# taz.de -- Debatte um Regierungsbildung in Berlin: Regieren, tolerieren oder Opposition
> Der SPD-Abgeordnete Hakan Demir stellt sich gegen Überlegungen aus seiner
> Partei, eine Minderheitsregierung aus Linken und Grünen zu tolerieren.
> Die Linke weiß auch nicht, ob sie regieren will.
(IMG) Bild: Beginn der Sondierung in Berlin. In der SPD werden jetzt eifrig Papiere geschrieben und Forderungen aufgestellt
Während die Sondierungsgespräche für eine rot-grün-rote Koalition in Berlin
am Montagfrüh weitergingen, hat die SPD-interne Gruppe Forum 35, deren
Mitglieder als Unterstützer:innen von Parteichef Steffen Krach gelten,
die Forderung nach einer Minderheitsregierung erhoben. In einem
Entwurfspapier für einen Parteitagsbeschluss, über das zuerst der
Tagesspiegel berichtet hatte, heißt es, angesichts des Wahlergebnisses
solle man für eine Neuaufstellung in die Opposition gehen.
Aus staatspolitischer Verantwortung jedoch könne man die Linke Elif Eralp
zur Bürgermeisterin wählen, einen Nachtragshaushalt für 2027 und einzelne
politische Vorhaben ermöglichen. Angesichts der im Wahlkampf aufgestellten
roten Linien, etwa der Ablehnung von Vergesellschaftung, von Kürzungen bei
der Polizei und von Antisemitismus, können man jedoch keine Koalition mit
Linken und Grünen eingehen, „ohne dass Linke und Grüne ihrerseits von ihren
Linien abrücken“.
Die Verfasser erteilen darin zugleich einer theoretisch möglichen
Kenia-Koalition mit der CDU und den Grünen eine Absage. Diese sei
angesichts des Linken-Wahlsiegs der falsche Weg. Die laufenden
Sondierungsgespräche sollen indessen dafür genutzt werden, die
Voraussetzungen für eine Duldung der links-grünen Minderheitsregierung zu
erörtern.
Der Neuköllner SPD-Bundestagsabgeordnete Hakan Demir erteilte diesen
Überlegungen im Gespräch mit der taz eine Absage: „Ich halte nichts davon.
Entweder man ist grundsätzlich gegen eine solche Koalition oder man nennt
die Bedingungen dafür.“ Eine Koalition von Linken und Grünen ohne eigene
Senator:innen und Verantwortung mitzutragen, passe nicht zur
Sozialdemokratie, so Demir. Von einem rot-grün-roten Bündnis erhofft sich
der Abgeordnete eine „sozialere, progressivere Politik“, die insbesondere
„im Bereich Mietrecht weiterkommt“.
Der pauschalen Ablehnung eines Linksbündnisses durch prominente
Parteigenossen, etwa von Nochwirtschaftssenatorin [1][Franziska Giffey]
oder dem ehemaligen Regierenden Bürgermeister Michael Müller, hielt Demir
entgegen: „Man muss nicht denken, dass sie für die gesamte SPD sprechen.“
Genauso wenig lasse ein Brief von 120 Funktionären der Linken gegen das
Vorabsondierungspapier den Schluss zu, was die Basis der Partei denke, so
Demir. Alternativen zu einer Einigung sieht der Abgeordnete keine: „Eine
schwarz-grün-rote Koalition hätte nur eine Zwei-Stimmen-Mehrheit. Für eine
stabile Koalition reicht das nicht aus.“ Mit der wichtigen Einigung beim
Thema Antisemitismus ist zudem eine zentrale Grundlage gelegt.
## Kontroverse Debatte in der Linken
Die Verhandler:innen der drei Parteien hatten sich in einem [2][Papier
zum Schutz jüdischen Lebens und zum Existenzrecht Israels bekannt] und all
jenen, die gegen die Grundsätze verstoßen, mit [3][Fraktions- und
Parteiaustritten gedroht]. Nach der Kritik daran in einem ersten offenen
Brief, der von zahlreichen Bundes- und Landespolitiker:innen
unterschrieben war, kursiert seit Sonntag ein weiteres Schreiben von der
Landesarbeitsgemeinschaft Palästina-Solidarität, der Vernetzung „Linke in
der Linken“ und der Linksjugend, unterschrieben von mehr als 200
Basismitgliedern, ein Drittel davon aus Berlin.
Darin heißt es, man sei „fassungslos“ angesichts der Vereinbarung. Diese
ermögliche es, „legitime Kritik am israelischen Staat bzw. Zionismus als
antisemitisch zu diffamieren“. SPD und Grünen werde ein „Instrument an die
Hand“ gegeben, „unsere Mitglieder und Abgeordnete zu zensieren und die
Zusammensetzung unserer Fraktion zu beeinflussen“. Am Dienstag wird eine
Fraktionssitzung der Linken klären, ob alle Abgeordneten der Linken die
Erklärung mittragen oder es gar zu Ausschlüssen, etwa der Neuköllner
Abgeordneten Vanessa Emde, kommt. Für den Abend planen die
palastina-solidarischen Regierungsgegner:innen eine
Diskussionsveranstaltung im ND-Gebäude unter dem Titel „Regieren um jeden
Preis.“
Rückendeckung für den Kurs der Sondierer:innen der Berliner Linken kam
dagegen aus dem Bundesvorstand der Partei. In einem Beschluss heißt es:
„Berlin kann ein Leuchtturm für einen Politikwechsel werden, der es
schafft, den Aufstieg der Rechten zu verhindern.“ Eingegangen wird darin
auch auf die Kritik an den Vorabkompromissen mit Grünen und SPD: „Die
Papiere geben nicht die Positionen der Partei wieder, sie sind Ergebnis des
Aushandlungsprozesses.“
12 Oct 2026
## LINKS
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## AUTOREN
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