# taz.de -- Vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt: Plattenverschiebung
> In Halle-Neustadt wohnen Jüngere mit Migrationsgeschichte und Ältere mit
> DDR-Biografie. Wie schauen sie auf ihr Viertel und die Politik?
(IMG) Bild: Andre Prayoga vor der Plattenbau-Skyline von Halle-Neustadt
Wenn Andre Prayoga joggen geht, dann rennt er an Frida Kahlo vorbei und an
Karl Marx. Gigantische Wandbilder auf großen Plattenbaufassaden, Kunst im
öffentlichen Raum. Prayoga liebt diese Bilder. Sie bringen Leben in sein
Viertel, findet er. Sein Viertel, das ist Halle-Neustadt.
Seit Kurzem joggt Prayoga auch an einem Plakat vorbei. „Abschieben ab
Minute eins“ steht darauf und: „Alles ist möglich. AfD“.
„Dieses Plakat meint mich“, sagt Andre Prayoga und muss lachen. Er lacht,
weil er den Spruch so irre findet.
Andre Prayoga joggt nicht durch den Park, sondern am liebsten durch sein
Viertel: Links und rechts reiht sich ein Plattenbau an den nächsten. Fünf,
dreizehn, achtzehn Stockwerke, bis zu 300 Wohnungen pro Block. Ab 1964
wurden sie gebaut, für ein anderes Deutschland. 90.000 Menschen sollten
hier einmal wohnen, da war Prayoga noch nicht geboren.
Prayoga trägt eine kurze, gelbe Adidas-Hose. Einen deutschen Pass hat er
nicht, dafür eine ziemlich deutsche Frisur, einen Vokuhila. Und er kennt
die Codes und Zeichen von Rechtsextremen, er entdeckt sie in der letzten
Zeit immer öfter in der Neustadt: Runenschrift, 88, 18. Wenn er einen
Sticker sieht, reißt er ihn ab.
## Lederjacke mit politischem Statement
Er nimmt jetzt die Treppen hoch zu seiner Wohnung, einer Dreier-WG. Er
teilt sie mit zwei anderen Indonesier:innen. Drei Zimmer, Südbalkon, 500
Euro warm. Die Küche ist chaotisch, auf dem Tisch ist gerade Platz für zwei
Tassen Kaffee.
Prayoga ist 33 Jahre alt und in Jakarta geboren, nach Deutschland kam er
2013. Erst hat er studiert, dann eine Ausbildung zur Pflegefachkraft
begonnen, nun ist er im letzten Lehrjahr. Sein Visum ist an die Ausbildung
geknüpft. Endet sie, endet auch sein Visum. „Natürlich können die mich
abschieben, wenn die wollen.“
„Die“, damit meint Prayoga die AfD. Er hat das [1][Wahlprogramm gelesen,
hat sich die Kandidat:innen angeschaut]. Wählen darf er nicht. Wenn er
das Haus verlässt, überlegt er, ob er seine Lederjacke mit den vielen
Abzeichen anzieht, auch ein durchgestrichenes Hakenkreuz. Prayoga ist
Heavy-Metal-Fan, spielt selbst in einer Band.
Dass Prayoga in Halle so gut ankommen würde, hatte er nicht erwartet. In
Frankfurt am Main, wo er erst studiert hat, hatten ihm Freunde gesagt: Geh
nicht nach Ostdeutschland, alles voller Nazis. Und er dachte: „Ach, scheiß
drauf.“
Halle-Neustadt, kurz HaNeu, war einmal eines der modernsten Wohngebiete der
DDR. Eine sozialistische Musterstadt. Was in HaNeu entstand, galt als die
Avantgarde des Bauens: Wohnungen mit Zentralheizung, Warmwasser und eigenem
Bad. 40.000 Wohnungen für 90.000 Leute. Eine Großstadt, vor allem für die
Arbeiter:innen der nahegelegenen Chemiewerke Buna und Leuna. Acht
Wohnkomplexe entstanden in HaNeu, jeder mit Kindergarten, Schule,
Ärzt:innen, Konsum, viel Grün. HaNeu war ein Versprechen auf eine große
sozialistische Zukunft. Hier sollten neue Wohnformen erprobt werden, es
entstanden die ersten Maisonettewohnungen und die ersten Dachterrassen der
DDR, hier lebten Arbeiter:innen und Ingenieur:innen Tür an Tür.
