# taz.de -- Radikales AfD-Netzwerk: Der Sunnyboy des Rechtsextremismus
       
       > Ulrich Siegmund will in Sachsen-Anhalt AfD-Ministerpräsident werden. Wie
       > radikal würde er regieren? Sein Werdegang und sein Umfeld geben
       > Aufschluss.
       
 (IMG) Bild: Blaue Stunde: Der AfD-Nachwuchs „Generation Deutschland“ applaudiert auf seinem Bundeskongress in Magdeburg
       
       Martin Reichardt steht für seine Grußrede bei der AfD-Jugend zwischen ein
       paar Eichenbäumen aus Plastik und Deutschlandfahnen auf der Bühne des Alten
       Theaters in Magdeburg. Nur noch wenige Tage sind es bis zur Landtagswahl in
       Sachsen-Anhalt und der 57-jährige Landeschef wird in seiner Partei als Teil
       einer möglichen AfD-Regierung gehandelt, unter einem Ministerpräsidenten
       Ulrich Siegmund. Besonders ministrabel wirkt er an diesem Samstag
       allerdings nicht.
       
       Mit weit aufgerissenem Mund brüllt Reichardt regelrecht: Vater Staat sei
       heute leider ein „nach Dope stinkender fauler Assi“. Er bekomme sein Geld
       von der Friedrich-Ebert-Stiftung, „um regelmäßig mit seinen Freunden vom
       öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu saufen und die Internationale zu
       lallen!“ Die stramm gescheitelte AfD-Jugend brüllt vor Lachen. Reichardt
       schraubt das Niveau noch weiter nach unten: Die Muttersprache sei „ein
       aufgedunsenes intersektional-feministisches Flittchen“, deren grüne Haare
       stets zerzaust seien, „weil Vater Staat sie dreimal täglich durchgendert!“.
       Die AfD wolle der „verlotterten Linken“ das „Sorgerecht für Deutschland
       entziehen“, ruft Reichardt. Die AfD-Jugend johlt.
       
       [1][Der Parteinachwuchs will der AfD Sachsen-Anhalt mit ihrem
       Bundeskongress in Magdeburg noch einmal Rückenwind im Landtagswahlkampf
       verschaffen.] Als Höhepunkt des Tages hat sie dafür natürlich auch den
       Spitzenkandidaten Siegmund eingeladen. Als dieser nach Reichardt die Bühne
       betritt, gibt es Standing Ovations – und von Siegmund erst mal ein
       demonstratives Lob für den ausfälligen Auftritt seines Landeschefs. „Ich
       höre, Martin Reichardt hat sehr klare und notwendige Worte gefunden!“, sagt
       er grinsend und erntet frenetischen Jubel.
       
       Noch lauter wird es, als Siegmund gegen die „Fake News“ vom Leder zieht und
       verspricht, als erste Amtshandlung den Rundfunkstaatsvertrag zu kündigen.
       Nach seiner kurzen Rede kann er sich vor Selfies kaum retten und signiert
       reihenweise Spiegel-Cover mit seinem Foto drauf, zusammen mit der
       Überschrift: „Der gefährlichste Mann Deutschlands“.
       
       ## Verfassungsfeindliche Parolen
       
       Siegmunds Heimspiel bei der Parteijugend ist ein Schulterschluss mit einem
       der radikalsten Teile der Partei: Neben Reichardts Tiraden wurde auf dem
       Jugendkongress bejubelt, dass Deutschland auch mit 60 Millionen Menschen
       gut leben könne, die EU „antiweiß“ besetzt sei und dass es mehr brauche als
       den Besitz der Staatsangehörigkeit, um Europäer zu sein. Siegmund geht
       nicht auf Distanz zu diesen verfassungsfeindlichen Parolen. Er betont, dass
       er selbst in der Jungen Alternative gewesen sei, die schon vor Jahren als
       gesichert rechtsextrem eingestuft war und deswegen aufgelöst wurde.
       
       Und mit dabei in Magdeburg ist auch Simon Kaupert, der hinter den Kulissen
       Teil der Kongressregie ist. Sonst ist er fester Teil von Siegmunds
       Wahlkampfteam – zuständig mit [2][seinem Filmkunstkollektiv] für Fotos und
       aufwändige Wahlkampfvideos, reicht zur Not Siegmund auch mal ein
       Taschentuch, falls der ins Schwitzen kommt. Auch Kauperts Vita ist
       einschlägig: Er ist ein früherer Aktivist der Identitären, der Vordenker
       des „Remigrations“-Konzepts, wie sie die massenhafte Ausweisung von
       Migranten nennen. Sein Filmkunstkollektiv, eine Medienagentur von
       Rechtsextremen für Rechtsextreme, ist auf dem Kongress auch mit einem Stand
       präsent.
       
