# taz.de -- Kunst der Woche: „Höhere Wesen befahlen“ – oder auch nicht
> Kerstin Brätsch und Katharina Sieverding in der Galerie Thomas Schulte,
> Joram Schön und Jakob Rava im Projektraum Darlings.
(IMG) Bild: Katharina Sieverding: „Life-Death“, Installationsansicht, Galerie Thomas Schulte, 2026
Das ist doch eine Dschinnia, diese wolkenartige Gestalt an der Wand der
Galerie Thomas Schulte. Die großen Augen sind von mehreren Farbringen
umrahmt, der runde Mund geöffnet. Unweit hängt ein anderes, gleich vier
Meter hohes Wesen. Das Orange, Blau, Lila, Rosa, Grün all dieser Figuren
und kristallinen Tarotkarten-artigen Zeichnungen von Kerstin Brätsch ist
wie aus Rudolf Steiners Farbenlehre entnommen. Und sowieso ist hier, in der
Ausstellung „Die Sein: Para Psychics Expandet (Excerpt)“ alles in einem
Modus der Transzendenz, als wären die Geister aus dem Jenseits durchs
Unbewusste in Kerstin Brätschs Kunst gedrungen.
Auch das Material überschreitet ständig die mediale Grenze: Der Marmorboden
ist eigentlich bedrucktes Vinyl und die meterhoch auf Pappe reproduzierten
Figuren formte Brätsch ursprünglich aus stucco marmo, einem mineralischen
Putz mit Steinoptik. Den schichtete sie derart in verschiedenen Farben
übereinander, dass sich Gesichter wie die der Dschinnia formen. Und dies
ein bisschen auch per Zufall – oder frei nach Sigmar Polke: durch höhere
Wesen. Den surrealistischen Bildprozess sieht Brätsch aber offenbar mit
Humor, sonst hätte sie nicht Titel wie: „PARA PSYCHIC_Pissen durch einen
von Natur aus gelöcherten Stein“.
Das total Irdische, Materielle und die Frau darin, besser die zum Zentrum
ihrer eigenen Kunst gewordene Katharina Sieverding, geben dann in den
weiteren Räumen der Galerie Thomas Schulte einen ordentlichen Kontrast ab.
Auf großformatigen Fotografien sieht man Sieverdings kantiges Konterfei.
Dank ultrastarkem Kontrast noch kantiger, noch künstlicher. Und auf einem
16-mm-Film von 1969 kann man ihr ausführlich dabei zuschauen, wie sie mit
glänzend roten Lippen und silbernem Lidschatten lasziv einen Löffel Honig
abschleckt. Soundtrack des unterkühlt auf Glam, Ding und Konsum setzenden
Films „Life-Death“ haben diejenigen Musiker geliefert, die später Kraftwerk
werden sollten.
## Fluss der Dinge und Bilder bei Jakob Rava und Joram Schön
Klaustrophobisch geht es bei „Darlings“ zu, einem kleinen Projektraum in
einem seltsamen Lager-Verwaltungsbau nahe dem asiatischen Großhandelsmarkt
Dong Xuan Center. Hier gibt es zwar Fenster, aber so weit oben an der Wand,
dass sie keinen Blick nach draußen zulassen. Denn die Aufmerksamkeit an
diesem Ort gilt dem Fluss der Waren, dem Import und Export. Und die
Künstler Joram Schön und Jakob Rava lassen hier die Dinge einen
eigenwilligen Lauf nehmen.
Auf Verpackungen und gefundenen Materialien zeichnet und bastelt Joram
Schön Miniaturwelten. Oder besser Fragmente davon: die leeren Tische eines
Restaurants, eine Pissecke am Lüftungsschacht. Welchen Welten diese Szenen
entsprungen sein können, ist den eigenen Assoziationen überlassen. Wie bei
Schöns minutiöser Bleistiftzeichung von der postmodernen Fassade des Hotel
Westin Bonaventure in Los Angeles. Man meint, die Filmkamera würde gleich
zum Hoteldach hochschwenken, wo MacGyver in den Hubschrauber klettert, um
nur eine der vielen Hollywood-Produktionen zu nennen, mit denen das Westin
Bonaventure Hotel von Architekt John C. Portman sich ins allgemeine
Bildgedächtnis eingebrannt hat.
Jakob Rava gießt überdimensionierte Spaghetti wie auch minikleine Sitzbänke
in Beton und schnallt gläserne Personenwaagen an Mineralwasser-Pfandkisten.
Wie die natürliche Form ins Abstrakte gerät durch Industrie, Normierung,
Gebrauch, Wertzuschreibung – das spiegelt sich in Ravas vollkommen der
Nutzung entzogenen Objekten.
22 Sep 2026
## AUTOREN
(DIR) Sophie Jung
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