# taz.de -- Einigung von Linken, Grünen und SPD: Ein erster Schritt zum linken Bündnis
> Linke, Grüne und SPD haben sich auf eine Vereinbarung zum Schutz
> jüdischen Lebens und zum Antisemitismus geeinigt. Nun beginnen die
> Sondierungen.
(IMG) Bild: Werner Graf (Grüne), Steffen Krach (SPD) und Kerstin Wolter (Linke) beim Pressegespräch nach der Einigung zum Thema Antisemitismus
Gute Laune verbreitete Steffen Krach nicht gerade, als er um 14 Uhr das
Foyer des Hauses der Statistik am Berliner Alexanderplatz betrat. Aber
vielleicht gehört ein grimmiges Pokerface auch zum Geschäft, wenn man nicht
nur in Berlin im medialen Dauerfeuer steht, sondern auch noch von der
Bundespartei unter Druck gesetzt wird, [1][auf keinen Fall ein Bündnis mit
der Linkspartei einzugehen].
Etwas entspannter wirkten da der grüne Spitzenkandidat Werner Graf und die
Linken-Chefin Kerstin Wolter, die die erkrankte Wahlsiegerin Elif Eralp
vertrat. „‚Nie wieder‘ ist für uns kein Satz für Gedenktage“, betonte
Wolter und wertete die „Berliner Vereinbarung“, auf die sich Linke, Grüne
und SPD in drei Vorgesprächen geeinigt haben, als Erfolg. „Wir wollen mehr
als Worte, deshalb fangen wir bei uns selber an.“
Einen „Mechanismus“ hatten SPD und Grüne von der Linkspartei gefordert, um
bei künftigen antisemitischen Äußerungen Konsequenzen ziehen zu können.
SPD-Mann Krach hatte es so formuliert, dass die Linke den Worten der
Distanzierung auch Taten folgen lassen müssen.
Das macht die Vereinbarung, die am Donnerstag vorgestellt wurde, nun
möglich. Nimmt einer aus den drei Fraktionen Anstoß an einer bestimmten
Äußerung, kann der Mechanismus in Gang gesetzt werden. In einer ersten
Stufe beraten die drei Parlamentarischen Geschäftsführer darüber, ob die
inkriminierte Äußerung auf dem Boden erlaubter Israelkritik steht oder
bereits unter israelbezogenem Antisemitismus einzuordnen ist. Zu diesem
Antisemitismus, stellte Wolter klar, gehöre auch, wenn jemand in Berlin
sagt, dass Juden und Israelis Verantwortung für das Handeln der
israelischen Regierung trügen.
Sollte es in dieser ersten Stufe keine Einigung geben, tritt Stufe zwei in
Kraft. Dann liegt die Entscheidung bei einem Gremium von Vertrauenslauten
aus der Berliner Stadtgesellschaft, die von allen drei Parteien noch im
Konsens nominiert werden sollen.
Sollte dieses Gremium eine Aussage als antisemitisch bewerten, sind die
jeweiligen Fraktionen gefragt. „Auf Grundlage dieser Bewertung entscheidet
die betroffene Fraktion gemäß ihrer Satzung über Konsequenzen bis zum
Ausschluss“, heißt es in der gemeinsamen Vereinbarung.
## Was wird aus Vanessa Emde?
Ein möglicher Fraktionsausschluss der [2][Neuköllner Linken-Abgeordneten
Vanessa Emde], über den bereits spekuliert worden war, findet sich in der
Vereinbarung nicht. Auf Nachfrage erklärte Kerstin Wolter, dass alle
Mitglieder der 45-köpfigen Linksfraktion in der kommenden Woche eine
Erklärung unterschreiben sollen, sich an Parteibeschlüsse zu halten. Diese
beinhalten das Bekenntnis zum Existenzrecht Israels ebenso wie das Verbot
der Zusammenarbeit mit Menschen und Organisationen, die der Hamas
nahestehen.