       Im Saal sitzt zudem [3][Götz Kubitschek], der rechtsextreme Vordenker aus
       Schnellroda, den Siegmund zuletzt beim AfD-Bundesparteitag in Erfurt breit
       strahlend begrüßte, ihm auf den Rücken klopfte. Und der der taz erzählt,
       dass er im Austausch mit der Arbeitsgruppe gestanden habe, die das
       Wahlprogramm für Siegmunds AfD-Verband verfasst hat.
       
       Die Radikalen, mit denen sich Siegmund unbeschwert im Magdeburger Theater
       umgibt, sie passen eigentlich nicht zu der Kampagne, mit der er gerade
       durchs Land zieht. Allein steht er da auf Bühnen, bei Großkundgebungen oder
       bei Simson-Fahrten, immer bestens gelaunt, siegesgewiss, Typ harmloser
       Schwiegersohn. Nur wenige Tage noch, dann will Siegmund mit der AfD hier
       die absolute Mehrheit erringen. Gelingt das, wäre es ein Novum in der
       Bundesrepublik: Erstmals seit 1945 würde wieder eine rechtsextreme Partei
       in einem deutschen Bundesland regieren.
       
       Noch ist es nicht so weit – und mit zuletzt steigenden Umfragewerten von
       Grünen und SPD könnte das Wahlergebnis auch schlechter ausfallen. Aber um
       zu verstehen, was mit einem AfD-Ministerpräsidenten Siegmund droht und wie
       radikal der vermeintliche Sunnyboy auftreten würde, muss man auf seinen
       Werdegang und sein Umfeld schauen. Und dann ist die Antwort eindeutig.
       
       Es scheint wie ein weiter Weg, den Siegmund bis in dieses Umfeld gegangen
       ist. Aber vielleicht war der Weg auch gar nicht so weit. Geboren wurde
       Siegmund 1990 in Havelberg, wenige Wochen nach der Wende. Er wuchs in
       Tangermünde auf, einer 10.000-Einwohnenden-Stadt im Norden Sachsen-Anhalts.
       Nach der Ausbildung zum Handelskaufmann und Fernstudium geht er nach
       Berlin, gründet dort eine Firma, die Innenräume beduftet, auch
       „gendersensitiv“, um die dortige Stimmung zu verbessern.
       
       Mit 19 Jahren tritt Siegmund in die CDU ein, wird Mitglied der Jungen
       Union. Siegmund sei im lokalen CDU-Verband lange nicht aufgefallen, heißt
       es dort. Dann sei er plötzlich aufgetaucht und habe in den Vorstand
       gewollt. So laufe das aber nicht, wenn man gerade erst anfange, da müsse
       man sich erst Verdienste erarbeiten. Siegmund wurde letztlich nicht
       gewählt. Danach, so heißt es in der CDU, sei er „einfach weg“ gewesen.
       
       Stattdessen taucht Siegmund 2014, nun 24 Jahre alt, bei der AfD auf. Der
       Landesverband Sachsen-Anhalt war erst ein Jahr zuvor gegründet worden. Wo
       dieser politisch steht, macht schon ihr damaliger Anführer klar: André
       Poggenburg. Der verbrüdert sich früh mit Björn Höcke, dem Thüringer
       Parteirechtsaußen. Beide gründen den völkischen „Flügel“ in der Partei, der
       eine „grundsätzliche politische Wende in Deutschland“ fordert, weg vom
       „Verrat an den Interessen unseres Volkes“. Poggenburg beschimpft den
       früheren Vizechef des Zentralrats der Juden Michel Friedman als
       „schleimiges Etwas“, besucht schon damals Götz Kubitschek in Schnellroda
       und plädiert für dessen AfD-Eintritt. Mehrere AfD-Kreisvorsitzende treten
       damals aus Protest gegen diesen Kurs und wegen Poggenburgs Umgang mit
       Kritikern aus der Partei aus.
       
       Ulrich Siegmund aber stört all das nicht. Er legt jetzt erst richtig los.
       