Der Kopf hinter all dem war ein Stararchitekt der DDR, Richard Paulick, der
auch die Berliner Karl-Marx-Allee gestaltet hat. Mitten durch HaNeu führt
die „Magistrale“, eine vierspurige Straße, knapp vier Kilometer lang und
schnurgerade. Paulick soll sie so erdacht haben, damit immer ein leichter
Wind durch Neustadt weht. Klimaanpassung würde man heute sagen, in Neustadt
ist es immer ein paar Grad kühler als in der Innenstadt.
## Das Viertel und sein Ruf
Heute eilt [2][dem Viertel der Ruf eines Ghettos voraus]. Im Süden der
Neustadt vergammeln Wohnblocks, weil die Investoren, die sie gekauft haben,
insolvent gegangen sind. Boulevardmedien schreiben vom „Slum“.
Schaut man bloß auf Statistiken, bestätigen sie den Ruf. Nirgendwo in Halle
sind so viele Menschen arbeitslos wie hier. Nirgendwo leben so viele Kinder
in Armut. Fast jedes zweite Kind lebt in einer Familie, die Grundsicherung
bezieht. Das sind viermal so viele wie im Bundesschnitt.
Und noch eine Statistik führt HaNeu an: Der Ausländeranteil ist so hoch wie
nirgendwo sonst in Halle. Rund 30 Prozent der Menschen haben keinen
deutschen Pass, die meisten von ihnen sind in den vergangenen zehn Jahren
als Geflüchtete gekommen, aus Syrien, der Ukraine und Südosteuropa. Die
Stadt hat sie in Unterkünften oder direkt in Wohnungen in HaNeu
untergebracht.
Mit den Bewohner:innen hat sich auch das Stadtbild verändert. Neben dem
deutschen Supermarkt hat ein arabischer eröffnet. Die Lokalzeitung zitiert
alteingesessene Neustädter:innen, die hier gern einkaufen. Im
Einkaufszentrum hat das türkische Schnellrestaurant expandiert und ist zu
jeder Tageszeit voll. Wo früher die Post war, entsteht gerade ein
islamisches Kulturzentrum.
Mit der Islamisierung des Abendlandes, wie sie Pegida vor 15 Jahre
beschrie, hat das nichts zu tun. Vielmehr zeigt sich in Halle-Neustadt, was
viele nicht wahrhaben wollen: dass Ostdeutschland längst eine
Migrationsgesellschaft ist. Wenn die AfD „Abschieben ab Minute 1“
plakatiert, dann dürfte vielen Neustädter:innen klar sein, dass das ein
leeres Versprechen ist.
## Wer entscheidet über die Zukunft?
Und trotzdem, oder gerade deswegen, fährt die AfD hier Spitzenwerte ein.
Rund 40 Prozent haben in HaNeu bei der Bundestagswahl die Partei gewählt –
40 Prozent von denen, die hier wahlberechtigt sind. Denn rund ein Drittel
der Menschen, die in HaNeu leben, hat keine deutsche Staatsbürgerschaft. In
HaNeu entscheidet also eine schrumpfende alte Mehrheit über die Zukunft von
Leuten wie Andre Prayoga, junge Leute, die sich hier ein Leben aufbauen
wollen.
1989 lebte fast jeder zweite Ostdeutsche im Plattenbau. Wenn in diesen
Tagen wieder nach Gründen gesucht wird, warum der Osten so tickt, wie er
tickt, lohnt es sich, zu schauen, wie sich diese Viertel verändert haben:
von der sozialistischen Verheißung, über Leerstand und Abriss nach der
Wende, bis zu einer Migrationsgesellschaft, die auch die Platte verändert.
