# taz.de -- CDU verliert die Wahl in Sachsen-Anhalt: Zeitenwende für die CDU
       
       > Die CDU mit Spitzenkandidat Sven Schulze fährt ihr historisch
       > schlechtestes Ergebnis in Sachsen-Anhalt ein.
       
 (IMG) Bild: Kann er Ministerpräsident bleiben? CDU-Spitzenkandidat Sven Schulze am Wahlabend in Magdeburg
       
       Fassungslosigkeit macht sich breit, als am Sonntagabend um 18 Uhr die erste
       Prognose auf dem großen Screen auftaucht. Betretene Gesichter, lautes
       Ausatmen, ein Schluck vom Bier – so reagieren die Christdemokrat:innen, die
       im Hotel Maritim in Magdeburg zu dem zusammen gekommen sind, was man
       gemeinhin Wahlparty nennt. Doch von Partystimmung ist die CDU Lichtjahre
       entfernt. Schockstarre trifft es besser.
       
       „Das ist deutlich schlechter, als wir nur ansatzweise erwartet haben“, sagt
       Landesgeschäftsführer Mario Zeising. „Das muss man erst mal verdauen. Das
       ist eine völlig neue Situation.“ Die CDU kommt auf deutlich unter 20
       Prozent, 44 Prozent sind es für die AfD. [1][Der rechtsextremen Partei, so
       wird im ZDF vorgerechnet, fehlt nur noch ein Sitz zur absoluten Mehrheit.]
       „Ich bin sprachlos“, sagt eine Frau. Sie hatte mit einem schlechten
       Ergebnis gerechnet, aber so schlecht nicht. „Die Wähler wollen es nicht
       anders“, sagt ein Mann fassungslos. Er hat sich im Wahlkampf mächtig
       engagiert, so manchen Samstag um 8 Uhr morgens vor dem Bäcker schon Flyer
       verteilt. Und jetzt das.
       
       ## Schulze äußert sich schockiert
       
       Als der amtierende Ministerpräsident Sven Schulze eine halbe Stunde später
       zwischen anderen Mitgliedern der Spitze der Landes-CDU im Maritim auf der
       Bühne steht, äußert auch er sich schockiert. Wahlsieger sei die AfD, räumt
       Schulze ein: „Es ist für uns eine Niederlage. Wir werden mit diesem
       Ergebnis umgehen müssen.“ Und: Es gehe darum, die Zeichen zu erkennen. Kein
       Wort mehr vom Regierungsauftrag, auf den er so sehr gehofft hatte.
       Stattdessen klingt Schulze, als sei er nur einen Schritt vom Rücktritt
       entfernt.
       
       In der Landespartei gibt es bereits erste Stimmen, die genau das fordern.
       Die Junge Union Sachsen-Anhalt will, dass der gesamte Landesvorstand geht.
       An Schulze habe es nicht gelegen, sagen andere. Der habe im Wahlkampf alles
       gegeben. Der Landesvorstand kommt am Montag um 17.30 Uhr zusammen, dann
       werde man über alles beraten. Das werde eine lange Sitzung werden, sagt
       eines der Mitglieder.
       
       Der Mann weiß nicht, was man nun mit diesem Wahlergebnis – das noch immer
       nicht feststeht – anfangen soll. Selbst wenn es möglich wäre: Mit 18
       Prozent eine Minderheitsregierung anführen, macht das überhaupt Sinn? Und
       schon vor dem Wahltag hatte es in der CDU Kontroversen darüber gegeben, ob
       eine noch so vorsichtige Zusammenarbeit mit den Linken überhaupt denkbar
       sei. In der CDU herrscht an diesem Abend vor allem große Ratlosigkeit.
       
       ## BSW, das Zünglein an der Waage
       
       Vor Redaktionsschluss ist der Worst Case noch nicht eingetreten: Die AfD
       scheint die absolute Mehrheit verfehlt zu haben. Die Hochrechnung am
       späteren Abend sieht das BSW bei fünf Prozent. Damit wäre die
       Wagenknecht-Truppe im Landtag. Mit dem Einzug sinkt die Wahrscheinlichkeit
       einer AfD-Alleinregierung, gleichzeitig steigen die Chancen der AfD die
       Macht zu ergreifen.
       
       Denn die Sahra-Wagenknecht-Truppe könnte das Zünglein an der Waage sein –
       und dem ewig lächelnden AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund möglicherweise
       in das Ministerpräsidentenamt verhelfen. Im Vorfeld hatte die
       Spitzenkandidatin zumindest angekündigt, dass ihre Partei sich im dritten
       Wahlgang, in dem die einfache Mehrheit reicht, enthalten wolle.
       
       Doch sollte sich Siegmund zur Wahl stellen, wird auch weiter über mögliche
       Überläufer aus der CDU spekuliert. Ein Name, der immer wieder genannt wird,
       ist Ulrich Thomas, ein CDU-Abgeordneter aus dem Harz. Gegenüber der taz hat
       dieser das vehement dementiert.
       