       Er sei „grundlegend konservativ“, sagt Siegmund damals der Volksstimme. Bei
       der CDU sei er aber auf „eingefahrene Wege und Koryphäen gestoßen“, habe
       sein Kreuz schon bei der Bundestagswahl 2013 bei der AfD gemacht. Nach dem
       Einstieg bei der AfD hält Siegmund anfangs zum Parteivize Jörg Meuthen,
       nennt Höcke jemanden, der in der Partei „aus dem Durchschnitt schlägt“. Von
       rechtsextremen Kameradschaften, mit denen sein Landeschef Poggenburg damals
       schon auf die Straße geht, distanziert er sich anfangs noch.
       
       Zugleich aber tut Siegmund die AfD-Austritte ab: Nun herrsche eine „tiefere
       Einigkeit“ in der AfD. Und schon damals äußert auch er sich brachial.
       Merkel wirft Siegmund schon 2016 eine „diktatorische Politik“ und
       „Maulkorbpolitik“ vor. Auf seinem Facebookprofil kommentiert er die
       Nachricht über einen Mann, der seinen Hund aussetzte: „Erschießen wäre zu
       soft.“
       
       Und in der AfD macht Siegmund die Karriere, die ihm in der CDU versagt
       blieb. Er wird Teil des Kreisvorstands in Stendal, zieht 2016 auch in den
       Landesvorstand und den Landtag ein. Dort wird Siegmund
       gesundheitspolitischer Sprecher der AfD-Fraktion und übernimmt den Vorsitz
       im Sozialausschuss. Und widmet sich auch einem anderen Thema: vermeintlich
       linken Vereinen. Schon 2018 stellt Siegmund mit der AfD-Fraktion eine
       Anfrage mit 236 Fragen zum Demokratieverein Miteinander und
       „angeschlossener Projekte“ und beantragt, ihnen alle Fördergelder zu
       entziehen, da sie Steuergeldverschwendung seien.
       
       Die Vorarbeit leistete der rechtsextreme Verein „[4][Ein Prozent]“, ein
       Verbund früherer Identitärer, der sich schon länger auf die Projekte
       eingeschossen hatte. Siegmund versteckt den Schulterschluss nicht, geht in
       deren Podcast und tönt dort, in Regierungsverantwortung würde die AfD „dem
       Spuk sofort ein Ende bereiten können, dann wär das kein Problem“.
       
       Später tut Siegmund kund, dem rechtsextremen Verein auch schon Geld
       gespendet zu haben. Der wiederum lobt Siegmund schon 2021 als „Freund und
       Unterstützer des patriotischen, außerparlamentarischen Vorfelds“. Einer der
       Protagonisten von „Ein Prozent“: Simon Kaupert, der Identitäre und heutige
       Fotograf von Siegmund. Das Netzwerk, es ist da schon geknüpft.
       
       In der breiten Öffentlichkeit aber bleibt Siegmund lange unbekannt. Bis zur
       Coronapandemie. In dieser Zeit erlangt Siegmund plötzlich breitere
       Aufmerksamkeit. Mit Kundgebungen reiht sich die AfD in Coronaproteste ein
       und Siegmund steht nun auf Bühnen. So wie im November 2021 auf dem
       Hallmarkt in Halle. Trotz Maskenpflicht tritt Siegmund ohne Mundschutz auf,
       ätzt über den „Merkelmaulkorb“, nennt die Schutzmaßnahmen „schwachsinnig“
       und ein „Verbrechen an jedem Bürger“. Hier klingt Siegmund so gar nicht wie
       der gut gelaunte Sunnyboy.
       
       ## Tiraden gegen Coronapolitik
       
       Es ist die Zeit, in der Siegmund auch mit seinem Tiktok-Kanal loslegt.
       Innerhalb kürzester Zeit baut der AfD-Mann dort Tausende Follower*innen
       auf, allen voran mit seinen Tiraden gegen die Coronapolitik. Heute hat er
       dort mehr als 820.000 Follower, einen der größten Politikeraccounts. Zum
       Vergleich: CDU-Ministerpräsident Sven Schulze kommt auf 4.200.
       
