# taz.de -- Kunst der Woche: Der Fluss von Ding, Mensch und Schakal
       
       > Nika Kutateladze löst in der Galerie Molitor menschliche Gesichter auf,
       > Stephanie Comilang begibt sich bei ChertLüdde auf die Suche nach Perlen.
       
 (IMG) Bild: Nika Kutateladze: Untitled, 2026, Öl auf Holz
       
       Man könnte in der Galerie Molitor an Picassos Blaue Periode denken. Wie der
       georgische Künstler Nika Kutateladze [1][dort in seiner Porträtreihe] jedes
       der Gesichter mit schwarzem Umriss stets aus einem blau-grauen Grund
       hervorkommen lässt, als stammten sie aus diesem entrückten, melancholischen
       Raum, den auch der Altmeister Pablo Ruiz Picasso in seinen blauen Jahren
       von 1901 bis 1904 auf die Leinwand bannte.
       
       Doch nur ein bisschen Picasso, denn Kutateladze bringt seine blassen
       Konterfeis in derart feinen Farbschichten auf Holzgrund, da kommt einem
       eher die spätmittelalterliche Malerei in den Sinn. Und so eine
       Dracula-hafte Blutarmut mit eingefallenen Wangen und tiefen Augenhöhlen
       hätte vielleicht auch der Münchener Symbolist Franz von Stuck seinen
       Figuren um 1890 herum so verpasst.
       
       Kutateladzes Malerei ist also ziemlich aus der Zeit gefallen. Ohnehin fällt
       und zerfällt hier alles. Die Gesichter lösen sich auf, Konturen
       verschwinden, die Umrisse eines zähnefletschenden Schakals mischen sich
       dazwischen. Ein schauriges, anonymes vieläugiges Kaleidoskop aus Mensch und
       Tier schält sich aus den Malereien heraus.
       
       Kutateladzes Studien über menschliche Auflösungsprozesse fußen auf seinen
       Beobachtungen aus einem georgischen Bergdorf, dessen Bewohner sich
       zunehmend von der Außenwelt abschotten. Wie sich Menschen in der Isolation
       wandeln, ist auch ein klassisches Motiv der Literaturgeschichte, denkt man
       etwa an Sartres „Geschlossene Gesellschaft“ oder an Marquez’ „Hundert Jahre
       Einsamkeit“. Kutateladze hat dieses nun auf sehr eigene Weise in die
       Malerei übersetzt.
       
       ## Stephanie Comilangs Fluss der Perlen
       
       In der Galerie CherLüdde könnte man sich einfach berieseln lassen von den
       ästhetischen Bildern und Klängen aus [2][Stephanie Comilangs immersiver
       Videoinstallation „Search for Life“]. Doch der existenzielle Titel macht
       skeptisch. Man sieht vornehmlich Schönes: Große Bildflächen aus
       zusammengeknüpften Perlenketten hängen von der Decke, darin sind etwa eine
       Seeschlange im Meerwasser oder das Gesicht einer jungen Frau eingearbeitet.
       Zwischendurch ertönt ihr glasklarer Gesang aus den Soundboxen.
       
       Dazu laufen zwei Videoprojektionen. Bewegt- und Standbilder überlagern
       sich, wie sich in dieser Ausstellung auch die Geschichten überlagern. Es
       geht um den Handel mit Perlmutt, um die philippinischen Perlentaucher, die
       unter Lebensgefahr die Muscheln per Hand auflesen, um die massenhafte
       Verarbeitung der Schalentiere. Beeindruckend sind Aufnahmen, auf denen
       Tausenden Muscheln die Perlen aus dem gallertartigen Fleisch geschnitten
       werden. Es geht um den Arabischen Golf als Epizentrum der weltweiten
       Perlmutthandels und um Migration von Menschen und Objekten. Nicht zuletzt
       handelt „Search for Life“ auch von einer digitalen Bildwelt, die diesen
       Fluss der Dinge begleitet und manchmal ins Fantastische verzerrt.
       
       20 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.galeriemolitor.com/exhibitions/nika-kutateladze
 (DIR) [2] https://chertluedde.com/exhibition/stephanie-comilangsearch-for-life/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Sophie Jung
       
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