# taz.de -- Radikales AfD-Netzwerk: Der Sunnyboy des Rechtsextremismus
> Ulrich Siegmund will in Sachsen-Anhalt AfD-Ministerpräsident werden. Wie
> radikal würde er regieren? Sein Werdegang und sein Umfeld geben
> Aufschluss.
(IMG) Bild: Blaue Stunde: Der AfD-Nachwuchs „Generation Deutschland“ applaudiert auf seinem Bundeskongress in Magdeburg
Martin Reichardt steht für seine Grußrede bei der AfD-Jugend zwischen ein
paar Eichenbäumen aus Plastik und Deutschlandfahnen auf der Bühne des Alten
Theaters in Magdeburg. Nur noch wenige Tage sind es bis zur Landtagswahl in
Sachsen-Anhalt und der 57-jährige Landeschef wird in seiner Partei als Teil
einer möglichen AfD-Regierung gehandelt, unter einem Ministerpräsidenten
Ulrich Siegmund. Besonders ministrabel wirkt er an diesem Samstag
allerdings nicht.
Mit weit aufgerissenem Mund brüllt Reichardt regelrecht: Vater Staat sei
heute leider ein „nach Dope stinkender fauler Assi“. Er bekomme sein Geld
von der Friedrich-Ebert-Stiftung, „um regelmäßig mit seinen Freunden vom
öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu saufen und die Internationale zu
lallen!“ Die stramm gescheitelte AfD-Jugend brüllt vor Lachen. Reichardt
schraubt das Niveau noch weiter nach unten: Die Muttersprache sei „ein
aufgedunsenes intersektional-feministisches Flittchen“, deren grüne Haare
stets zerzaust seien, „weil Vater Staat sie dreimal täglich durchgendert!“.
Die AfD wolle der „verlotterten Linken“ das „Sorgerecht für Deutschland
entziehen“, ruft Reichardt. Die AfD-Jugend johlt.
[1][Der Parteinachwuchs will der AfD Sachsen-Anhalt mit ihrem
Bundeskongress in Magdeburg noch einmal Rückenwind im Landtagswahlkampf
verschaffen.] Als Höhepunkt des Tages hat sie dafür natürlich auch den
Spitzenkandidaten Siegmund eingeladen. Als dieser nach Reichardt die Bühne
betritt, gibt es Standing Ovations – und von Siegmund erst mal ein
demonstratives Lob für den ausfälligen Auftritt seines Landeschefs. „Ich
höre, Martin Reichardt hat sehr klare und notwendige Worte gefunden!“, sagt
er grinsend und erntet frenetischen Jubel.
Noch lauter wird es, als Siegmund gegen die „Fake News“ vom Leder zieht und
verspricht, als erste Amtshandlung den Rundfunkstaatsvertrag zu kündigen.
Nach seiner kurzen Rede kann er sich vor Selfies kaum retten und signiert
reihenweise Spiegel-Cover mit seinem Foto drauf, zusammen mit der
Überschrift: „Der gefährlichste Mann Deutschlands“.
## Verfassungsfeindliche Parolen
Siegmunds Heimspiel bei der Parteijugend ist ein Schulterschluss mit einem
der radikalsten Teile der Partei: Neben Reichardts Tiraden wurde auf dem
Jugendkongress bejubelt, dass Deutschland auch mit 60 Millionen Menschen
gut leben könne, die EU „antiweiß“ besetzt sei und dass es mehr brauche als
den Besitz der Staatsangehörigkeit, um Europäer zu sein. Siegmund geht
nicht auf Distanz zu diesen verfassungsfeindlichen Parolen. Er betont, dass
er selbst in der Jungen Alternative gewesen sei, die schon vor Jahren als
gesichert rechtsextrem eingestuft war und deswegen aufgelöst wurde.
Und mit dabei in Magdeburg ist auch Simon Kaupert, der hinter den Kulissen
Teil der Kongressregie ist. Sonst ist er fester Teil von Siegmunds
Wahlkampfteam – zuständig mit [2][seinem Filmkunstkollektiv] für Fotos und
aufwändige Wahlkampfvideos, reicht zur Not Siegmund auch mal ein
Taschentuch, falls der ins Schwitzen kommt. Auch Kauperts Vita ist
einschlägig: Er ist ein früherer Aktivist der Identitären, der Vordenker
des „Remigrations“-Konzepts, wie sie die massenhafte Ausweisung von
Migranten nennen. Sein Filmkunstkollektiv, eine Medienagentur von
Rechtsextremen für Rechtsextreme, ist auf dem Kongress auch mit einem Stand
präsent.
