# taz.de -- „Taktisch Wählen“ in Sachsen-Anhalt: Strategie gewinnt
> Die Fünfprozenthürde könnte entscheiden, ob die AfD regiert oder nicht.
> Eine Kampagne wirbt deshalb für kleine Parteien. Doch wer finanziert sie?
(IMG) Bild: Wie bleibt Sachsen-Anhalt bunt? Straßenszene aus dem Wahlkampf in Magdeburg 2026
Im kühlen Treppenhaus steigt Tristan Runge schnurstracks die Stufen hinauf.
An diesem Samstag Anfang August ist er im Wahlkampfmodus – allerdings nicht
für eine Partei. Mitten in Halle zieht er von Mehrfamilienhaus zu
Mehrfamilienhaus und wirbt für eine Strategie.
Als Runge im Treppenhaus bei dem Bewohner ankommt, der ihn unten
hineingelassen hat, sprudelt es aus ihm heraus: „Hallo, wir sind von
„Taktisch Wählen“ und wollen darüber informieren, wie wir eine
AfD-Regierung verhindern können.“ Dann streckt er dem Mann ein oranges
Papier entgegen: „Darf ich dir einen Flyer geben?“
„Taktisch Wählen“, steht in Großbuchstaben auf dem Zettel. Es geht um die
Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September – und um die
Fünfprozenthürde. Nur Parteien, die einen Stimmenanteil von mindestens 5
Prozent bekommen, ziehen ins Parlament ein. Wenn es mehrere kleine nicht in
den Landtag schaffen, dann würden der AfD etwas mehr als 40 Prozent
reichen, um eine absolute Mehrheit im Parlament zu bekommen, warnt die
Initiative.
Während der Mann liest, erklärt Runge ihm zugleich ihre Idee. „Bei den
aktuellen Umfragen kann es helfen, gegen eine AfD-Regierung die Stimme
taktisch den Grünen oder der SPD zu geben, auch wenn man die nicht für die
besten Parteien hält.“ Der Mann nickt erneut, schließt die Wohnungstür und
Runge dreht sich gleich zur nächsten. Etwa 60 weitere Menschen von der
Initative „Taktisch Wählen“ seien an diesem „Aktionswochenende“ in der
Stadt, erzählt er. Sie klingeln und verteilen Flyer.
## Wer bezahlt die Flyer?
Bundesweit hat „Taktisch Wählen“ für Aufmerksamkeit gesorgt, das liegt
nicht nur an der Strategie, für die sie werben. In vielen Medienberichten
geht es vor allem darum: Wer steckt hinter der Kampagne? Wer bezahlt die
Flyer und die Leute?
Es ist nicht das erste Mal, dass „Taktisch Wählen“ bei einer Landtagswahl
dazu aufruft, die Stimme unabhängig von den eigenen Parteipräferenzen zu
vergeben. Bei den Wahlen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg vor zwei
Jahren ging es „Taktisch Wählen“ darum, eine Sperrminorität der AfD bei
Abstimmungen im Landtag zu verhindern. Auch damals war Tristan Runge mit
dabei.
Der 21-Jährige, der seit Jahren auch bei Fridays for Future aktiv ist,
stammt aus dem sächsischen Grimma. „Wir haben damals kurz vor der Wahl mit
Freunden überlegt, was man gegen die AfD machen könnte.“ Dabei sei der
Gedanke entstanden, eine Kampagne aufzuziehen, bestimmte Parteien zu
empfehlen und die Stimmverteilung zu beeinflussen. Sie setzten eine Website
auf und warben dafür. Runge schrieb [1][dafür auch einen Gastbeitrag in der
taz].
Neu ist bei dieser Landtagswahl, dass die Initiative an Haustüren klingelt
und dort Flyer verteilt. Dieses Jahr hätten sie früher angefangen zu
organisieren, sagt Runge. Und außerdem haben sie dieses Jahr eine Berliner
Kommunikationsagentur als Verstärkung: The Goodforces GmbH.
Deren Geschäftsführer Peter Jelinek und Patrick Haermeyer haben einst für
die Grünen im Europaparlament gearbeitet. Vor rund zwei Jahren haben sie
die Agentur mitbegründet, die heute rund 25 Personen beschäftigt – einige
davon ebenfalls mit beruflicher Vergangenheit bei den Grünen. Das
ehrgeizige Ziel des Unternehmens: „Demokratische Medienmacht
zurückgewinnen“.