Knapp vier Wochen vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt bildet sich eine
lange Schlange vor dem Neustadtcenter, dem Einkaufszentrum in
Halle-Neustadt. Die AfD hat einen Infostand aufgebaut, ihr Spitzenkandidat
[3][Ulrich Siegmund] wird erwartet. Ein rechtes Streamerteam ist dabei und
filmt live für Youtube. Das Video zeigt die Siegmund-Fans, es sind [4][vor
allem Männer]. Junge Männer mit breitem Kreuz, Glatze und Sonnenbrille,
alte Männer im Karohemd. Die Streamerin spricht gerade mit dem
AfD-Direktkandidaten für die Neustadt, Alexander Raue, darüber, was Halle
brauche (weniger Kriminalität, weniger Migration, mehr Abschiebungen), da
brandet Jubel auf.
Die Kamera schwenkt um, Ulrich Siegmund kommt. [5][Jeans, Sneakers, weißes
Hemd, Strahlen im Gesicht.] „Guten Morgen, seid ihr alle gut drauf? Halle
wird blau, meine Freunde“, ruft er in die Menge. „Halle ist nicht ganz so
einfach wie andere Städte, das muss ich zugeben. Aber wir holen uns Halle
zurück.“ Die Menge jubelt. Es sind jetzt etwa 100 Leute versammelt.
## Als die Häuserblocks leerstanden
Die Chemieindustrie, für deren Arbeiter:innen HaNeu gebaut wurde, war
zu DDR-Zeiten der größte Arbeitgeber in Sachsen-Anhalt. Nach der Wende
übernahm die Treuhand die Leuna- und Bunawerke und drängte auf
Personalabbau. Mehrere zehntausend Arbeiter:innen verloren ihre Jobs,
zeitweise war jede:r Vierte in Neustadt arbeitslos. In den folgenden
Jahren verließen über zehntausend Menschen HaNeu. Viele zogen in die alten
Bundesländer. „Da hilft nur noch Dynamit“, schrieb der Spiegel 2000.
Plötzlich standen Häuserblocks leer, wurden abgerissen, Bewohner:innen
umgesiedelt. Abriss Ost. Aus HaNeu, der sozialistischen Vorzeigestadt,
wurde ein Ort der Trostlosigkeit.
Lothar Müller kann sich gut daran erinnern. Er lebt seit 1967 in
Halle-Neustadt. An einem Sommertag im August sitzt er auf einer Bank im
Neustadt-Center und isst ein Stracciatella-Eis. Als junger Mann ist er
hergezogen, erst in eine Zwei-Zimmer-Wohnung im Wohnblock 2, bis er 1976
eine größere bekam, für sich, seine Frau und seinen Sohn. In der Wohnung
lebt er bis heute: drei Zimmer, Balkon, dritte Etage in einem
Fünfgeschosser, „super saniert“, 480 Euro Miete.
Müller hat zu DDR-Zeiten als Elektroingenieur im Chemiewerk gearbeitet, die
Wohnungen bekam er über den Betrieb. „Etwas Besseres als HaNeu hätten wir
uns nicht vorstellen können“, sagt er. Er habe nie ans Wegziehen gedacht,
auch nicht, als er nach der Wende einen gut bezahlten Job in Berlin bekam
und dorthin pendelte.
