# taz.de -- Sachsen-Anhalt und die Berlin-Wahl: Ein Boost für die Linke – und die AfD
> Reaktionen auf das Ergebnis in Sachsen-Anhalt sind für Berlin nur dann
> relevant, wenn dadurch ein Kenia-Bündnis als Koalitionsalternative
> ausschiede.
(IMG) Bild: Zwei Wochen nach der Wahl in Sachsen-Anhalt wird am 20. September in Berlin das Landesparlament gewählt
Ein (Gegen-)Zeichen setzen als Reaktion auf die Landtagswahl in
Sachsen-Anhalt: Das dürfte ein zentrales Motiv bei der Wahl zum Berliner
Abgeordnetenhaus in zwei Wochen sein, und zwar in jeder Hinsicht. Ein
Zeichen zum einen gegen eine am Sonntagabend möglich erscheinende
AfD-Regierungsübernahme in Magdeburg – egal ob als Alleinregierung, in
einer Koalition mit dem BSW oder durch einen Überläufer aus der in dieser
Frage zerstrittenen CDU.
Ein Zeichen aber genauso durch Wähler, die sich nun bestärkt fühlen werden,
auch in Berlin die AfD zu stärken. 18 Prozent Unterstützung registrierten
die jüngsten drei Umfragen bis Freitag für sie. Nur zwei bis drei
Prozentpunkte lag die Partei damit hinter der zuletzt wieder führenden CDU
– daraus könnte durchaus mehr werden.
Das dürfte auch eine Gegenreaktion auf die in Magdeburg schon am Abend
begonnenen Protestdemonstrationen der Antifa sein, die mutmaßlich in den
nächsten Tagen auch in Berlin weitergehen. Schon am Sonntagabend gab es
eine Protestkundgebung vor der Landesvertretung von Sachsen-Anhalt in
Berlin-Mitte.
Anders als in Sachsen-Anhalt hätten AfD-Zuwächse zwar keinen Einfluss auf
die Regierungsbildung. Aber es könnte zu der bislang nicht gehabten
Situation führen, dass die AfD, wäre sie stärkste Partei, nach
traditionellem Vorgehen im künftigen Abgeordnetenhaus als Erste zu
Koalitionsgesprächen einlädt. Das allein wäre in der heutigen oft so
betitelten „Stadt der Freiheit“, die einst die Zentrale des Nazi-Terrors
war, auch ohne tatsächliches Mitregieren in Berlin bedrückend genug.
Vom Protest auf der anderen Seite des politischen Lagers dürfte am meisten
die Linkspartei profitieren und dadurch noch mehr als in allen Umfragen
seit Ende Juni stärkste Kraft im linken Lager sein. Zwar hat die
Linkspartei in Sachsen-Anhalt gegenüber den Umfragen verloren, und Berlins
Grünen-Spitzenkandidat Werner Graf sieht seine Partei als beste Adresse für
Protest. „Wir Grüne sind die, die die AfD am meisten hasst“, [1][sagte er
jüngst im taz-Interview].
## 2023 lag die Wahlbeteiligung nur bei 62,9 Prozent
Bei der Bundestagswahl 2025 allerdings sammelte vor allem die Linkspartei
die Proteststimmen gegen die AfD und einen gemeinsamen Abstimmungserfolg
mit der CDU kurz zuvor ein. Potenzial für Stimmenzuwachs aus dem bisherigen
Nichtwählerlager ist in Berlin reichlich da: Bei der Wiederholungswahl zum
Abgeordnetenhaus im Februar 2023 nutzten nur 62,9 Prozent der
Wahlberechtigten, also noch nicht mal zwei Drittel, ihr Stimmrecht.
Auf die Frage, wer künftig im Roten Rathaus regiert, hat eine gestärkte
zahlenmäßige Führungsrolle der Linkspartei aber genauso wenig Einfluss wie
wachsender Rückhalt für die AfD. Denn die Entscheidung, ob es zu einem
Bündnis von Linkspartei mit Grünen und SPD kommt, hängt weiterhin an drei
Fragen – oder besser: an den Antworten darauf. Schwenkt die SPD nach der
Wahl um und unterstützt die Enteignung von großen Immobilieneigentümern?
Trauen Grünen und SPD der Linkspartei-Führung, [2][Antisemitismus in den
eigenen Reihen] einzudämmen?
Und letztlich: Will die Linkspartei als Ganze angesichts von
Milliardenlöchern im Haushalt und Kürzungsdruck überhaupt regieren? Denn
darüber würde weder die regierungswillige Landesspitze oder
Spitzenkandidatin Elif Eralp noch ein Parteitag entscheiden, sondern
[3][die auf über 18.000 Mitglieder angewachsene Parteibasis] bei einem
Mitgliederentscheid.
Ganz praktischen Einfluss haben Reaktionen auf diesen Wahlsonntag in Berlin
nur in einem zugespitzten Szenario. Würden Linkspartei und AfD durch
Reaktionen auf den AfD-Erfolg in Sachsen-Anhalt so stark, dass für CDU,
Grüne und SPD zusammen überhaupt nicht genug Sitze im Parlament blieben,
hätte sich die Option einer Kenia-Koalition erledigt. Käme aus genannten
Gründen aber auch ein Linksbündnis nicht zustande, wäre das Parlament
blockiert. Einziger Ausweg daraus wären Neuwahlen.
6 Sep 2026
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