# taz.de -- Rot-Grün-Rot fürs Rote Rathaus?: Es bleibt schwierig
> In Berlin haben sich Linke, SPD und Grüne zum Thema Antisemitismus
> geeinigt. Doch auf dem Weg zu einer Regierungskoalition gibt es noch ganz
> andere Hürden.
(IMG) Bild: Hier einzuziehen ist Ziel der Linkspartei, die am Freitag darüber mit Grünen und SPD sondierte
Theoretisch ist der Weg kurz vom Haus der Statistik zum Roten Rathaus. Vom
Verhandlungsort von Linkspartei, Grünen und SPD sind es wenig mehr als 800
Meter zur Berliner Regierungszentrale. Dort hat weiter der CDU-Mann Kai
Wegner das Sagen – bis eine rot-grün-rote oder andere Koalition im
Abgeordnetenhaus einen Nachfolger wählt – oder eine Nachfolgerin: Elif
Eralp von der Linkspartei will dort Regierungschefin werden. Dass der Weg
dorthin weit länger ist als in reinen Metern gemessen, zeigte sich am
ersten vollen Tag der Sondierungsgespräche, als es unter anderem um den
künftigen Landeshaushalt ging, in dem Milliarden fehlen.
„Wir wollen die Finanzen in Berlin auf eine seriöse Grundlage stellen, denn
wir wollen eine ganze Menge anpacken“, eröffnete Maximilian Schirmer,
Co-Landesvorsitzender der Linke, die am Nachmittag anschließende
Pressekonferenz. Das Thema Wohnen und Mieten sei „die soziale Frage unserer
Zeit“, die gelöst werden müsse. Nina Stahr, Landesvorsitzende der Grünen,
fügte hinzu, dass auch klimatische Krisen auf Berlin zukämen. „Dafür werden
wir natürlich auch entsprechende Finanzmittel brauchen.“ Die Sondierung
betrachtete sie als konstruktiv.
Steffen Krach, der Co-Landesvorsitzende der SPD, schloss sich dem an. Die
Parteivertretungen hätten außerdem über die Themen Sauberkeit und
Sicherheit gesprochen. „Beim Thema Sauberkeit gibt es große
Überschneidungen“, meint Krach. Alle drei Parteien hätten das Thema als
große Herausforderung angenommen und wollten dafür sorgen, dass Berlin
sauberer wird. „Beim Thema Sicherheit haben wir durchaus unterschiedliche
Auffassungen“, gab er zu. Das Ziel einer sichereren Stadt teilten die drei
Parteien jedoch.
Alle drei Parteien teilen die Ansicht, dass die finanzielle Situation in
Berlin angespannt ist. Nebulös blieb am Freitag jedoch, wie groß das Loch
im Haushalt genau ist, wie die Berliner Finanzen auf eine „seriöse“
Grundlage gestellt werden sollen und ob sich mit dem Geld eine
Vergesellschaftung großer Wohnungsbestände finanzieren ließe. Darüber
hinaus betonte Krach noch einmal seine Abneigung gegenüber den
Enteignungsplänen der Linken.
Tags zuvor hatten die drei Parteien zwei Papiere präsentiert, in denen sie
sich von Antisemitismus und organisierter Kriminalität distanzieren. Dazu
hatte ein einmaliges Vorgespräch eine Woche zuvor dienen sollen, das aber
dreimal um einen weiteren Tag verlängert wurde. Kernpunkt des ersten
Papiers ist ein Mechanismus im Falle antisemitischer Vorfälle in den
beteiligten drei Fraktionen, der laut Beschlusstext „Konsequenzen bis hin
zum Ausschluss“ hat. Darüber soll aber jede Fraktion allein entscheiden
können.
## „Große Sorge“ der Linken im Bund
Als Reaktion darauf erschien am Freitagnachmittag ein offener Brief von
linken PolitikerInnen in Bund und Ländern. Diese nehmen das Berliner Papier
mit „großer Sorge“ zur Kenntnis. Der Mechanismus, mit dem gegen
Antisemitismus vorgegangen werden soll, sei „so weit und dehnbar gefasst“,
dass er „gegen jede Kritik an der israelischen Besatzungspolitik ins Feld
geführt werden“ könne. Zusätzlich würde die Partei dadurch von außen
diszipliniert und gespalten.
Der Brief wurde von 17 linken Bundestagsabgeordneten, 7 Mitgliedern des
Bundesparteivorstands sowie zahlreichen Landesvorständen unterzeichnet.
Insgesamt listet der offene Brief 120 Mitglieder und Organisationen der
Partei als Unterstützer*innen. Schirmer sagte auf Nachfrage zu dem Brief,
dass dieses Thema nun innerhalb der Partei diskutiert werde – und das auch
gut so sei. Spezifischer wurde er nicht.
Das zweite Papier grenzt sich von organisierter Kriminalität ab. Dort war
der Linken-Bundestagsabgeordnete Ferat Koçak in den Blick geraten, der
[1][einen Chat-Austausch mit dem Sohn eines Clan-Chefs] hatte, der wiederum
die Wahlparty der Linkspartei besuchte. Der Landes- und
Fraktionsvorsitzende der Berliner SPD, Steffen Krach, hatte am Donnerstag
gefordert, sich von Koçak zu trennen. „Meine klare Erwartung an die
Bundestagsfraktion der Linken wäre, dass so jemand nicht weiter Mitglied
der Bundestagsfraktion sein kann.“
Schon Ende September hatten [2][führende Köpfe der
Grünen-Bundestagsfraktion] der Linksfraktion diesen Schritt empfohlen. An
diesem Freitag machte die Linke aber klar, dass sie das nicht tun will. Man
sehe „keinen Bedarf für weitere Konsequenzen“, sagte ihr Co-Fraktionschef
im Bundestag, Sören Pellmann, der Nachrichtenagentur AFP. Aus seiner Sicht
reicht es, dass Koçak [3][den Innenausschuss des Bundestags verlassen] hat.
Koçak setze daher seine Arbeit als Sprecher für Antirassismus und
Antifaschismus fort und werde „in einen anderen, noch zu beratenden
Ausschuss gehen“.
## Wenig Spielraum im Haushalt
Bei der Sondierungsrunde im Haus der Statistik blieb beim Thema Haushalt
offenbar wenig Spielraum, große Akzente mit Punkten aus den jeweiligen
Wahlprogrammen zu setzen. Rund 5 Milliarden Euro fehlen absehbar für den
nächsten Landeshaushalt ab dem Jahr 2028. Darauf hatte Finanzsenator Stefan
Evers (CDU) schon vor der Abgeordnetenhauswahl am 20. September
hingewiesen. Aus seiner Sicht sind die Möglichkeiten, diese Lücke mit
weiteren Krediten zu füllen, begrenzt und Kürzungen unumgänglich.
Die Linkspartei hatte das schon vorige Woche kritisiert und von einer
falschen These von Evers gesprochen: Aus Sicht ihrer Finanzpolitiker ist es
demnach durchaus möglich, auch ohne starke Einschnitte in die soziale
Infrastruktur und Investitionen einen verfassungskonformen Haushalt
aufzustellen. Aus der Linkspartei war auch zu hören, dass Evers’
Ankündigung als Senator nicht unbeeinflusst sei von seinen Ambitionen,
selbst und anstelle der Linken Eralp neuer Regierender Bürgermeister zu
werden – in seinem Fall [4][an der Spitze einer potenziellen
schwarz-grün-roten Keniakoalition].
9 Oct 2026
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