So formulierten es Jelinek und seine Mitarbeiterin Melanie Gömmel in einem
Vortrag auf der Digitalkonferenz Republica. Ihre Analyse: Rechte Kräfte
hätte in den letzten Jahren ein effizientes Medienökosystem aufgebaut.
Portale wie Nius, rechte Youtuber*innen und Influencer*innen
verstärkten sich gegenseitig und setzten erfolgreich ihre Themen. Der
progressive Teil der Gesellschaft müsse daraus lernen, Teile der rechten
Medienstrategie kopieren und so Reichweite für die eigenen Positionen
erzeugen.
## Eine Leerstelle füllen
Goodforces will dabei eine Leerstelle füllen: „Dort, wo NGOs vorsichtig
sein müssen, Medien neutral bleiben und Parteien taktisch agieren, dürfen
wir zuspitzen“, heißt es in der Selbstbeschreibung der Agentur.
Ein zentrales Projekt ist die Seite neunund20.de und dazugehörige
Social-Media-Profile. Erklärtes Ziel: Hoffnung auf eine rot-rot-grüne
Mehrheit nach der Bundestagswahl 2029 machen. Grüne, SPD und Linke sind in
Umfragen von einer solchen Mehrheit zwar weit weg und erwecken öffentlich
auch nicht den Eindruck, auf eine Koalition hinzuarbeiten. Im Gespräch mit
der taz sagt Goodforces-Geschäftsführer Haermeyer trotzdem: „Es gibt in
Deutschland Mehrheiten für progressive Inhalte. Wir wollen sie mit
neunund20.de sichtbar machen.“
Sein Team sucht täglich nach Inhalten, auf die es aufspringen und die es
verstärken kann. Es teilt Clips anderer progressiver Akteure oder
produziert eigene Videos und Grafiken. Unter den Themen der letzten Wochen:
Eine Leichtathletin macht sich im ZDF-Interview gegen Rassismus stark, die
SPD will Hitzeschutz ins Grundgesetz aufnehmen, ein Berliner
Linken-Politiker vernetzt Mieter*innen gegen Wohnungskonzerne. Alles
Progressive framed neunund20.de dabei positiv. Nörgeln, kritisieren und
Widersprüche aufzeigen – das sollen andere machen.
Manche der Posts bekommen keine 100 Likes, andere mehr als 500.000. Die
Agentur experimentiert und schaut, was funktioniert. Als Erfolg heftet sich
Goodforces die Endphase des Landtagswahlkampfs in Baden-Württemberg im
Frühjahr mit dem [2][„Rehaugen“-Video von Manuel Hagel] an. Den Ausschnitt
eines alten Interviews, in dem sich der damalige CDU-Spitzenkandidat
sexistisch äußerte, habe man zwar nicht selbst ausgegraben. Als er aber
einmal in der Welt war, habe man ihn über neunund20.de fleißig geteilt und
knapp neun Millionen zusätzliche Aufrufe generiert. Am Ende gewannen die
Grünen die Wahl.
Jetzt mischt Goodforces also wieder in einem Wahlkampf mit, diesmal eben
über taktisch-waehlen.de. In Halle hat Tristan Runge bei seinen
Klingelversuchen an diesem Tag Pech. Er steht schon vor dem zweiten Haus,
drückt einen Knopf nach dem anderen, aber bekommt keine Reaktion. „So macht
das keinen Spaß“, murmelt er und drückt mit dem Mittelfinger auf den
nächsten Klingelknopf.
In aktuellen Umfragen stehen Grüne und SPD inzwischen besser da als noch
vor einem Monat. Die Grüne kommen bei Infratest dimap auf sechs Prozent
statt fünf Prozent, die SPD auf acht Prozent statt sieben Prozent. Ob
„Taktisch Wählen“ dazu beigetragen hat, lässt sich nicht sagen.
Runge selbst sagt, er sei in keiner Partei. Aber wenn er so viele kleine
Parteien wie möglich im Landtag haben möchte, warum wirbt er dann nicht für
das BSW oder die FDP? „Bei der FDP halten wir es für unwahrscheinlich, dass
sie es in den Landtag schafft“, sagt er der taz. Und das BSW halte es sich
offen, mit der AfD zusammenzuarbeiten. Deshalb sei das keine Option.
Trotzdem wirbt „Taktisch Wählen“ nicht nur für SPD und Grüne: Bei den
Direktmandaten spricht sich die Kampagne in fast allen Fällen für die CDU
aus und drei Mal für die Linke.