       ## Für den Machterhalt braucht Schulze die Linke oder die AfD
       
       Als Ministerpräsident kann Schulze erst einmal im Amt bleiben, eine Frist,
       bis wann der neue Ministerpräsident gewählt werden muss, gibt es in
       Sachsen-Anhalt nicht, anders als in einigen anderen Bundesländern. Aber ob
       er als Parteichef die nächsten Tage übersteht, das bezweifeln in Magdeburg
       viele, auch wenn sie das öffentlich nicht sagen wollen. Manche sagen aber
       auch, die Partei müsse jetzt unbedingt die Ruhe bewahren und sich
       sortieren.
       
       Etwas anders klingt der Bundestagsabgeordnete Sepp Müller, der kurz vor der
       Wahl gegen jedwede Verabredung mit der Linkspartei mobil gemacht hat.
       Müller lehnt zunächst alle Gespräche mit der Presse ab, dann gibt er dem
       ZDF ein kurzes Interview. „Wir haben als CDU eine historische Niederlage
       erfahren“, sagt Müller. Und: „Es kann kein Weiter so geben.“ Was das heißt,
       sagt er allerdings nicht.
       
       Für eine Regierungsbildung ohne die AfD, [2][bräuchte die CDU die Linke].
       Die Zusammenarbeit mit dieser schließt ein Parteitagsbeschluss der
       Bundes-CDU aber ebenso aus wie mit der AfD. Die neue Generalsekretärin
       Franziska Hoppermann bekräftigt das am Wahlabend: „Unsere Linien sind klar:
       keine Zusammenarbeit mit Linksextremen oder Rechtsextremen.“
       
       Im Wahlkampf hatte Schulze gesagt, dass er sich weder von den einen noch
       von den anderen abhängig machen werde, mit ihm als Regierungschef werde es
       weder Minister von der AfD noch von der Linkspartei geben. Es war
       spekuliert worden, dass Schulze versuchen könnte, mit den Linken eine
       Lösung zu finden – vielleicht mit einem „Konsultationsmechanismus“, wie das
       in Sachsen kreativ heißt.
       
       ## Für manche in der CDU ist die Linke schlimmer als die AfD
       
       Für einen Teil der CDU-Sachsen-Anhalt aber wäre eine Zusammenarbeit mit der
       Linken auch unterhalb der Schwelle einer Tolerierung mindestens genauso
       schlimm wie eine Kooperation mit der AfD. Für manche Mitglieder wäre sie
       vielleicht sogar schlimmer.
       
       Spricht man mit diesen Abgeordneten darüber, ist man schnell beim
       unterdrückerischen Regierungssystem der DDR. „Der Brocken war für uns nicht
       begehbar, das war Sperrgebiet, da war der Russe drauf“, sagte etwa Ulrich
       Thomas, Landtagsabgeordneter und Kreisvorsitzender im Harz, der taz während
       des Wahlkampfes.
       
       Die Linken hätten sich von der DDR bisher nicht richtig distanziert, mit
       ihnen komme der Sozialismus zurück. „Ich durfte zu DDR-Zeiten kein Abitur
       machen, ich durfte nicht studieren, weil ich eine andere politische Meinung
       hatte. Und jetzt kommen diese Leute um die Ecke.“
       
       ## Minderheitsregierung unter AfD-Führung?
       
       Der AfD-Bundesvorsitzende Tino Chrupalla bringt am Abend ein weiteres
       Szenario ins Spiel: Eine Minderheitsregierung unter Führung der AfD. Ulrich
       Siegmund sei der Wahlsieger und hätte einen Regierungsauftrag. „Man kann
       auch mit einer Minderheitsregierung toleriert werden, auch das ist ja eine
       Möglichkeit, ohne dass dann eine Koalition zustande gekommen ist“, so der
       AfD-Chef. Da kann er aber wohl nur auf das BSW hoffen.
       
       In der Landes-CDU jedenfalls kann sich das niemand vorstellen. Ein Mann,
       der seinen Namen nicht nennen will, sagt: „Wenn Sie meine Meinung hören
       wollen: Jetzt bleibt uns nur der Gang in die Opposition.“ Wenn man sich
       jetzt zu viert gegen die AfD zusammen tue, dann werde die CDU immer weiter
       verlieren.
       
       ## Die Autorität von Merz steht auf dem Spiel
       
       Aus Berlin werden die Vorgänge in Sachsen-Anhalt mit Sorge beobachtet,
       zumal nun auch die Autorität des Kanzlers auf dem Spiel steht. Die Mehrheit
       der eigenen Wähler:innen macht die Bundespolitik für die Niederlage
       verantwortlich, fast die Hälfte hat angegeben, dass Merz im Wahlkampf der
       CDU geschadet habe. Und das, [3][obwohl der Kanzler bei seinen Besuchen in
       Sachsen-Anhalt geradezu versteckt wurde.] 
       
       Kanzleramtschefin Nina Warken bezeichnet am Abend das Wahlergebnis in
       Sachsen-Anhalt als „Zäsur“ für Land und Partei und bemüht sich ansonsten um
       Durchhalteparolen. Es komme jetzt darauf an, den Reformkurs ohne Streit
       fortzusetzen und die Menschen noch besser mitzunehmen. Weitere personelle
       Veränderungen in der Regierung werde es nicht geben.
       
       Der Kanzler selbst äußerte sich am Sonntag bis zum Redaktionsschluss nicht,
       am Montagmittag will er nach den Sitzungen von Präsidium und Bundesvorstand
       gemeinsam mit Schulze in Berlin vor die Presse treten.
       
       6 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
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