# taz.de -- Wahl in Sachsen-Anhalt: Sieg Unheil
> Rechtsextreme gewinnen die Wahl in Sachsen-Anhalt. Die CDU ist weit
> abgeschlagen, das BSW nimmt die Fünfprozenthürde. Eine Regierungsbildung
> dürfte schwierig werden.
(IMG) Bild: Ulrich Siegmund: Der Spitzenkandidat einer Partei, die vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft wird
• In Sachsen-Anhalt ist ein neuer Landtag gewählt worden, rund 1,7
Millionen waren stimmberechtigt. Die Wahlbeteiligung mit etwa 76 Prozent
war höher als je zuvor in Sachsen-Anhalt.
• Die rechtsextreme AfD gewinnt die Wahl. Die bisherige
Deutschland-Koalition aus CDU, SPD und FDP ist klar abgewählt. Nach letzten
Hochrechnungen schafft das BSW den Einzug in den Landtag. Eine
Regierungsbildung dürfte damit äußerst schwierig werden. Die [1][Wahl in
Grafiken].
• Eine erste Demo zog bereits durch Magdeburg. Auf dem Magdeburger Domplatz
ertönt: „Alle zusammen gegen den Faschismus.“ Am Abend versammelten sich
auch hunderte Menschen in Berlin.
## 22.40 Uhr: BSW laut Hochrechnungen drin, Regierungsbildung völlig unklar
taz | Nach den neusten Hochrechnungen von ARD und ZDF ist das BSW sicher im
neuen Landtag vertreten. Beide Sender sehen das BSW bei 5,1 Prozent. Laut
Landeswahlleitung sind mittlerweile fast 97 Prozent der Wahlkreise
ausgezählt, so dass sich am Ergebnis kaum noch etwas ändern dürfte.
Damit ist das Modell, dass der bisherige Ministerpräsident Sven Schulze
(CDU) mit einer wie auch immer definierten Unterstützung von SPD, Grünen
und auch der Linkspartei im Amt bleiben kann, vom Tisch. Denn selbst diese
vier haben zusammen weniger Sitze als AfD und BSW. Bei einer Abstimmung im
Landtag hätte Schulze keine Mehrheit.
Die AfD betonte am Abend wiederholt ihren Anspruch, die Regierung zu
stellen. Ulrich Siegmund spekuliert offenbar auf Überläufer aus anderen
Parteien. Der rechtsextremen Partei fehlen drei Sitze zur abosluten
Mehrheit. (ga)
## 21:45 Uhr: Demo in Berlin
taz | Vor der Landesvertretung Sachsen-Anhalt nahe dem Bundestag trafen
sich am Abend laut Angaben des Veranstalters 300-400 Menschen, um für ein
AfD-Verbot zu demonstrieren. Die Kundgebung war von der Vereinigung der
Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten
organisiert worden. „An so einem Abend ist es ganz schwierig alleine zu
hause zu sitzen“, sagt Cornelia Kerth, die Vorsitzende der Vereinigung.
„Wir wollen ein Zeichen senden, dass dieses Wahlergebnis nicht das Ende des
Antifaschismus bedeutet“. Auf der Kundgebung sprachen neben dem Bund der
Antifaschistinnen auch Sprecherinnen vom Bündnis widersetzen. „Zwar sind
wir alle erschüttert heute, aber unsere Stimmung bleibt entschlossen im
Kampf gegen den Faschismus“, sagte Kerth. Begleitet wurde die Kundgebung
von zwei rechten Streamern und einem großen Polizeiaufgebot. (ctt)
## 21:19 Uhr: Erinnerungen an rassistische Parolen auf Sylt
taz | Bei der AfD-Wahlparty läuft ein Remix von Gigi d’Agostinos
[2][„L’Amours toujours]“, der Ausländer-Raus-Hymne der AfD-Jugend.
Währenddessen gibt Siegmund dem rechtsextremen Compact-Magazin Interviews.
Auf seine Sicherheit achtet dabei ein glatzköpfiger Security-Mann, der auf
der einen Seite seiner Glatze einen Totenkopf eintätowiert hat, auf der
anderen Seite in Frakturschrift „Oldschool“. (gjo)
## 21:10 Uhr: Wer sind die AfD-Wähler:innen?
taz | Laut infratest dimap gewann die AfD 50 Prozent der Stimmen aller
wählenden Männer und 40 Prozent der wählenden Frauen. Auf Altersgruppen
bezogen stimmten 42 Prozent der 18- bis 24-Jährigen für die rechtsextreme
Partei, 44 Prozent der 25- bis 34-Jährigen, 53 Prozent der 35- bis
44-Jährigen, 52 Prozent der 45- bis 59-Jährigen, 47 Prozent der 60- bis
69-Jährigen und 31 Prozent der Menschen im Alter von 70 oder älter. Zudem
zeigen die Analysen, dass die Zustimmung zur AfD am höchsten ist bei
einfacher Bildung (57 Prozent), bei Arbeiter:innen (61 Prozent) und
einer schlechten finanziellen Lage (65 Prozent). (efi)
## 21:05 Uhr: Grüße von der AfD-Spitze
taz | Der AfD-Parteivorsitzende Tino Chrupalla bedankt sich auf der Bühne
der AfD-Wahlparty im „Alten Theater“ [3][in Magdeburg beim reichen
Großspender Winfried Stöcker] und lobt dann „unseren besten
Wahlkampfunterstützer Friedrich Merz“, der die Ostdeutschen als Wutbürger
beschimpft hätte. Merz Strategie im Umgang mit der AfD ist im wesentlich
harte von Fakten entkoppelte Antimigrationspolitik, auch heute zeigte sich
wieder, dass das beim Original einzahlt. Chrupalla streicht Merz und der
Union das genüsslich aufs Brot: „Das Motto von Friedrich Merz war, die AfD
zu halbieren. Das war für uns die Motivation zu sagen: Wir halbieren die
CDU!“ Der Jubel über das erodierenden Parteiensystem folgt auf dem Fuß.
