# taz.de -- „Volksbad“ der Berliner Volksbühne: Abtauchen in Mitte
> Das „Volksbad“ vor der Berliner Volksbühne sorgte schon vor seiner
> Eröffnung für Debatten. Nun musste eine Veranstaltung für Schwarze
> Jugendliche abgesagt werden. Ein Ortsbesuch.
(IMG) Bild: Bahnen ziehen im „Volkbad“ zwischen Volksbühne und Fernsehturm
Die zweite Schwimmrunde muss leider ausfallen. Wegen nicht funktionsfähiger
Duschen wird der Badebetrieb am wenige Tage zuvor erst eröffneten
„Volksbad“ in Berlin-Mitte für Dienstag und Mittwoch abgesagt. In der
Instagram-Story, mit der die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz die
kurzzeitige Schließung kommuniziert, steht außerdem noch: „Learning nach
Woche 1: Es ist nicht so leicht, ein Freibad zu betreiben.“
Normalerweise gehört eben das auch nicht zu den genuinen Aufgaben eines
Theaters. Expertise im Umgang mit mobilen sanitären Anlagen steht nicht in
den Stellenbeschreibungen. [1][Die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz aber
hat zum Start der Intendanz von Matthias Lilienthal] und um die anstehenden
Sanierungsarbeiten an der Obermaschinerie zu überbrücken, ein temporäres
Freibadbecken vor dem eigenen Haus installiert. Am 7. August startete der
Badebetrieb. Dienstags bis samstags kann man da jetzt eigentlich kostenfrei
schwimmen und planschen, wenn man sich zuvor ein Zeitfensterticket
organisiert hat.
Vor Ort am Dienstagnachmittag wiederholt die freundliche Servicekraft, was
man ohnehin schon wusste: Schwimmen fällt erst mal ins Wasser. Immerhin
lässt sie, die vom Plastikstuhl aus den Eingang hütet, alle, die fragen,
zum Gucken kurz hinein, aber: „Ab der Treppe Schühchen ausziehen und keine
Fotos!“
Und so wandert der Blick vom Beckenrand aus über das Wasser. Türkisblau ist
es, blauer noch als jenes, das [2][David Hockney] auf seinen Bildern
kalifornischer Pools festhielt, verlockend glitzernd in der Augustsonne.
Auch der zur Pommesbude umfunktionierte Pavillon hat trotzdem geöffnet.
Ohne Wasser im Ohr und ohne Chlorgeruch in der Nase sind die besten Pommes
nur frittierte Kartoffelstäbchen. Gut besucht ist der Imbiss dennoch, ob
das nur am kross gebackenen Fast Food liegt?
## Hetze rechter Medien und der AfD
Gefühlt noch nie hat irgendein Berliner Theaterereignis so sehr für
Gesprächsstoff gesorgt. Mitte der Woche schlugen die Wellen hoch und noch
höher. Am Freitag hätte das Bad für ein paar Stunden für ein Ferienprogramm
für Schwarze Kinder und Jugendliche des rassismuskritischen Vereins Each
one teach one (Eoto) reserviert sein sollen.
Erst entzündete sich [3][daran eine Kampagne rechter Medien.] Dann stimmte
die AfD in die Hetze mit ein und die CDU-Abgeordnete Aileen Weibeler ging
auf Social Media viral, indem sie behauptete, sie würde aufgrund ihrer
weißen Hautfarbe diskriminiert. Als hätten sie allesamt noch nie davon
gehört, dass Schwimmbäder mitunter zeitweise Vereinen überlassen werden.
Trauriger Höhepunkt war, als am Donnerstagnachmittag die Veranstaltung von
Volksbühne und Eoto aus Sicherheitsgründen abgesagt wurde: „Der Schutz
unserer Gäste, Partner und Mitarbeiter*innen hat für uns oberste
Priorität“, heißt es in der Erklärung des Theaters. Sie hätten die sichere
An- und Abreise der angemeldeten Besucher*innen ebenso wenig
garantieren können wie einen entspannten Feriennachmittag. Weitere
„positive Maßnahmen für strukturell benachteiligte Menschen“ soll es aber
geben.
