# taz.de -- Migration nach Ceuta: Gerüchte und außenpolitische Spielchen
> Wie kam es dazu, dass plötzlich 60.000 Flüchtende versuchten, über die
> Exklave Ceuta in die EU zu gelangen? Und welche Rolle spielte Marokko?
(IMG) Bild: Eine Person liegt nach ihrer Ankunft in Ceuta völlig erschöpft am Strand, 30. Juli
[1][Bis zu 60.000 Menschen aus Marokko, Algerien und anderen afrikanischen
Staaten sind bis zum vergangenen Donnerstag über die normalerweise schwer
bewachte und hochgerüstete Grenze in die spanische Exklave Ceuta gelangt.]
Massenhafte Grenzüberschreitungen gab es hier in der Vergangenheit immer
wieder. Doch in keinem Fall war dabei eine so große Zahl an Menschen in
Bewegung.
Selbst aus weit entfernten Teilen Marokkos waren Menschen in Bussen in die
marokkanische Gemeinde Fnideq gelangt. Vor den Augen von Sicherheitskräften
stiegen sie aus und zogen in Richtung der Grenzanlagen am Strand von
Tarajal. Viele umrundeten schwimmend eine Mole und kletterten auf der
spanischen Seite an Land. Später öffnete die Menge Durchgänge in den
Grenzanlagen und lief hindurch. Erst am Donnerstagabend griffen die
marokkanischen Sicherheitskräfte wieder ein und schlossen den Übergang,
unter anderem mit Wasserwerfern.
Bis Sonntagnachmittag barg Spanien laut Behörden 72 und Marokko 17 Leichen,
darunter viele Kinder. Dutzende Menschen sind nach NGO-Angaben weiter
vermisst, vermutlich dürften insgesamt über 100 Menschen zu Tode gekommen
sein – die meisten durch Ertrinken. Marokko brachte Leichen nach Tanger, wo
sie am Sonntag obduziert wurden.
Spanien brachte die meisten der Menschen nach Angaben unabhängiger
Beobachter weitgehend ohne Gewalt nach Marokko zurück. Doch anders als auf
dem Hinweg müssen sie ihre Rückkehr nun selbst organisieren. Auch Mohamed
Sbihi aus der Medina von Rabat war am Donnerstagmittag über einen offen
stehenden Grenzübergang nach Ceuta gekommen. „Die spanischen Beamten ließen
uns einfach passieren. In dem Moment dachten wir, dass die Gerüchte der
letzten Tage tatsächlich richtig waren.“
## TikTok-Videos warben wohl für Reise nach Ceuta
Der 24-Jährige berichtet der taz am Telefon, dass in der Vorwoche auf
TikTok und Instagram plötzlich zahlreiche Videos auftauchten, in denen für
die Reise nach Ceuta geworben wurde. „Ein Gericht habe entschieden, dass
man von dort ganz einfach auf das spanische Festland reisen könne“, sagt
Mohamed Sbihi. „Zusammen mit drei Freunden habe ich, ohne groß
nachzudenken, beschlossen zu gehen. An einem angegebenen Treffpunkt am
Stadtrand standen wir in einer riesigen Menschenmenge. Wir hatten weder
Geld noch einen Plan. Dann fuhren Lastwagen vor. Auf der Ladefläche kamen
wir bis Fnideq.“
Sbihi war in der ersten Gruppe, die nicht schwimmend, sondern zu Fuß über
die Grenze kam. Es habe einige Mitreisende gegeben, die scheinbar die
anderen anführten und sie direkt in Richtung Hafen brachten. Doch zu den
Fähren kamen sie nicht, weil die spanischen Sicherheitskräfte einen
Sicherheitsring um das Gelände aufgebaut hatten.
Auch Bewohner der umliegenden Stadtviertel hätten sie mit Knüppeln und
Luftgewehren von dort verjagt. „Weil alle Läden geschlossen waren und wir
überall auf feindselige Bewohner und Polizisten trafen, waren wir den
ganzen Tag in Bewegung.“ Die meisten in seiner Gruppe seien sehr viel
jünger gewesen als er selbst, berichtet Mohamed Sbihi. Irgendwann am Abend
seien sie dann einfach durch die noch immer offene Grenze zurückgegangen.