Im Saal sitzt zudem [3][Götz Kubitschek], der rechtsextreme Vordenker aus
Schnellroda, den Siegmund zuletzt beim AfD-Bundesparteitag in Erfurt breit
strahlend begrüßte, ihm auf den Rücken klopfte. Und der der taz erzählt,
dass er im Austausch mit der Arbeitsgruppe gestanden habe, die das
Wahlprogramm für Siegmunds AfD-Verband verfasst hat.
Die Radikalen, mit denen sich Siegmund unbeschwert im Magdeburger Theater
umgibt, sie passen eigentlich nicht zu der Kampagne, mit der er gerade
durchs Land zieht. Allein steht er da auf Bühnen, bei Großkundgebungen oder
bei Simson-Fahrten, immer bestens gelaunt, siegesgewiss, Typ harmloser
Schwiegersohn. Nur wenige Tage noch, dann will Siegmund mit der AfD hier
die absolute Mehrheit erringen. Gelingt das, wäre es ein Novum in der
Bundesrepublik: Erstmals seit 1945 würde wieder eine rechtsextreme Partei
in einem deutschen Bundesland regieren.
Noch ist es nicht so weit – und mit zuletzt steigenden Umfragewerten von
Grünen und SPD könnte das Wahlergebnis auch schlechter ausfallen. Aber um
zu verstehen, was mit einem AfD-Ministerpräsidenten Siegmund droht und wie
radikal der vermeintliche Sunnyboy auftreten würde, muss man auf seinen
Werdegang und sein Umfeld schauen. Und dann ist die Antwort eindeutig.
Es scheint wie ein weiter Weg, den Siegmund bis in dieses Umfeld gegangen
ist. Aber vielleicht war der Weg auch gar nicht so weit. Geboren wurde
Siegmund 1990 in Havelberg, wenige Wochen nach der Wende. Er wuchs in
Tangermünde auf, einer 10.000-Einwohnenden-Stadt im Norden Sachsen-Anhalts.
Nach der Ausbildung zum Handelskaufmann und Fernstudium geht er nach
Berlin, gründet dort eine Firma, die Innenräume beduftet, auch
„gendersensitiv“, um die dortige Stimmung zu verbessern.
Mit 19 Jahren tritt Siegmund in die CDU ein, wird Mitglied der Jungen
Union. Siegmund sei im lokalen CDU-Verband lange nicht aufgefallen, heißt
es dort. Dann sei er plötzlich aufgetaucht und habe in den Vorstand
gewollt. So laufe das aber nicht, wenn man gerade erst anfange, da müsse
man sich erst Verdienste erarbeiten. Siegmund wurde letztlich nicht
gewählt. Danach, so heißt es in der CDU, sei er „einfach weg“ gewesen.
Stattdessen taucht Siegmund 2014, nun 24 Jahre alt, bei der AfD auf. Der
Landesverband Sachsen-Anhalt war erst ein Jahr zuvor gegründet worden. Wo
dieser politisch steht, macht schon ihr damaliger Anführer klar: André
Poggenburg. Der verbrüdert sich früh mit Björn Höcke, dem Thüringer
Parteirechtsaußen. Beide gründen den völkischen „Flügel“ in der Partei, der
eine „grundsätzliche politische Wende in Deutschland“ fordert, weg vom
„Verrat an den Interessen unseres Volkes“. Poggenburg beschimpft den
früheren Vizechef des Zentralrats der Juden Michel Friedman als
„schleimiges Etwas“, besucht schon damals Götz Kubitschek in Schnellroda
und plädiert für dessen AfD-Eintritt. Mehrere AfD-Kreisvorsitzende treten
damals aus Protest gegen diesen Kurs und wegen Poggenburgs Umgang mit
Kritikern aus der Partei aus.
Ulrich Siegmund aber stört all das nicht. Er legt jetzt erst richtig los.
