# taz.de -- Koalitionsbildung in Berlin: Ein paar Abweichler könnte Kenia verkraften
> Linkspartei, Grüne und SPD entscheiden in einem dritten Vorgespräch über
> Sondierungen. Ein Kenia-Bündnis als Alternative hätte nur eine knappe
> Mehrheit.
(IMG) Bild: Könnte CDU-Mann Stefan Evers ins Rote Rathaus, wenn es Elif Eralp von der Linken nicht schafft?
Nicht gerade zuversichtlich erscheint sie, die Delegation der Linkspartei,
als sie Mittwoch am späten Vormittag zum Haus der Statistik kommt. Dort
warten im Gebäude schon die Verhandler von Grünen und SPD. Ein kurzer Gruß
von Fraktionschef Tobias Schulze vor der Tür an wartende Journalisten, ein
zaghaft wirkendes Lächeln von Parteichefin Kerstin Wolter, das mutmaßlich
Zuversicht ausstrahlen soll. Ansonsten prägen ernste Mienen das Bild. Ohne
weiteren Kommentar zur Lage verschwindet die fast durchweg in schwarze
Jacken und Jacketts gekleidete Gruppe in ihrem Tagungsort.
Zwei Mal schon sind die führenden Köpfe von Linkspartei, Grünen und SPD, 14
Verhandler insgesamt, durch diese Tür gegangen. Zwei Mal bereits wurde
dieses ursprünglich nur für vergangenen Donnerstag angesetzte Vorgespräch
unterbrochen und vertagt, erst auf Samstag, dann auf diesen Mittwoch.
An diesem 7. Oktober also, dem Jahrestag des Massakers der Hamas 2023 und
der DDR-Gründung 1949 gleich doppelt historisch besetzt, soll es zum Schwur
kommen: Trauen Grüne und SPD der Linkspartei zu, Antisemitismus in ihren
Reihen „in die Schranken zu weisen“, wie es [1][Grünen-Spitzenkandidat
Werner Graf gefordert hat]?
Kommt es nicht dazu, gibt es eine Koalitionsalternative, die nicht wenigen
als rein theoretisch gilt. Auch ein Kenia-Bündnis aus CDU, Grünen und SPD
hätte eine Mehrheit im Abgeordnetenhaus, allerdings eine weit kleinere als
ein Linksbündnis. Eine linksgeführte Koalition würde über 91 von 153 Sitzen
im Parlament verfügen, eine Kenia-Koalition nur über 79. Für eine absolute
Mehrheit nötig sind 77 Stimmen.
Daraus leiteten sich in den vergangenen Tagen unterschiedliche
Beschreibungen ab, in denen mal von einer 3-, mal von einer bloßen
2-Stimmen-Mehrheit einer Kenia-Koalition die Rede war. Das galt als
Argument dafür, dass es mit einem solchen Bündnis gar nicht klappen könnte,
weil angeblich 4 Abgeordnete der Grünen Jugend gegen eine Koalition mit der
CDU stimmen würden. Ein Linksbündnis sei alternativlos, wenn man keine
Neuwahl riskieren wolle, hieß es.
## Neuer Appell gegen Linksbündnis
Das allerdings stimmt genauer betrachtet nicht. Ein Kenia-Bündnis hätte 79
Stimmen von CDU, Grünen und SPD, denen 74 Abgeordnete von Linkspartei und
AfD gegenüberstünden. Ein solches Bündnis hätte nur dann keine Mehrheit,
wenn die 4 jungen Grünen gegen ihre eigene Fraktion, also im Falle des
Falls mit der AfD stimmen würden. Dann kippten ihre Stimmen auf die andere
Seite, es stünde 75 zu 78 gegen Kenia.
Anders wäre es bei einer Enthaltung. Die Grüne Jugend hat gegenüber der taz
kein klares Nein angekündigt. „Ein Bündnis mit der CDU [2][werden wir nicht
unterstützen]“, sagt die Abgeordnete Elina Schumacher im Interview – was
aber auch eine Enthaltung bedeuten kann. Bei 79 Abgeordneten von CDU,
Grünen und SPD könnte eine Kenia-Koalition 4 Enthaltungen in den eigenen
Reihen verkraften, sie hätte dann immer noch eine Mehrheit von 75 zu 74.
Auch die Wahl eines Regierenden Bürgermeisters ist ohne absolute Mehrheit
aller 153 Parlamentsmitglieder möglich – [3][im dritten Wahlgang reicht
eine einfache Mehrheit].
Bei den Grünen gelten allerdings nicht nur die 4 Abgeordneten aus dem
Parteinachwuchs als äußerst CDU-kritisch. Auch andere sind bisher so
einzuschätzen, dass sie mit einem Kenia-Bündnis Probleme hätten.
Begleitet wurde des dritten Tags der Vorgespräche von einem weiteren
offenen Brief früherer Parteigrößen an Grüne und SPD, nicht mit der
Linkspartei zu koalieren. Das Besondere an diesem Appell ist, dass ihn auch
CDU-Politiker unterschrieben haben. Unterzeichner dieses [4][„Berliner
Appells für Verantwortung“] sind unterem der bis 2005 amtierende frühere
Außenminister Joschka Fischer (Grüne), Ex-Bundestagspräsident Wolfgang
Thierse (SPD) und Peter Altmaier (CDU), in der 2021 zu Ende gegangenen Ära
Merkel Wirtschafts- und Kanzleramtsminister.
7 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Der-Tag-nach-der-Wahl/!6215112
(DIR) [2] /Gruene-Jugend-Berlin-zu-Rot-Gruen-Rot/!6214990
(DIR) [3] https://gesetze.berlin.de/bsbe/document/jlr-NNLBE000047B0NN00000000087
(DIR) [4] https://berlinerappell.de/
## AUTOREN
(DIR) Stefan Alberti
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