# taz.de -- Neue Intendanz an Berliner Volksbühne: Grenzen, für die er sich eh nicht interessiert
       
       > An der Volksbühne wird künftig nicht nur Florentina Holzinger nass: Der
       > designierte Intendant Matthias Lilienthal gibt einen Ausblick auf die
       > neue Spielzeit.
       
 (IMG) Bild: Das Nassspritzen als dramatische Geste: So soll es aussehen, das Volksbad vor der Volksbühne
       
       Erst mal werden sich alle nass spritzen dürfen, „denn auch das verstehen
       wir unter theatralen Events“, betont [1][Matthias Lilienthal, designierter
       Intendant der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz], während der
       Pressekonferenz zur neuen Spielzeit, die aufgrund einer technischen
       Renovierung so richtig erst am 1. Oktober losgehen wird. Bis dahin wird es
       ein Volksbad sein – mit 25-Meter-Bahn, Schwimmkursen für Kinder,
       Anwohnertagen und natürlich irgendwie auch Schauspielern –, das ab dem 7.
       August vor der Volksbühne aufgebaut wird und damit auch der hitzegeplagten
       Stadt mit ihren notorisch unterfinanzierten und rar gesäten Freibädern
       unter die Arme greifen soll. Es sei „eine liebevolle Umarmung der Stadt
       Berlin“.
       
       Natürlich war es [2][Florentina Holzinger, die mit ihrer Inszenierung
       „Ophelia’s got talent“] die Inspiration dazu lieferte und die sich übrigens
       auch in der nächsten Spielzeit erneut auf dem Spielplan finden wird. Denn
       in dieser – so wie auch momentan [3][in ihrem österreichischen Pavillon auf
       der Biennale in Venedig] – tauchen die Performerinnen ins nasse Becken. Auf
       dem Platz im Pool soll es im Spätsommer eine kleine Intervention der
       österreichischen Choreografin und Künstlerin geben: aber ganz „lowkey“, wie
       Lilienthal das nennt, das habe sie ihm, die übrigens gemeinsam mit der
       Choreografin Marlene Montero Freitas einen künstlerisch beratenden Beirat
       für die Intendanz bildet, versprochen.
       
       Die Ankündigung löst sogleich glucksende Antizipation im Publikum aus, das
       sich zahlreich vor der Bühne des Praters in der Kastanienallee versammelt
       hat. Der Theatersaal des Ostberliner Biergartens beherbergte die Volksbühne
       schon einmal, in den 1950ern, als die Bühne nach dem Krieg renoviert wurde.
       Nun, nach mehr als zehn Jahren Umbau, ist der Saal wieder eröffnet und wird
       neben dem großen Haus ab dem Herbst von der Volksbühne bespielt. Ein
       kleines Wunder in Zeiten der knappen Etats und Streichungen, von dem man
       sich nicht irritieren lassen darf: Auch die Volksbühne musste die
       geforderten 3,5 Prozent ihres Budgets des Berliner Senats streichen, eine
       einmalige Kürzung von einer halben Million Euro kam außerdem dazu, wie
       Lilienthal berichtet.
       
       Die Auswirkungen dessen werden sich noch in den nächsten Jahren bemerkbar
       machen. Wenigstens sei die Existenz der theatereigenen Werkstätten des
       Hauses im Gegensatz zum Gorki, mit dem Synergien gesucht werden, bisher
       nicht in Gefahr, trotzdem schiebt der Intendant noch hinterher: „Ich würde
       den Senat, den Kultursenator und den Regierenden Bürgermeister sehr bitten,
       diese anstehende Miete der Werkstatträume doch schlicht und einfach als
       Durchlaufposten dem Maxim Gorki Theater zu erstatten. Dann wäre das Problem
       zumindest vorläufig gelöst.“
       
       ## Es wird explizit queer
       
       Das knappe Geld dürfte einer der Gründe sein, so wie viele Museen einen
       eigenen Freundeskreis zu gründen – „Friends of Rosa“ soll er heißen und ist
       eine der weiteren Neuerungen, die Lilienthal zurückgelehnt und zufrieden
       klingend für den Herbst ankündigt. Der Verweis auf Rosa Luxemburg im Namen
       erscheint angesichts des anstehenden Programms mehr als nur ein auf den
       Platz bezogenes Lippenbekenntnis zu sein. International soll die neue
       Spielzeit werden, der Blick nach Osten, er soll nach Süden erweitert
       werden, es wird politisch und explizit queer: Noch im Oktober werden die
       beiden brasilianischen Choreograf:innen Davi Pontes und Wallace
       Ferreira Tanz als Selbstverteidigung, den sie als Schwarze
       Widerstandspraxis gegen staatliche Gewalt entwickelt haben, lustvoll auf
       die Bühne bringen. „The School of Self-Defense“ wird eine der ersten
       Premieren unter neuer Leitung und sowohl die große Bühne als auch den
       Prater bespielen.
       
