# taz.de -- Deutscher Schwimm-Weltrekordler Liebmann: Aus einer anderen Galaxie
       
       > Der erst 19-jährige Johannes Liebmann schwimmt über 1.500 Meter Freistil
       > einen fabulösen Weltrekord. Er selbst muss mächtig darüber staunen.
       
 (IMG) Bild: Ist das wirklich wahr? Liebmann realisiert, dass er den Weltrekord um fast vier Sekunden unterboten hat
       
       Seit seiner Sternstunde im Centre Aquatique Olympique waren keine 15
       Stunden vergangen, da schlug Johannes Liebmann an selber Stelle erneut an.
       Zum letzten Mal bei seinem ersten internationalen Top-Event im
       Profibereich. Das Ergebnis: Fünfter im sechsten von sieben Vorläufen über
       400 Meter Freistil. Wenig später konnte der 19-Jährige dann als
       Gesamt-Elfter seine Sachen packen.
       
       Selten jedoch dürfte sich ein Schwimmer seliger von einem Großereignis
       verabschiedet haben als Liebmann am Sonntagvormittag [1][von der EM in
       Frankreich]. Schließlich hatte der jugendliche Dauerkrauler vom SC
       Magdeburg am Abend zuvor die Schwimmhalle in Saint-Denis zum Beben
       gebracht. Schon lange bevor er mit neuem Fabelweltrekord über 1.500 Meter
       Freistil ins Ziel kam, erhob sich das Publikum geschlossen. Die
       begeisterten Rufe von den Rängen trugen Liebmann letztlich zu einer Zeit
       von 14:26,79 Minuten. Die zwei Jahre alte Bestmarke des US-Amerikaners
       Bobby Finke hatte er um fast vier Sekunden unterboten.
       
       Selbst über die [2][Marathondistanz] der Beckenbranche sind das Galaxien,
       entsprechend fassungslos starrte der eher schmal gebaute Schwimmer erst mal
       auf die Anzeigetafel. Irgendwann war der ungarische Silbermedaillengewinner
       Zalan Sarkany bei ihm, rubbelte ihm anerkennend über die schwarze
       Badekappe. Danach machte Liebmann ein paar Züge auf die andere Seite, ließ
       sich nun vom Teamkollegen und Bronze-Mann Oliver Klemet gratulieren. Dann
       zog er sich an der Leine zwei Meter nach vorne, hockte sich drauf und
       fabrizierte ein paar rührende Jubelgesten.
       
       Als hätte er vor wenigen Augenblicken nicht die bemerkenswerteste Leistung
       bei diesen Titelkämpfen in den Pool gelegt, sondern eben mal das
       Einschwimmen beendet, so federleicht schwang Liebmann seinen schlanken
       Körper kurz darauf zwischen zwei Startblöcken aus dem Wasser. Von dort ging
       es weiter zum ZDF-Interview, in dem er dann aufs Neue erstaunte.
       
       ## „Heftige Zeit“
       
       Was gerade in seinem Kopf vorgehe? „Viel und wenig gleichzeitig“,
       antwortete Liebmann glaubhaft. „Ich kann das nicht in Worte fassen, weil es
       zum einen ja eigentlich nur eine normale Bestzeit für mich ist. Aber zum
       anderen eben auch so eine heftige Zeit, bei der ich mir vielleicht Gedanken
       mache, ob ich da jemals wieder rankomme.“ Er hoffe es, sagte der
       phänomenale Teenager noch. Und die Mimik des fünf Jahre älteren Klemet
       links neben ihm schwankte bei diesen Worten zwischen Belustigung und
       Unglaube.
       
       2023 wechselte Liebmann aus Elmshorn, wo Freunde und Bekannte seinen knapp
       15-minütigen Sensationslauf am Samstagabend auf einem nahegelegenen Hof
       verfolgten, an den Bundesstützpunkt nach Magdeburg. [3][In der dortigen
       Trainingsgruppe von Langstrecken- und Freiwasser-Bundestrainer Bernd
       Berkhahn], von DSV-Vorstand Christian Hansmann gerade als „die
       wahrscheinlich beste weltweit“ bezeichnet, schwimmt er nun seit einem Jahr
       mit. Es braucht also nicht viel Fantasie, um sich auszumalen, wozu dieser
       Ausnahmekrauler in den nächsten Jahren noch fähig sein dürfte.
       
       In Paris triumphierte Liebmann drei Tage vor dem Paukenschlag über 30
       Bahnen Kraul bereits souverän über die 800-Meter-Freistil, verbesserte
       dabei den eigenen Europarekord. Zu dieser Topmarke pflügte er am 12. April
       in Stockholm, einen Monat später gab er dann in der Schule sein Bestes.
       Über die Abiturnote hüllt sich der junge Mann allerdings in Schweigen,
       genügen muss da der Hinweis: „Es war schon sehr stressig.“
       
       Ein Trauma haben die letzten Meter in seiner Schülerkarriere bei ihm aber
       offenkundig nicht hinterlassen. Nach den famosen 1.500 Metern von Paris
       gewichtete Johannes Liebmann seine jüngsten Erfolge jedenfalls so: „Den
       Weltrekord muss ich eigentlich natürlich ganz nach oben setzen, klar. Aber
       das Abi war mir auch sehr wichtig. Der Sport ist nicht alles. Und dass ich
       jetzt den höchsten Bildungsabschluss habe, den es in Deutschland gibt,
       zeigt, dass ich nach dem Sport trotzdem noch gut weitermachen kann.“
       
       Ein rührender Kerl aus einer anderen Schwimmgalaxie eben, keine Frage.
       
       16 Aug 2026
       
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