# taz.de -- Sachsen-Anhalt: Tausende vor der Wahl auf der Straße
       
       > Am Vorabend der Wahl ziehen Tausende Antifas durch Halle und Magdeburg.
       > Immer dabei: das Ringen damit, vor Ort weiterzumachen – oder zu gehen.
       
 (IMG) Bild: 2.000 Menschen zogen bei der autonomen „Antifa bleiben“-Demo durch Halle
       
       „Von Durchhaltekraft muss ich euch ja nichts erzählen, oder?“, scherzt eine
       Rednerin vom Lautsprecherwagen, weil die Antifas eine Stunde nach Demostart
       noch nicht los sind. Ein paar schwarz vermummte Autonome lachen. „Antifa
       bleiben!“, steht auf dem bestimmt 20 Meter langen Banner, das sie halten.
       Es ist das Motto der rund 2.000 Linksradikalen, die sich hier am
       Hauptbahnhof in Halle am Vorabend der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt
       versammelt haben, bei der die AfD wohl stärkste Kraft werden wird.
       
       Bereits über den Tag waren in Magdeburg Tausende aus dem eher bürgerlichen
       antifaschistischen Spektrum gegen Rechtsextremismus auf die Straße
       gegangen. Bis zu 20.000 Menschen feierten am Domplatz die Demokratie,
       Tausende zogen zuvor durch die Stadt. Aufgerufen hatte das Bündnis
       Sachsen-Anhalt weltoffen unter dem Motto „Vielfältig, demokratisch,
       solidarisch“, das zum Beispiel von Gewerkschaften, Kirchen und
       zivilgesellschaftlichen Initiativen getragen wird.
       
       In Halle wird nun zu autonomer Organisierung aufgerufen. „Wir sind nicht
       auf mediale Anerkennung aus, unsere Politik ist keine Selbstinszenierung“,
       sagt ein Redner auf der Auftaktkundgebung. Was es brauche, seien
       verlässliche Netzwerke – „dann können wir dabei bleiben, statt zu
       resignieren“. Bei der Parole „Wir bleiben autonom, wir bleiben Antifa, wir
       machen weiter“ setzen sich die vielfach ganz in Schwarz gekleideten Antifas
       unter viel Applaus in Bewegung.
       
       Gehen oder bleiben – diese Frage beschäftigt auf der Demo viele. „Ihr
       werdet uns nicht los“ steht auf einem Banner, das drei studentisch
       aussehende junge Männer halten. Darauf ist ein nach oben zeigendes rosa
       Dreieck zu sehen – ein Symbol queerer Selbstbehauptung. Einer erzählt,
       schon jetzt würde er sich immer wieder fragen: „Kann ich da, wo ich heute
       hingehe, Ohrringe tragen, gar Regenbogensymbole?“ Und die Gewalt würde wohl
       noch zunehmen. „Antifa bleiben heißt für mich, sich nicht einschüchtern
       lassen“, sagt er. Und fügt hinzu: „Aber natürlich haben wir immer unsere
       Reisepässe parat.“
       
       Eine junge Abiturientin erzählt, das sei heute ihre erste Demonstration
       überhaupt. Ihr Schwager sei Mexikaner. „Ich will überhaupt nicht mehr, dass
       er und meine Nichten mich besuchen kommen“, sagt sie. Erst kürzlich habe
       auf der Arbeit einer ihrer Kolleg:innen sich geweigert, einen Schwarzen
       Kunden zu bedienen, in ihrer Schule würden die Jungs schon in den unteren
       Klassen SS-Runen in die Flure schmieren. „Das kann ich ihnen doch nicht
       antun“, sagt sie.
       
       ## „Einfach nur Scheiße“
       
       Die Gefühlslage auf den Punkt bringt eine Rednerin, die für eine
       Antifagruppe aus dem Harz spricht. „Die Situation ist einfach nur scheiße“,
       sagt sie. Alle ihre Genoss:innen seien ausgebrannt. Aber man habe sich
       gegenseitig, das gebe Kraft. „Wir werden die Ersten sein, die unter einer
       AfD-Regierung leben, und die Ersten, die nicht aufgeben“, sagt sie. Um dann
       doch noch hinzuzufügen: „Und wenn’s hart auf hart kommt, gibt es bestimmt
       einen Campingplatz in Portugal, auf den wir alle ziehen können“.
       
