# taz.de -- Landtagswahl in Sachsen-Anhalt: Der dicke braune Balken
> Die AfD ist klar stärkste Partei, weil sie bei Nichtwählern punktet. BSW
> erstmals im Landtag. Auffälliges Stimmensplitting bei Linken und Grünen.
> Alle Grafiken zur Wahl.
(IMG) Bild: Unangenehme Perspektiven: Blick in den Plenarsaal des Landtags in Magdeburg
Bei der Wahl in Sachsen-Anhalt ist die AfD erstmals stärkste Partei
geworden – und das mit großem Abstand. Für [1][eine absolute Mehrheit im
neuen Landtag fehlen ihr Stimmen]. Dennoch ist nicht ausgeschlossen, dass
ihr Spitzenkandidat Ulrich Siegmund zum ersten Ministerpräsidenten einer
rechtsextremen Partei gewählt wird.
Um gegen Siegmund zu gewinnen, müsste ein anderer Kandidat die Stimmen von
CDU, SPD, Linken, Grünen und BSW auf sich vereinen.
Extrem hoch war die Wahlbeteiligung. Sie lag über 77,8 Prozent und damit
deutlich über den 60,3 Prozent bei der letzten Landtagswahl 2021. Auch
davon haben offenbar vor allem die Rechtsextremen profitiert.
Die Prozente
Die rechtsextreme AfD kommt auf rund 43,8 Prozent. Das zeigt das vorläufige
amtliche Endergebnis, [2][das am Montagmorgen von der Landeswahlleitung
veröffentlicht wurde]. Sie übertraf damit alle Umfragen, die sie zuletzt
zwischen 40 und 43 Prozent gesehen hatten und konnte ihren Stimmenanteil
gegenüber der letzten Wahl noch einmal verdoppeln. 2021 war sie auf fast 21
Prozent gekommen. Alle anderen Parteien sehen dagegen alt aus.
Die bisher regierende CDU stürzte von 37 auf 17,2 Prozent ab – sie lag
damit nochmal 5 Prozentpunkte schlechter als in den letzten Umfragen. Es
ist ihr bisher schlechtestes Ergebnis überhaupt in Sachsen-Anhalt.
Grüne und SPD, die phasenweise sogar um den Wiedereinzug ins Parlament
zittern mussten, kamen sicher wieder in den Landtag. Die SPD verbesserte
sich von 7,8 auf 9,3 Prozent, die Grünen von 5,9 auf 8,9. Das ist das beste
Ergebnis der Grünen jemals in diesem Bundesland.
Für die Linke ist das Ergebnis hingegen ein Desaster. Sie verliert 2,4
Prozentpunkte gegenüber 2021. Und noch mehr gegenüber den Umfragen, die sie
im Sommer teils bei 13 bis 14 Prozent gesehen hatten. Damit wurde sie am
Ende nur fünftstärkste Partei.
Die FDP, die bisher zusammen mit CDU und SPD in der Regierung sitzt, fliegt
aus dem Landtag. Sie stürzt von 6,4 auf gerade mal 2,6 Prozent.
Dem BSW, das erstmals in Sachsen-Anhalt antrat, gelang ein
Überraschungserfolg. Es kam mit 5,3 Prozent knapp über die 5-Prozent-Hürde
und wird damit die sechste Partei im neuen Landtag. Das BSW ist erstmals in
Sachsen-Anhalt angetreten.
Die Sitzverteilung
Die AfD wird im kommenden Landtag fast die Hälfte der Sitze stellen. Sie
bekommt 39 der 83 Sitze. Damit fehlen ihr drei Sitze zur absoluten
Mehrheit.
Die Fraktion der CDU fällt nicht mal halb so groß aus wie bisher, sie
bekommt nur 15 statt bisher 40 Sitze. SPD, Grüne und Linke kommen auf je 8
Sitze. Das BSW ist [3][laut vorläufigem amtlichem Endergebnis] mit 5
Abgeordneten vertreten.
Der Koalitionsrechner
Diese Grafik ist interaktiv. Sie können sich Ihre Wunschkoalition
zusammenklicken und überprüfen, ob es für eine Mehrheit reichen könnte.
Schnell wird klar, dass die AfD rechnerisch nur mit einer Partei
zusammenarbeiten müsste. Da CDU, SPD, Grüne und Linke das aber
ausgeschlossen haben, bliebe dafür nur das BSW. Das hatte sich der AfD
offensiv angeboten.
AfD-Spitzenkandidat Siegmund hat aber auch am Wahlabend betont, dass er nur
allein regieren wolle. Offenbar setzt er auf Überläufer aus den anderen
Parteien.
Eine wie auch immer definierte Zusammenarbeit von CDU, SPD, Grünen und
Linken hat keine Mehrheit, da das BSW im Landtag vertreten ist. Selbst wenn
das BSW nicht reingekommen wäre, hätten die vier sich erstmal auf ein wie
auch immer geartete Form der tolerierten Minderheitsregierung einigen
müssen. Die CDU hat eine formale Zusammenarbeit mit der Linken
ausgeschlossen.
