# taz.de -- Afrikanischer Einfluss in der UNO: Warum die UNO wichtig ist
       
       > In Afrika spielen die Vereinten Nationen eine viel größere Rolle als in
       > Europa. Afrikanische Regierungen nutzen das – auch im UN-Sicherheitsrat.
       
 (IMG) Bild: Zimbabwes Präsident Emmerson Mnangagwa preist den bevorstehenden Einzug seines Landes in den UN-Sicherheitsrat als Chance
       
       Auf Simbabwe entfielen 182 von 192 Stimmen, auf Portugal und Österreich nur
       134 und 131. Die eigentliche Nachricht bei der Wahl fünf neuer
       nichtständiger Mitglieder im UN-Sicherheitsrat für 2027 und 2028 in der
       vergangenen Woche ist nicht das Scheitern Deutschlands. Es ist das
       schlechte Abschneiden der Kandidaten aus Europa insgesamt, was sicher nicht
       nur an der überflüssigen Kampfkandidatur aus Berlin gegen zwei
       EU-Mitglieder lag.
       
       Dass afrikanische Staaten bei diesen Wahlen gut abschneiden, ist kein
       Novum. Vor einem Jahr zogen die Demokratische Republik Kongo und Liberia
       mit jeweils 183 und 181 Stimmen ein. Somalia – das nun zum Jahresende durch
       Simbabwe abgelöst wird – holte ein Jahr zuvor 179 Stimmen, Sierra Leone
       davor 188. Im Jahr 2022 gelang Mosambik mit 192 von 192 Stimmen sogar die
       einstimmige Wahl.
       
       Für Afrika ist die Vollversammlung der Vereinten Nationen, die über die
       nichtständigen Sitze im UN-Sicherheitsrat abstimmt, die einzige
       gleichberechtigte globale Institution – ein Land, eine Stimme – und die
       einzige Plattform, auf der sich alle Regierungen auf Augenhöhe begegnen.
       Davon leitet sich alles andere ab. Die formale Gleichrangigkeit aller
       UN-Mitglieder ist das Fundament einer globalen Öffentlichkeit.
       
       Die UN-Charta ist vielerorts Maßstab aller politischen Werte. Von der
       Arbeitsorganisation ILO bis zum UN-Klimasekretariat UNFCCC, über die
       Weltgesundheitsorganisation WHO, das Kinderhilfswerk Unicef und andere,
       sind darüber hinaus einzelne Politikbereiche Thema der Vereinten Nationen
       gerade in den ärmsten Ländern. Diese UN-Organisationen setzen Maßstäbe für
       Politik und Gesetzgebung, an denen sich Regierungen wie auch
       zivilgesellschaftliche Kritiker orientieren können. Gremien wie der
       UN-Wirtschafts- und Sozialrat oder die UN-Menschenrechtskommission arbeiten
       meist ohne greifbare Ergebnisse, können aber auch Missstände in die Welt
       tragen, die man im eigenen Land nur unter Lebensgefahr thematisiert. Und
       die UN-Koordinierungsstelle für humanitäre Hilfe (OCHA) ist der wichtigste
       Mechanismus für die Unterstützung der vielen Opfer von Krieg und Hunger,
       Wetterextremen und Vertreibungen, deren Zahl gerade in Afrika enorm
       zunimmt.
       
       Niemanden in Afrika lässt die UNO kalt. Sie hat auf dem afrikanischen
       Kontinent einige ihrer leuchtendsten und düstersten Kapitel geschrieben,
       von der friedlichen Gründung des unabhängigen Namibia bis zur
       Tatenlosigkeit gegenüber dem Völkermord an Ruandas Tutsi. Selbst dort, wo
       man der UNO mit Wohlwollen begegnet, kann sie Ernüchterung auslösen: etwa,
       wenn Blauhelmsoldaten Zivilisten schutzlos lassen, oder wenn hochbezahlte
       Halter blauer UN-Pässe mit Sonderrechten sich von den Bevölkerungen
       abschotten, um deren Wohlergehen es ihnen vorgeblich geht. Aber diese
       Bandbreite der Erfahrungen macht die Beziehungen zwischen Afrika und der
       UNO zu einem Seismografen der Weltordnung.
       