(gjo)
## 21.23 Uhr: BSW robbt sich über die 5 Prozent-Marke
taz | Das BSW ist auf gutem Weg, die 5-Prozent-Hürde zu knacken. Das ZDF,
das die Wagenknecht-Partei am Abend länger knapp unter der Marke für den
Einzug in den Landtag von Sachsen-Anhalt gesehen hat, notiert das BSW in
der aktuellen Hochrechnung inzwischen bei glatt 5 Prozent. In der ARD ging
es noch weiter hoch auf 5,1 Prozent. Zwei Drittel der Wahllokale sind
ausgezählt. Bestätigt sich der Trend, ist die AfD zwar ein paar Stimmen
weiter entfernt von der absoluten Mehrheit der Stimmen. Da das BSW aber
bereits klargemacht hat, sich bei einer möglichen Wahl von Ulrich Siegmund
zum Ministerpräsidenten der Stimme zu enthalten, könnte der Weg damit frei
sein für den ersten Rechtsextremisten an der Spitze einer deutschen
Regierung. (rru)
🐾 Nah am totalen Sieg
taz | Die AfD erzielt in Sachsen-Anhalt das stärkste Ergebnis einer
rechtsextremen Partei seit 1945. Könnte sie nun auch an die Macht gelangen,
fragt Gareth Joswig? [4][Er berichtet live aus Magdeburg.]
## 20.54 Uhr: Proteste gegen Wahlsieg der AfD in Berlin
dpa | Am Abend der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt sind in Berlin mehrere
Menschen gegen die AfD auf die Straße gegangen. Durch das Regierungsviertel
zog ein Protestzug unter dem Motto „Demokratie verteidigen! – AfD Verbot
jetzt!“ bis zur Landesvertretung Sachsen-Anhalt. Es seien Hunderte
Demonstrantinnen und Demonstranten gekommen – im unteren dreistelligen
Bereich, hieß es von der Polizei. Den Angaben zufolge blieb es ruhig. Unter
dem Titel „NoAfD-Protest“ ist für den Montagabend dann eine größere
Kundgebung am Brandenburger Tor angemeldet.
🐾 Sachsen-Anhalt und die Berlin-Wahl: Ein Boost für die Linke – und die AfD
taz | Reaktionen auf das Ergebnis in Sachsen-Anhalt sind für Berlin nur
dann relevant, wenn dadurch ein Bündnis aus CDU, SPD und Grünen als
Koalitionsalternative ausschiede, [5][sagt Stefan Alberti ]
20.23 Uhr 🐾 taz talk zur Wahl
Wir liefern am Wahlabend erste Analysen aus Sachsen-Anhalt und sprechen mit
unseren Korrespondent:innen und der Zivilgesellschaft. Wie schätzen
sie die Ergebnisse ein und was bedeuten sie für ihre Arbeit? Die
Zivilgesellschaft ist trotz zahlreicher Bedrohungen in den letzten Monaten
zu Höchstform aufgelaufen, doch ihre Arbeit wäre durch eine
Regierungsbeteiligung der AfD gefährdet. Wie gut ist sie darauf
vorbereitet? Und wie kann man sie unterstützen oder selber aktiv werden?
Unsere Gäste:
🐾 David Begrich ist Sozialwissenschaftler und Theologe sowie Mitarbeiter
der Arbeitsstelle Rechtsextremismus bei Miteinander e.V. in Magdeburg. Er
sagt, die AfD sei im Westen sozialisiert worden. Ihren
gesellschaftspolitischen Resonanzraum aber habe sie im Osten gefunden.
🐾 Robert Fietzke ist Sozialarbeiter für das Soziokulturelle Zentrum ZORA in
Halberstadt und Mitglied des Stadtrats für Die Linke.
🐾 Bettina Schlauraff ist Regionalbischöfin im Sprengel Magdeburg.
## 20.18 Uhr: Lydia Hüskens (FDP) tritt zurück
dpa | Nach dem verpassten Wiedereinzug der FDP in den Magdeburger Landtag
hat Sachsen-Anhalts FDP-Landesvorsitzende Lydia Hüskens ihren Rücktritt
angekündigt. „Wir müssen jetzt morgen einfach schlicht darüber reden, wie
wir es machen, ob wir es mit sofortiger Wirkung machen oder den
Landesparteitag im April nehmen dafür, um da den Wechsel zu machen“, sagte
sie der Deutschen Presse-Agentur.
## 20.11 Uhr Linke mit [6][Kurs auf zwei Direktmandate]
taz | Während die Linke auf Landesebene deutliche Verluste hinnehmen muss,
steuert sie in den beiden Großstädten Magdeburg und Halle auf einen Erfolg
zu. In Magdeburg II und Halle III liegen derzeit ihre Direktkandidaten
Mustafa Groener und Jannik Balint vorne. Groener liegt bei mehr als der
Hälfte ausgezählter Wahlkreise bei 28 Prozent und damit 5 Prozentpunkte vor
dem zweitplatzierten AfD-Kandidaten. Und in Halle ist der Linken-Vorsprung
sogar noch deutlich größer: 40 Prozent für Jannik Balint, dahinter der
AfD-Kandidat mit 19 Prozent. Beide Wahlkreise gingen zuletzt an die CDU.
(dmn)
🐾 Taktisch wählen wirkt – aber reicht es auch?
taz | Grüne und SPD haben bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt deutlich
besser abgeschnitten als erwartet. Allerdings auf Kosten der CDU,
[7][berichten aus Magdeburg David Muschenich und Tobias Schulze]
## 19:57 Uhr: Woher kommen die Stimmen für die AfD?
taz | Laut der Wählerwanderungsanalyse von infratest dimap setzten 83.000
der vorherigen CDU-Wähler:innen nun ihr Kreuz bei der AfD. damit hätte
diese Partei die meisten Stimmen an die AfD verloren. Zudem schwenkten
19.000 der vormaligen FDP-Wähler:innen zur AfD um. Aber auch unter
denjenigen, die bei der vergangenen Landtagswahl für linke Parteien
gestimmt hatten, sind nun AfD-Wähler:innen: 11.000 ehemalige
Linke-Wähler:innen, 7.000 ehemalige SPD-Wähler:innen und 2.000 ehemalige
Grünen-Wähler:innen konnte die rechtsextreme Partei für sich gewinnen. Den
meisten Zulauf bekam sie allerdings von Nichtwählenden: 157.000 an der
Zahl. An das BSW verlor die AfD hingegen 2.000 Wählerstimmen. (efi)
## 19:55 Uhr: Rechtsextreme in MV sehen „Rückenwind“
dpa/taz | Der Spitzenkandidat der AfD in Mecklenburg-Vorpommern, Leif-Erik
Holm, hat den Sieg seiner Partei bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt als
Zeitenwende bezeichnet. „Uns in Mecklenburg-Vorpommern gibt dieser
grandiose Erfolg richtig Rückenwind für die letzten zwei Wahlkampfwochen“,
sagte Holm, der zum Wahltag nach Magdeburg gefahren war. Die blaue Welle
werde nun von Magdeburg nach Schwerin weiter schwappen, prognostizierte er.