## Idee sorgte vorab für Begeisterung wie Ablehnung
Auch vorab schon hatte das Volksbad die Gemüter erregt und aufgeteilt in
diejenigen, die die Idee feiern, und in diejenigen, die sie für den größten
Blödsinn aller Zeiten halten: für eine Verschwendung von Steuergeldern in
ohnehin klammen Kassen, erst recht im Kulturhaushalt. 300.000 Euro kostet
die Produktion des 25 Meter breiten und gut 1,30 Meter tiefen Volksbads. So
viel, wie auch mal für eine aufwendigere Theaterproduktion benötigt wird.
Der größte Part davon, 210.000 Euro, sind für Personalkosten eingeplant,
für Bademeister:innen und Wachpersonal. Kleinere Häuser hätten mit
diesem Geld unterstützt werden können, Jugendtheater insbesondere,
kritisierte etwa die SPD-Abgeordnete Dunja Wolff, deren Partei ja aber die
Kürzungen in der Kultur selbst zu verantworten hat.
Sie hätten ja nur versucht, wahrzumachen, was die Erbauer dieses Hauses
sich gedacht hätten, so erklärt es Lilienthal während der Eröffnung, deutet
dabei auf das Intarsienband an der Muschelkalkfassade des Panzerkreuzers
Volksbühne, das sich zwischen Schriftzug und Säulen schiebt. Schwimmer, die
in knappen Höschen zum Sprung ansetzen, könnte man darin erkennen.
Wahrgemacht hat Lilienthal mit dem Volksbad gleichsam auch, was Frank
Castorf damals am Ende seiner Intendanz verlauten ließ: „Wenn’s nicht
funktioniert“ – seinen glücklosen Nachfolger Dercon meinte er damit –,
„kann man aus dem Haus immer noch eine Badeanstalt machen.“
## Aktivismus, Performance und Freibad zugleich
Eigentlich will Lilienthal das Ganze aber auch als politischen Protest
verstanden wissen. Auf die vor sich hin verfallende Infrastruktur Berlins
will er aufmerksam machen, wo eben nicht nur in der Kultur, sondern auch im
sozialen Bereich hart gespart wird und so manches Bad derart marode ist,
dass es gar nicht erst öffnen kann.
Zum Einstand in den öffentlichen Raum zu gehen, das hat bei Lilienthal aber
auch Tradition. In München etwa, wo er 2015 die Intendanz der Kammerspiele
antrat, hat er aus Material vom Recyclinghof DIY-Wohneinheiten
zusammenbasteln lassen, die „Shabbyshabby Apartments“. Auf die Frage, ob
das Volksbad nun Aktivismus, Performance oder einfach nur ein Freibad sei,
sagt er schnell: „alles drei“. Den Ticketverkäufen für Premieren und andere
Stücke im Oktober schadet die neuerliche Darbietung des erweiterten
Theaterbegriffs jedenfalls nicht, die laufen sogar überdurchschnittlich
gut.
Und selbstverständlich hat es auch [4][mit der Choreografin Florentina
Holzinger zu tun, die Lilienthal ins Leitungsteam der Volksbühne berufen
hat] und die [5][in diesem Jahr für die Biennale in Venedig den
österreichischen Pavillon flutete]. Inspiriert auch von „Ophelia’s got
Talent“, einer Volksbühnenproduktion, Holzingers Durchbruch.
## Wasserspiele allenthalben in der Kunst
Vielleicht liegt es an den Debatten über globale Wasserknappheit oder
daran, dass man angesichts der gegenwärtigen Polykrisen gern zwischendurch
einmal abtauchen will, aber Wasser ist definitiv ein Thema, auch in der
Kunst, da schwimmt die Volksbühne gut mit. Wasserspiele gibt es in Venedig
unter anderem auch noch im polnischen Pavillon, wo Bogna Burska und Daniel
Kotowski einen Chor im Schwimmbad unter Wasser setzen.