       Gerade weil es so wichtig ist, sprechen die Mitgliedstaaten der
       Afrikanischen Union längst untereinander ab, wer für welche UN-Sitze
       kandidiert. In diesem Bereich hat Afrika Europa einiges voraus. Im
       UN-Sicherheitsrat hat das neuerdings interessante Folgen. Es ziehen aus
       Afrika vor allem Länder ein, mit denen der Rat sich bereits eingehend
       befasst hat. Mosambik, Sierra Leone, Somalia, Liberia, DR Kongo – es sind
       Krisenländer, in denen große UN-Blauhelmmissionen oder Eingreiftruppen mit
       UN-Mandat tätig gewesen sind. Die Entsendung von Blauhelmtruppen und ihre
       Mandatierung ist die politisch bedeutsamste Befugnis des
       UN-Sicherheitsrats. Mit Simbabwe hat sich der UN-Sicherheitsrat zum
       Höhepunkt der dortigen politischen Krise beschäftigt, im Jahr 2008 nach
       umstrittenen Wahlen. Damals scheiterte ein Versuch der USA und
       Großbritanniens am Veto Russlands und Chinas, UN-Sanktionen gegen die
       Diktatur Robert Mugabes zu verhängen.
       
       ## Souveränität von Kolonisatoren
       
       Die Haltung, dass innere Angelegenheiten der UN-Mitgliedstaaten die
       Vereinten Nationen als Organisation nichts angehen, gehört zum Kern des
       Selbstverständnisses der meisten afrikanischen Staaten. Bei der
       UNO-Gründung zum Ende des Zweiten Weltkrieges waren die europäischen
       Kolonialreiche in Afrika noch intakt. In der zweiten Hälfte des 20.
       Jahrhunderts aber sind in Afrika lauter formal unabhängige Staaten
       entstanden, deren Regierungen ihre Souveränität auch gegen von den
       Kolonisatoren geschaffene Institutionen wie eben die Vereinten Nationen
       verteidigen.
       
       In diesem Geiste preist jetzt Simbabwes Präsident Emmerson Mnangagwa den
       bevorstehenden Einzug seines Landes in den UN-Sicherheitsrat als Chance,
       „für eine faire und gerechtere Weltordnung“ einzutreten. Und es ist auch
       der souveränistische Impuls, der solche afrikanischen Länder in den
       Sicherheitsrat treibt, über die dort weitreichende Entscheidungen fallen,
       von der Entsendung von Friedenstruppen bis zu Sanktionen gegen Politiker
       und Kriegsführer.
       
       ## Afrika profitiert enorm von der UN
       
       Der afrikanische Souveränismus hat in den vergangenen Jahren bereits einen
       weitgehenden Rückzug der UN als Friedensstifter aus Afrika erzwungen. Eine
       große UN-Blauhelmtruppe nach der anderen wurde abgewickelt oder ist im
       Rückzug begriffen. Die noch stationierten UN-Missionen in der DR Kongo,
       Südsudan und der Zentralafrikanischen Republik spielen kaum noch eine
       politische Rolle. Und die Regierungen der DR Kongo und Somalias haben ihre
       Wahl in den UN-Sicherheitsrat beide mit internationaler Rückendeckung für
       sich selbst im Kampf mit Rebellen im eigenen Land verwechselt und sind als
       Ratsmitglieder deutlich kompromissunwilliger geworden.
       
       Afrika profitiert enorm von den UN als einziger globaler Bühne, auf der es
       nicht automatisch marginalisiert ist. Zugleich nutzen afrikanische
       Regierungen die UN für ihre eigenen Zwecke. Wer das kritisiert, sollte es
       allerdings selbst besser machen können.
       
       8 Jun 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Dominic Johnson
       
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