Wahlergebnis weicht teils stark von Umfragen ab
Am Wahlabend hat die AfD alle Umfragen nochmals übertroffen. Noch
dramatischer waren die Abweichungen aber bei den anderen Parteien. Das
sieht man in dieser Grafik vor allem, wenn man die Kurven von infratest
dimap einstellt.
Vor allem CDU und Linkspartei schnitten deutlich schlechter ab, als ihnen
in den Umfragen vorhergesagt wurde. SPD, Grüne und auch das BSW konnten
umgekehrt deutlich mehr Wähler:innen für sich gewinnen.
Das dürfte auch die Folge der Kampagne für eine taktische Stimmabgabe sein.
Dabei wurde explizit dafür geworben, die Zweitstimme eher an SPD und Grüne
zu geben, damit diese es über die 5-Prozent-Hürde schaffen – um so einen
stärkeren Riegel gegen die AfD bilden zu können.
Schon 2021 war das Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt extrem von den Umfragen
abgewichen. Damals hatte die CDU in einem Schlusspunkt bis zu 10
Prozentpunkte mehr gewinnen können, als erwartet worden war. Auch das war
Folge von taktischem Wählen. Viele Menschen in Sachsen-Anhalt stimmten für
die Union, damit sie stärker als die AfD wurde. Das war damals gelungen.
Diesmal war laut Umfragen klar, dass die CDU keine Chance hatte, nochmals
vor der AfD zu landen. Wichtiger ist es diesmal daher vielen
Wähler:innen gewesen, andere Parteien in den Landtag zu wählen.
Die Wählerwanderung
Diese Vermutung bestätigt auch die Analyse der Wählerwanderung, die vom
Institut infratest dimap im Auftrag der ARD erstellt wurde.
Demnach sind tausende Wähler:innen von der Union zu SPD, Grünen und auch
zum BSW gewandert, was durch taktisches Wählen erklärt werden kann.
Den dramatischen Einbruch der CDU verursachten aber die weitaus größeren
Verluste, die sie gegenüber der AfD erlitten, an die sie rund 82.000
Stimmen verloren hat.
Dass taktisches Wählen funktioniert hat, zeigen die Wählerströme von Grünen
und SPD. Beide haben deutlich von der Union gewonnen. Sie konnten auch
viele bisherige Nichtwähler:innen für sich begeistern. In kleinerem
Maße konnten sie auch ehemaligen Linkspartei-Wähler:innen für sich
gewinnen. Tatsächlich dürfte hier die Bewegung in den letzten Wochen noch
viel stärker gewesen sein, weil die Linke im August in Umfragen deutlich
besser lag, als bei der Wahl 2021.
Die mit Abstand stärkste Wählerwanderung war aber die von den
Nichtwähler:innen zur AfD. Sie konnte laut infratest 170.000 Menschen
dazu bewegen, zur Urne zu gehen und für sie zu stimmen. Das könnte allein
bis zu 15 Prozentpunkte der AfD ausmachen – und war somit wahlentscheidend.
Die alte Weisheit linker Wahlkämpfer:innen, dass man die Menschen nur zur
Wahl bringen müsse, um ein starkes AfD-Ergebnis zu verhindern, ist damit
endgültig widerlegt.
Die Wahlkreise
Wer hat wo das Direktmandat gewonnen? Welche Partei lag bei den
Zweitstimmen in der Wahlkreisen vorn? Das zeigt die folgende Grafik – und
auch sie ist fast flächendeckend braun.
Denn die AfD hat auch alle Direktmandate gewonnen – bis auf drei.
Nur in den Wahlkreisen Magdeburg II, sowie in Halle II und Halle III lagen
am Ende die Kandidat:innen der Linken vorne. Die Rechtsextremen holen
damit 38 der 41 Direktmandate.
Nur im Wahlkreis Magdeburg III kam der CDU-Kandidat dem Konkurrenten der
AfD etwas näher. Es war der amtierende Ministerpräsident Sven Schulze, der
dort 31,7 Prozent der Erststimmen holte. Das war fast doppelt so viel, wie
die CDU dort an Zweitstimmern bekam. Aber Christian Mertens (AfD) lag mit
35,2 Prozent noch klar vor ihm.
Die Hochburgen
Wo haben die einzelnen Parteien besonders gut oder besonders schlecht
abgeschnitten? Das zeigt diese Karte mit den Hochburgen der einzelnen
Parteien, die man mit einem Klick links oben auswählen kann.
Die AfD dominiert fast landesweit die Wahlkreise, bei den Erststimmen sogar
noch etwas mehr als bei den Zweitstimmen. Ihre stärksten Ergebnisse holte
sie in Eisleben (55,6 Prozent der Erststimmen) und Staßfurt (54,1 Prozent
der Zweitstimmen). Am schwächsten waren die Rechtsextremen in Halle. In
Halle III kamen sie nur auf 18,3 Prozent der Zweitstimmen. Aber auch dort
konnten sie ihr Ergebnis in etwa verdoppeln.
