# taz.de -- Nach dem Ansturm auf Ceuta: Die Illusion der Kontrolle
> Nach dem Ansturm auf Ceuta ringt die EU um Konsequenzen. Die Krise wirft
> neue Fragen zur Zusammenarbeit mit Marokko und anderen nordafrikanischen
> Staaten auf.
(IMG) Bild: Nach den massenhaften Übertritten aus Marokko über Land und das Meer: Migrant:innen an einem Strand in Ceuta am 2. August 2026
Nachdem die meisten [1][Migrant:innen, die am Donnerstag nach Ceuta gelangt
waren], in den folgenden Tagen nach Marokko zurückkehrten, nahmen
marokkanische und spanische Grenzbeamte an den Grenzübergängen ihren
regulären Dienst wieder auf. Zugleich erweiterten spanische Soldaten den
Metallzaun zwischen der marokkanischen Stadt Fnideq und der Enklave Ceuta
um eine 500 Meter lange schwimmende Barriere im Meer.
Damit soll das Erreichen von Ceuta erschwert werden. Bei dem Versuch, über
das Mittelmeer auf das spanische Territorium zu gelangen, waren seit
Donnerstag mindestens 72 Menschen ertrunken. Die Regionalverwaltung von
Ceuta lässt das Gebiet von Tauchern durchsuchen und geht von einer
dreistelligen Zahl von Opfern aus. Ceutas Regierungspräsident Juan Jesus
Vivas widerspricht der Regierung in Madrid, die von einer völligen
Normalisierung der Lage ausgeht.
Verstärkte Sicherheitskräfte vom spanischen Festland versuchen, die nach
Schätzungen noch mehrere Tausend Migrant:innen im Zentrum der
83.000-Einwohner-Stadt in eine abgesperrte Zone zu lotsen. Bereits in der
Nacht zum Montag waren Hunderte junge Marokkaner mit Militärlastwagen an
die Grenze gebracht worden. Unter den Verbliebenen sind vor allem Menschen
aus West- und Zentralafrika, die sich weigern, nach Marokko zurückzukehren.
Marokko nimmt bislang keine Drittstaatsangehörigen zurück.
Viele von ihnen haben eine wochenlange Flucht über Niger, Tunesien und
Algerien hinter sich. „Die Mehrheit von uns sind Bürgerkriegsflüchtlinge
aus Sudan“, sagt der Senegalese Mantany Dieya am Telefon. Vor seiner
Ankunft in Ceuta hatte er zwei Jahre in einem informellen Zeltlager nahe
der tunesischen Hafenstadt Sfax gelebt. Nachdem sein Versuch gescheitert
war, mit einem Boot nach Lampedusa zu gelangen, wurde der 24-Jährige an die
algerische Grenze abgeschoben und schlug sich mithilfe von Schmugglern bis
nach Marokko durch.
## Kritik an Pedro Sánchezʼ Untätigkeit
Die spanische Regierung steht wegen ihrer liberalen Einbürgerungspolitik in
der Kritik mehrerer EU-Staaten und der rechten Opposition. Obwohl die Zahl
der Menschen, die nach Ceuta schwammen, schon vor dem Massenansturm
deutlich zunahm, reagierte Ministerpräsident Pedro Sánchez nicht. Am Montag
befassen sich die EU-Botschafter mit dem Fall, am Dienstag beraten die
EU-Innenminister über Konsequenzen für künftige Krisen an den Außengrenzen.
Die Dringlichkeitssitzung hatten 22 Mitgliedstaaten beantragt. Sánchez
wirft ihnen mangelnde Solidarität vor. Diskutiert wird, Frontex künftig
auch gegen den Willen einzelner Mitgliedstaaten einzusetzen. In Madrid
sorgen zudem [2][italienische Überlegungen] für Empörung, die
Schengen-Regeln auszusetzen.
Ein Nachspiel hat der tödliche Ansturm auf Ceuta auch für das marokkanische
Königshaus. Die Erklärung der 22 richtet sich indirekt auch mit an Rabat:
„Es darf nicht zugelassen werden, dass massenhafte und unkontrollierte
Grenzübertritte, die Instrumentalisierung von Migration oder andere hybride
Bedrohungen den Eindruck erwecken, als sei es möglich illegal in die
Europäische Union einzureisen“, heißt es in dem Papier.
Viele der oft noch minderjährigen Migrant:innen berichteten, mit Bussen
oder Lastwagen nach Ceuta gebracht worden zu sein. [3][Marokko weist jede
Verantwortung zurück] und macht Falschinformationen in sozialen Medien
dafür verantwortlich, dass sich die Menschen mithilfe von Schleusern auf
den Weg gemacht hätten.