„Doch ich habe mein ganzes Geld für die erste warme Mahlzeit seit zwei
Tagen ausgegeben. Und weiß noch nicht, wie ich nun zurückkomme.“
Wütend ist er – wie viele, mit denen die taz gesprochen hat – nicht. „Ich
weiß eigentlich gar nicht, warum ich losgezogen bin“, sagt Ayoob, ein
Student aus Tanger. Er war am Freitag vom Strand in Fnideq nach Ceuta
geschwommen. An den Beinen hat er zahlreiche blaue Flecken, berichtet der
20-Jährige. Zunächst hätten marokkanische Beamte versucht, mit
Schlagstöcken die in die Kleinstadt drängende Menge aufzulösen. „Dabei kam
es zu regelrechten Straßenschlachten. Neben uns schwammen auch Familien mit
Kindern.“
Doch viele Menschen im Meer hätten von Mitschwimmenden gerettet werden
müssen, sagt er. „Als ich dann leblose Körper sah, wurde mir klar, dass das
eine schlechte Idee war.“ Auch Ayoob steckt nun in Fnideq fest und hofft,
dass ihm seine Eltern am Sonntag das Geld für ein Busticket nach Tanger
schicken.
Doch vor allem die auch nach Ceuta gereisten Migrant:innen aus
Westafrika wollen bleiben. „Wir sind über die algerische Grenze nach
Marokko marschiert und von Soldaten verprügelt worden“, sagt Abubakr Bangui
aus Sierra Leone. Er harrt mit seiner Frau und Tochter am Strand von Ceuta
aus. „Wir bleiben, schlimmer als in Marokko kann es hier auch nicht
werden.“
Die große offene Frage ist, wie ein in dieser Dimension nie da gewesener
Durchbruch der – neben der anderen Exklave Melilla – einzigen Landgrenze
zwischen Afrika und der EU möglich war.
Marokko wird von Spanien seit Jahrzehnten für die Bewachung der
Grenzanlagen bezahlt – hatte die Bewachung aber in der Vergangenheit schon
mehrfach vorübergehend eingestellt, um Druck auf Spanien aufzubauen.
Ein entscheidender Faktor dürfte diesmal die schlechte wirtschaftliche Lage
im Land gewesen sein. Inflation, Arbeitslosigkeit, Dürre und
Wasserknappheit machen vor allem jungen Menschen außerhalb der großen
Städte Marokkos zu schaffen. Die Unzufriedenheit ist groß. [2][Im
vergangenen Oktober zogen junge Menschen bei den „Gen Z 212“-Protesten –
benannt nach der Landesvorwahl – deshalb in Massen auf die Straßen.] „Es
gibt viele Krisen und eine chaotische Situation im Land. Die Lage ist
instabil und es fehlt das Vertrauen in die Politik. Europa erscheint da
vielen als das Eldorado,“ sagt Hassane Amari, Forscher und Aktivist der NGO
Association pour tout.e.s les migrant.e.s im marokkanischen Oujda der taz.
Am 23. September wird in Marokko ein neues Parlament gewählt. Der Regierung
in Rabat mag da eine gewisse außenpolitische Härte gegenüber Spanien
nützlich erscheinen. Madrid hatte sich jüngst dem mit Marokko verfeindeten
Nachbarn Algerien angenähert, unter anderem mit einem großen Gasdeal. Zudem
will Madrid Bewohner:innen des von Marokko besetzten
Westsahara-Gebiets, die vor dem spanischen Abzug 1976 geboren wurden, die
Staatsangehörigkeit anbieten. Das würde Rabats Position in der Westsahara
unterminieren. „Marokko wird mit der Aktion am Donnerstag seine Karten
ausgespielt haben“, sagt Hassane Amari.
Ein zweiter Faktor war eine auffällige Häufung von Posts in den sozialen
Medien in den Tagen vor Donnerstag. „Wenn du diese Stufen siehst, ist dein
Traum wahr geworden“, dazu Bilder einer Treppe aus der spanischen Enklave
Ceuta. Massenhaft kursierten in der vergangenen Woche solche Posts auf
Plattformen wir TikTok oder Facebook. Die Botschaft: Der Weg nach Europa
ist offen. Vielfach wurde dabei auf ein Urteil des obersten spanischen
Gerichtshofs vom 8. Juli verwiesen. Der hatte entschieden, dass eine
direkte Abschiebung ohne Asylprüfung unzulässig ist, wenn die Betreffenden
Ceuta oder Melilla auf dem Seeweg, also schwimmend, erreicht hätten.