Eigentlich, sagt Lothar Müller, könne er nicht klagen. Er wird demnächst
84, ist noch gut zu Fuß und fit im Kopf. Fragt man ihn, wie sich HaNeu
verändert hat, schießt es trotzdem aus ihm raus: „Nur zum Schlechten.“ Der
Müll, die Kriminalität, die illegalen Autorennen auf der Magistrale. Die
Stadtverwaltung kümmere sich nicht in HaNeu, die Polizei sei nie da, wenn
man sie brauche. Lothar Müller lacht und erzählt viel. Die Migranten, die
er persönlich kennt, lobt er. Sein russischer Nachbar sei der Einzige in
Halle, der Computer reparieren könne. Der eritreische Lehrling in seiner
Autowerkstatt: „Der macht seinen Job ganz ordentlich.“ Seine ukrainischen
Nachbarn: „Sprechen hervorragend Deutsch, arbeiten viel.“
Und trotzdem findet Müller: Die Migranten müssten weg. Es seien zu viele.
## Damals und heute, Schwärmen und Schimpfen
Zur Landtagswahl will Müller nicht hingehen, er glaubt, die Wahl werde
nicht fair ablaufen. „Die AfD wird sowieso nicht gewinnen“, sagt er. Wäre
es denn gut, wenn die AfD gewinnt? Nicht unbedingt, sagt Müller. „Die
kriegen es doch auch nicht hin, die ganzen Ausländer rauszuschmeißen.“
Was hält er von Ulrich Siegmund? Lothar Müller guckt ehrlich irritiert.
„Wen? Da müssen Sie mich jetzt aufklären“. Ach so, ja, der. Er könne nicht
erkennen, dass bei der AfD Nazis seien. „Das sind ganz normale Leute,
gestandene Industrielle zum Teil.“
Wie in vielen anderen Plattenbaugebieten in Ostdeutschland war die Linke in
Neustadt lange die mit Abstand stärkste Partei, zeitweise holte sie über 35
Prozent. 2016 verlor sie das Direktmandat an die AfD, 2021 ging es an die
CDU. Bei den letzten Landtagswahlen, 2021, wählten nur noch 13 Prozent der
Neustädter:innen die Linke.
Spricht man an diesem Sommertag mit anderen alten weißen Menschen rund um
das Einkaufscenter, hört man oft Sätze wie die von Lothar Müller. Da ist
die Frau mit Rollator, 70 Jahre alt, sie kann kaum noch gehen. Sie wünscht
sich die DDR zurück. Damals sei das Land sicher gewesen, Armut,
Obdachlosigkeit, Drogen habe es nicht gegeben. „Vor allem hatten wir
Frieden.“ Deutschland müsse sich aus dem Krieg in der Ukraine heraushalten,
findet sie, sonst komme der Krieg zu uns. Sie könne jeden verstehen, der
die AfD wähle. Oder eine andere alte Frau an Krücken. Gefragt, was sie zur
Landtagswahl denke, wirft sie den Kopf in den Nacken und schimpft über die
[6][Rentenpolitik der Bundesregierung].
Die Leute erzählen Geschichten vom Verfall und Verlust. Sie schwärmen vom
früheren HaNeu, das sicher und sauber gewesen sei, und schimpfen über HaNeu
heute.
## Das neue HaNeu
Dabei ist das neue HaNeu, gegen das sich Lothar Müller, Ulrich Siegmund und
die anderen Altbewohner:innen wehren, nicht mehr umzukehren. Menschen
mit Migrationsgeschichte sind längst Teil von HaNeu geworden. Die
Spielplätze sind wieder gut besucht, vor allem, weil dort Frauen mit
Kopftüchern und ihren Kindern sitzen. Freitags ist die Straßenbahn aus der
Innenstadt voll mit muslimischen Männern, die zum Freitagsgebet nach HaNeu
fahren. Dort steht das muslimisches Kulturzentrum der Stadt, es ist längst
zu klein geworden, jeden Freitag beten Dutzende, manchmal Hunderte Männer
auf ihren Teppichen vor dem Gebetshaus, weil der Platz nicht reicht. Die
AfD hat bis zuletzt versucht, einen Neubau zu verhindern, auch der
parteilose Bürgermeister wollte die Gemeinde an den Stadtrand verdrängen.