       Es sind zwei Welten, in denen Siegmund ab jetzt unterwegs ist. Die
       digitale, in der er ein kleiner Star ist – und die vor Ort in Tangermünde,
       in der er kaum sichtbar bleibt. Siegmund ist in keinem Vereinen aktiv,
       tritt aus der Kirche aus, wegen ihrer „politischen Rolle“. Im Kreistag ist
       er laut Mitparlamentariern kaum aktiv, schickt seine Fraktionskollegen vor,
       die dort mit Anweisungen auftreten. „Siegmund macht nur seine Videos“, sagt
       ein örtlicher CDU-Mann, der namentlich ungenannt bleiben will. „Wenn keine
       Kamera da ist, ist er ein Nichts. Der spielt vor Ort keine Rolle.“
       
       Der AfD-Landesverband aber merkt früh, dass ihr Nachwuchsmann auf Social
       Media ankommt. Mitte 2022 wird Siegmund zum Co-Fraktionschef im Landtag
       gewählt, mit 32 Jahren, wird als junges Aushängeschild präsentiert. Schon
       zuvor, Anfang 2021, hatte der Verfassungsschutz den AfD-Landesverband als
       rechtsextremen Verdachtsfall eingestuft, zwei Jahre später dann als
       „gesichert rechtsextrem“. Auch das ist für Siegmund kein Moment zum
       Innehalten. Er tut die Einstufung als „politisch motiviert“ ab.
       
       Der AfD-Verband hat sich da inzwischen mit seinem früheren Vorsitzenden
       Poggenburg überworfen, wird aber nun von einem anderen Radikalen geführt:
       Martin Reichardt. Der Mann, der gerade in Magdeburg vom Leder zog. Der
       frühere Republikaner und Bundeswehroffizier tritt mit diesem Ton schon seit
       Jahren auf, schmäht die Bundesregierung mal als „Corona-Mafia“, mal als
       „pädophile, grüne Clique“. Auch Reichardt gehörte zum AfD-„Flügel“, trat
       mit diesem schon 2020 in Schnellroda bei Kubitschek auf.
       
       Und er war damals einer der vehementesten Verteidiger des Brandenburger
       AfD-Chefs Andreas Kalbitz, als der aus der Partei flog. Weil Kalbitz auf
       Fotos der Heimattreuen Deutschen Jugend (HDJ) zu sehen war. Einer Gruppe,
       die Kinder in Zeltlagern völkisch indoktrinierte und 2009 vom
       Bundesinnenministerium verboten wurde, weil sie „rassistisches und
       nationalsozialistisches Gedankengut“ verbreitete, auch schon an
       Grundschulkinder. Und die sich selbst als elitärer Lebensbund sah, deren
       Mitglieder langfristig an die Schaltstellen der Macht wollen.
       
       ## HDJ-Männer im engen Umfeld
       
       Und auch Siegmund selbst sitzt damals mit Kalbitz auf einer Bühne in
       Salzwedel, ungeachtet der HDJ-Vorwürfe. Die AfD lädt damals zum
       „Bürgerdialog“. Wieder geht es um das Thema „Linksextreme Seilschaften“,
       die man „aufdecken und zerschlagen“ wolle, wieder wettert Siegmund gegen
       den Verein Miteinander als „staatlichen Kampfverein gegen alles
       Konservative“. Dass es dafür Steuergelder gebe, sei „eine Sauerei“. Mit
       dabei auch: Björn Höcke.
       
       Heute gehören auch einstige HDJ-Männer zu Siegmunds engstem Umfeld. Obwohl
       die HDJ, genau wie die Identitäre Bewegung, explizit auf der
       Unvereinbarkeitsliste der AfD steht, die eine Parteimitgliedschaft
       ausschließen soll. Dennoch ist einer von Siegmunds engsten Begleitern im
       Wahlkampf ein früherer HDJ-Mann: Patrick Harr. Der war dort einst Leiter
       „Beschaffung“, kümmerte sich um Material wie Zelte oder Uniformen. Nun ist
       Harr Sprecher des AfD-Landesverbands, einst unter Poggenburg herangeholt,
       jetzt stets an Siegmunds Seite. Auch am Wahlprogramm soll er mitgearbeitet
       haben.
       
       Oder Laurens Nothdurft, Anwalt von Siegmund und AfD-Ortsbürgermeister in
       Dessau-Roßlau, auch er ein einstiger HDJ-Aktivist. Er vertrat Siegmund vor
       Gericht, nachdem dieser im Landtag eine Linken-Abgeordnete beleidigt hatte,
       „geistig nicht mehr zurechnungsfähig“ zu sein. Nothdurft war einst gar
       Vorsitzender bei der HDJ. Und seine Familie knüpft daran an: [5][Zuletzt
       tauchten Kinder von ihm bei einer möglichen Nachfolgegruppe der HDJ auf,
       den Jungadlern]. Auch sein Bruder Felix W. war einst bei der HDJ, ist nun
       Referent in der AfD-Fraktion Sachsen-Anhalt, schrieb ebenso am Wahlprogramm
       mit.
       