Die EU-Innenminister müssen nun zwei Fragen beantworten: Kann sich Ceuta
andernorts wiederholen? Und wie belastbar sind Migrationsabkommen mit
nordafrikanischen Staaten in politischen Krisen? Denn eines scheint klar:
Pedro Sánchez' jüngster Besuch beim Erzrivalen Algerien wurde in Rabat als
schwerer Affront gewertet.
Auch mit Tunesien und den konkurrierenden Regierungen in Ost-und Westlibyen
hat Brüssel eine enge Kooperation geschlossen. Geliefert werden Drohnen und
Patrouillenboote. Seitdem ist die Zahl der auf Lampedusa ankommenden Boote
drastisch gesunken. Aber allein vor dem weitergehenden Bürgerkrieg im Sudan
fliehen immer mehr Menschen nach Norden. In Libyen und Tunesien warten
Zehntausende auf die Überfahrt nach Europa.
Mehrere EU-Länder haben ihre Unterstützung für das Flüchtlingshilfswerk der
Vereinten Nationen reduziert. Mit Abschiebungen in die Wüste versuchen die
tunesischen und libyschen Sicherheitskräfte die zwischen Tanger und Agadez
und dem ostlibyschen Bengasi umherreisenden Migrant:innen zu vertreiben.
Doch in beiden Ländern steigt ebenso wie in der Sahel-Region aufgrund der
anhaltenden Wirtschaftskrisen die Wut auf die Regierenden.
Demonstrant:innen stürmten letzte Woche den Amtssitz von Premier
Abdulhamid Dabaiba in Tripolis. Milizen warnen davor, dass sie im Falle
seines Sturzes Boote nach Europa schicken werden.
Eine EU-Delegation weigerte sich im letzten Juli nach der Ankunft im
ostlibyschen Bengasi, sich mit der international nicht anerkannten
Regierung ablichten zu lassen. Daraufhin wurden der mitreisende
italienische Innenminister Matteo Piantedosi und EU- Migrationskommissar
Markus Brunner zur Persona non grata erklärt.
In den Folgewochen kamen fast 20.000 Migranten auf den griechischen Inseln
Kreta und Gavdos und damit im Schengen-Raum an; mehr als während der
aktuellen Ceuta-Krise. Als Rom und Athen enger mit Haftar kooperierten,
legten kaum noch Boote aus Ostlibyen ab.
3 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Migration-nach-Ceuta/!6201332
(DIR) [2] /Migrantinnen-in-Ceuta/!6201430
(DIR) [3] /Migration-nach-Ceuta/!6201164
## AUTOREN
(DIR) Mirco Keilberth
## TAGS
(DIR) Ceuta
(DIR) Ceuta und Melilla
(DIR) Europäische Union
(DIR) Schwerpunkt Flucht
(DIR) Social-Auswahl
(DIR) Friedrich Merz
(DIR) Ceuta
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Schwerpunkt Flucht
(DIR) Ceuta
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) EU-Innenministerkonferenz nach Ceuta: Formal gerade so bestanden
Hinter der Tragödie von Ceuta könnte ein hybrider Angriff auf die EU
stecken. Erstmal hat die EU ihn abgewehrt, auf Kosten der Menschlichkeit.
(DIR) Migration nach Ceuta: Madrid erhöht Zahl der Angekommenen auf 72.000
Fast alle Migranten, die nach Ceuta geschwommen waren, sind wieder in
Marokko. Die EU lobt Spaniens schnelle Reaktion, die Zahl der Todesopfer
steigt.
(DIR) Europäische Reaktionen auf Ceuta: Unsolidarisch und anmaßend
Die Europäische Union steckt akut in der Krise. Aber nicht wegen des
Wochenendes in Ceuta, sondern wegen ihres dreisten Verhaltens gegenüber
Spaniens Regierung.
(DIR) Migration nach Ceuta: Gerüchte und außenpolitische Spielchen
Wie kam es dazu, dass plötzlich 60.000 Flüchtende versuchten, über die
Exklave Ceuta in die EU zu gelangen? Und welche Rolle spielte Marokko?
(DIR) Flucht nach Europa über Ceuta: Mächtige Feinde
Sánchez ist der letzte Linke an der Spitze eines großen EU-Landes. Ging es
den Mächtigen beim Massenansturm auf Ceuta eher um ihn als um die
Flüchtenden?