# taz.de -- Chara Kotsali über Tanz und Politik: „Es reicht nicht, sich zu beschweren“
       
       > Mit „It’s the End of the Amusement Phase“ tourt die griechische
       > Choreografin durch Europa. Ein Gespräch über ihr Stück und über Tanz in
       > totalitären Zeiten.
       
 (IMG) Bild: „It’s the End of the Amusement Phase“ ist eine Revue
       
       Nach Chara Kotsalis Erfolgsstück „It’s the End of the Amusement Phase“ kann
       man eigentlich nicht aufstehen und weitermachen. Es ist ein Parforceritt
       durch die Geschichte, sowohl des Tanzes als auch politischer Katastrophen –
       in einer Zeit, in der die Zukunft von der Vergangenheit überholt wurde. 
       
       taz: Chara Kotsali, ich habe lange kein solch geschichtshaltiges Werk wie
       [1][Ihre Tanzrevue] gesehen. Die Liste Ihrer Stil-Referenzen muss enorm
       lang sein. 80 Tänze? 100? Haben Sie sie gezählt? 
       
       Chara Kotsali: Nein, in dieser Art von Zählen bin ich schlecht. Ich häufe
       an, ich komme vom einen aufs andere. Vielleicht ist das ein neurodiverser
       Zug an mir. Ich weiß nicht, ich habe es noch nicht untersuchen lassen. Ich
       gehöre nicht zu der Generation, die solche Dinge beizeiten abchecken lässt.
       
       taz: Na ja, so alt sind Sie noch nicht. 
       
       Kotsali: Zumindest würde sich bei mir sicher was finden lassen!
       
       taz: All diese Tanzstile von den 1920er Jahren bis zu heutigen
       Tiktok-Tänzen perfekt zu beherrschen, ist unglaublich! 
       
       Kotsali: Eine tolle Herausforderung. Dadurch gewinnen wir eine Einsicht in
       ein Lebensgefühl, in die Textur von Körpern.
       
       taz: Wie schaffen Sie es, Tänzerinnen zu finden, die solche Mengen an
       Material aufnehmen können? 
       
       Kotsali: Okay, ich bin jetzt für eine Sekunde und einzig in dieser
       Beziehung stolz auf mein Land: Es gibt wirklich exzellente Tänzer:innen
       in Griechenland. Nicht nur sind sie so geschult, dass sie körperlich mit
       jeglichem Material umgehen können, sie sind auch mental und intellektuell
       super stark.
       
       taz: Warum umfasst Ihr Sampling ein ganzes Jahrhundert? 
       
       Kotsali: Das ist zunächst etwa der Zeitraum, in dem Tänze medial
       dokumentiert sind. Auch schien es uns als Team wichtig, die öffentlichen
       Tänze vor, während und nach der Great Depression des letzten Jahrhunderts
       zu studieren: Wie wurde versucht, Vergnügen durch den Körper zu erfahren?
       Die Geschichte des Vergnügens beim Tanzen hat seitdem sehr große
       Veränderungen durchlaufen. Ein grober Abriss: Zunächst die Ballrooms, in
       denen es vor allem um Paartanz ging, dann die Diskos und Clubs als ein
       Zusammentanzen, dann die Raves als ein Koexistieren oder auch als
       gemeinsames Träumen, dann die Tänze im Rahmen eines Bildschirms, körperlich
       geschaffen, um körperlos zu zirkulieren.
       
       taz: Beim Betrachten Ihrer Choreografie wird klar, dass auch Tanz eine
       Grammatik hat. Wenn Körper sehr gut ausgebildet sind, entwickeln sie
       Intuitionen für die Strukturen. 
       
       Kotsali: Absolut. Wenn wir derart viele Tanzstile durchlaufen, dann bildet
       sich das Gefühl für Grammatik und Syntax der Tänze durch das Mash-up noch
       stärker heraus. Es wird auch klar, dass der Körper sich in Bezug auf den
       Gehalt und die Bedeutung der Bewegung organisiert, das heißt, von sich aus
       Links legt.
       
       taz: Ich finde es bei heutigen Kindern faszinierend, wie gut viele sind im
       Tanz-Clips lernen. Es zirkuliert eine enorme tänzerische Fähigkeit. 
       
       Kotsali: Ja, das sind oft erstaunlich komplexe Tanzbewegungen.
       
       taz: Andererseits sind Kinder komplett auf Hits aus sozialen Medien
       fokussiert. Wer zum Beispiel kein Tiktok benutzen darf, hat keine Chance,
       mitzumischen. 
       
       Kotsali: Dennoch tun wir so, als würden solche medialen Plattformen einen
       öffentlichen Raum konstituieren. Dabei sind sie private
       Wirtschaftsunternehmen und verschlingen geradezu menschliches Fleisch. Sie
       brauchen Körper und Gesichter. Stellt man eine Zeichnung auf Instagram,
       wird sie viel weniger zirkulieren.
       
       taz: Sie zeigen durch Ihr Sampling, wie die Grenzen zwischen Popkultur,
       Kunst und politischer Propaganda verschwimmen können. 
       