Er sei „grundlegend konservativ“, sagt Siegmund damals der Volksstimme. Bei
der CDU sei er aber auf „eingefahrene Wege und Koryphäen gestoßen“, habe
sein Kreuz schon bei der Bundestagswahl 2013 bei der AfD gemacht. Nach dem
Einstieg bei der AfD hält Siegmund anfangs zum Parteivize Jörg Meuthen,
nennt Höcke jemanden, der in der Partei „aus dem Durchschnitt schlägt“. Von
rechtsextremen Kameradschaften, mit denen sein Landeschef Poggenburg damals
schon auf die Straße geht, distanziert er sich anfangs noch.
Zugleich aber tut Siegmund die AfD-Austritte ab: Nun herrsche eine „tiefere
Einigkeit“ in der AfD. Und schon damals äußert auch er sich brachial.
Merkel wirft Siegmund schon 2016 eine „diktatorische Politik“ und
„Maulkorbpolitik“ vor. Auf seinem Facebookprofil kommentiert er die
Nachricht über einen Mann, der seinen Hund aussetzte: „Erschießen wäre zu
soft.“
Und in der AfD macht Siegmund die Karriere, die ihm in der CDU versagt
blieb. Er wird Teil des Kreisvorstands in Stendal, zieht 2016 auch in den
Landesvorstand und den Landtag ein. Dort wird Siegmund
gesundheitspolitischer Sprecher der AfD-Fraktion und übernimmt den Vorsitz
im Sozialausschuss. Und widmet sich auch einem anderen Thema: vermeintlich
linken Vereinen. Schon 2018 stellt Siegmund mit der AfD-Fraktion eine
Anfrage mit 236 Fragen zum Demokratieverein Miteinander und
„angeschlossener Projekte“ und beantragt, ihnen alle Fördergelder zu
entziehen, da sie Steuergeldverschwendung seien.
Die Vorarbeit leistete der rechtsextreme Verein „[4][Ein Prozent]“, ein
Verbund früherer Identitärer, der sich schon länger auf die Projekte
eingeschossen hatte. Siegmund versteckt den Schulterschluss nicht, geht in
deren Podcast und tönt dort, in Regierungsverantwortung würde die AfD „dem
Spuk sofort ein Ende bereiten können, dann wär das kein Problem“.
Später tut Siegmund kund, dem rechtsextremen Verein auch schon Geld
gespendet zu haben. Der wiederum lobt Siegmund schon 2021 als „Freund und
Unterstützer des patriotischen, außerparlamentarischen Vorfelds“. Einer der
Protagonisten von „Ein Prozent“: Simon Kaupert, der Identitäre und heutige
Fotograf von Siegmund. Das Netzwerk, es ist da schon geknüpft.
In der breiten Öffentlichkeit aber bleibt Siegmund lange unbekannt. Bis zur
Coronapandemie. In dieser Zeit erlangt Siegmund plötzlich breitere
Aufmerksamkeit. Mit Kundgebungen reiht sich die AfD in Coronaproteste ein
und Siegmund steht nun auf Bühnen. So wie im November 2021 auf dem
Hallmarkt in Halle. Trotz Maskenpflicht tritt Siegmund ohne Mundschutz auf,
ätzt über den „Merkelmaulkorb“, nennt die Schutzmaßnahmen „schwachsinnig“
und ein „Verbrechen an jedem Bürger“. Hier klingt Siegmund so gar nicht wie
der gut gelaunte Sunnyboy.
## Tiraden gegen Coronapolitik
Es ist die Zeit, in der Siegmund auch mit seinem Tiktok-Kanal loslegt.
Innerhalb kürzester Zeit baut der AfD-Mann dort Tausende Follower*innen
auf, allen voran mit seinen Tiraden gegen die Coronapolitik. Heute hat er
dort mehr als 820.000 Follower, einen der größten Politikeraccounts. Zum
Vergleich: CDU-Ministerpräsident Sven Schulze kommt auf 4.200.
