# taz.de -- Europäische Reaktionen auf Ceuta: Unsolidarisch und anmaßend
       
       > Die Europäische Union steckt akut in der Krise. Aber nicht wegen des
       > Wochenendes in Ceuta, sondern wegen ihres dreisten Verhaltens gegenüber
       > Spaniens Regierung.
       
 (IMG) Bild: Ceuta: Junge Marokkaner auf dem Weg zurück nach Hause
       
       Nach letztem Stand sind rund 80 Menschen beim Versuch, die spanische
       Exklave Ceuta zu erreichen, gestorben. Ertrunken am Nadelöhr zwischen
       Atlantik und Mittelmeer, wo die Strömung stark und gefährlich ist.
       
       Aber Ursula von der Leyen interessiert sich nicht für die Toten. Das Erste,
       was ihr nach den dramatischen Nachrichten aus Ceuta einfiel, [1][waren
       kalte, scharfe Worte]: Der Ansturm meist junger marokkanischer Männer sei
       „inakzeptabel“. Und: Man könne nicht zulassen, dass „jemand in die EU
       kommt, ohne sich an unsere Regeln zu halten“. Man könnte ihr entgegnen:
       Wenn sich die EU mit Ceuta und Melilla zwei Außenposten an der
       afrikanischen Küste aus vorkolonialen Zeiten leistet und ein paar Hundert
       Meter weiter Massenarbeitslosigkeit und Elend herrschen, wird’s schwierig
       mit der Einhaltung von Regeln.
       
       Italiens Außenminister Antonio Tajani verkündete, das Schengen-Abkommen mit
       Spanien faktisch auszusetzen. Dänemark, Finnland und Schweden forderten die
       EU auf, Spanien aus dem Schengen-Raum auszuschließen. Ein Blick in das
       Abkommen wäre hilfreich: Ein Mitgliedsland kann nicht einfach gegen seinen
       Willen ausgeschlossen werden.
       
       Und was in der derzeit hysterischen Diskussion unter den Tisch fällt, weil
       es nicht in die Drama-Erzählung passt: Ceuta ist zwar Teil der EU, aber
       nicht Mitglied des Schengenraums. Wer auf das spanische Festland übersetzen
       will, wird nochmal kontrolliert. Und, ja, die rund 60.000 Marokkaner, die
       Ceuta erreichten, sind in ihrer großen Mehrheit keine politischen
       Flüchtlinge gewesen, sondern Leute, die die Nase voll haben von der
       Perspektivlosigkeit in ihrem Land.
       
       ## Billige Geländegewinne
       
       Sie hätten nach den EU-Asylregeln – auch nach den früheren, weniger
       strengen Regeln – keine Chance auf ein Asylverfahren gehabt. Marokko ist
       nicht Syrien. Ach so: 48.000 von ihnen sind inzwischen wieder
       zurückgekehrt, nachdem sie erkannt hatten, dass die kleine Stadt Ceuta
       völlig überfordert war mit der Aufnahme.
       
       Aber um nüchterne Tatsachen geht es derzeit nicht. Auf Kosten Spaniens geht
       es von der Leyen und jenen EU-RegierungschefInnen, die einen härteren Kurs
       wollen, darum, billige Geländegewinne in der Migrationspolitik zu erzielen.
       Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez gilt vielen Amtskolleg:innen
       in der EU als zu links, als zu „woke“, der es unverschämterweise geschafft
       hat, seit 2018 zu regieren, trotz diverser Krisen und Neuwahlen.
       
       ## Lieber Marokko fragen
       
       Bezeichnend ist der [2][Brief, den 21 EU-RegierungschefInnen inklusive
       Friedrich Merz nun an Spanien gerichtet haben]. In dem nennen sie die
       „Legalisierung einer sehr großen Zahl irregulärer Migranten“ in Spanien als
       verdammenswerten Anreiz, sich auf den Weg nach Europa zu machen. Kürzlich
       hatte die Regierung Sánchez mehreren Hunderttausend Menschen im Land ohne
       Papiere die Möglichkeit gegeben, ihren Aufenthalt zu legalisieren. Dazu
       gehören übrigens die vielen Erntehelfer, die europäische Supermärkte mit
       Obst und Gemüse versorgen.
       
       Statt an Sánchez sollte die EU lieber ein paar Fragen an das Regime in
       Marokko richten: Wie kann es sein, dass in diesem Land, das viel
       wirtschaftliches Potenzial hat und in dem kein Bürgerkrieg herrscht, so
       viel Armut herrscht? Das Regime baut Strecken für Hochgeschwindigkeitszüge
       und richtet die nächste Fußball-WM mit aus, ist aber nicht in der Lage,
       seinen BürgerInnen eine Perspektive zu bieten.
       
       Die EU steckt in der Krise. Aber nicht wegen des Wochenendes in Ceuta,
       sondern wegen ihres unsolidarischen und anmaßenden Verhaltens gegenüber
       ihrem Mitgliedsland Spanien.
       
       2 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://x.com/vonderleyen?lang=de
 (DIR) [2] https://www.spiegel.de/ausland/ceuta-22-eu-staats-und-regierungschefs-unterzeichnen-offenen-brief-a-921dc04a-a672-4e22-9a76-e8e11f5bd90e
       
       ## AUTOREN
       
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