Er wolle das „rot-rote Regierungsdesaster“ unter Ministerpräsidentin
Manuela Schwesig beenden, kündigte er an. In MV wird am 20. September ein
neuer Landtag gewählt. In jüngsten Umfragen liegt die extreme Rechte auch
in Mecklenburg-Vorpommern vorn, stagniert aber bei 35 Prozent. Dagegen hat
die SPD zuletzt stark aufgeholt, sie käme aktuell auf 32 Prozent. Der CDU,
die gerade in Sachsen-Anhalt eine krachende Niederlage eingefahren hat,
droht in zwei Wochen das nächste Desaster. In Umfragen liegt sie bei 8
Prozent. (rru)
## 19.40 Uhr: Schulze sucht Schuldige
taz | CDU-Ministerpräsident Sven Schulze macht auch die „Taktisch
wählen“-Kampagnen für das katastrophale Abschneiden seiner Partei bei der
Landtagswahl verantwortlich. Das habe eine Rolle gespielt, sagte er im ZDF.
Zugleich gestand er ein, dass es der CDU bis vor ein paar Wochen „nicht so
richtig gelungen“ sei, die Differenzen zwischen Landes- und Bundesthemen
nach vorn zu stellen. Auf die Frage, ob er sich von der Linken tolerieren
lassen würde, erklärte er, eine Antwort hierauf sei jetzt noch „zu früh“.
In der aktuellen ZDF-Hochrechnung liegt die CDU bei 18,2 Prozent, minus
18,9 Prozentpunkte gegenüber der Wahl 2021. (rru)
## 19:28 Uhr: Jubel bei der SPD
taz | Bei der Wahlparty der SPD trifft Spitzenkandidat Armin Willingmann
ein. Die Genoss:innen empfangen ihn mit Jubelrufen und Standing Ovation.
Sie bilden eine Menschentraube, verstummen, als erwarteten sie eine
Ansprache. Doch er wendet sich nur einem TV-Team zu. Langsam verteilen sich
die SPD-Leute wieder. (dmn)
🐾 Eine Zäsur auch ohne absolute Mehrheit
taz | Nach dem deutlichen Votum für die AfD in Sachsen-Anhalt braucht es
andere, neue Antworten. Demokratische Kräfte müssen jetzt zusammenhalten,
[8][kommentiert taz-Chefredakteurin Katrin Gottschalk].
## 19.14 Uhr: So viele Wahlbeobachter wie nie
taz | Die Briefwahlauszählung in Magdeburg wird zentral in der Berufsschule
Otto von Guericke und einem Gebäude der Magdeburger Universität
organisiert. Wahlhelfer:innen, die das nicht zum ersten Mal machen,
berichten davon, dass es noch nie so viele Wahlbeobachter:inne gab.
In manchen Räumen sind gleich mehrere, sie gehen umher und machen sich
Notizen. Der rechtsradikale Verein „Ein Prozent“ hatte auf X sogar noch mal
nach Verstärkung verlangt. Die Erzählung des Wahlbetrugs bei der Briefwahl
ist bei Rechten beliebt. (cd)
🐾 Eimerweise rosa Briefe
taz | Vor der Wahl schürt die AfD in Sachsen-Anhalt Zweifel an der
Briefwahl und warnt vor möglichem Betrug. In Magdeburg treffen Wahlhelfer
auf rechte Wahlbeobachter. Clara Dünkler [9][hat die Briefwahl für die taz
beobachtet].
## 19.09 Uhr: BSW und AfD in trauter Einigkeit
taz | Nach dem Wahlsieg der AfD in Sachsen-Anhalt erklärt
BSW-Spitzenkandidatin Claudia Wittig in der ARD, dass es „völlig
undemokratisch“ sei, die extreme Rechte nicht an der Regierung zu
beteiligen. Die Wagenknecht-Partei bereite sich jedenfalls auf eine
Zusammenarbeit vor: „Es gibt natürlich Projekte, die wir uns mit der AfD
sehr gut zusammen vorstellen können“, sagt Wittig, freundlich lächelnd
neben AfD-Chefin Alice Weidel. Die macht schon mal klar: „Wir unterhalten
uns mit jeder vernünftigen Partei.“ Womit das BSW gemeint ist. Das ZDF
sieht das BSW auch in der aktuellen Hochrechnung weiter bei 4,8 Prozent,
die ARD weiter bei 5 Prozent (rru)
## 18.50 Uhr: Sorgenfalten trotz Rekordergebnis
taz | Auf der Wahlparty der Grünen in Magdeburg ist mittlerweile das Buffet
eröffnet. Als wenige Minuten nach 18 Uhr auf der TV-Leinwand
AfD-Spitzenkandidat Siegmund im ARD-Interview erschienen war, hatte die
Veranstaltungsregie den Ton runtergedreht. Im nächsten Moment kam der
Bundesvorsitzende Felix Banaszak auf die Bühne und sprach unter Jubel vom
„wahrscheinlich besten Wahlergebnis aller Zeiten“ sprach. Gleich danach
fügte er mit Blick auf das Gesamtergebnis aber hinzu: „Es werden mindestens
zwei Herzen in eurer Brust schlagen. Wir müssen auch dem Herzen Raum geben,
das voller Angst ist.“ (tsc)
## 18.46 Uhr: Kubicki: „Bitterer Tag für mich“
taz | FDP-Bundeschef Wolfgang Kubicki tritt in Berlin sichtlich zerknirscht
vor die Kameras. „Das ist ein bitterer Tag für die gesamte Partei und es
ist auch ein bitterer Tag für mich“, sagt der 74-Jährige, der erst seit Mai
im Amt ist. Er hätte sich ein anderes Ergebnis gewünscht. „Aber Wünsche
erfüllen sich nicht regelmäßig.“ Die aktuelle Hochrechnung des ZDF sieht
die FDP in Sachsen-Anhalt draußen.
Kubicki hatte noch vor ein paar Tagen auf über 5 Prozent gehofft. Am
Sonntag gibt er die Parole aus, jetzt optimistisch nach vorn schauen zu
müssen: „Das wird uns als Freie Demokraten nicht auf unserem Weg abhalten.“
Zuletzt wünscht er der Presse noch „viel Spaß“. (rru)
## 18.45 Uhr: Die Wahlbeteiligung nützt vor allem der AfD
rtr | Von der außergewöhnlich hohen Wahlbeteiligung in Sachsen-Anhalt
profitiert vor allem die AfD. Nach einer Analyse der ARD wählten
Wahlberechtigte, die bei der letzten Landtagswahl nicht zur Urne gegangen
waren, vor allem die AfD. Rund 157.000 Stimmen gewann die Partei so hinzu.