In der Migrationsbewegung der vergangenen Woche habe es „etwas Anormales“
gegeben, sagt Hassane Amari. „Ohne all diese Gerüchte hätten Menschen sich
sicher nicht in dieser Zahl in ganz Marokko in Bewegung gesetzt“, sagt
Amari. „Das wirft viele Fragen auf und muss unabhängig untersucht werden.“
Die NGO Caminando Fronteras dokumentiert die Lage an den Grenzen von
Melilla und Ceuta seit vielen Jahren und hat Beobachter:innen vor Ort.
„Eine solche Situation gab es hier noch nie“, sagt die Gründerin Helena
Maleno der taz. Die Mobilisierung zur Grenze sei keinesfalls nur mit dem
Urteil des spanischen Gerichtshofs zu erklären und auch nicht nur mit
Social-Media-Posts. „Da kamen Busse aus dem ganzen Land und man hat sie
fahren lassen.“ Die Zäune von Ceuta seien sechs Meter hoch, extrem stark
kontrolliert. „Und plötzlich gehen da die Tore auf. Das ist eine politische
Entscheidung“, sagt sie.
Die Regierung von Pedro Sánchez ist für Rechtsextreme und Autoritäre ein
Feindbild, nicht nur wegen ihrer Migrationspolitik, und weil sie eine der
wenigen verbliebenen liberalen Stimmen innerhalb der EU ist.
## Haltung zu Gaza und Iran
Maleno verweist darauf, dass Spanien sich mit seiner Position zum Iran- und
zum Gazakrieg Feinde gemacht habe – und Marokko wiederum der US-Regierung
eng verbunden ist.
Im März hatte Michael Rubin, Ex-Pentagon-Beamter und Fellow des MAGA-nahen
Thinktanks American Enterprise Institute, Marokko offen dazu aufgerufen,
Bulldozer an die Grenze zu schicken „und dann unbewaffnet in Ceuta und
Melilla einzumarschieren, um die Flagge zu hissen“, so Rubin. Sánchez und
die spanische Presse würden „zwar jammern, aber keine Handhabe zum Handeln
haben“. König Hassan II. habe nun die „Geschichte auf seiner Seite“,
schrieb Rubin weiter. „Die Region gehörte vor der imperialistischen Ankunft
Spaniens mehr als ein Jahrtausend lang zu Marokko.“
Andrii Sybiha, der Außenminister der Ukraine, schrieb auf X von einer
„intensiven russischen Propaganda-Kampagne in ganz Europa“, die Bilder aus
Ceuta nutze, „um Destabilisierung zu säen.“ Es habe mehr als 1.500
Veröffentlichungen auf Plattformen gegeben, die von Analysten als
prorussisches Netzwerk identifiziert wurden. „Seit Jahren nutzt Moskau
Migration und andere sensible Themen, um Angst zu schüren und europäische
Länder zu destabilisieren“, so Sybiha.
Als Spanien im Juni 2022 den Nato-Gipfel in Madrid ausrichtete, hatte die
Regierung darauf gedrängt, „hybride Bedrohungen“ in das neue „Strategische
Konzept“ des Bündnisses für das nächste Jahrzehnt aufzunehmen, darunter
irreguläre Migration. Der damalige Außenminister José Manuel Albares
verwies auf „nichtmilitärische Bedrohungen“ an den unter wachsendem
russischen Einfluss stehenden Maghreb- und Sahelländern an der
Nato-Südflanke.
Migration sei immer schon genutzt worden, um Druck auf andere Staaten zu
machen. Nun habe sich die geopolitische Lage stark verändert, sagt Helena
Maleno. „Die Verlierer sind die Migrant:innen, die heute ein Werkzeug sind,
um Druck auf andere Staaten zu machen, in diesem Fall auf Spanien.“
Gewinner solcher Ereignisse seien Sicherheits- und Rüstungsfirmen.
2 Aug 2026
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