# taz.de -- Präsidentschaftswahl in Frankreich: Der Populist ist zurück
       
       > Jean-Luc Mélenchon kandidiert für die Linkspartei LFI bei den
       > französischen Präsidentschaftswahlen 2027. Das Problem: Für große Teile
       > der Linken ist er nicht wählbar.
       
 (IMG) Bild: Kein Platz neben ihm: Jean-Luc Mélenchon, Chef der französischen Linkspartei, hier im Kommunalwahlkampf im März 2026
       
       Jean-Luc Mélenchon, der Gründer der Linkspartei La France insoumise,
       kandidiert erneut und damit zum vierten Mal bei den Präsidentschaftswahlen,
       die im kommenden Frühling stattfinden. Das hat er am Sonntagabend im
       Fernsehen TF1 bestätigt. Ein Scoop war das nicht. Mit dieser Kandidatur war
       immer gerechnet worden, denn Mélenchon selbst hält sich für unersetzlich.
       Das hat seit Jahren dafür gesorgt, dass links von den Sozialisten und
       Grünen niemand sich so weit profilieren konnte, um ihm ernsthaft Konkurrenz
       zu machen.
       
       2022 hatte Mélenchon mit 21,95 Prozent der Stimmen nur knapp die Stichwahl
       gegen Emmanuel Macron verpasst, in die stattdessen Marine Le Pen vom
       rechtsextremen Rassemblement National (RN) mit 23,15 Prozent der Stimmen
       kam. Diese Zahlen belegen für ihn auch fünf Jahre später, dass er nicht nur
       der Einzige im gesamten linken Lager wäre, der überhaupt den Sprung in die
       zweite und entscheidende Runde schaffen könnte. Vor allem aber ist er
       überzeugt, dass niemand außer ihm selbst in einem Wahlfinale gegen eine
       Kandidatin des RN gewinnen kann, [1][respektive gegen Jordan Bardella, der
       vermutlich 2027 an Le Pens Stelle antreten wird.]
       
       Das Argument „Wer, wenn nicht ich?“ ist für ihn nur eine rhetorische Frage.
       Er pocht auf seine Erfahrung: „Wer ist besser gewappnet für die Situation,
       die uns erwartet?“ Die Zeichen stehen auf Sturmwarnung, weil die extreme
       Rechte nur noch einen Schritt vor der institutionellen Machtübernahme in
       Frankreich steht. Und der Horizont verdüstere sich, so Mélenchons
       apokalyptische Formulierungen, wegen der Gefahr eines „generellen Kriegs“,
       einer „verschärften wirtschaftlichen und sozialen Krise“ sowie eines
       Klimawandels mit „spektakulären“ Auswirkungen.
       
       ## Widerrede? Nicht geduldet
       
       Mit viel Selbstbewusstsein – oder auch: einem abwertenden Blick auf alle
       anderen Konkurrenten – meint er, für eine Präsidentschaftskandidatur in
       solchen Krisenzeiten dürfe es keine „Improvisation“ geben. Er habe für
       seinen vierten Wahlkampf um die Staatsführung, ebenfalls im Unterschied zur
       Konkurrenz, eine solide „Equipe, ein Programm, eine einzige Kandidatur“.
       Und er ist in seinen Reihen der einzige Chef, der nicht viel Widerrede
       duldet. „Hopp, an die Arbeit“, rief Mélenchon am 1. Mai seinen
       Genoss*innen mit Blick auf eine beginnende Kampagne zu.
       
       Seine Autorität ist seine Stärke. In der übrigen Linken ist nichts so
       offensichtlich. Noch ist nicht klar, ob eine Art Vorwahl stattfinden wird.
       Und noch weit weniger sicher wäre es, dass das Ergebnis einer
       Basisabstimmung dann auch zu einer Einheitskandidatur führen würde. 2022
       hatte einer solchen „Primaire populaire“, über deren Abstimmung sich
       immerhin 390.000 Leute beteiligten, Ex-Ministerin Christiane Taubira
       gewonnen. Sie hat dann zugunsten der laut Wahlprognosen aussichtsreicheren
       Kandidatur von Mélenchon verzichtet.
       