Es sind zwei Welten, in denen Siegmund ab jetzt unterwegs ist. Die
digitale, in der er ein kleiner Star ist – und die vor Ort in Tangermünde,
in der er kaum sichtbar bleibt. Siegmund ist in keinem Vereinen aktiv,
tritt aus der Kirche aus, wegen ihrer „politischen Rolle“. Im Kreistag ist
er laut Mitparlamentariern kaum aktiv, schickt seine Fraktionskollegen vor,
die dort mit Anweisungen auftreten. „Siegmund macht nur seine Videos“, sagt
ein örtlicher CDU-Mann, der namentlich ungenannt bleiben will. „Wenn keine
Kamera da ist, ist er ein Nichts. Der spielt vor Ort keine Rolle.“
Der AfD-Landesverband aber merkt früh, dass ihr Nachwuchsmann auf Social
Media ankommt. Mitte 2022 wird Siegmund zum Co-Fraktionschef im Landtag
gewählt, mit 32 Jahren, wird als junges Aushängeschild präsentiert. Schon
zuvor, Anfang 2021, hatte der Verfassungsschutz den AfD-Landesverband als
rechtsextremen Verdachtsfall eingestuft, zwei Jahre später dann als
„gesichert rechtsextrem“. Auch das ist für Siegmund kein Moment zum
Innehalten. Er tut die Einstufung als „politisch motiviert“ ab.
Der AfD-Verband hat sich da inzwischen mit seinem früheren Vorsitzenden
Poggenburg überworfen, wird aber nun von einem anderen Radikalen geführt:
Martin Reichardt. Der Mann, der gerade in Magdeburg vom Leder zog. Der
frühere Republikaner und Bundeswehroffizier tritt mit diesem Ton schon seit
Jahren auf, schmäht die Bundesregierung mal als „Corona-Mafia“, mal als
„pädophile, grüne Clique“. Auch Reichardt gehörte zum AfD-„Flügel“, trat
mit diesem schon 2020 in Schnellroda bei Kubitschek auf.
Und er war damals einer der vehementesten Verteidiger des Brandenburger
AfD-Chefs Andreas Kalbitz, als der aus der Partei flog. Weil Kalbitz auf
Fotos der Heimattreuen Deutschen Jugend (HDJ) zu sehen war. Einer Gruppe,
die Kinder in Zeltlagern völkisch indoktrinierte und 2009 vom
Bundesinnenministerium verboten wurde, weil sie „rassistisches und
nationalsozialistisches Gedankengut“ verbreitete, auch schon an
Grundschulkinder. Und die sich selbst als elitärer Lebensbund sah, deren
Mitglieder langfristig an die Schaltstellen der Macht wollen.
## HDJ-Männer im engen Umfeld
Und auch Siegmund selbst sitzt damals mit Kalbitz auf einer Bühne in
Salzwedel, ungeachtet der HDJ-Vorwürfe. Die AfD lädt damals zum
„Bürgerdialog“. Wieder geht es um das Thema „Linksextreme Seilschaften“,
die man „aufdecken und zerschlagen“ wolle, wieder wettert Siegmund gegen
den Verein Miteinander als „staatlichen Kampfverein gegen alles
Konservative“. Dass es dafür Steuergelder gebe, sei „eine Sauerei“. Mit
dabei auch: Björn Höcke.
Heute gehören auch einstige HDJ-Männer zu Siegmunds engstem Umfeld. Obwohl
die HDJ, genau wie die Identitäre Bewegung, explizit auf der
Unvereinbarkeitsliste der AfD steht, die eine Parteimitgliedschaft
ausschließen soll. Dennoch ist einer von Siegmunds engsten Begleitern im
Wahlkampf ein früherer HDJ-Mann: Patrick Harr. Der war dort einst Leiter
„Beschaffung“, kümmerte sich um Material wie Zelte oder Uniformen. Nun ist
Harr Sprecher des AfD-Landesverbands, einst unter Poggenburg herangeholt,
jetzt stets an Siegmunds Seite. Auch am Wahlprogramm soll er mitgearbeitet
haben.
Oder Laurens Nothdurft, Anwalt von Siegmund und AfD-Ortsbürgermeister in
Dessau-Roßlau, auch er ein einstiger HDJ-Aktivist. Er vertrat Siegmund vor
Gericht, nachdem dieser im Landtag eine Linken-Abgeordnete beleidigt hatte,
„geistig nicht mehr zurechnungsfähig“ zu sein. Nothdurft war einst gar
Vorsitzender bei der HDJ. Und seine Familie knüpft daran an: [5][Zuletzt
tauchten Kinder von ihm bei einer möglichen Nachfolgegruppe der HDJ auf,
den Jungadlern]. Auch sein Bruder Felix W. war einst bei der HDJ, ist nun
Referent in der AfD-Fraktion Sachsen-Anhalt, schrieb ebenso am Wahlprogramm
mit.