Aber die Gemeinde hat den Bauantrag durchgeboxt, Spenden gesammelt und
finanziert den Neubau komplett selbst. Gerade heben Bagger die Grube aus,
2027 soll das Gemeindezentrum eröffnet werden. Wer so kämpft für neue
Gebetsräume im Viertel, der ist gekommen, um zu bleiben.
Von den 900.000 Kriegsflüchtlingen, die 2015 nach Deutschland kamen,
landeten zunächst 3.000 in Halle, die meisten in der Neustadt. Seitdem
steigt der Ausländeranteil. Im westlichen Teil der Neustadt hat er sich in
den vergangenen zehn Jahren verfünffacht.
Das ist viel in kurzer Zeit, und nicht überall kommt HaNeu so mit, wie es
nötig wäre. Es gibt Grundschulklassen, in denen 80 Prozent der Kinder kaum
Deutsch sprechen. Den Jugendklubs fehlt Personal, Schulen fühlen sich
allein gelassen. HaNeu gilt als Hotspot der Jugendkriminalität,
Bewohner:innen klagen über Müll auf den Straßen.
Zuletzt sorgte das Heidebad bundesweit für Schlagzeilen, weil dessen
[7][Pächter nur noch Badegäste reinlassen wollte, die die deutschen
Baderegeln verstehen]. Zuvor war beinahe ein Kind ertrunken, dessen Eltern
sich nicht an die Baderegeln gehalten haben sollen. Nach Kritik ruderte der
Pächter zurück, es soll jetzt mehrsprachige Schilder in dem Bad geben. Und
auch die Stadtverwaltung reagierte. Gerade hat der Stadtrat ein neues
Sprach- und Bildungskonzept für die Kitas in der südlichen Neustadt
vorgelegt.
## Vorreiter einer gesellschaftlichen Entwicklung
Sozialwissenschaftler:innen glauben, dass die ostdeutschen
Plattenbaugebiete heute zu neuen Ankunftszentren für Migrant:innen
werden könnten, so wie es Berlin-Kreuzberg oder Duisburg-Marxloh in den
1960er und 70er Jahren für Arbeitsmigrant:innen aus der Türkei waren.
Damit ist Halle-Neustadt wieder das, was es schon bei seiner Gründung war:
Vorreiter einer gesellschaftlichen Entwicklung – hin zu einem diversen
Ostdeutschland.
Daniel Kubiak ist Sozialwissenschaftler am Berliner Institut für empirische
Integrations- und Migrationsforschung der Humboldt Uni. Er hat sich viel
mit Halle-Neustadt beschäftigt, hat Statistiken ausgewertet, Stadtfeste und
lokale Initiativen untersucht.
Kubiak spricht von „Empathiemauern“, wenn er über die Wahlentscheidungen
der alten Bevölkerung spricht. „Wir haben immer wieder festgestellt, dass
sich alteingesessene Neustädterinnen zum Teil sehr für migrantische Kids
engagieren und da gute Erfahrung machen“, sagt Kubiak. „Und trotzdem
entscheiden sich diese Menschen oder ihre Angehörigen an der Wahlurne
eiskalt für eine Partei, die diese Kids abschieben oder zumindest in
Schulen separieren will.“ Woher das kommt? Kubiak sagt, dass viele der
Leute, die schon immer in der Neustadt gelebt haben, die heute alt, einsam
und oft krank sind, noch immer hoffen, dass sich ihr Leben verbessert.