In Porto indes, im Museum Serralves, hatte die Künstlerin Anne Imhof
unlängst einen eher dystopisch anmutenden Pool samt Sprungturm für ihre
Einzelausstellung „Fun is a Stahlbad“ installiert. Und auf Theaterbühnen
sieht man Wassertanks und Pools eh immer häufiger, länger schon.
Auch in der letzten [6][Volksbühnen-Gemeinschaftsproduktion von René
Pollesch und Fabian Hinrichs „ja nichts ist okay“] war ein Pool Teil des
Bühnenbilds. Und Christoph Schlingensief könnte einem einfallen, dessen
Aktion „Baden im Wolfgangsee“. Oder „Tropez“, der Kiosk im Berliner
Sommerbad am Humboldthain, den die Kunsthistorikerin Nele Heinevetter
bereits 2017 gepachtet hat und wo seitdem nicht nur Eis verkauft wird,
sondern auch Ausstellungen und Performances stattfinden.
## Erst mal nur schwimmen
Derlei Veranstaltungen wird es im Volksbad wahrscheinlich eher nicht geben.
Also solche, die im engeren Sinn als Performances gelten könnten. „Das
hätten wir gerne gemacht. Aber ich habe die letzten 3 Euro
zusammengekratzt, um die Scheiße überhaupt bezahlen zu können“, sagt
Lilienthal. Pro Event hätte das 3.000 Euro gekostet, die er nicht habe.
Das Volksbad solle daher pur für sich stehen: „Ich brauche kein
Cellokonzert oder keine Einzelperformance. Allein schon die Bilder, die
durch diese fast nackten Menschen direkt zwischen dem Fernsehturm und der
Volksbühne entstehen, finde ich super.“
Also erst mal einfach nur schwimmen. Meditativer freilich wäre es, sich in
einem menschenleeren See treibenzulassen, aber wo gibt’s den? Bestimmt
nicht im Berliner mit ÖPNV erreichbaren Umland. Und mit denen konkurriert
das Volksbad ohnehin gar nicht. Auch nicht mit den öffentlichen Freibädern.
Im Volksbad sind die Routinen zwangsläufig andere als im Prinzen- oder
Olympiabad: Frühschwimmer*innen, die vor der Arbeit ein paar Bahnen ziehen
wollen, kann es gar nicht geben. Das Volksbad öffnet erst zur
Langschläferzeit um die Mittagsstunden. Den ganzen Tag am Beckenrand
rumlungern ist auch nicht angedacht. Armbändchen in verschiedenen Farben
sind den Zeitslots zugeordnet. Zwei Stunden darf man drinbleiben, damit
möglichst viele Menschen zum Zug kommen.
## Ein fast schon utopischer Ort
Vielleicht ist es am ehesten noch das sozialistische Gegenmodell zum Pool
des in Nachbarschaft zum Rosa-Luxemburg-Platz gelegenen Berliner Soho
Houses. Mit ähnlicher Aussicht, nur eben ohne teure Mitgliedschaft und mit
bunterem Publikum. Ein fast schon utopischer Ort, einer von denen, von
denen es kaum mehr welche gibt, öffentliche Orte, die soziale Interaktion
zum Ziel haben und an denen man sich aufhalten kann, ohne zu konsumieren.
Am Eröffnungstag versammeln sich Schaulustige auf dem Rosa-Luxemburg-Platz
vor dem Zaun, um das Treiben zu beobachten, als handle es sich um eine
Performance. Wird es sie auch noch geben in ein paar Wochen? Das Volksbad
läuft noch bis zum 1. Oktober. Oder wird der Hype nachlassen und es dann
einfacher sein, an die Zeitfenstertickets zu kommen?
Die braucht man übrigens gar nicht unbedingt. Mit etwas Glück kommt man vor
Ort auch ohne hinein. Große Empfehlung, es macht viel Spaß dort.
14 Aug 2026
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## AUTOREN
(DIR) Beate Scheder
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