Nothdurft erklärte der taz zuletzt über seinen Anwalt, er distanziere sich
von nationalsozialistischem Gedankengut – und seine Kinder würden sich
nicht politisch betätigen. Harr ließ eine Anfrage zu seiner HDJ-Zeit
unbeantwortet.
Und es sind längst nicht nur die HDJ-Leute. Auch mehrere ehemalige
Identitäre bewegen sich in Siegmunds Umfeld. Neben Filmemacher Simon
Kaupert und seinem Filmkunstkollektiv ist das auch etwa Dorian S., der laut
MDR die Homepage des AfD-Landesverbands betreibt. Oder Torsten G., der für
den Onlineshop von Siegmunds Kampagne verantwortlich ist.
Ulrich Siegmund lässt taz-Anfragen zu diesen Personalien unbeantwortet. An
anderer Stelle aber erklärte er, die Geschichten seien lange her und er
mache keine Gesinnungsprüfungen. Für ihn zähle nur das Eintreten für die
demokratische Grundordnung heute. Nothdurft lobt er bei einem
Wahlkampfauftritt in Dessau als „besondere lokale Persönlichkeit“,
spendiert ihm einen Extraapplaus von der Bühne. Auch Simon Kaupert oder
Patrick Harr attestierte er zuletzt „hervorragende Arbeit“.
Doch die Radikalen holen Siegmund immer wieder ein. Erst am vergangenen
Donnerstag [6][durchsuchten Polizeibeamte die Häuser zweier
AfD-Landtagskandidaten, Sebastian Koch und Simon Lansmann, in Gardelegen im
Altmarkkreis] – unweit von Siegmunds Heimat Tangermünde. Ihnen und 13
weiteren Personen wird vorgeworfen, die 2023 verbotene, rechtsextreme
Artgemeinschaft, die sich als Hüter der „germanischen Rasse“ sah,
fortgeführt zu haben. Sie sollen am 20. Juni an einer Sonnenwendfeier auf
Lansmanns Hof teilgenommen haben, bei der völkisch-heidnische Rituale
durchgeführt und ein Kampflied der Hitlerjugend gesungen worden sein soll.
Lansmann ließ eine taz-Anfrage dazu unbeantwortet. Koch sagte, er lehne
Anfragen der taz ab.
Auch Siegmund lächelt in Magdeburg auf Pressenachfrage die Vorwürfe weg,
wie er es zuletzt schon bei der Vetternwirtschaft tat: Er wolle die
Ermittlungsergebnisse abwarten. „Und wenn es Ergebnisse gibt, machen wir
das gemeinschaftlich als Landesvorstand, der zusammenhält hier in
Sachsen-Anhalt.“
Auch direkt nach den Razzien bei Koch und Lansmann setzte Siegmund seinen
Wahlkampf fort, als wäre nichts gewesen. Dabei ist schon lange klar, wo
Sebastian Koch, einer der Beschuldigten, steht. Fotos, die der taz
vorliegen, zeigen ihn schon vor zehn Jahren in einem Shirt der Freien
Nationalisten Altmark West. Neben ihm ein Mann mit einem Shirt mit
Aufschrift „Nazi“. In einem Onlineposting fabulierte Koch über einen
„kulturellen Erbstrang“ von Migranten, der sie „schwerst frauenfeindlich“
handeln ließe. Siegmund machte dennoch zuletzt mit Koch und Lansmann
fröhlich Wahlkampf, fuhr mit ihnen in einem Kremser, stand auf dem
Marktplatz in Klötze und sprach danach von einem „ganz tollen Erlebnis“.
Auch keine Distanzierung gibt es von Siegmund auf die Frage nach dem
EU-Abgeordneten Arno Bausemer, der in Stendal einen 14-Jährigen mit einem
Baseballschläger traktiert haben soll, weil dieser ein AfD-Plakat
beschädigt habe. Der Junge verbrachte mit seinen Verletzungen eine Nacht im
Krankenhaus. Ist das dieses bürgerliche, normale Deutschland, das Siegmund
immer wieder beschwört? Auch hier ist seine Antwort: Ergebnisse abwarten,
gemeinschaftliche Antwort des Landesverbands, Wagenburg.
