# taz.de -- Sondierungen in Berlin: Aus der Not eine Tugend gemacht
> Auf den allerletzten Drücker einigen sich Linkspartei, SPD und Grüne beim
> Thema Antisemitismus. Doch es warten bereits die nächsten dicken Bretter.
(IMG) Bild: Elif Eralp und Linken-Co-Chefin Kerstin Wolter haben die erste Hürde genommen
Noch ist ein Linksbündnis in Berlin nicht in Sicht, aber [1][die erste
Hürde haben Linke, Grüne und SPD am Ende genommen]. Beim Thema jüdisches
Leben in der Stadt und Antisemitismus haben sie sich auf eine „Berliner
Vereinbarung“ geeinigt, über die selbst der SPD-Spitzenkandidat Steffen
Krach sagt: „So ein Papier gibt es in keiner anderen Koalition.“
Aus der Not eine Tugend zu machen, das schien kurz nach der Wahl vom 20.
September, die die Linkspartei mit Elif Eralp haushoch vor der CDU gewonnen
hatte, fast nicht mehr machbar. Auf der Wahlparty der Neuköllner Linken
waren ein bekannter Clan-Chef und ein Sympathisant der palästinensischen
PFLP aufgetaucht, die von der EU als „terroristische Organisation“
eingestuft wird. Schnell waren sich SPD und Grüne einig, nicht einfach zur
Tagesordnung übergehen zu können. Vor Sondierungsverhandlungen sollte in
Vorgesprächen ein Mechanismus gefunden werden, der die Linke bei
antisemitischen Vorfällen nicht nur zu Distanzierungen zwingt, sondern auch
zu konkretem Handeln.
Das ist mit der „Berliner Erklärung“ nun geschehen. Jede der drei
Fraktionen kann bei einer strittigen Äußerung den Mechanismus in Gang
setzen, bei dem geklärt werden soll, ob es sich bei dieser Äußerung noch um
Israel-Kritik handelt oder schon um [2][Antisemitismus]. Zunächst beraten
darüber die Parlamentarischen Geschäftsführer und – werden die sich nicht
einig – drei Personen des öffentlichen Lebens, die noch benannt werden
müssen.
Am Ende entscheiden dann die Fraktionen über Sanktionen bis hin zum
Fraktionsausschluss. In der Linksfraktion sollen in der kommenden Woche
alle 45 Mitglieder eine Vereinbarung unterschreiben, sich an alle
Parteibeschlüsse zu halten. Dazu gehört der Schutz jüdischen Lebens und ein
Verbot der Kooperation mit Organisationen wie der Hamas.
Dass es drei langwierige Vorgespräche brauchte, um zu diesem Ergebnis zu
kommen, kann man, wie die CDU es tut, als Zeichen tiefen Misstrauens
gegenüber der Linken werten. Vielleicht ist es aber, um eine
Fußballmetapher zu bemühen, auch ein „dreckiger Sieg“. Der gilt in vielen
Teams als der womöglich entscheidende Moment, in dem eine Mannschaft, die
zuvor eher gegeneinander als miteinander gespielt hat, zusammenwachsen
kann.
Auf dieser Leistung können Linkspartei, Grüne und SPD nun aufbauen. Denn
mit dem Beginn der Sondierungsgespräche warten die nächsten dicken Bretter.
Was ist mit der [3][Vergesellschaftung von Wohnraum], die die SPD ablehnt,
die Linke aber unbedingt will? Was ist mit innerer Sicherheit, was mit der
miserablen Haushaltslage? Auch wenn beim Thema Antisemitismus der
Durchbruch gelungen ist – dass das Rote Rathaus künftig von der Linken Elif
Eralp regiert wird, ist noch lange nicht ausgemacht.
8 Oct 2026
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