# taz.de -- Wadephul in Tunesien und Algerien: Erdgas und Wasserstoff ja, Einwanderer nein
> Deutschlands Außenminister wirbt in Tunis für Sicherheitszusammenarbeit
> und in Algier für Energieexporte. In beiden Ländern empfangen ihn die
> Staatschefs.
(IMG) Bild: Außenminister Johann Wadephul bei seinem Besuch in Tunesien, Kritik vermeidet er eher
Mit seiner Reise in den Maghreb will Außenminister Johann Wadephul (CDU)
die Beziehungen in eine zuletzt von der deutschen Außenpolitik
vernachlässigte Region wieder stärken. Im Mittelpunkt der Gespräche in
Algerien und Tunesien stehen dabei Wirtschaft und Energieexporte nach
Europa. Die EU will unter anderem mit Solarstrom und Wasserstoff aus der
Sahara bis 2050 klimaneutral werden.
Doch spätestens [1][nach dem Massenansturm auf Ceuta] tritt nun wieder ein
anderer Aspekt in den Vordergrund: Migration. Die erste Reiseetappe im
krisengeplagten Tunis zeigt, dass die bisherige Strategie Berlins dabei
viel zu kurz greift.
## Studierende wollen nach Deutschland
Die Stimmung bei den Treffen Wadephuls in Tunis war durchgehend herzlich.
Wadephul traf sich zunächst mit studentischen Stipendiaten des Deutschen
Akademischen Austauschdienstes (DAAD) und mit der besten Abiturientin des
Landes. Yasmin Yaakoubi will so wie viele junge Tunesier in Deutschland
studieren und Ingenieurin werden. Die Bundesrepublik ist nicht nur
drittgrößter Handelspartner Tunesiens, sondern mittlerweile auch eines der
beliebtesten Ziele junger und gut ausgebildeter Tunesier:innen.
Doch auch die überbordende deutsche Bürokratie bei der Visavergabe und am
Arbeitsplatz sprachen die jungen Tunesier:innen ganz offen an. Meist
vergehen Monate, bis deutsche Firmen angenommene Bewerber:innen aus
Nordafrika einsetzen können. Dies solle sich bald ändern, versprach
Wadephul.
## Tunesien als Hotspot des Klimawandels
Nur wenige hundert Meter weiter herrschte blanke Wut. Dutzende Kunden
standen in der sengenden Sonne vor einem Supermarkt vergeblich Schlange, um
ganz normale Wasserflaschen zu kaufen. Seit Beginn der nie dagewesenen
Hitzewelle vor sechs Wochen sind diese Mangelware. Tunesien ist
mittlerweile [2][ein Hotspot des Klimawandels] und muss zukünftig Millionen
in die Verbesserung der Infrastruktur investieren, um eine neue
Emigrationswelle zu verhindern.
Der Verband junger Ärzte fordert gar die Ausrufung des Notstandes.
[3][Zunächst nahm der Stromversorger Steg reihum ganze Stadtteile und
Städte vom Netz, um einen Blackout zu verhindern]. Dann blieben vielerorts
auch noch die Wasserhähne trocken, weil die Wasserpumpen ausfielen. Ohne
Wasser und Strom bei fast 50 Grad, die Proteste in den sozialen Medien und
auf den Straßen erinnerten ein wenig an Corona-Zeiten, als Hunderte
Patienten vor den überfüllten Krankenhäusern starben.
Tunesiens Präsident Kais Saied nutzte damals die allgemeine Empörung,
[4][um die Regierung zu stürzen und das Parlament aufzulösen.] Sein
[5][autokratischer Regierungsstil] und die Verurteilungen von Kritikern und
Vertretern der Opposition zu langen Gefängnisstrafen waren bei den Treffen
Wadephuls mit Saied und Außenminister Mohamed Nafti offensichtlich kein
Thema.
Dabei treibt das politische Klima wohl ebenso viele Menschen aus dem Land
wie die anhaltende Wirtschaftskrise. Wenn nicht legal, dann mit dem Boot.
## Partner gegen „Schmuggler und illegale Migration“
Doch Wadephul mied Kritik an der tunesischen Regierung. Zunächst sollen die
wegen der Meinungsverschiedenheiten über das israelische Vorgehen in Gaza
getrübten Beziehungen mit den Maghreb-Staaten verbessert werden. In diesem
Jahr jährt sich die Aufnahme der diplomatischen Beziehungen beider Länder
zum 70. Mal.