## Muslimenhasser und Russlandfreunde
In das Normalobild passt genauso wenig einer, der ebenso verbal austeilt
und mit Siegmund seit Jahren im Parteivorstand sitzt: Hans-Thomas
Tillschneider, ein weiterer Schnellroda-Freund und „Flügel“-Mitgründer.
Sein Thema ist die „Umvolkung“, ein rechtsextremer Kampfbegriff eines
angeblich gesteuerten Bevölkerungsaustauschs durch Migranten. Tillschneider
teilt immer wieder gegen Muslime aus, deren Kultur für ihn nicht nach
Deutschland passt. Er ist für den Nato-Austritt und schreit auf
Kundgebungen Dinge wie: „Unsere Feinde sitzen nicht in Moskau, unsere
Feinde sitzen in Magdeburg und Berlin!“
Wie nun durch den Bild-Journalisten Paul Ronzheimer breiter bekannt wurde,
hortet er in seinem Büro neben mit Wodka gefüllten Glaskalaschnikows auch
eine Tasse der russischen Armee. Außerdem schreibt er eine monatliche
Kolumne für eine kremlnahe russische Tageszeitung und nahm in der
russischen Botschaft 2025 an der Feier von Putins 73. Geburtstag teil. Als
Mitarbeiter soll Tillschneider heute einen alten Bekannten beschäftigen:
Andreas Kalbitz.
Siegmund lobt auch Tillschneider dieser Tage bei einem Wahlkampfauftritt in
Querfurt als „hervorragenden Direktkandidaten“, den er in den nächsten fünf
Jahren brauche. Kein Wunder: Das Thema „Umvolkung“ vertritt auch Siegmund
selbst. 2022 unterschreibt er mit anderen AfD-Fraktionschefs eine „Dresdner
Protestnote“, in der sie gegen einen „Asylansturm“ und „die planmäßige
Ersetzung der deutschen Bevölkerung durch Migranten“ protestieren. 2024
wettert Siegmund im Landtag über Geflüchtete, dass diese keine Menschen
seien, die „Wertschöpfung betreiben“, sondern Straffällige und
Vergewaltiger.
Und im November 2023 besucht Siegmund auch ein Treffen, das bundesweit
Schlagzeilen machen wird: das berüchtigte „Remigrations“-Treffen von
Potsdam im November 2023 mit dem Rechtsextremen [7][Martin Sellner]. Um
Pläne für eine massenhafte Ausweisung von Migrant*innen soll es dort
gegangen sein, [8][so berichtete es Correctiv]. Siegmund wurde vom
einstigen HDJ-Mann Patrick Harr begleitet, soll dort um Wahlkampfspenden
geworben haben. Auch habe er erklärt, dass sich das Straßenbild ändern
müsse, etwa mit Druck auf ausländische Restaurants. Es müsse für Migranten
möglichst unattraktiv sein, dort zu leben.
Und Siegmund erklärte laut Correctiv seine Masche: Er versuche erst
Sympathie aufzubauen, als „ganz normaler Typ“. Die politischen Inhalte
bringe er dann „zum Schluss durch die kalte Küche“.
## „Assimilationsdruck auf nichtintegrierte Ausländer erhöhen“
Das Treffen von Potsdam sorgte für bundesweite Anti-Rechts-Demonstrationen,
die größten Proteste seit Jahren. Siegmund verharmlost es dagegen als
„Potsdamer Kaffeekränzchen“. Und legte nach. In einer Erklärung mit anderen
AfD-Fraktionschefs aus dem Osten unterstrich er das „Remigrations“-Konzept,
nannte dieses „das Gebot der Stunde“. Es brauche eine „großangelegte
Rückführungsinitiative“ und Maßnahmen, um „den Assimilationsdruck auf
nichtintegrierte Ausländer zu erhöhen“. Damit werde man beginnen, „sobald
wir in Regierungsverantwortung sind“.