       Kotsali: Es ist faszinierend und schockierend, zu erforschen, wie
       totalitäre Regime sich die Tänze einer Epoche einverleiben. Es gibt kein
       Genre „totalitäre Tänze“. Ihre Ästhetiken bedienen sich immer an anderen
       Genres. Im 20. Jahrhundert war das der Volkstanz, aber auch die populären
       Tänze der Zeit spielten mehr und mehr eine Rolle, ein Beispiel wären die
       Tänze zu Ehren Titos nach dessen Tod. Aber auch abstraktere Ästhetiken
       kommen zum Zug, wie im Fall von Joseph Goebbels, der bis zu einem gewissen
       Grad fasziniert vom Tanzerneuerer Rudolf von Laban war. Eine totalitäre
       Inszenierung ist immer eine Mischung aus dem Angebot der Ästhetiken.
       
       taz: Wobei für heutige politische Propaganda sicher die medialen Moden
       einen Haupteinfluss bilden? 
       
       Kotsali: Wir leben bereits in implizit totalitären Zeiten, aber ich möchte
       mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen mit einer Analyse. Wenn ich
       jedoch die großen Tanzevents wie bei den Superbowls oder den Olympischen
       Spiele verfolge, ist auf jeden Fall klar, dass Tänze aus medialen
       Populärkulturen einen großen Stellenwert haben und dass auch Material aus
       diasporischen und teils auch aus trans Kulturen benutzt wird. Und dass auch
       weiterhin für nationale Repräsentationen auf große Namen aus der Kunst
       gesetzt wird.
       
       taz: Ihre Tanzrevue wird unterlegt und unterbrochen von einem
       hochpolitischen Spoken-Word-Text. Für mich wäre die erste Hürde beim
       Aufheulen über den Zustand der Welt die Frage: Wo beginnen? 
       
       Kotsali: Ich hatte immer viel Respekt vor Worten, aber in den letzten
       Jahren habe ich es gewagt, Schreiben als künstlerisches Mittel zu
       entdecken. Es ist eine Notwendigkeit geworden, meine Stimme zu erheben.
       Dabei hilft es, auch mit der Stimme zu tanzen – das heißt, im
       Spoken-Word-Stil mit Rhythmus und Sound zu experimentieren, bis ich auf
       einem Track bin, der inhaltlich trägt. Ich denke, es ist wichtig, auch
       diese nicht-gedanklichen Anteile an der Sprache anzuerkennen.
       
       taz: Es gäbe viele zitatwürdige Verse wie „Go, go west, and fuck the rest“,
       oder „a human progress full of tears and fears and fierce frontiers“, die
       zeigen, dass Ihre Worte scharf und eingängig sind. Nur: Was erwarten Sie
       sich davon in einer Welt, die nicht bereit ist, sich zu ändern? 
       
       Kotsali: Es klingt naiv, aber ich brauche die Möglichkeit, [2][den neuen
       europäischen und weltweiten Faschismus] zu adressieren. Ich brauche die
       Möglichkeit, den Begriff der Migration zurückzuerobern, als etwas, was
       immer lebensnotwendig war und sein wird für die Menschheit. Es reicht
       nicht, sich zu beschweren, denn das tun derzeit alle – wenn ich auch Heulen
       und Beschwerde als feministische Praxis schätze. Was mich jedoch zum
       politischen Subjekt macht, ist, meiner Traurigkeit konkreten Ausdruck zu
       verleihen.
       
       taz: Sie schmettern: „There is nothing like the Great Depression, nothing
       great about this sadness“ – ist Traurigkeit für Sie anstelle des
       „amusements“ getreten? 
       
       Kotsali: Die Beschäftigung mit meiner eigenen Traurigkeit wurde angestoßen
       durch einen Text über das sogenannte Produktivitätsparadoxon, das
       „Versagen“, die Wirtschaftskraft durch technologischen Fortschritt zu
       steigern. Darin sprang mich die Formulierung „the end of the amusement“ an,
       die ich mit der Erfahrung verbinde, dass es die Technologie nicht geschafft
       hat, Menschen von unbefriedigender Arbeit zu befreien, Zeit, freizumachen,
       kurz: zu mehr Zufriedenheit zu führen. Der [3][Medienwissenschaftler Geert
       Lovink] wiederum beschreibt in seinem Buch „Sad by Design“ die Traurigkeit,
       die durch die entsprechenden Plattform-Designs bereits angelegte
       Hyperaktivität in sogenannten sozialen Medien entstanden ist.
       
       taz: Nur ist Traurigkeit oft nicht das, was öffentlich geäußert wird. Sie
       wäre zu intim. Sondern Wut und Frustration. 
       
       Kotsali: Wut ist natürlich ein großartiger politischer Treibstoff. Das
       Problem aber ist das Unartikulierte, wenn es also nicht geschafft wird, die
       Gründe der Wut zu identifizieren. Also zum Beispiel die Traurigkeit. Würden
       wir, wer auch immer dieses „Wir“ ist, dies anerkennen, könnten wir uns zu
       kollektiven Trauerritualen treffen. Das wäre ein Anfang. Dennoch ist es
       wesentlich, auch diesem Gefühl auf den Grund zu gehen. Wenn Gefühle keine
       Grundlage haben, werden sie ein Problem.
       
       9 Sep 2026
       
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