Das relativ kleine Tunesien war 2023 der zwölftgrößte Empfänger deutscher
Entwicklungshilfegelder und ist zu [6][Deutschlands wichtigstem Partner
gegen „Schmuggler und illegale Migration am südlichen Mittelmeer“]
geworden, wie Wadephul betonte.
In Sicherheitsfragen läuft die Kooperation aus Sicht der Bundesregierung
reibungslos, es legen derzeit nur wenige Schmugglerboote von der
tunesischen Küste ab.
Deutschland finanziert und unterstützt unter anderem eine Marineakademie.
Dass auf dem Mittelmeer Gerettete regelmäßig in der Sahara ausgesetzt
werden, tut man in Berlin als „Einzelfälle“ ab. Die Abschreckungspraxis ist
wohl der Preis für die neuen Partnerschaften in Nordafrika, um dessen Gunst
auch China und Russland intensiv werben.
## Grüner Wasserstoff aus Algerien?
In Algier traf Wadephul am Dienstag zu Beratungen mit dem algerischen
Öl-und Gas-Minister Mohamed Arkab zusammen. Ziel der Gespräche seien vor
allem langfristige Gaslieferverträge, hieß es aus der
Verhandlungsdelegation. Aber auch Vertreter von Bosch-Energy, ThyssenKrupp
Uhde und Siemens waren Teil der Delegation und wollen offenbar in Algerien
investieren.
Algerien gehört bereits jetzt zu den wichtigsten Gaslieferanten der EU.
Nachdem ein zusammen mit Tunesien geplantes Projekt zur Produktion von
grünem Wasserstoff bisher auf Eis liegt, könnte dies nun vollständig mit
Algerien durchgeführt werden.
Wie in Tunesien wurde Wadephul auch in Algerien auf höchster politischer
Ebene empfangen. In Tunis traf der Bundesaußenminister Präsident Kais
Saied, in Algier Präsident Abdelmajid Tebboune, bevor er bereits am Mittag
nach Berlin zurückreiste, wo das Thema Russland auf ihn wartete. Um die
Gespräche über Erdgas nicht zu gefährden, wurden Themen wie Menschenrechte
und die regelmäßigen algerischen Abschiebungen von Migranten in Richtung
Niger auch in Algier nicht angesprochen.
1 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Dokumentarfilmer-in-Ceuta/!6207973
(DIR) [2] /Rekordhitze-in-Nordafrika/!6198499
(DIR) [3] /Hitze-in-Nordafrika/!6206757
(DIR) [4] /Demokratiekrise-in-Tunesien/!5845517
(DIR) [5] /Verfassungsreferendum-in-Tunesien/!5867073
(DIR) [6] /Migration-und-Flucht/!6184160
## AUTOREN
(DIR) Mirco Keilberth
## TAGS
(DIR) Tunesien
(DIR) Johann Wadephul
(DIR) Migration
(DIR) MigrationControl
(DIR) Kais Saied
(DIR) Außenpolitik
(DIR) Algerien
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) GNS
(DIR) Algerien
(DIR) Johann Wadephul
(DIR) Podcast „Fernverbindung“
(DIR) Ceuta
(DIR) Schwerpunkt Klimawandel
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Wadephul in Tunesien und Algerien: Ein Plan fehlt
Im Maghreb herrscht kalter Krieg. Wer in diesem Minenfeld verlässliche
Partner sucht, muss mehr investieren als eine Stippvisite.
(DIR) Migration nach Europa: Wer steckt hinter der Ceuta-Krise?
Von Marokko aus passierten 72.000 Menschen die Grenze zu der spanischen
Exklave. Wurden sie manipuliert, um Spaniens Premier Sánchez unter Druck zu
setzen?
(DIR) Nach dem Ansturm auf Ceuta: Die Illusion der Kontrolle
Nach dem Ansturm auf Ceuta ringt die EU um Konsequenzen. Die Krise wirft
neue Fragen zur Zusammenarbeit mit Marokko und anderen nordafrikanischen
Staaten auf.
(DIR) Hitze in Nordafrika: Ausschreitungen und Massenproteste
Bei bis zu 50 Grad fallen in Nordafrika immer wieder Strom und Wasser aus.
In Libyen und Tunesien fordern Menschen den Rücktritt der tatenlosen
Regierungen.