„Jetzt kommen aber diese jungen migrantischen Leute und bauen da richtig
was auf.“
Und es sind nicht nur die Neuzugezogenen, die die Neustadt verändern. Es
sind auch die Wohnungsbaugesellschaften, die Stadt, die Sozialverbände, es
sind junge und alte Bewohner:innen, Sozialarbeiter:innen. Ein
Künstlerkollektiv malt neue Wandgemälde an die Plattenbauten, eben jene,
die Andre Proyoga so mag. Das Quartiersmanagement gibt mit einem
ehrenamtlichen Redaktionsteam eine Stadtteilzeitung heraus, die
Haneuigkeiten. Seit Kurzem gehört dazu auch eine schicke Webseite,
[8][unser-haneu.de]. Darauf findet man täglich Veranstaltungen in der
Neustadt, oft sind es mehr als 30 am Tag: Skatrunden, Nähcafé, Tangoabende,
Mario-Kart-Workshops für Jugendliche, Fitnesskurse für Frauen,
Deutschkurse, Computerkurse, Volksliedersingen, Hausaufgabenhilfe,
Nachbarschaftsfrühstück, offener Kinder- und Jugendtreff. Die Neustadt ist
längst nicht mehr so vernachlässigt, wie sie es nach 1990 einmal war.
## Im selbstverwalteten Stadtteilzentrum
Nicht alle Leute, die daran mitarbeiten, wollen ihren Namen oder ihre
Zitate in der Zeitung lesen. Eine Sozialarbeiterin will keine schlechte
Stimmung verbreiten, drei Mädchen, die aus Indien stammen und seit zwölf
Jahren in der Neustadt leben, wollen lieber anonym bleiben. Ein Mitglied
des islamischen Kulturvereins will sich vor der Wahl nicht öffentlich
äußern, weil es negative Konsequenzen fürchtet, sollte die AfD an die Macht
kommen. Auch das ist also HaNeu im Jahr 2026: Die, die hier an der Zukunft
bauen, fürchten, dass die Gestrigen ihnen diese Zukunft kaputtmachen.
Ein paar Tage bevor Andre Prayoga in seiner Küche von seinem Leben in HaNeu
erzählt, betritt er einen großen Werkstattraum im Untergeschoss eines
Neustädter Plattenbaus. Er ist in die Passage 13 gekommen, ein
selbstverwaltetes Stadtteilzentrum. Seit 2019 gibt es die Passage. Sie ist
Jugendklub, Kulturzentrum, Radiostudio, Werkstatt, Bibliothek und Café
zugleich. Zwölf Mitarbeiter:innen arbeiten hier. Heute steht eine
politische Diskussionsrunde an: „Wie geht es dir mit dem deutschen
Nationalstolz?“ Die Frage ist bewusst zugespitzt, damit die
Neustädter:innen ins Gespräch kommen.
Andre Prayoga ist zum ersten Mal da, er interessiert sich dafür, was in
seinem Kiez passiert. Es gibt Kaffee gegen Spende, auf einem Tresen steht
geschnittener Kuchen, in einer Box gibt es kostenloses Brot zum Mitnehmen,
das die benachbarte Bäckerei nicht verkauft hat. Gut ein Dutzend
Besucher:innen kommen in die Runde. Die meisten von ihnen sind unter
30, aber es sind auch ein paar ältere dabei. Fast alle sind erst in den
vergangenen Jahren nach Neustadt gezogen. Zwei Stunden werden sie über
deutschen Nationalstolz diskutieren. Der Inhalt der Gespräche soll
vertraulich bleiben.
Nur so viel: Andre Prayoga, der linke Heavy Metal Fan, ist der Einzige in
der Runde, der Nationalstolz etwas abgewinnen kann. „Ohne Nationalstolz
hätten wir uns in Indonesien nie aus der Kolonie befreien können“, sagt er.
Er versteht, dass viele Deutsche mit Nationalstolz aus guten Gründen nichts
anfangen können.
Es muss ja auch nicht unbedingt Stolz sein, sagt Andre Prayoga nach der
Veranstaltung. Es reiche doch, den Ort, an dem man lebt, für das zu feiern,
was er heute ist. Wenn Altneustädter:innen von früher schwärmen, dann
kommen Andre Prayoga Zweifel. „Welches Neustadt meinen die? Ich bin mir
sicher, Neustadt ist heute geiler, wirklich.“
Andre Prayoga jedenfalls sagt, er sei glücklich im Osten.
6 Sep 2026
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