Heute klingt es ganz ähnlich, liest man das AfD-Wahlprogramm – das eine
Gruppe um Hans-Thomas Tillschneider verfasst hat. Es ist das radikalste
Programm, das je ein AfD-Landesverband in der mittlerweile 13-jährigen
Parteigeschichte verfasst hat. Eine „Abschiebeoffensive“ und
„Remigrationspolitik“ unter „staatlichem Zwang“ fordert dieses ein. Um den
Islam in Sachsen-Anhalt zu „beschränken“, will man „alle Möglichkeiten
ausschöpfen“. Vereinen, die eine „pervers-linke Agitation“ oder
„antideutsche Kultur“ betrieben, werde jede Förderung entzogen. Explizit
wird auch der Verein Miteinander genannt.
Und Siegmund selbst kündigt an, genau diese Punkte als Erstes anzugehen,
wäre er im Amt. Das Streichen von Geldern für linke Vereine, darauf „freue
ich mich schon richtig“, sagte er zuletzt. Und drohte, im Falle einer
AfD-Regierung müssten rund 4.800 ausreisepflichtige Migranten
Sachsen-Anhalt verlassen – dabei haben laut Innenministerium 4.116 dieser
Personen derzeit eine Duldung und dürfen gar nicht abgeschoben werden.
Die „Remigrations“-Offensive, der Kampf gegen linke Vereine, gegen
Migranten und Muslime, es sind genau die Punkte, die Siegmund,
Tillschneider und Reichardt seit Jahren predigen, die nun Realität werden
könnten. Und denen zuvor auch die Identitären oder „Ein Prozent“
ideologisch den Boden bereiteten. Kein Zufall: Ihr Vordenker Götz
Kubitschek pries schon 2016 auf der AfD-Wahlparty beim ersten
Landtagseinzug in Sachsen-Anhalt, dass die neuen AfD-Abgeordneten „sehr,
sehr gerne den ein oder anderen Begriff, das ein oder andere Thema, die ein
oder andere aufbereitete Expertise aus unseren Projekten übernehmen und
politisch umsetzen werden“.
Es sind nun diese Menschen aus Siegmunds Umfeld, die sich auch Hoffnung auf
Posten machen können, sollte die AfD tatsächlich in Sachsen-Anhalt
regieren. Siegmund schweigt bisher über sein mögliches Regierungspersonal –
will dieses aber „zu 95 Prozent“ beisammen haben, rekrutiert vor allem aus
Sachsen-Anhalt. Erzählt wird, dass Tillschneider dann Bildungsminister
werden könnte, Reichardt Arbeitsminister, Patrick Haar Leiter der
Staatskanzlei und Laurens Nothdurft Justiz-Staatssekretär. Ein Kabinett der
Rechtsextremen.
In Tangermünde, wo Siegmund für die AfD im Stadtrat sitzt, verfolgen sie
dessen Weg mit Kopfschütteln. In der CDU und SPD sagen einige, er sei ein
Getriebener seiner Partei, der sich immer weiter mitradikalisierte. Für
andere war Siegmund schon immer radikaler, als er nach außen scheint.
Unstrittig ist: Siegmund hat jeden Radikalisierungsschritt seiner Partei
mitgetragen, jeden davon selbst nach außen vertreten, von Poggenburg bis
Potsdam.
Und auch vor Ort in Tangermünde nimmt die AfD bereits ihre Gegner ins
Visier – und längst nicht mehr nur linke Vereine. In einem Video posierte
Siegmund zuletzt vor der örtlichen evangelischen Kirche, machte sich über
diese lustig, weil sie sich mit einem Banner „gegen Hass und Hetze“
positionierte. Und im Stadtrat beantragte seine AfD zuletzt, einem Verein
3.000 Euro zu streichen – nachdem dieser sich wiederholt gegen die AfD
positioniert hatte.
Siegmund selbst hatte dem Verband zuvor in der Volksstimme „Filz und
Mauscheleien“ vorgeworfen und erklärt: „Nach einem Wahlsieg im September
werden wir uns auch um diesen Sumpf kümmern und ihn einfach trockenlegen.“
Am Ende lehnte der Stadtrat den AfD-Antrag ab. Aber die Drohung war
angekommen. Der Verein war: die Arbeiterwohlfahrt.
Mitarbeit: David Muschenich
1 Sep 2026
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