       Nothdurft erklärte der taz zuletzt über seinen Anwalt, er distanziere sich
       von nationalsozialistischem Gedankengut – und seine Kinder würden sich
       nicht politisch betätigen. Harr ließ eine Anfrage zu seiner HDJ-Zeit
       unbeantwortet.
       
       Und es sind längst nicht nur die HDJ-Leute. Auch mehrere ehemalige
       Identitäre bewegen sich in Siegmunds Umfeld. Neben Filmemacher Simon
       Kaupert und seinem Filmkunstkollektiv ist das auch etwa Dorian S., der laut
       MDR die Homepage des AfD-Landesverbands betreibt. Oder Torsten G., der für
       den Onlineshop von Siegmunds Kampagne verantwortlich ist.
       
       Ulrich Siegmund lässt taz-Anfragen zu diesen Personalien unbeantwortet. An
       anderer Stelle aber erklärte er, die Geschichten seien lange her und er
       mache keine Gesinnungsprüfungen. Für ihn zähle nur das Eintreten für die
       demokratische Grundordnung heute. Nothdurft lobt er bei einem
       Wahlkampfauftritt in Dessau als „besondere lokale Persönlichkeit“,
       spendiert ihm einen Extraapplaus von der Bühne. Auch Simon Kaupert oder
       Patrick Harr attestierte er zuletzt „hervorragende Arbeit“.
       
       Doch die Radikalen holen Siegmund immer wieder ein. Erst am vergangenen
       Donnerstag [6][durchsuchten Polizeibeamte die Häuser zweier
       AfD-Landtagskandidaten, Sebastian Koch und Simon Lansmann, in Gardelegen im
       Altmarkkreis] – unweit von Siegmunds Heimat Tangermünde. Ihnen und 13
       weiteren Personen wird vorgeworfen, die 2023 verbotene, rechtsextreme
       Artgemeinschaft, die sich als Hüter der „germanischen Rasse“ sah,
       fortgeführt zu haben. Sie sollen am 20. Juni an einer Sonnenwendfeier auf
       Lansmanns Hof teilgenommen haben, bei der völkisch-heidnische Rituale
       durchgeführt und ein Kampflied der Hitlerjugend gesungen worden sein soll.
       Lansmann ließ eine taz-Anfrage dazu unbeantwortet. Koch sagte, er lehne
       Anfragen der taz ab.
       
       Auch Siegmund lächelt in Magdeburg auf Pressenachfrage die Vorwürfe weg,
       wie er es zuletzt schon bei der Vetternwirtschaft tat: Er wolle die
       Ermittlungsergebnisse abwarten. „Und wenn es Ergebnisse gibt, machen wir
       das gemeinschaftlich als Landesvorstand, der zusammenhält hier in
       Sachsen-Anhalt.“
       
       Auch direkt nach den Razzien bei Koch und Lansmann setzte Siegmund seinen
       Wahlkampf fort, als wäre nichts gewesen. Dabei ist schon lange klar, wo
       Sebastian Koch, einer der Beschuldigten, steht. Fotos, die der taz
       vorliegen, zeigen ihn schon vor zehn Jahren in einem Shirt der Freien
       Nationalisten Altmark West. Neben ihm ein Mann mit einem Shirt mit
       Aufschrift „Nazi“. In einem Onlineposting fabulierte Koch über einen
       „kulturellen Erbstrang“ von Migranten, der sie „schwerst frauenfeindlich“
       handeln ließe. Siegmund machte dennoch zuletzt mit Koch und Lansmann
       fröhlich Wahlkampf, fuhr mit ihnen in einem Kremser, stand auf dem
       Marktplatz in Klötze und sprach danach von einem „ganz tollen Erlebnis“.
       
       Auch keine Distanzierung gibt es von Siegmund auf die Frage nach dem
       EU-Abgeordneten Arno Bausemer, der in Stendal einen 14-Jährigen mit einem
       Baseballschläger traktiert haben soll, weil dieser ein AfD-Plakat
       beschädigt habe. Der Junge verbrachte mit seinen Verletzungen eine Nacht im
       Krankenhaus. Ist das dieses bürgerliche, normale Deutschland, das Siegmund
       immer wieder beschwört? Auch hier ist seine Antwort: Ergebnisse abwarten,
       gemeinschaftliche Antwort des Landesverbands, Wagenburg.
       
