# taz.de -- Die Kunst der Woche: Pfeile zu Nadeln, Löcher im Absatz
       
       > Schon vor der Berlin Art Week hat in der Miettinen Collection Hannah
       > Hallermanns „Sewing“ eröffnet. Louche Ops stellt den US-Künstler Arnold
       > J. Kemp vor.
       
 (IMG) Bild: Arnold Kemp „Autobiography / Public World“
       
       Wer in dieser Woche in Sachen Kunst nicht den Überblick verliert, hat
       wahrscheinlich einfach sein E-Mail-Postfach nicht geöffnet und auch seinen
       Social-Media-Feed ignoriert. Die Berlin Art Week, die wieder einmal
       ansteht, listet allein im offiziellen Programm über 300 Veranstaltungen,
       darunter mehr als 100 Ausstellungseröffnungen.
       
       Durchaus smart ist es daher, schon in den Tagen davor zu eröffnen, wenn die
       Konkurrenz um die Aufmerksamkeit der Kunstinteressierten noch ein klein
       wenig geringer ausfällt.
       
       Getan hat das unter anderem [1][die Berliner Künstlerin Hannah Hallermann],
       die mit „Sewing“ die Erdgeschossräume der Miettinen Collection bespielt.
       Hallermann beschäftigt sich in ihrer Einzelausstellung mit Gewalt,
       häuslicher unter anderem, mit deren Dynamik, die oft einer Spirale ähnelt –
       und mit möglichen Auswegen daraus.
       
       Ein einprägsames Bild hat sie dazu entwickelt: Hallermann, selbst
       Bogenschützin, verwandelt Pfeile in Nähnadeln. Mit diesen beschießt sie
       dann Styroporplatten oder näht Vorhänge und Laken aus dem Nachlass ihrer
       jüdischen Großtante zusammen.
       
       Ähnlichkeiten zu mit Textilien und Handarbeitstechniken arbeitenden
       feministischen Künstlerinnen weist Hallermanns dabei auf. Gleichsam
       erinnert, was sie tut, aber auch an die Vertreterinnen der feministischen
       Avantgarde, die sich als bewaffnete Kämpferinnen inszenierten. Ulrike
       Rosenbachs Aktion und Videoarbeit „Glauben Sie nicht, daß ich eine Amazone
       bin“ aus dem Jahr 1975 könnte einem da vielleicht einfallen, auf der
       Rosenbach mit Pfeil und Bogen auf eine Reproduktion von Stefan Lochners
       „Madonna im Rosenhag“ zielte, aber vielleicht auch – das legt der
       Ausstellungstext von Oliver Koerner von Gustorf nahe – die Schießbilder von
       [2][Niki de Saint Phalle].
       
       Auch eine Edition entstand für die Ausstellung, 200 farbige Nadel-Pfeile,
       deren Erlös wahlweise Berliner Frauenhäusern der Caritas oder dem
       Täterpräventionsprojekt Wegweiser zugutekommt.
       
       ## Die Fragilität des Selbst
       
       Arnold J. Kemp wiederum beschwört im Projektraum Louche Ops qua Titel die
       Rückkehr der Malerei. Dennoch setzt sich „The Return of Painting“ nicht
       etwa nur aus Gemälden zusammen. Die kleine Einzelausstellung – die erste
       des Künstlers in Deutschland – gibt vielmehr Einblick in Kemps vielfältige
       Praxis. Männlichkeit und Schwarzsein, Queerness, Künstlersein, die
       Fragilität des Selbst sind Themen, mit denen er sich subtil beschäftigt.
       
       Da ist etwa ein sorgsam auf einer Pressspanplatte arrangierter Haufen von
       Krawatten seines Vaters. Und kleinformatige Malereien, die scheinbar
       viaduktähnliche Architekturen zeigen. Oder sind es doch eher die Abdrücke
       der Absätze von Herrenschuhen? Vielleicht handelt es sich ja um diejenigen,
       denen eines der auf mit Farbflecken versehenen Papierbögen gedruckten
       Gedichte gewidmet ist. Von der Rennaissancemalerei erzählt es, von
       himmlischen Botschaften und deren Ausbleiben. Und eben von löchrigen
       Absätzen, durch die sich der kalte Regen zieht – „Damn these shoes“.
       
       8 Sep 2026
       
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