## Flyer verteilen, Nudeln kochen
Im Gespräch mit der taz erklärt Runge, der Einfluss von Goodforces auf die
Kampagne sei gering. Die Planung der Kampagne, die Inhalte, das
Koordinieren der Aktionswochenenden, all das übernehme die ehrenamtliche
Gruppe von etwa 15 Leuten in Sachsen-Anhalt. „Die gleichen Leute, die das
organisieren, stehen auch am Herd, kochen Nudeln und machen den Abwasch“,
sagt er. Das Geld für die orangenen Flyer, die Website-Kosten, die
Verpflegung und die Fahrtkosten übernehme Goodforces.
Etwas umfangreicher stellt die Agentur selbst die Unterstützung dar.
Zustande kam die Kooperation durch personelle Verflechtungen: Bei
Goodforces arbeitet laut Geschäftsführer Haermeyer „ein Teil der Menschen“,
die „Taktisch Wählen“ 2024 noch rein ehrenamtlich getragen haben. Heute
dürfen sie in ihrer Arbeitszeit an dem Projekt arbeiten. Den gesamten
Gegenwert der Unterstützung mussten SPD und Grüne der Bundestagsverwaltung
als Parteispenden melden, sie haben ihn mit jeweils 38.150 Euro beziffert.
Kritiker*innen der Initiative nutzen die Konstellation als
Angriffsfläche. „Taktisch Wählen“ ist natürlich ein Ärgernis für Rechte,
die um die absolute Mehrheit für die AfD bangen. „Eine Agentur aus dem
grünen und progressiven Umfeld mobilisiert Helfer, um das Wahlverhalten der
Bürger zu manipulieren“, schreibt zum Beispiel die Propagandaplattform
Nius, die von einem superreichen Unternehmer finanziert wird.
## Vorwurf: „grünen-nahe Agentur“
Kritik kommt aber auch aus Parteien, die neben der AfD zu den Leidtragenden
der Aktion zählen könnten. Von einer „schmutzigen Kampagne“ einer
„grünen-nahen Agentur“ spricht Sahra Wagenknecht. Die Linken-Vorsitzende in
Sachsen-Anhalt, Janina Böttger, sagt: Taktisches Wählen beruhe nur auf
Wahlumfragen, die nur Momentaufnahmen seien. „Wir halten deshalb nichts
davon, Menschen zu empfehlen, ihre Stimme nicht der Partei zu geben, deren
Inhalte sie überzeugen.“
Tatsächlich werfen die Aktivitäten von Goodforces Fragen auf: Wie
finanziert die Agentur ihre unterschiedlichen Projekte? Ist es denkbar,
dass politische Akteure bei ihr Kampagnen bestellen, als Finanzier aber
unsichtbar bleiben? „Solche Verschwörungstheorien würde ich weit von mir
weisen“, sagt Patrick Haermeyer. Die Agentur verdiene ihr Geld mit
regulärer Kommunikationsberatung für verschieden Kunden. Im Internet finden
sich Papiere, die Goodforces im Auftrag der IG Metall und der Deutschen
Umwelthilfe erstellt hat. Beteiligt war die Agentur auch an der grünen
Kampagne zur Landtagswahl in Rheinland-Pfalz.
„Durch solche Aufträge erwirtschaften wir Ressourcen. Andere Agenturen
würden sie nutzen, um Pitches für neue Kunden zu erstellen. Wir stecken sie
mehr in eigene Projekte“, sagt Haermeyer. Das sei alles transparent und
zudem nichts im Vergleich zu dem, was im rechten Spektrum passiert: „Das
rechte Medienökosystem macht das, was wir von links versuchen, seit Jahren
mit einem Vielfachen unserer Ressourcen.“
Als haltlos bezeichnet er die Kritik an der Architektur der Kampagne.
Richtig unglücklich wirkt der PR-Profi gleichzeitig aber nicht über den
Wirbel um die Initiative, um all die Medienberichte mit Vorwürfen und
Vorbehalten: Denn Reichweite hat die Botschaft von „Taktisch Wählen“
immerhin bekommen.
Ende August heißt es von der Initiative, sie habe bei 30.000 Türen in
Sachsen-Anhalt geklingelt. Und auf Social Media lädt Tristan Runge zum
nächsten „Aktionswochenende“ ein. Bis zum Sonntag wollen sie weitere
Wähler*innen überzeugen.
4 Sep 2026
## LINKS
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## AUTOREN
(DIR) Tobias Schulze
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