       ## Muslimenhasser und Russlandfreunde
       
       In das Normalobild passt genauso wenig einer, der ebenso verbal austeilt
       und mit Siegmund seit Jahren im Parteivorstand sitzt: Hans-Thomas
       Tillschneider, ein weiterer Schnellroda-Freund und „Flügel“-Mitgründer.
       Sein Thema ist die „Umvolkung“, ein rechtsextremer Kampfbegriff eines
       angeblich gesteuerten Bevölkerungsaustauschs durch Migranten. Tillschneider
       teilt immer wieder gegen Muslime aus, deren Kultur für ihn nicht nach
       Deutschland passt. Er ist für den Nato-Austritt und schreit auf
       Kundgebungen Dinge wie: „Unsere Feinde sitzen nicht in Moskau, unsere
       Feinde sitzen in Magdeburg und Berlin!“
       
       Wie nun durch den Bild-Journalisten Paul Ronzheimer breiter bekannt wurde,
       hortet er in seinem Büro neben mit Wodka gefüllten Glaskalaschnikows auch
       eine Tasse der russischen Armee. Außerdem schreibt er eine monatliche
       Kolumne für eine kremlnahe russische Tageszeitung und nahm in der
       russischen Botschaft 2025 an der Feier von Putins 73. Geburtstag teil. Als
       Mitarbeiter soll Tillschneider heute einen alten Bekannten beschäftigen:
       Andreas Kalbitz.
       
       Siegmund lobt auch Tillschneider dieser Tage bei einem Wahlkampfauftritt in
       Querfurt als „hervorragenden Direktkandidaten“, den er in den nächsten fünf
       Jahren brauche. Kein Wunder: Das Thema „Umvolkung“ vertritt auch Siegmund
       selbst. 2022 unterschreibt er mit anderen AfD-Fraktionschefs eine „Dresdner
       Protestnote“, in der sie gegen einen „Asylansturm“ und „die planmäßige
       Ersetzung der deutschen Bevölkerung durch Migranten“ protestieren. 2024
       wettert Siegmund im Landtag über Geflüchtete, dass diese keine Menschen
       seien, die „Wertschöpfung betreiben“, sondern Straffällige und
       Vergewaltiger.
       
       Und im November 2023 besucht Siegmund auch ein Treffen, das bundesweit
       Schlagzeilen machen wird: das berüchtigte „Remigrations“-Treffen von
       Potsdam im November 2023 mit dem Rechtsextremen [7][Martin Sellner]. Um
       Pläne für eine massenhafte Ausweisung von Migrant*innen soll es dort
       gegangen sein, [8][so berichtete es Correctiv]. Siegmund wurde vom
       einstigen HDJ-Mann Patrick Harr begleitet, soll dort um Wahlkampfspenden
       geworben haben. Auch habe er erklärt, dass sich das Straßenbild ändern
       müsse, etwa mit Druck auf ausländische Restaurants. Es müsse für Migranten
       möglichst unattraktiv sein, dort zu leben.
       
       Und Siegmund erklärte laut Correctiv seine Masche: Er versuche erst
       Sympathie aufzubauen, als „ganz normaler Typ“. Die politischen Inhalte
       bringe er dann „zum Schluss durch die kalte Küche“.
       
       ## „Assimilationsdruck auf nichtintegrierte Ausländer erhöhen“
       
       Das Treffen von Potsdam sorgte für bundesweite Anti-Rechts-Demonstrationen,
       die größten Proteste seit Jahren. Siegmund verharmlost es dagegen als
       „Potsdamer Kaffeekränzchen“. Und legte nach. In einer Erklärung mit anderen
       AfD-Fraktionschefs aus dem Osten unterstrich er das „Remigrations“-Konzept,
       nannte dieses „das Gebot der Stunde“. Es brauche eine „großangelegte
       Rückführungsinitiative“ und Maßnahmen, um „den Assimilationsdruck auf
       nichtintegrierte Ausländer zu erhöhen“. Damit werde man beginnen, „sobald
       wir in Regierungsverantwortung sind“.
       