       Letzterer wird schon Anfang Oktober mit einer hauseigenen Uraufführung
       eingeweiht: Anta Helena Recke setzt dort ausgerechnet Vincenzo Latronicos
       „Perfektionen“ um; eine brillant betrachtete Erzählung des
       Nachmillennialberlins im Ausverkauf aus der Perspektive konsumierender
       Expats, in welcher in der Stadt verankerte Berliner an sich eigentlich
       nicht vorkommen, wie die Regisseurin berichtet. Das bürgerliche Subjekt
       fehlt hier ebenso wie die Dialoge, es verspricht spannend zu werden, wie
       der viel diskutierte Roman für die Bühne umgesetzt werden wird.
       
       Die Spielzeit im Großen Haus eröffnen Stefan Kaegi und Daniel
       Wetzel/[4][Rimini Protokoll]: Wie häufig bei deren Inszenierungen begibt
       sich das Publikum hier auf eine Tour, diesmal durchs ganze Haus. Das
       Kollektive schiebt sich im neuen Spielplan zwischen das Autorentheater;
       Grenzen der Genres, für die sich der Intendant eh nicht interessiert,
       weichen auf.
       
       Ein drittes Stück im Prater werden die radikal digitalen Künstler und
       Hacker vom OMSK Social Club inszenieren, das Bühnenbild der Uraufführung
       Satoko Ichiharas „Mononoke“ wird von der Künstlerin Mire Lee umgesetzt,
       [5][deren sich bewegende Schleiminstallationen vor ein paar Jahren im
       Berliner Schinkelpavillon] Kunst-, Fashion- und Technoavantgardeherzen
       gleichermaßen höher schlagen ließen, und auch mit [6][Henrike Naumann]
       stand man eigentlich in engem Kontakt, bevor die Künstlerin überraschend
       verstarb.
       
       ## Gegen den Kulturbegriff der AfD
       
       Das angekündigte Programm löst ein, was Lilienthal auch explizit als ein
       Aufbegehren gegen den Kulturbegriff der AfD verstanden wissen will. Nach
       einer langen Tour landet im Winter Gisèle Viennes Robert-Walser-Adaption
       „Der Teich“ im Haus, [7][Lena Brasch] bearbeitet ein Drehbuch ihres
       berühmten Onkels Thomas, Milan Peschel und das RambaZamba Theater reisen
       bis „ans Ende der Komödie oder: Wer zuletzt lacht, lebt am längsten“, und
       auch das beim Theatertreffen gefeierte „Fräulein Else“ von Leonie Böhm und
       Julia Riedler, die von den Münchner Kammerspielen, an denen Lilienthal
       einst Intendant war, als festes Ensemblemitglied an die Volksbühne
       wechselt. Riedler wurde 2025 ausgezeichnet als Schauspielerin des Jahres.
       
       Überhaupt das Ensemble. Bei all dem Neuen dürfen hier drei bleiben: Martin
       Wuttke, Kathrin Angerer und Sophie Rois gehen nicht, neun weitere
       Schauspieler kommen dazu, damit bleibt die Castorf/[8][Pollesch]-Größe von
       zwölf Mitgliedern erhalten, wie Lilienthal betont. Der Wandel, er kommt
       nicht mit einem Wumms, er schleicht eher ins Haus: „Es ist jetzt eine ganz
       andere Zeit. Das merkt man ja an den Diskussionen dieser Tage. Die Welt
       verändert sich in einem atemberaubenden Tempo, und wir hängen mit unseren
       Vorstellungen noch im letzten Jahrzehnt fest und versuchen eine Reaktion
       darauf zu denken.“ Dass es schneller gehen muss, ist allen eh klar.
       Traurig, dass gestern nicht mehr heute ist, kann man trotzdem sein.
       
       4 Jun 2026
       
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