehrlichkeit
       aufgrund ihrer militärisch-ökonomischen Dominanz leisten. Den USA geht so
       keine Macht verloren, im Sicherheitsrat sitzen sie ohnehin. Deutschland
       dagegen ist bei der Verfolgung seiner Machtinteressen auf gute Beziehungen
       zum Rest der Welt angewiesen. Ob Washington die deutsche Loyalität, auf die
       Berlin alle Karten gesetzt hat, auch erwidern wird, wenn es darauf ankommt
       – man darf es bezweifeln. Falls nicht, steht Deutschland ohne Freunde und
       Einfluss da.
       
       5 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Wahl-fuer-den-UN-Sicherheitsrat/!6183707
 (DIR) [2] /USA-und-Venezuela/!6160439
 (DIR) [3] /Kein-Sitz-im-UN-Sicherheitsrat/!6184355
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Pauline Jäckels
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) UN-Sicherheitsrat
 (DIR) Vereinte Nationen
 (DIR) Völkerrecht
 (DIR) Österreich
 (DIR) Social-Auswahl
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Kolumne Die Woche
 (DIR) Social-Auswahl
 (DIR) Nahost-Debatten
 (DIR) UN-Sicherheitsrat
 (DIR) Vereinte Nationen
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Afrikanischer Einfluss in der UNO: Warum die UNO wichtig ist
       
       In Afrika spielen die Vereinten Nationen eine viel größere Rolle als in
       Europa. Afrikanische Regierungen nutzen das – auch im UN-Sicherheitsrat.
       
 (DIR) UNO, CSU und EU: Staatsräson kostet Geld
       
       Deutschland sucht nach dem Schuldigen des Wahldebakels bei der UNO.
       Wiedergewählt wird wohl nur CSU-Politiker Markus Söder.
       
 (DIR) Deutsche Pleite: Was hat Sie bloß so irritiert?
       
       Nach Deutschlands gescheiterter Wahl in den UN-Sicherheitsrat wird über
       Verantwortliche und Konsequenzen diskutiert.
       
 (DIR) UN-Sicherheitsrat ohne Deutschland: Mehr Demut wagen
       
       Deutschland wird in der Welt nicht so gesehen, wie sich das Land selbst
       sieht. Der Grund für die Niederlage ist nicht nur die Haltung zu Israel.
       
 (DIR) Kein Sitz im UN-Sicherheitsrat: Deutschland gibt sich nach verlorener Wahl beleidigt
       
       Beim Rennen um einen Sitz im UN-Sicherheitsrat geht Deutschland leer aus.
       Der Außenminister ist zerknirscht, andere Teile der Union drehen frei.
       
 (DIR) Wahl zum UN-Sicherheitsrat: Tiefschlag für Merz
       
       Deutschlands Niederlage bei den Vereinten Nationen zeigt: Die
       Bundesregierung muss daran arbeiten, die eigene Glaubwürdigkeit wieder
       herzustellen.