       Viele fühlen sich berufen oder sind bereits am Start: François Ruffin
       (Ex-LFI), der als Linksliberaler einzustufende Raphaël Glucksmann, der
       Parteichef der Kommunisten Fabien Roussel, der frühere Innen- und
       Premierminister Bernard Cazeneuve, um nur einige zu nennen. Nicht zuletzt
       ist da auch noch Ex-Staatspräsident François Hollande, der sein Comeback
       immer drängender als Notlösung für diese zerstrittene Linke anbietet. Und
       keiner scheint gewillt zu sein, zugunsten eines anderen zu verzichten. Und
       ganz bestimmt nicht für Mélenchon.
       
       ## Antisemitische Äußerungen
       
       Nur hat Mélenchon ein großes Problem: Er ist heute – im Unterschied zu 2022
       – für weite Teile der übrigen Linken wegen seines autoritären Auftretens,
       seiner spaltenden Politik und zahlreichen Polemiken einfach nicht mehr
       akzeptabel. Sie machen ihn auch verantwortlich dafür, dass die
       Wahlallianzen der Linken von 2022 und 2024 definitiv zerbrochen sind. Mit
       Äußerungen, die als antisemitisch interpretiert wurden, hat sich Mélenchon
       unmöglich gemacht.
       
       Populär geworden sind Mélenchon und LFI dagegen in Wählerkreisen, die
       Mélenchon „Nouvelle France“ („Das Frankreich von morgen“) nennt. [2][Die
       Ergebnisse der kürzlichen Kommunalwahlen] belegen, dass seine Verurteilung
       des Kapitalismus und der sozialen Ungleichheit und seine scharfe
       Israel-Kritik in den Vorstadtquartieren, die vor allem von
       Zuwandererfamilien geprägt sind, ankommen. Die Art, wie er das Volk gegen
       die Elite ausspielt, kann aber auch leicht als populistisch kritisiert
       werden.
       
       Bei einer regelmäßig durchgeführten Popularitätsumfrage zu politischen
       Persönlichkeiten fällt bei Mélenchon etwas auf: Auf die Frage, wenn er
       Präsident würde, „Wären Sie dann sehr oder eher zufrieden, sehr oder eher
       unzufrieden oder wäre es Ihnen gleichgültig?“, stößt der LFI-Kandidat mit
       Abstand am stärksten auf Ablehnung. So sagen 51 Prozent der Befragten, sie
       würden in dem Fall „sehr“ unzufrieden sein. 15 Prozent gaben „eher“
       unzufrieden an. 14 Prozent stehen einem Staatschef Mélenchon gleichgültig
       gegenüber. Insgesamt 15 Prozent würde das „sehr“ oder „eher“ freuen. Man
       kann also sagen, dass Mélenchon außer Stimmen vor allem eines auf sich
       zieht: Ablehnung.
       
       4 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Verurteilung-von-Marine-Le-Pen/!6076304
 (DIR) [2] /Zum-Sieg-der-demokratischen-Mitte/!6162864
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Rudolf Balmer
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Schwerpunkt Frankreich
 (DIR) Schwerpunkt Rassemblement National
 (DIR) Marine Le Pen
 (DIR) Jean-Luc Mélenchon
 (DIR) GNS
 (DIR) Schwerpunkt Rassemblement National
 (DIR) Schwerpunkt Frankreich
 (DIR) Schwerpunkt Frankreich
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Vor Präsidentschaftswahl in Frankreich: Rechte und Linke bringen sich in Stellung
       
       Erst im Frühling 2027 wird in Frankreich ein neuer Präsident gewählt. Schon
       jetzt gibt es einen Favoriten: den Rechtsextremen Jordan Bardella.
       
 (DIR) Kommunalwahlen in Frankreich: Mélenchon ist ungeliebt, aber unverzichtbar
       
       Die Linke kann die Stichwahl am Sonntag nur mit Hilfe von La France
       insoumise gewinnen. Doch Antisemitismusvorwürfe gegen LFI erschweren
       Absprachen.
       
 (DIR) Linke in Frankreich: Der Kampf um lokale Macht
       
       Frankreich wählt am Sonntag Gemeinderäte – das ist ein Stimmungstest für
       die Präsidentschaftswahl 2027, besonders für die kriselnde Linkspartei LFI.