Interessant ist diese Grafik vor allem, wenn man die Unterschiede zwischen
Erst- und Zweitstimmen betrachtet. Dabei wird klar, dass auch hier die Idee
des taktischen Wählens gegriffen hat. Nicht nur bei Sven Schulze (CDU) gibt
es extreme Unterschiede zwischen Erst- und Zweitstimmen.
Vom Stimmensplitting profitiert haben auch die drei Kandidat:innen der
Linkspartei, die ihre Wahlkreise gewonnen haben. So holte Mustafa Groner in
Magdeburg II 29,4 Prozent der Erststimmen. Von den Zweitstimmen bekam die
Linkspartei gerade mal 12,9 Prozent. Dafür war es bei den Grünen dort
umgekehrt. Sie konnten sich bei den Zweitstimmen von 15,5, auf 22,8 Prozent
verbessern und lagen damit nur ganz knapp hinter der AfD (23,6 Prozent) auf
Platz 2. Ihre Direktkandidatin Madeleine Linke bekam jedoch nur 6,0 Prozent
der Erststimmen.
Offenbar haben in diesem städtisch geprägten Wahlkreis sehr viele ihre
Stimmen auf Linke und Grüne aufgeteilt – in der Annahme, dass der
Direktkandidat der Linken sich am ehesten gegen die AfD durchsetzen kann,
die Grünen aber vor allem Zweitstimmen benötigen, um landesweit über 5
Prozent zu kommen. Ähnlich sieht es in den Wahlkreisen Halle II und III
aus.
6 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Drohende-AfD-Regierung-in-Ostdeutschland/!6177987
(DIR) [2] https://wahlergebnisse.sachsen-anhalt.de/wahlen/lt26/erg_land.html?v=1788727776341
(DIR) [3] https://wahlergebnisse.sachsen-anhalt.de/wahlen/lt26/sitze.html?v=1788755939985
## AUTOREN
(DIR) Gereon Asmuth
## TAGS
(DIR) Schwerpunkt Landtagswahl in Sachsen-Anhalt
(DIR) Sven Schulze
(DIR) Schwerpunkt AfD
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Wahl in Sachsen-Anhalt: Sieg Unheil
Rechtsextreme gewinnen die Wahl in Sachsen-Anhalt. Die CDU ist weit
abgeschlagen, das BSW nimmt die Fünfprozenthürde. Eine Regierungsbildung
dürfte schwierig werden.
(DIR) Vor den Wahlen in Sachsen-Anhalt und MV: Die lebendigste Zivilgesellschaft der Republik
Viele Menschen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern versuchen, der
AfD die Landtagswahlen zu vermiesen. 19 von ihnen verraten ihre Strategien
(DIR) Anschlag auf Magdeburger Weihnachtsmarkt: Prägend für die Politik
Der Täter des Anschlags auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt wird am
heutigen Freitag verurteilt. Migration wurde zum bestimmenden Thema der
Bundesregierung.
(DIR) Diskriminierung im Freibad: Kein Deutsch, kein Eintritt? Der Leiter gerät ins Schwimmen
Ins Heidebad in Halle sollen nur Menschen eingelassen werden, die Deutsch
sprechen. Der Leiter sagt, die Regel gebe es nicht. Die Wahrheit liegt
dazwischen.
(DIR) Rassismus in Deutschland: Baden nur für Deutschländer
Ein Strandbad in Sachsen-Anhalt verweigert Gästen den Zugang, die über zu
geringe Deutschkenntnisse verfügen. Der Betreiber nennt das „konsequent“.
(DIR) Protest gegen AfD-Parteitag in Erfurt: Innenminister kritisiert geplante Blockaden
Ein breites Bündnis will den AfD-Parteitag Anfang Juli verhindern.
Blockaden würden nur der AfD nutzen, sagt Thüringens Innenminister Georg
Maier.
(DIR) Landtagswahlen in Ostdeutschland: Experimentierstunden mit Sahra Wagenknecht
Die BSW-Gründerin lässt sich bei einem Auftritt in Sachsen-Anhalt
beklatschen. Bei der Gelegenheit propagiert sie auch ihr Modell einer
„Bürgerregierung“.
(DIR) Drohende AfD-Regierung in Ostdeutschland: Das Worst-Case-Szenario
In Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern könnte die AfD bald regieren.
Was droht konkret Schulen, Verwaltung oder Vereinen? Und wie wappnen sie
sich?
(DIR) AfD-Mehrheit in Sachsen-Anhalt: Die Demokratie schützt sich zugrunde
Die AfD steht laut Umfrage vor einer absoluten Mehrheit in Sachsen-Anhalt.
Sie profitiert von der Fünfprozenthürde, die die Demokratie stabilisieren
soll.