# taz.de -- Die Kunst der Woche: Das wunderbare Überangebot an Kunst und Design
> Politisch waches Design in der aufgegebenen Jalousiefabrik. Und Hannah
> Hallermann kommt mit spitzen Kunstpfeilen in der Miettinen Collection
> daher.
(IMG) Bild: Das Geschoss in der aufgegebenen Berliner Jalousienfarbrik mit Arbeiten von Llot Llov
Auch wenn die Berlin Art Week vor allem eines ist: überbordend an
interessanten Angeboten der Museen, Kunstvereine, Projekträume, Galerien –
damit ist man doch nicht ausgelastet. Also legt man die dreitägigen
[1][„Currents. Design in Berlin]“ noch obendrauf. Von Laura Ewert und
Jasmin Jouhar initiiert, boten das Wochenende über mehr als 80
Teilnehmer:innen an über 60 Orten Einblick in den gestalterischen State
of the Art der Stadt.
Der wohl irrste dieser Orte ist die aufgegebene Berliner Jalousiefarbrik in
der Pücklerstraße 24 in Kreuzberg. Unberührt dämmern hier wundersame
Maschinen vom Anfang des 20. Jahrhunderts vor sich hin und die verstaubten
Außentoiletten auf halber Treppe evozieren geradezu Pompeji-Atmosphäre.
Hier hängen die kunstvollen Wandteppiche von Noël Saavedra von der
„Weberei“ genau richtig, wie im Stockwerk drüber die hinreißenden
Bast-Wuschellampen von Llot Llov.
Unter „Find Attached“ zeigen 14 junge Designer:innen dann Objekte, die
auf inspirierte Weise politisch auf die Gegenwart reagieren. Paul Rees'
„Futuristic Objects“ umfassen unter anderem einen schwimmfähigen,
überschwemmungstauglichen Sessel und einen Rimowa-Koffer, der nicht aus
Aluminium, sondern aus Beton ist und so die CO2‑Last des Fliegens ins
Material einschreibt. Protest und Pragmatik verbindet Marie Kurstjens'
„Designing Dignity“-Menstruationsset für Frauen auf der Flucht, das schon
den Mangel an sauberem Wasser mitdenkt.
Das Thema von weiblicher Flucht, Gewalterfahrung und Ortlosigkeit findet
sich auch im Rahmen der Art Week bei SEWING, der Ausstellung von Hannah
Hallermann (*1982) in der [2][Miettinen Collection]. Über die Stangen eines
Metallgerüsts hat die Künstlerin einen ungefärbten Leinenstoff gespannt und
mit einer weißen Stoffbahn vernäht, allerdings mit einem Pfeil, dessen Ende
ein Nadelöhr ziert. Die Naht ist also grob, doch imposant. Der so
entstandene Sichtschutz mit weiteren am Gerüst befestigten Textilien – alt,
vergilbt und von Stockflecken gezeichnet – ist provisorisch. Die Stoffe
wurden durch katastrophale Zeiten gerettet, sie stammen aus dem Nachlass
der jüdischen Großtante Hallermanns.
Die Bildhauerin ist Bogenschützin. Sie kennt die tödliche Gefahr der Waffe.
Sie praktiziert Bogenschießen, aber im Sinn des Kyūdō, begriffen als
Kunstform und geistiger Übungsweg. Sie versteht diesen Weg jedoch als
intellektuelle Anstrengung, die Probleme der Gegenwart zu adressieren.
Deshalb enden ihre Pfeile immer in einem Nadelöhr und ziehen Stoffbänder
hinter sich her.
Zu skulpturalen Objekten wie den in Stahlrahmen gefassten Styropurplatten,
die sie mal mit einem einzigen Pfeil, mal aber mit einem ganzen
Pfeilgeschwader beschossen hat, kommt eine Auflage ihrer speziellen Pfeile
hinzu. Es sind Hallermanns spitze Kunstpfeile im Kampf gegen Flucht,
Gewalterfahrung und Ortlosigkeit. Ihr Erlös kommt der provisorischen
Zuflucht Berliner Frauenhäuser der Caritas zugute.
Die Ausstellung: Miettinen Collection: „SEWING“, Hannah Hallermann,
Marburger Str. 3, Sa 12–18 Uhr, bis 31. Oktober
15 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.currentsberlin.com/
(DIR) [2] https://miettinen-collection.de/
## AUTOREN
(DIR) Brigitte Werneburg
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