       Auch der Rechtsextremismus-Experte und [1][Grünen-Politiker Sebastian
       Striegel] ist dabei. Für ihn eine „Selbstverständlichkeit“, sagt er der
       taz. In den letzten Tagen habe Sachsen-Anhalt eine breite Vielfalt
       antifaschistischer Proteste erlebt. Alle seien sie wichtig, sagt Striegel,
       aber es sei auch toll, „dass Leute einmal deutlich sagen: Bis hierhin und
       nicht weiter“. Es gebe ihm Kraft, gemeinsam zu sagen: „Wir nehmen das alles
       nicht hin, wir organisieren uns antifaschistisch“, so Striegel.
       
       ## „Die Eltern werden keine Antwort haben“
       
       Ganz still wurde es auf einer Zwischenkundgebung am Marktplatz während
       eines Redebeitrags von Saaeid Saaeid [2][vom Flüchtlingsrat]. Morgen würden
       Familien vor dem Fernseher sitzen und auf die Ergebnisse einer Wahl warten,
       an der sie nicht teilnehmen konnten. „Ein Kind wird seine Eltern fragen:
       Was bedeutet das für uns? Und die Eltern werden keine Antwort haben“, sagt
       Saaeid. An diese Menschen sollten alle denken, die morgen wählen gehen.
       
       In einer Art Appell an eine mögliche künftige AfD-Landesregierung erinnerte
       er daran, dass auch Geflüchtete Menschen sind. Wer glaube, nach der Wahl
       sei alles erlaubt, sei daran erinnert, dass „Wahlen politische Macht
       verteilen, aber keine Menschenrechte“. Es ist eine Rede, die doch deutlich
       mit der linksradikalen Rhetorik der Demonstration bricht. „Wir verlangen
       keine Sonderrechte, keinen Staat ohne Grenzen“, sagt Saaeid. „Wir wollen
       nur, [3][dass Recht Recht bleibt], dass Menschen nicht zu politischem
       Material werden.“ Die Autonomen spenden lauten Applaus.
       
       Die von rechts beschworenen Krawalle blieben indes aus. Die Autonomen
       ziehen laut und friedlich durch die Stadt, viele Menschen winken ihnen von
       Balkonen und aus den Fenstern der Dönerläden in der Altstadt zu. Erst nach
       mehr als der Hälfte der Strecke wird im Frontblock Pyrotechnik gezündet.
       Die Polizei reagiert rabiat, kesselt den Block für eine Weile, eine
       Polizeidrohne schwirrt über den Köpfen der Demonstrierenden. Bis zum
       Hauptbahnhof werden sie von behelmten Polizist:innen begleitet.
       
       6 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Gruene-und-Linke-in-Sachsen-Anhalt/!5200412
 (DIR) [2] /Fluechtlingsrat/!t5009515
 (DIR) [3] /Wenn-die-AfD-an-die-Macht-kommt-Wer-will-dann-noch-Richterin-in-Sachsen-Anhalt-werden/!6209546
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Timm Kühn
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Schwerpunkt Landtagswahl in Sachsen-Anhalt
 (DIR) Sachsen-Anhalt
 (DIR) Schwerpunkt AfD
 (DIR) Schwerpunkt Antifa
 (DIR) Wahlen in Ostdeutschland
 (DIR) Schwerpunkt AfD
 (DIR) Schwerpunkt Landtagswahl in Sachsen-Anhalt
 (DIR) Wahlen in Ostdeutschland
 (DIR) Wahlen in Ostdeutschland
 (DIR) Schwerpunkt Pressefreiheit
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt: Eimerweise rosa Briefe
       
       Vor der Wahl schürt die AfD Zweifel an der Briefwahl und warnt vor
       möglichem Betrug. In Magdeburg treffen Wahlhelfer auf rechte
       Wahlbeobachter.
       
 (DIR) Zivilgesellschaft in Sachsen-Anhalt: Egal, was kommt
       
       Tausende feiern am Samstag in Magdeburg die Demokratie und
       Zivilgesellschaft. Vor der Wahl fassen sie Mut und versprechen sich
       Zusammenhalt – egal, was kommt.
       
 (DIR) Wahl in Sachsen-Anhalt: Woher kommen die Stimmen für die AfD?
       
       Rechtsextreme gewinnen Wahl in Sachsen-Anhalt. Laut Wählerwanderungsanalyse
       hat eine Partei besonders viele Stimmen an die AfD verloren.
       
 (DIR) Vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt: Plattenverschiebung
       
       In Halle-Neustadt wohnen Jüngere mit Migrationsgeschichte und Ältere mit
       DDR-Biografie. Wie schauen sie auf ihr Viertel und die Politik?
       
 (DIR) Pressefreiheit in Deutschland: Wer in Magdeburg als Gefahr gilt
       
       Der Landtag in Sachsen-Anhalt verweigert dem Journalisten Mohamed Amjahid
       die Akkreditierung. Die Polizei hat „sicherheitsrelevante Bedenken“.