Weitere 83.000 Stimmen wanderten von der CDU zur AfD. Die Wahlbeteiligung
lag dem ZDF zufolge bei 80 Prozent und damit deutlich über den 60,3 Prozent
bei der letzten Landtagswahl 2021.
18.32 Uhr: Hochrechnungen sehen AfD weit vorn, aber ohne absolute Mehrheit
taz | Die ersten Hochrechnungen von ARD und ZDF sind da. Demnach kommt die
rechtsextreme AfD auf 44,1 bis 44,5 Prozent. Die CDU stürzt auf
katastrophale 18,5 Prozent ab. Die Linke verliert und liegt bei 9,2 bis 9,4
Prozent. SPD und Grüne kämpfen jeweils um Platz 4. Die
Sozialdemokrat:innen werden zwischen 8,2 und 8,8 Prozent gesehen,
die Grünen zwischen 8,7 und 8,9 Prozent. Das BSW kippelt weiter, die ARD
sieht die Wagenknecht-Partei bei genau 5 Prozent, das ZDF knapp darunter
bei 4,8 Prozent. Sicher ist aber eines: Die FDP ist raus. Die AfD hätte
keine absolute Mehrheit. (rru)
18.30 Uhr: Sven Schulze gratuliert AfD
rtr | Ministerpräsident und CDU-Chef Sven Schulze hat die Niederlage der
CDU eingestanden und der AfD zum Wahlsieg gratuliert. Schulze lässt in der
ARD offen, wie er und die CDU weiter vorgehen werden. Er betont aber, dass
dies kein „schwarzer Tag“ für Sachsen-Anhalt sei. „Ich sage, das ist
Demokratie und die Menschen sind heute zur Wahl gegangen“, sagt er. „Es
gilt jetzt für diejenigen, die im Landtag Verantwortung tragen, aber auch
darüber hinaus über Sachsen-Anhalt, dass man damit umgeht und dass man
dieses Zeichen auch erkennt.“
## 18.28 Uhr: CDU-Generalsekretärin schließt bundespolitische Konsequenzen
aus
afp | CDU-Generalsekretärin Franziska Hoppermann hat bundespolitische
Konsequenzen aus der Niederlage der CDU bei der Landtagswahl in
Sachsen-Anhalt ausgeschlossen. Es beginne nun keine Diskussion über
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und die Bundesregierung, sagte
Hoppermann am Sonntag in der ARD. „Die Bundesregierung und der deutsche
Bundestag sind für vier Jahre gewählt“, dies habe in Sachsen-Anhalt nicht
zur Debatte gestanden.
Hoppermann räumte die Niederlage der CDU ein, die nach den ersten Prognosen
ihr historisch schlechtestes Ergebnis geholt hat. „Das ist eine Niederlage
insgesamt für die Christdemokraten“, sagte die CDU-Generalsekretärin. Eine
Koalition mit der AfD, die mit Abstand stärkste Kraft werden wird, schloss
Hoppermann kategorisch aus. „Wir arbeiten nicht mit Extremen und vor allem
Dingen nicht mit Rechtsextremen zusammen.“
18.18 Uhr: Schockstarre auf dem Magdeburger Domplatz
taz | Eine bedrohliche Sirene. Das ist es, was man als erstes hört, als die
ersten Wahlprognosen über die Handys der etwa 400 Leute laufen, die sich in
Magdeburg auf dem Domplatz zur Kundgebung des zivilgesellschaftliches
Bündnisses Sachsen-Anhalt Weltoffen versammelt haben. Die Sirene ertönt aus
dem umgerüsteten Demofahrzeug des Zentrums für politische Schönheit. Aus
diesem dampft auch Rauch.
Erst einmal passiert fast gar nichts. Geschockt halten einige sich die Hand
vor dem Mund, können die erste Prognose kaum glauben. 44 Prozent für die
AfD, der nur ein Sitz bis zur absoluten Mehrheit fehlen soll – das ist noch
schlimmer, als es viele hier erwartet haben. Es dauert fünf Minuten, bis
zum ersten Mal „Alle zusammen gegen den Faschismus“ gerufen wird. (tk)
18.13 Uhr: Wahlbriefe werden geöffnet
taz | Im Briefwahllokal werden Punkt 18 Uhr die noch geschlossenen Briefe
mit den Stimmzetteln auf den Tisch gekippt. Die ersten werden nun geöffnet.
Eine Wahlbeobachterin will wissen, ob sie eine Frage stellen darf.
Eigentlich nicht, die Wahlhelfer:innen müssen ungestört sein. Sie
stellt die Frage aber trotzdem: „Woher wissen Sie, dass Sie keine von den
doppelten Wahlbriefen haben?“, fragt die Frau. Das wurde schon vorher
geprüft, antwortet die Wahlhelferin doch. Der hier ausgezählte Wahlkreis
war nicht von den doppelt ausgegebenen Briefwahlunterlagen betroffen.
Magdeburg hatte die 440 doppelt verschickten bereits vorher als ungültig
erklärt und entsprechend neu ausgegeben. (cd)
## 18.12 Uhr: Fassungslosigkeit bei der CDU
taz | Fassungslosigkeit macht sich im Hotel Maritim in Magdeburg breit, als
die erste Prognose auf dem großen Screen auftaucht. Betretene Gesichter,
lautes Ausatmen, ein Schluck vom Bier – so reagieren die
Christdemokrat:innen, die hier im Hotel Maritim in Magdeburg zu dem
zusammen gekommen sind, was man gemeinhin Wahlparty nennt. Doch von
Partystimmung ist die CDU Lichtjahre entfernt. Schockstarre trifft es
deutlich besser.
18, 5 Prozent werden da in der ersten Prognose für die eigene Partei
verzeichnet, 44 Prozent für die AfD. Die rechtsextreme Partei, so wird im
ZDF vorgerechnet, fehlt nur noch ein Sitz zur absoluten Mehrheit. „Ich bin
sprachlos“, sagt eine Frau. Sie hatte mit einem schlechtem Ergebnis
gerechnet, aber so schlecht nicht. „Die Wähler wollen es nicht anders“,
sagt ein Mann fassungslos. Er hat sich im Wahlkampf mächtig engagiert,
manchmal Samstag um 8 Uhr morgens vor dem Bäcker schon Flyer verteilt. Und
jetzt das. (sam)
18.01 Uhr: Rechtsextreme gewinnen Landtagswahl
taz | Die ersten Prognosen nach Schließung der Wahllokale bestätigen den
erwarteten Wahlsieg der Rechtsextremen in Sachsen-Anhalt. Die AfD um
Spitzenkandidat Ulrich Siegmund kommt laut ZDF auf 44 Prozent der Stimmen.
