# taz.de -- Rechtsruck unter Arbeitern: Lechts und rinks kann man velwechsern!
> Früher wählten Arbeiter SPD und Besitzbürger CDU. Heute wählen viele
> Arbeiter AfD und das urbane Bildungsbürgertum wählt eher links. Was ist
> da los?
(IMG) Bild: Entscheidend ist: Wie hältst du es mit Europa? Landtags-Wahlkabine in Magdeburg, 6. 9. 2026
Steht Deutschland am Beginn eines neuen Faschismus?, fragt der
SWR-Radiojournalist. Oh Gott, antwortet der Politologe Philip Manow. Dann
schließt er sich Jan Philipp Reemtsma an, der sich in einem Essay in der
FAZ unlängst gegen ein Reden gewandt hat, das den historischen Faschismus
einfach auf die Gegenwart überträgt, in der Regel mit Weimar- und
1933-Analogiegeraune.
Damit signalisiere man, sagt Manow in dem Radiogespräch, historische
Sensibilität und besorgte Zeitgenossenschaft und treibe durch richtigen
oder falschen Wortgebrauch voran eine Lagerbildung: diejenigen, die es
checken, gegen die Verharmloser, die nicht von Faschismus sprechen.
Manow ist Professor für Internationale Politische Ökonomie in Siegen und
hat gerade [1][ein Buch mit dem Titel „Spaltungslinien“] (C.H. Beck 2026)
veröffentlicht, das man als Werk der Stunde bezeichnen kann. Weil es
anachronistisches Denken durcheinanderschüttelt, was spätestens nach dem
fulminanten Wahlsieg der AfD in Sachsen-Anhalt dringend notwendig ist.
## Links und rechts greift zu kurz
Verknappt sagt Manow: Die Unterscheidung in links und rechts greift
politisch viel zu kurz und ist untauglich, die veränderten Zustände und
politischen Verhältnisse in den westlichen Gesellschaften zu beschreiben,
geschweige denn zukunftstauglich zu bearbeiten.
Früher wählten arme Arbeiter links und gutsituierte Bürger rechts, Letztere
profitierten von den Verhältnissen, Erstere wollten auch was oder mehr
abhaben. Heute wählen Arbeiter zunehmend rechts, und das urbane, gut
verdienende Bildungsbürgertum wählt eher links. Ganz stimmt das allerdings
nicht, denn Grün ist nicht links, das Besitzbürgertum wählt eher
konservativ, und ein paar Arbeiter wählen immer noch die SPD. In
Sachsen-Anhalt waren es 5 Prozent, während die AfD 61 Prozent
Arbeiterstimmen holte. Warum? Weil die AfD und andere rechtspopulistische
Parteien zunehmend linke Verteilungspolitik und rechte Gesellschaftspolitik
propagieren, also [2][nationalsoziale Politik].
Es gibt linkspopulistische Parteien, die es genauso machen, etwa das BSW
und auch [3][Mélenchons Partei La France insoumise]. Und es gibt eine
Sozialdemokratie in Dänemark, die damit Wahlen gewonnen hat.
Die entscheidende Trennlinie in den Gesellschaften ist nicht „links“ oder
„rechts“, sondern die Aufteilung in echte oder gefühlte Verlierer und
Gewinner der Liberalisierungen der vergangenen Jahrzehnte. CDU und SPD sind
aus Sicht der Verlierer keine Alternativen, sondern Parteien der „Eliten“,
die Grünen sowieso. Diese „Eliten“ sind liberaldemokratisch, europäisch und
westlich orientiert. Der neue Gegensatz ist populistisch, illiberal,
EU-skeptisch, gern auch autoritär und tendenziell – bei AfD, BSW, teilweise
auch der Linkspartei – Russland-affin.
Was klassischen Bildungsbürgerlinken nicht immer klar ist: dass sie Opfer
und Täter als zwei unterschiedliche Kategorien betrachten, es sich aber
faktisch um die gleichen Leute handelt. Sozialpolitisch gilt ihnen ihre
Sympathie und verbale Solidarität, gesellschaftspolitisch und moralisch
gilt ihnen ihre Verachtung, weil sie ihr linksliberales und offenes
Gesellschaftsprojekt ablehnen. In den [4][ländlichen Gebieten im Osten]
sind das speziell junge, bildungs- und einkommensschwache Arbeiter, die
keine Frau finden und von der AfD die bekannten Sündenböcke geliefert
bekommen: Einwanderer, Grüne, Woke, Frauen, Europa.
Die Ablehnung der EU kann im alten Denken rechts oder links begründet sein.
Sie markiert die Differenz zwischen derzeitigen Gewinnern und derzeitigen
Verlierern der gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Liberalisierung,
Erstere sind links markiert (Freiheit, Offenheit, Minderheitenrechte),
Letztere rechts („neoliberale“ Wirtschaft).
Dass die EU für Öffnungen von Waren, Finanzen, Menschen steht gegenüber dem
Nationalstaat, versteht sich von selbst. Dass diese Öffnungen an ihre
Grenzen kommen, erleben wir zusehends. Wobei die EU nicht schuld ist an der
Krise der deutschen Autoindustrie, das ist nationale Industriepolitik, und
auch nicht an den Mängeln des Rentensystems und regionalen Ungleichheiten
hier und in anderen EU-Ländern. Im Gegenteil: Die EU kann Menschen, Märkte,
Branchen, Unternehmen schützen. Sie kann höchstwahrscheinlich die zentralen
Zukunftsfragen lösen, die nicht nationalstaatlich zu lösen sind:
Sicherheit, Wohlstand, Klimapolitik, Demografie, sozialer Wandel.