Emde, die in Neukölln ein Direktmandat gewonnen hatte, war in die Kritik
geraten, weil sie auf einer Kundgebung gesagt hatte, dass Staaten kein
Existenzrecht hätten. Über mögliche Konsequenzen wird die Fraktion
entscheiden müssen, sollte sich Emde weigern, eine solche
Mandatsträgervereinbarung zu unterzeichnen. Zum Fraktionsausschluss könnte
es dann kommen, weil die Zustimmung zur Vereinbarung zusätzlich in die
Fraktionssatzung der Linken aufgenommen werden soll.
Einig waren sich die drei Parteien auch bei der Bekämpfung der
organisierten Kriminalität. „Im Wahlkampf sind wir oft auf das Thema
Schutzgelderpressungen angesprochen worden“, sagte Kerstin Wolter. In einem
zweiten Papier wurde deshalb vereinbart, dass „Mitglieder des Senats,
Mandatsträger:innen der Fraktionen und unsere Parteien eine klare
Distanz zu Personen und Personenkreisen“ wahren, die der organisierten
Kriminalität zugerechnet werden.
In diesem Zusammenhang forderte Krach zudem in Richtung linke
Bundestagsfraktion, diese solle den Neuköllner Abgeordneten Ferat Koçak
ausschließen. Koçak war ebenso wie der Clanchef Issa Remmo auf der
Wahlparty der Linken in Neukölln und hatte darüber hinaus mit dessen Sohn
gechattet. Als Konsequenz daraus hat er [3][seinen Sitz im Innenausschuss
des Bundestags niedergelegt].
## Vergesellschaftung war noch kein Thema
Im Verlauf des Pressegesprächs im Haus der Statistik hellte sich auch die
Miene von Steffen Krach langsam auf. „So ein Papier gibt es in keiner
anderen Koalition“, betonte der SPD-Mann. Auf die Frage, ob eine
Vereinbarung wie diese auch als Ergebnis von Vorgesprächen auf eine
mögliche Koalition in Sachsen-Anhalt anwendbar wäre, sagte Krach
unmissverständlich: „Die Gleichsetzung von Linkspartei und AfD halte ich
absolut für falsch. Die AfD bekämpft die Demokratie. Hier stehen vor ihnen
drei demokratische Parteien.“
Nach dem Durchbruch beim Thema Antisemitismus geht es nun an die
Sondierungsverhandlungen. Auf die Frage nach dem Zeitplan antwortete
Linken-Chefin Kerstin Wolter: „Wir steigen jetzt wieder in den Fahrstuhl
und fahren nach oben.“ Man habe sich für die nächsten Tage eine
ausführliche Tagesordnung gegeben.
Steffen Krach betonte, dass über strittige Themen wie die
Vergesellschaftung bislang noch nicht gesprochen worden sei. Das Gleiche
gilt für die Themen innere Sicherheit und die Milliardenlöcher im Haushalt.
Als Statement kann deshalb gewertet werden, dass die Sondierungen mit dem
Kapitel Wirtschaft beginnen. Eine wachsende Wirtschaft mit den
entsprechenden Steuereinnahmen ist angesichts der knappen Kassen
essenziell.
Die Berliner CDU kritisiert die Einigung unterdessen scharf: „Eine Partei,
mit der man nicht schon im ersten Gespräch Klarheit über den Umgang mit
Judenhass herstellen kann, darf die deutsche Hauptstadt nicht regieren“,
erklärte Generalsekretär Lukas Krieger. Dennoch sieht er die Tür für ein
Bündnis mit Grünen und SPD nicht zugeschlagen: „Unsere Hand ist und bleibt
ausgestreckt für eine Regierung der Vernunft, eine Zukunftskoalition, die
Berlin zusammenhält und die Probleme der Menschen in unserer Stadt
entschlossen angeht.“
Bei der Wahl am 20. September hatte die Linkspartei mit 25,7 Prozent die
CDU mit 18,8 Prozent weit hinter sich gelassen. Die Grünen kamen auf 14,3
Prozent, für die SPD stimmten 12,1 Prozent. Im neuen Abgeordnetenhaus hätte
ein Linksbündnis eine Mehrheit von 14 Sitzen. Eine Koalition aus CDU,
Grünen und SPD hätte dagegen nur eine knappe Mehrheit von 3 Sitzen.
8 Oct 2026
## LINKS
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## AUTOREN
(DIR) Uwe Rada
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