       Heute klingt es ganz ähnlich, liest man das AfD-Wahlprogramm – das eine
       Gruppe um Hans-Thomas Tillschneider verfasst hat. Es ist das radikalste
       Programm, das je ein AfD-Landesverband in der mittlerweile 13-jährigen
       Parteigeschichte verfasst hat. Eine „Abschiebeoffensive“ und
       „Remigrationspolitik“ unter „staatlichem Zwang“ fordert dieses ein. Um den
       Islam in Sachsen-Anhalt zu „beschränken“, will man „alle Möglichkeiten
       ausschöpfen“. Vereinen, die eine „pervers-linke Agitation“ oder
       „antideutsche Kultur“ betrieben, werde jede Förderung entzogen. Explizit
       wird auch der Verein Miteinander genannt.
       
       Und Siegmund selbst kündigt an, genau diese Punkte als Erstes anzugehen,
       wäre er im Amt. Das Streichen von Geldern für linke Vereine, darauf „freue
       ich mich schon richtig“, sagte er zuletzt. Und drohte, im Falle einer
       AfD-Regierung müssten rund 4.800 ausreisepflichtige Migranten
       Sachsen-Anhalt verlassen – dabei haben laut Innenministerium 4.116 dieser
       Personen derzeit eine Duldung und dürfen gar nicht abgeschoben werden.
       
       Die „Remigrations“-Offensive, der Kampf gegen linke Vereine, gegen
       Migranten und Muslime, es sind genau die Punkte, die Siegmund,
       Tillschneider und Reichardt seit Jahren predigen, die nun Realität werden
       könnten. Und denen zuvor auch die Identitären oder „Ein Prozent“
       ideologisch den Boden bereiteten. Kein Zufall: Ihr Vordenker Götz
       Kubitschek pries schon 2016 auf der AfD-Wahlparty beim ersten
       Landtagseinzug in Sachsen-Anhalt, dass die neuen AfD-Abgeordneten „sehr,
       sehr gerne den ein oder anderen Begriff, das ein oder andere Thema, die ein
       oder andere aufbereitete Expertise aus unseren Projekten übernehmen und
       politisch umsetzen werden“.
       
       Es sind nun diese Menschen aus Siegmunds Umfeld, die sich auch Hoffnung auf
       Posten machen können, sollte die AfD tatsächlich in Sachsen-Anhalt
       regieren. Siegmund schweigt bisher über sein mögliches Regierungspersonal –
       will dieses aber „zu 95 Prozent“ beisammen haben, rekrutiert vor allem aus
       Sachsen-Anhalt. Erzählt wird, dass Tillschneider dann Bildungsminister
       werden könnte, Reichardt Arbeitsminister, Patrick Haar Leiter der
       Staatskanzlei und Laurens Nothdurft Justiz-Staatssekretär. Ein Kabinett der
       Rechtsextremen.
       
       In Tangermünde, wo Siegmund für die AfD im Stadtrat sitzt, verfolgen sie
       dessen Weg mit Kopfschütteln. In der CDU und SPD sagen einige, er sei ein
       Getriebener seiner Partei, der sich immer weiter mitradikalisierte. Für
       andere war Siegmund schon immer radikaler, als er nach außen scheint.
       Unstrittig ist: Siegmund hat jeden Radikalisierungsschritt seiner Partei
       mitgetragen, jeden davon selbst nach außen vertreten, von Poggenburg bis
       Potsdam.
       
       Und auch vor Ort in Tangermünde nimmt die AfD bereits ihre Gegner ins
       Visier – und längst nicht mehr nur linke Vereine. In einem Video posierte
       Siegmund zuletzt vor der örtlichen evangelischen Kirche, machte sich über
       diese lustig, weil sie sich mit einem Banner „gegen Hass und Hetze“
       positionierte. Und im Stadtrat beantragte seine AfD zuletzt, einem Verein
       3.000 Euro zu streichen – nachdem dieser sich wiederholt gegen die AfD
       positioniert hatte.
       
       Siegmund selbst hatte dem Verband zuvor in der Volksstimme „Filz und
       Mauscheleien“ vorgeworfen und erklärt: „Nach einem Wahlsieg im September
       werden wir uns auch um diesen Sumpf kümmern und ihn einfach trockenlegen.“
       Am Ende lehnte der Stadtrat den AfD-Antrag ab. Aber die Drohung war
       angekommen. Der Verein war: die Arbeiterwohlfahrt.
       
       Mitarbeit: David Muschenich
       
       1 Sep 2026
       
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