## Mix aus Offenheit und Schließung
Aber Europa und Zukunft ist ein Mix aus Offenheit und Schließungen. Der
fortgesetzte Übergang von einem nationalen zu einem transnationalen Projekt
ist weder links noch rechts, weder progressiv noch konservativ und oft
widersprüchlich. Damit muss man umgehen. Die Vorstellung, man könne
wirtschaftspolitisch und gesellschaftspolitisch superlinks sein, also
protektionistisch und nationalstaatswirtschaftlich, und man könne
gleichzeitig die Grenzen geschlossen halten für böse Waren und Unternehmen,
aber total offen für alle Menschen, die reinwollen (inklusive Islamisten,
exklusive Rassisten, Antifeministen, Milliardäre), und so eine gerechtere
und wohlhabende Gesellschaft schaffen, ist politisch wohl in keinem System
und in keiner Gesellschaft umzusetzen.
Was man sehr wohl und viel leichter hinkriegen kann, ist ein
antieuropäisches Projekt. Auch dafür steht Sachsen-Anhalt. Es mag einem
klassischen Linken bizarr erscheinen, aber im Grunde ist der zentrale
Vorwurf der Populisten an Bundeskanzler Merz und die Union, dass sie nicht
deutsch genug ist. Wenn immer mehr Leute davon ausgehen, dass nicht sie
etwas von einer europäischen Zukunft haben werden, sondern nur ein
europäisch orientiertes „Establishment“, dann lassen sich die potenziellen
Verlierer leicht wütend machen und einsammeln, hier „Arbeiter“ genannt,
dort „das Volk“.
Die erfolgreichen populistischen Parteien basieren im Grunde alle auf der
Anti-Europa-Plattform, ob Le Pen und Melénchon in Frankreich, Nigel Farage
in Großbritannien oder eben die AfD in Deutschland. Europa steht bei
Populisten für „Kontrollverlust“ durch offene Grenzen, offene Märkte,
offene Gesellschaften. Der Brexit wiederum steht pars pro toto für die
Illusion, durch ein Ende der Offenheit „die Kontrolle zurückzuholen“.
Wenn immer eine konservative oder sozialdemokratische Mitte-Partei richtig
unter Druck gerät, ist sie versucht, sich auch als im Widerstand gegen die
Mitte zu inszenieren, also gegen sich selbst. Das konnte man bei der CDU im
Wahlkampf in Sachsen-Anhalt sehen und nun auch bei Manuela Schwesig in
Mecklenburg-Vorpommern. Tenor: Wir sind es nicht, die Bundesregierung ist
schuld. Selbst wenn das richtig sein sollte, sind in der jetzigen Lage die
Folgen desaströs.
## Der entscheidende Parameter: Europa
Sich gegen die Mitte zu positionieren, war einmal Gründungsimpetus der
Grünen. Wenn ihnen heute von links vorgeworfen wird, dass sie zu mittig
seien, und von rechts, dass sie Sozialisten seien – dann fehlt es auch
dieser Kritik meist am entscheidenden Parameter: Europa. Die Grünen sind
die überzeugteste Partei der europäischen Öffnungen. Deshalb werden sie
besonders abgelehnt oder sogar gehasst von denen, die sich als Verlierer
dieser Öffnungen sehen.
Was tun? Man muss als europäische Mitte nun endlich auch mal sagen, wo und
wie man mit Europa vorwärtskommen will, wie ein balanciertes Verhältnis von
Regulierung und Deregulierung dafür sorgen kann, dass die ökonomischen
Ungleichheiten wieder geringer werden. Und zeigen, wie die Vorteile der
Öffnungen und notwendige Schließungen dafür sorgen können, dass die Revolte
der Parteien vom linken oder rechten Rand gegen die europäische Mitte
zurückgeschlagen wird und nicht nach dem Wahldesaster von Sachsen-Anhalt
auf die (Ost-)Union übergreift. Je schwächer die CDU, desto enger wird es.
Zusammenfassend: Dass zunehmend Leute, „Arbeiter“ [5][von der SPD zur AfD]
wechseln, hängt nicht damit zusammen, dass ehemals Linke plötzlich „rechts
geworden“ sind, Angriffskriege führen und andere Leute in Lager stecken
wollen. Sie wollen auch nicht den Staat weghaben, wie ein paar superlaute
libertäre Scharfmacher behaupten. Eher wollen sie mehr Nationalstaat und
weniger EU. Vor allem wollen sie auch etwas oder mehr abbekommen.
Zugespitzt könnte man sagen, dass diese Wechselwähler die AfD für linker
halten als die SPD. Wer nun ruft: Das stimmt ja gar nicht!, hat noch nicht
verstanden, dass es hier um Gefühle geht.
Im fortgeschrittenen Zustand einer erodierenden Liberaldemokratie ist die
europäische Mitte marginalisiert, etwa in Frankreich, dort ringen die
geschlossenen, nationalen Parteien um Le Pen und Mélenchon um die
politische Führung. Das Problem der Gegenwart ist nicht die Mitte, sondern
wenn Mitte-Parteien und Bürger sich ins Bockshorn jagen lassen; wenn sie
nicht mehr wissen, wo Zukunft ist und worum es eigentlich geht. Wenn die
bundesdeutsche und die europäische Mitte leer ist, dann haben wir noch
keinen Faschismus, aber Zukunft auch keine mehr.
8 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.chbeck.de/manow-spaltungslinien/product/40247852
(DIR) [2] /Buch-ueber-rechte-Radikalisierung/!6207020
(DIR) [3] /Jean-Luc-Melenchon/!t5364430
(DIR) [4] /Punksaenger-Monchi-im-Gespraech/!6206560
(DIR) [5] /Landtagswahlen-in-Sachsen-Anhalt/!6209066
## AUTOREN
(DIR) Peter Unfried
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