Die ARD sieht die AfD bei 44,5 Prozent. Siegmunds Ziel war „45 Prozent plus
X“. So oder so verzeichnet die in Sachsen-Anhalt gesichert rechtsextreme
Partei einen massiven Zuwachs gegenüber der Wahl 2021, als die AfD auf 20,8
kam.
Weit abgeschlagen hinter der AfD folgt die CDU von Ministerpräsident Sven
Schulze. ZDF und ARD sehen die CDU bei 18,5 Prozent. Ein Absturz
sondergleichen: 2021 holte die CDU noch 37,1 Prozent.
Die Linke schwächelt und liegt im ZDF bei 9 Prozent, in der ARD bei 9,5
Prozent (2021: 11 Prozent). Die SPD kommt auf 9 Prozent (ZDF) bzw. 8
Prozent (ARD) ab, bleibt damit sicher im Landtag (2021: 8,4 Prozent).
Gleiches gilt für die Grünen, die ordentlich dazugewinnen. In der Prognose
werden sie auf 8,5 Prozent (ZDF) beziehungsweise 9 Prozent (ARD) taxiert
(2021: 5,9 Prozent).
Das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW), das als einzige aller Parteien
angekündigt hat, im Falle eines Einzugs ins Parlament mit der AfD
zusammenarbeiten zu wollen, muss zittern. Das BSW kommt in der Prognose auf
4,8 Prozent (ZDF) beziehungsweise 5 Prozent (ARD).
Die in Magdeburg bislang noch mitregierende FDP ist dagegen mit
prognostizierten Werten zwischen 2,5 Prozent (ZDF) und 2 Prozent (ARD)
sicher raus (2021: 6,4 Prozent). Der Absturz der Liberalen geht damit
weiter. Sie verlieren nicht nur eine weitere parlamentarische Repräsentanz,
sondern auch die letzte deutsche Regierungsbeteiligung. (rru)
17.30 Uhr: Bangen bei der CDU
taz | Maritim-Hotel, Magdeburg. Auf der CDU-Wahlparty trudeln langsam die
Leute ein, noch sind mehr Journalist:innen als Parteimitglieder vor
Ort. „Angespannt“ sei die Stimmung, sagt ein Chrstdemokrat. Gegen 18.15 Uhr
wird hier Sven Schulze erwartet, der CDU-Ministerpräsident. (sam)
## 17.21 Uhr: SPD-Buffet in der Zauberküche
taz | Die SPD-Wahlparty steigt in der „Zauberküche“ in Magdeburg. Ein
kleines Buffet ist angerichtet. Die ersten Kandidat:innen trudeln ein.
Händeschütteln hier, Lachen da. Die Gespräche eiern um die Wahl herum. Ob
die hohe Wahlbeteiligung ein gutes Zeichen ist? Die Briefstimmen seien es
bestimmt. Es fallen Witze über den langen Wahlkampf. Ansonsten warten alle
auf die erste Prognose. (dmn)
## 17.01 Uhr: Bischof mahnt, „dem nationalistischen Ungeist zu widerstehen“
epd | Der katholische Bischof von Magdeburg, Gerhard Feige, hat anlässlich
der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt zu gesellschaftlicher Verantwortung und
einem menschenfreundlichen Miteinander aufgerufen. In seiner Predigt zur
Bistumswallfahrt auf dem Gelände des Klosters Huysburg bei Halberstadt
warnte Feige am Sonntagvormittag vor einem gesellschaftlichen Klima, in dem
Vorurteile, Abgrenzungen und Eigeninteressen zunähmen: „Gegenwärtig heißt
das wohl in besonderer Weise, dem nationalistischen und fremdenfeindlichen
Ungeist zu widerstehen“, sagte er. An der Wallfahrt beteiligten sich am
Sonntag nach Angaben des Bistums rund 3.000 Menschen. Sie stand unter dem
Motto „Du sollst ein Segen sein!“.
16.35 Uhr: Rekordbeteiligung wird erreicht
rtr | Die Wahlbeteilung bei der Landtagswahl liegt um 16.00 Uhr bei 65,3
Prozent und damit deutlich höher als bei der Wahl 2021. Damals hatte die
Beteiligung zum gleichen Zeitpunkt 41 Prozent betragen. Nur 1998 war die
Wahlbeteiligung insgesamt mit 71,7 Prozent höher. Absehbar dürfte auch
diese Marke gerissen werden: Diese Zahlen beinhalten noch nicht einmal die
Briefwähler. Die insgesamt rund 2.130 Wahllokale im Land haben noch bis
18.00 Uhr geöffnet.
🐾 Ein Dorf vor der Wahl
Was macht es mit einem Ort, wenn Nachbarn nicht mehr miteinander reden
können, weil die eine Hälfte AfD wählt und die andere angstvoll schweigt?
Eine lesenswerte Reportage von einem Heimatbesuch in Eimersleben im
Landkreis Börde in Sachsen-Anhalt [10][von taz-Autorin Juliane Baxmann].
16.00 Uhr: „Kein Bock auf diese braune Scheiße“
taz | Vor dem Landtag auf dem Domplatz in Magdeburg, wo abends eine
Kundgebung des breiten zivilgesellschaftlichen Bündnisses Sachsen-Anhalt
weltoffen stattfindet, wird kräftig gewerkelt. Etwa zwei Dutzend Menschen
kriechen auf dem Boden, um bunte Papiere aneinanderzureihen und mit Steinen
auf dem Boden zu befestigen. Daraus soll einmal ein riesiger Schriftzug
„Wir bleiben bunt“ werden. „Einfach um zu zeigen, wir haben kein’ Bock auf
diese braune Scheiße. Wir wollen Diversität, wir wollen so leben“, erklärt
eine Frau mit Dreadlocks lachend. „Egal wie die Wahl ausgeht!“, bekräftigt
sie noch einmal. (tk)
15.35 Uhr: Dogmatische Linke beklagen „taktisches Wählen“
taz | Auf der vergeblichen Suche nach linken Krawallen, die rechte Medien
seit Wochen an die Wand malen, belagert die geballte Ansammlung rechter
Streamer:innen etwa 50 junge Aktivist:innen dogmatischer
kommunistischer Gruppen. Diese halten Banner in die Luft, auf denen etwa
„Sozialismus oder Barbarei“ steht. Vergeblich versuchen sie sich so vor den
Kameras und Mikrofonen zu schützen, die ihnen die Streamer schamlos ins
Gesicht drücken, um doch noch irgendeinen Satz zu hören, den sie
ausschlachten können.
