# taz.de -- Die Kunst der Woche: Immer offensiv die Zähne zeigen
> Die Edition Block reitet durch 60 Jahre Kunstgeschichte im kleinen
> Format, samt rarer Polke-Richter-Zusammenarbeit. Vinzenz Aubry erklärt
> das Unerklärbare.
(IMG) Bild: Richard Hamilton, „The Critic Laughs“, 1968–1971
Wie ein Salon, viel größer sind die Ausstellungsräumlichkeiten der Edition
Block in der Prager Straße nicht. Aber es passen sechzig Jahre
Kunstgeschichte hinein. Das mag vielleicht an dem hier präsentierten Format
der Edition liegen: ein in mehrfacher Auflage produziertes Kunstwerk, das
seiner höheren Stückzahl wegen gerne kleiner ausfällt.
Die an beiden Enden abgebrannten Kerzendochte von Alicja Kwade etwa mit dem
lakonischen Titel „Nachts“ von 2020 sind mit ihrer je eigenen krümeligen
oder serpentinen Form gerade mal ein bis zwei Zentimeter lang, in der
schönen Box ist die Edition freilich größer. Olaf Metzels Wandskulptur „Die
die die“ von 2011 aus Aluminium hingegen bringt scheinbar achtlos
zerknüllte Zeitungsartikel und Entwurfszeichnungen auf gute zwei
Quadratmeter Größe.
Es liegt also nicht nur am kleinen Format der Edition, sondern auch einfach
an René Block – Galerist, Kurator, Herausgeber und Autor –, dass hier in
der Jubiläumsausstellung „60 Jahre. 60 Werke“ von Wolf Vostells Klammerbuch
von 1966 bis zu Rosa Barbas Reflexion über die Zirkulation der Bilder in
Posterform einfach mal so alles und alle versammelt sind, die in den
letzten sechzig Jahren die hiesige Gegenwartskunst geprägt haben.
1966 begann René Block im damaligen Westberlin Editionen herauszugeben, bis
heute. Tolle Sachen sind dabei: Gülsün Karamastufa hat Haarstränen, Federn
oder andere empfindliche Gegenstände mitsamt Schere in eine Samtschatulle
legen lassen. „Vulnerable“ heißt die Arbeit und verdichtet, wie es bei der
Grande Dame der türkischen Kunst häufig vorkommt, Tradition, Pop und
Widerstand in einem kleinen Gegenstand.
Auch Richard Hamiltons ikonische Edition „The Critic Laughs“ ist zu sehen.
Die ist ein zahntechnisches Kunstgebiss auf einer elektrischen Zahnbürste,
ein scheinbares Massenprodukt, das immer offensiv die Zähne zeigt. Zu
finden ist auch eines der ganz raren Gemeinschaftsprojekte von Sigmar Polke
und Gerhard Richter von 1968. Auf ihrer rätselhaften Fotoreihe wandelt sich
ein Gebirgsmassiv sukzessive zu einer verschwommenen Kugel.
## Sonnenfinsternis in Neukölln
Fast nichts zeigt Vinzenz Aubry in der Neuköllner Galerie im Saalbau. „Nach
Bild“ heißt seine Ausstellung, die mehr auf das Rauschen nach einem
Ereignis setzt. Ein Kunstrasenboden bringt Vibrationen mit tiefen, kaum
hörbaren Infraschalltönen hervor, auf einem Plasmabildschirm glüht die
Sonne vor sich hin, und in einer dunklen Kammer mit Stroboskoplicht-fähigem
LED-Bildschirm geht es um eine Sonnenfinsternis: Totale Reizüberflutung und
ihr plötzliches Stoppen wechseln hier einander ab.
Das ist alles sehr reduziert, künstlich bis laborhaft inszeniert. Trotzdem
hat die Ausstellung auch etwas Sehnsüchtiges: Aubry scheint hier nämlich
irgendwie mit dem Unerklärlichen und Entfernten in Kontakt treten zu
wollen.
1 Sep 2026
## AUTOREN
(DIR) Sophie Jung
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