Dann wechseln die Kommunist:innen ihre Strategie – und beginnen dem
Publikum der rechten Streams laut zu erklären, wie Ostdeutschland seit der
„Annexion“ 1990 systematisch abgehängt würde. Jetzt „taktisch zu wählen“
sei nur eine Verschiebung des Problems, weil auch die anderen Parteien
nicht für wirkliche Veränderung stünden. Am Ende würden alle die Interessen
der Konzerne vertreten. Veränderung gebe es deshalb nur, wenn sich junge
Menschen „kollektiv organisieren und zu einem Subjekt des revolutionären
Kampfes werden“. Gleich wollen die Aktivist:innen einmal zum
Hasselbachplatz und zurück laufen. (tk)
15.24 Uhr: „I am from Canada“, sagt der AfD-Mann
taz | In der Berufsschule Otto von Guericke in Magdeburg beginnen
Wahlhelfer:innen mit der Prüfung der Gültigkeit der Wahlscheine, die
den Briefwahlunterlagen beiliegen. Zunächst werden die Briefe ordentlich
sortiert. Auf dem Tisch sind schätzungsweise 500 rosa Briefe. Sortiert wird
nach Wahlbezirk und in Zehnerstapeln. Insgesamt 7 Wahlhelfende haben sich
hier in einem Raum zusammengefunden und machen ihre Arbeit sehr
konzentriert.
Nach einer ersten Zählung kommen sie auf 424 abgegebene
Briefwahlunterlagen. Für etwas Irritation sorgt dabei ein Gast, der ein
AfD-Shirt und eine AfD-Kappe trägt und seinen Blick auf die Arbeit der
Wahlhelfer:innen richtet. „I am from Canada“, sagt er, als ihn die taz
fragt, was er im Wahllokal macht. (nka/cd)
🐾 Wetten, dass… die Demokratie gewinnt?!
taz | Sachsen-Anhalts CDU-Ministerpräsident Sven Schulze sorgt sich
angesichts der AfD um die Zukunft seines Bundeslandes – und war damit auf
dem [11][taz-Wahlforum in Magdeburg] nicht allein. Zuvor berichteten beim
[12][Forum der Zivilgesellschaft] vier Ehrenamtliche aus Sachsen-Anhalt
über ihren Kampf für die Demokratie. Hier der [13][Mitschnitt der
Diskussion aller Spitzenkandidat:innen] und [14][der Diskussion der
Ehrenamtlichen].
14.45 Uhr: Rechte Streamer warten auf linke Demo
taz | Vor dem Hauptbahnhof in Magdeburg sammeln sich Streamer aus dem
extrem rechten Spektrum und eine Menge Polizeiautos. Hier soll gleich die
Demo „Kein Morgen den Faschisten“ beginnen. Beworben wurde sie aus dem
Spektrum der dogmatischen Linken. Bislang sind noch keine
Teilnehmer:innen erkennbar. Darum begnügen sich die Streamer damit,
Passant:innen nach der Wahl zu fragen. Derweil steigen aus den
Polizeiautos die ersten Beamt:innen und legen Schutzausrüstung an. (dmn)
14.35 Uhr: Wahlleitung verzeichnet Rekordbeteiligung
taz | Bei der Wahl in Sachsen-Anhalt zeichnet sich nicht nur eine deutlich
höhere, sondern inzwischen sogar eine Rekordbeteiligung ab. Stand 14 Uhr
betrug die Wahlbeteiligung laut der Landeswahlleiterin satte 54,4 Prozent.
Zum Vergleich: Bei der vergangenen Landtagswahl am 6. Juni 2021 waren es um
14 Uhr erst 27,1 Prozent. Überhaupt lag die Beteiligung um diese Uhrzeit
seit der ersten Nachwendewahl 1990 nie derart hoch. Gezählt wird hierbei
erst mal nur die Urnenwahl. (rru)
14.16 Uhr: Halbzeitpause bei Hertha BSC gegen Magdeburg
taz | Zur Halbzeit hat Hertha BSC noch nicht die Demokratie gerettet. Die
Zeit hatte die Hoffnung geäußert, dass rechte Fußballfans aus Magdeburg es
nicht in die Wahllokale schaffen würden. „Völliger Quatsch“,
[15][kommentiert Vincent Bruckmann-Levinson in der taz]: „Die Wahllokale
öffnen um 8 Uhr und das Spiel beginnt um 13.30 Uhr.“ Und obendrein:
„Fußballfans, vor allem jene, die sich organisieren, sind wichtig für die
Demokratie.“ Beim Spiel steht es übrigens zur Halbzeit 1:1. Rund 7.000
Magdeburger:innen sollen für die Partie in Berlin angereist sein.
(ras)
13.48 Uhr: Spielen bis zum Schluss
taz | Es erinnert an die Kapelle auf der „Titanic“, die bis zum Schluss
spielte: An der Seite des Landtagsgebäudes in Magdeburg gibt es eine kleine
Bühne, hier musiziert eine Jazzband. „Die besten Gute-Laune-Songs aus
verschiedenen Epochen“, kündigt der Moderator die Saxofontruppe an. Am
Rande spaziert ein Mann um die 60 mit seiner Deutschlandfahne. Ein anderer
eilt ihm hinterher und schlägt ein. Die Band spielt stoisch weiter. (cd)
Umfragen I: Dunkle Mächte gegen Wagenknecht
taz | Sahra Wagenknecht vom Stern, der ihren Namen trägt, wittert die große
Verschwörung. „Wir kennen es, dass wir kurz vor Wahlen plötzlich in einigen
Umfragen ganz schlechte Werte bekommen“, erklärte sie im Interview mit
t-online auf den Hinweis, dass ihr BSW in Sachsen-Anhalt in allen
Vorwahlumfragen kontinuierlich unter 5 Prozent taxiert wurde. „Vielleicht
sind bestimmte Institute auch nicht in der Lage, seriöse Daten zu erheben“,
fügte Wagenknecht noch hinzu. (rru)
Umfragen II: Kubicki und die 10-Punkte-Frage
taz | Auch FDP-Chef Wolfgang Kubicki beschäftigt sich mit dem vermeintlich
zweifelhaften Wert von Umfragen. Die Liberalen klebten in Sachsen-Anhalt
zuletzt bei 3 Prozent fest. Kubicki glaubt trotzdem, [16][dass seine Partei
nach Schließung der Wahllokale auf 5 bis 6 Prozent kommen wird]. Die
geringe Parteienbindung im Osten, die vielen Unentschlossenen: Bei der
Landtagswahl vor fünf Jahren hätten die Institute schließlich auch zum Teil
um 10 Punkte danebengehauen, so Kubicki zur taz.
Womit er recht hat: 2021 prognostizierten alle Meinungsforschungsinstitute
noch wenige Tage vor der Wahl ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen CDU und AfD.
Am Ende kam die CDU auf 37 Prozent, die AfD auf 21 Prozent. Insbesondere
die letzte Insa-Umfrage vor der Wahl wirkte im Rückblick peinlich falsch,
mit einer maximalen Abweichung zum Wahlergebnis von 10,1 Prozentpunkten
zuungunsten der CDU.
Nun sind Abweichungen zwischen Umfragen und Ergebnis eher die Regel. Auch
bei der Wahl in Baden-Württemberg im März dieses Jahres betrug
beispielsweise die maximale Insa-Abweichung 6,2 Punkte, in dem Fall
zuungunsten der Grünen. Eine Schieflage wie 2021 in Sachsen-Anhalt ist
dennoch außergewöhnlich. Selbst die als hochseriös geltende
Forschungsgruppe Wahlen des ZDF kam damals auf eine Maximalabweichung von
7,1 Punkten.
Kleiner Dämpfer für die Hoffnungen von Wolfgang Kubicki: Ausgerechnet bei
der FDP in Sachsen-Anhalt lagen vor fünf Jahren alle Institute fast
richtig. Prognostiziert wurden 6,5 bis 7 Prozent, bei der Wahl bekamen die
Liberalen dann 6,4 Prozent. (rru)
Umfragen III: Vorsorglich niedrig stapeln
taz | Jörg Schönenborn, [17][der Herrscher über Balken-, Torten- und
Säulendiagramme] und somit so etwas wie der [18][Gereon Asmuth] der ARD,
verweist mit Blick auf die Vorwahlumfragen unterdessen auch diesmal
vorsorglich auf die „Besonderheiten des Bundeslandes Sachsen-Anhalt“. Eben
die geringe Parteienbindung und die hohe Wechselbereitschaft der
Wähler:innen. „Sollte das Ergebnis am Sonntag in Sachsen-Anhalt den
Vorwahlumfragen sehr nahe kommen“, wäre das für Sachsen-Anhalt „wirklich
ungewöhnlich“, so Schönenborn. (rru)
🐾 Egal, was kommt
Tausende feierten am Samstag in der sachsen-anhaltischen Landeshauptstadt
Magdeburg die Demokratie und Zivilgesellschaft. Vor der Wahl fassen sie Mut
und versprechen sich Zusammenhalt – egal, was kommt. [19][taz-Korrespondent
David Muschenich war vor Ort].
12.45 Uhr: Schon mittags höhere Wahlbeteiligung als 2021
afp | Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt zeichnet sich zum Mittag eine
deutlich höhere Wahlbeteiligung ab. Bis 12 Uhr am Sonntag hatten 34,72
Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme abgegeben, wie die
Landeswahlleiterin in Magdeburg mitteilte. Zum gleichen Zeitpunkt im Jahr
2021, bei der letzten Landtagswahl, waren es nur 22,4 Prozent.
12.35 Uhr: Schwierige Fälle
taz | Das Wahllokal in der Magdeburger Innenstadt ist recht ruhig, zwei
Wähler:innen geben gerade ihre Stimme ab. Trotzdem: „Gut 200 Leute waren
heute schon hier“, sagt der Wahlleiter. An ihn wurde die Journalistin
verwiesen. „Schwierige Fälle zu ihm“, hatte einer der Wahlhelfer gesagt,
als sie sich als taz zu erkennen gab. Im Wahlkreis gebe es knapp 1.200
Wahlberechtigte, sagt der Wahlleiter. 50 Prozent davon hätten bereits per
Briefwahl abgestimmt. (cd)
## 11.26 Uhr: Sunnyboy-Siegmund stimmt in Tangermünde ab
taz | Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt hat am Sonntagmorgen der
[20][Spitzenkandidat der AfD und rechtsextreme Sunnyboy Ulrich Siegmund]
seine Stimme abgegeben. Mit seiner Ehefrau fuhr er [21][auf einer Simson]
vor dem Wahllokal in Tangermünde vor.
🐾 Was die Arbeiterklasse denkt
Die AfD schneidet vor allem in der Arbeiterschaft gut ab. Die taz hat in
Magdeburg und Rügen nachgehakt, [22][was die Menschen bewegt und was sie
umstimmen würde].
## 10.43 Uhr: Hape Kerkeling droht für den Staatsfunk
dpa | Hape Kerkeling bekommt die Goldene Henne – und nutzt den Moment, um
eine Wahlempfehlung für die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt auszusprechen.
„Wenn Sie Ihre Stimme abgeben am Sonntag, dann stimmen Sie auch für den
MDR, den Mitteldeutschen Rundfunk und seine Hörfunkwellen“, sagte der
61-Jährige bei seiner Dankesrede am Wochenende. „Und falls Sie es nicht tun
sollten, komme ich persönlich vorbei mit ’ner Taschenlampe und ’nem Mikro
und sende alleine bei Ihnen“, so Kerkeling weiter.
Die AfD in Sachsen-Anhalt hatte angekündigt, im Fall einer Alleinregierung
die Rundfunkstaatsverträge zu kündigen. Die Partei spricht sich für eine
grundlegende Neuordnung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks aus.
10.26 Uhr: Wer ist das Schlafschaf?
taz | Am Vormittag sind Magdeburgs Straßen sonntäglich leer. Vor dem
Bahnhof und in der Fußgängerzone deutet wenig darauf hin, welche
entscheidende Wahl Sachsen-Anhalt heute bevorsteht. Das erste Wahlplakat,
das Reisende am Bahnhofsvorplatz begrüßt, ist von der Partei „die Partei“.
Darauf ein Wecker, der 19.33 Uhr anzeigt. Darüber der Satz: „Ihr werdet’s
verschlafen gehabt haben“. (cd)
9.37 Uhr: Alle Augen auf Sachsen-Anhalt
dpa/taz | Der Wahlkampf ist vorbei, heute fällt die Entscheidung: Scheitern
SPD, Linke und FDP an der Fünfprozenthürde, kann die AfD allein regieren.
Mindestens aber wird [23][die Partei mit dem rechtsextremen Sunnyboy als
Spitzenkandidaten] stärkste Kraft im Landtag. Wenn die AfD dieses Ziel
verpasst, könnte eine CDU-geführte Minderheitsregierung ins Spiel kommen.
Diese könnte allerdings auf Stimmen der Linken angewiesen sein – ähnlich
wie in Sachsen und Thüringen. Das Problem: Die [24][CDU lehnt für sich in
einem Parteitagsbeschluss eine Koalition und „ähnliche Formen der
Zusammenarbeit“ mit den Linken ebenso ab wie mit der AfD].
Das Wunschszenario von Ministerpräsident Sven Schulze (CDU): eine Mehrheit
für die sogenannten Parteien der Mitte – etwa für CDU, SPD und Grüne.
Angesichts der Umfragen erscheint das als sehr unwahrscheinlich. Derzeit
regiert in Magdeburg eine Koalition aus CDU, SPD und FDP.
🐾 Tausende vor der Wahl auf der Straße
Am Vorabend der Wahl ziehen Tausende Antifas durch Halle und Magdeburg.
Immer dabei: Das Ringen damit, vor Ort weiterzumachen – oder zu gehen. Timm
Kühn war [25][für die taz vor Ort].
8.30 Uhr: Taktisch wählen oder nicht?
Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt könnte es der AfD erstmals gelingen,
eine absolute Mehrheit zu erringen. Mehrere Organisationen haben daher die
Wahlberechtigten [26][zur taktischen Stimmabgabe aufgerufen], um eine
Regierung der AfD zu verhindern.
Denn weil die Fünfprozenthürde Kleinparteien von der Vergabe der Sitze
ausschließt, benötigen die Rechtsextremen nicht unbedingt mehr als 50
Prozent der Zweistimmen für eine absolute Mehrheit. Wenn besonders viele
Parteien knapp an der Hürde scheitern, könnten mitunter schon gut 40
Prozent der Zweitstimmen dafür reichen.
Wer taktisch wählen will, kann deshalb sein Kreuz bei kleineren Parteien
machen, die unter die Fünfprozenthürde fallen könnten. In Sachsen-Anhalt
standen in den letzten Umfragen vor allem SPD und Grüne mit 8
beziehungsweise 6 Prozent darüber. Schaffen beide den Einzug in das neue
Landesparlament, [27][sinkt die Chance der AfD auf eine absolute Mehrheit
deutlich].
🐾 Plattenverschiebung in Halle-Neustadt
In den Plattenbauten in Halle-Neustadt wohnen Jüngere mit
Migrationsgeschichte und Ältere mit DDR-Biografie Tür an Tür. Die einen
dürfen bei der Landtagswahl abstimmen, die anderen nicht.
[28][taz-Reporterin Anne Fromm war vor der Wahl dort].
8.00 Uhr: Die Wahllokale sind eröffnet
taz | Seit 8 Uhr morgens können die Wähler:innen ihre Stimme in den rund
2.600 Wahllokalen abgeben. Wahlberechtigt sind alle Deutschen über 18
Jahren, die seit mindestens 3 Monaten in dem Bundesland wohnen – rund 1,69
Millionen Menschen. Die Wahllokale schließen um 18 Uhr.
In 41 Wahlkreisen werden Direktkandidat:innen gewählt. Daneben werden
über die Zweitstimme im Regelfall 42 weitere Abgeordnete bestimmt.
## 7.59 Uhr: Was sagen die Umfragen?
taz Die AfD wird laut allen Umfragen stärkste Partei. Zuletzt zwischen 40
und 43 Prozent gesehen. Besonders gut schnitt sie beim Institut Insa ab,
das viele Umfragen im Auftrag der rechtspopulistischen Webseite Nius
erstellt hat. Mehrfach sah Insa auch das BSW nah an der Fünfprozenthürde,
das sich der AfD als möglicher Partner angeboten hat.
Zweistärkste Partei wird wohl die CDU des amtierenden Ministerpräsidenten
Sven Schulze. Sie rangierte zuletzt bei 22 bis 23 Prozent. Das wäre ein
dramatischer Verlust gegenüber der letzten Wahl vor 5 Jahren. Da war die
CDU nach einem überraschenden Schlussspurt auf 37 Prozent gekommen und
hatte die AfD weit hinter sich gelassen.
Die Linke wird von den Instituten zwischen 11 und 13 Prozent gesehen. Die
SPD hat sich nach einem Umfragetief, bei dem ihr drohte, unter die
Fünprozenthürde zu fallen, wieder leicht erholt und lag zuletzt bei 8
Prozent. Die Grünen müssen wohl um den Wiedereinzug in den Landtag zittern.
Dass Umfragen aber keinesfalls schon Wahlergebnisse vorwegnehmen, weiß man
nirgendwo besser als in Sachsen-Anhalt. Bei der letzten Wahl holte die
Union dort 7 bis 10 Prozentpunkte mehr, als ihr in Umfragen zugerechnet
worden waren. Umgekehrt lag die AfD rund 5 Prozentpunkte schwächer als
erwartet. Solche Verschiebungen sind auch an diesem Wahlsonntag nicht
ausgeschlossen. Sie könnten aber auch komplett in die andere Richtung
gehen.
7.45 Uhr: Wie wahrscheinlich ist ein Wahlsieg der AfD?
taz | Statistiker:innen der Ludwig-Maximilians-Universität in München
haben ein Tool erstellt, mit dem die Wahrscheinlichkeit unterschiedlicher
Wahlausgänge anhand der Umfragen berechnet werden kann.
Unter [29][koala.stat.uni-muenchen.de] kann man zum Beispiel sehen, dass es
in Sachsen-Anhalt sehr unwahrscheinlich ist, dass überhaupt eine denkbare
Koalition eine Mehrheit zustande bekommt. Dass der AfD ein Alleinsieg
gelingt, hat laut den Statistikern eine Wahrscheinlichkeit von nur gut 7
Prozent. Alle anderen haben gar keine Chance.
Interessant ist dort vor allem die Analyse der verschiedenen
Umfrageinstitute. Legt man nur die Werte des von Rechten beauftragte Insa
zugrunde, steigt die Wahrscheinlichkeit einer AfD-Alleinregierung auf 38
Prozent.
6 Sep 2026
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