# taz.de -- Migration nach Ceuta: Zum Grenzübertritt ermuntert
       
       > Mehrere Zehntausend Menschen hatten am Donnerstag die Grenze zur
       > spanischen Exklave Ceuta in Nordafrika überwunden. Was steckt dahinter?
       
 (IMG) Bild: Erschöpft, aber am Leben: Migranten am Strand in Ceuta
       
       Erstmals ausführlicher meldet die marokkanische Regierung sich am Sonntag
       zu Wort. Sie beziffert die Zahl der an dem Ansturm vom Donnerstag
       Beteiligten auf 40.000, Spanien hatte von mehr als 50.000 Menschen
       gesprochen. Nach marokkanischen Angaben wurden zeitgleich 1.135 Personen
       daran gehindert, nach Melilla zu gelangen, einer weiteren spanischen
       Enklave.
       
       Die Zahl der Menschen, die bei dem Ansturm starben, bezifferte Marokko auf
       11. Spanien hatte 67 Tote gemeldet. Ein Teil sei demnach ertrunken, andere
       wurden erdrückt, als sie versuchten, ⁠eine Wellenbrecheranlage und den
       Grenzzaun zu überklettern. NGOs rechnen wegen weiterer Vermisster mit über
       100 Toten.
       
       Der Andrang der Migranten sei nicht organisiert gewesen, sondern spontan
       zustande gekommen, sagte ein Sprecher des marokkanischen Innenministeriums.
       Er machte die Verbreitung falscher Informationen im Netz, Aktivitäten von
       Schleusern und eine Falschinterpretation eines spanischen Gerichtsurteils
       verantwortlich, das die Rückführung bestimmter Migranten verbietet. Der
       Sprecher erklärte am Sonntag weiter, die Regierung in Rabat arbeite mit den
       spanischen Behörden zusammen und bleibe bei der Bekämpfung irregulärer
       Migration „ein zuverlässiger Partner“.
       
       Doch der Argwohn bleibt groß. Zu sehr wich die Dimension des Ansturms von
       allen vergleichbaren früheren Vorfällen ab. Zu offensichtlich war, dass
       Marokko die sonst lückenlose und von Europa teuer bezahlte Bewachung der
       Grenze vorübergehend eingestellt hatte. Zu ungehindert war der Transport
       von Menschen aus weit entfernten Teilen Marokkos, zu sehr hatten sich
       Social-Media-Posts in den vorigen Tagen gehäuft, in denen behauptet wurde,
       Spanien werde die Migrant:innen, die es schwimmend nach Ceuta schaffen,
       nicht abschieben. Mehrere Migranten schilderten spanischen Medien zufolge
       unabhängig voneinander, dass sie nicht gestoppt, sondern vielmehr zum
       Grenzübertritt ermuntert worden seien.
       
       Ceuta sei „Ziel einer offenbar gesteuerten Migrationsbewegung“ geworden,
       sagte etwa der [1][SPD-Vorsitzende Lars Klingbeil] und forderte Solidarität
       mit Spanien. „Migranten wurden instrumentalisiert in dem Versuch, Europa zu
       spalten.“ Deshalb stehe „die Geschlossenheit Europas und die Solidarität
       mit Spanien jetzt an erster Stelle“.
       
       ## „Gesteuerte Migrationsbewegung“
       
       Klingbeil kam damit dem sozialdemokratischen spanischen Regierungschef
       Pedro Sánchez zu Hilfe. Tatsächlich halten viele – Aktivist:innen,
       Forscher:innen, Beobachter:innen – durchaus für denkbar, dass die
       Ereignisse in der vergangenen Woche zumindest in Teilen Folge einer
       Kampagne sind, die sich gegen Sánchez richtet.
       
       Die einen glauben, Marokko selbst wolle wegen diplomatischer Differenzen
       Druck auf den Ministerpräsidenten ausüben. Andere sehen rechtsextreme
       Kreise in Europa, die USA, Israel oder Russland entweder selbst am Werk
       oder zumindest als Nutznießer der Krise.
       
       Am Dienstag treffen sich die EU-Innenminister zu einer
       Dringlichkeitssitzung, um sich mit den „Entwicklungen in Ceuta“ zu
       befassen, wie die irische EU-Ratspräsidentschaft via X ankündigte. Die
       Sitzung war auf der einen Seite von Sánchez selbst, auf der anderen Seite
       von den Staats- und Regierungschefs von 22 der 27 EU-Mitglieder gefordert
       worden. Diese hatten in einem gemeinsamen Schreiben Sánchez’
       Migrationspolitik als Auslöser der Krise dargestellt.
       
       Es dürfe nicht zugelassen werden, „dass eine illegale Einreise anschließend
       in einen legalen Aufenthalt übergehen kann“, hieß es in dem Schreiben, das
       [2][auch Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) unterzeichnet] hat. Es war
       allgemein als Vorwurf gegen Spanien verstanden worden, das seit diesem Jahr
       Hunderttausenden irregulär Eingereisten eine Aufenthaltsgenehmigung
       erteilt, sofern diese eine Beschäftigung nachweisen können.
       
       „Es geht natürlich darum, darüber zu sprechen, dass sich solche Dinge nicht
       wiederholen“, sagte Vizeregierungssprecher Sebastian Hille am Montag in
       Berlin mit Blick auf Beratungen der EU-Innenminister am Dienstag. Der
       Vorfall habe gezeigt, „wie volatil die Lage beim Thema Migration ist“.
       
       Nicht immer gab es nach Grenzdurchbrüchen an Enklaven derartige Kritik an
       Spanien. Als am 24. Juni 2022 rund 2.000 Menschen, vorallem aus Sudan und
       Südsudan, versuchten, [3][die Grenze zu Melilla zu überwinden], setzten
       marokkanische und spanische Grenzer brutale Gewalt ein. Am Ende wurden Tote
       und Schwerverletzte übereinander geworfen und stundenlang auf dem Boden
       liegen gelassen. Rund 100 Menschen dürften an dem Tag von den
       Sicherheitskräften getötet worden sein. Ratspräsident Charles Michel sagte
       damals, er „unterstütze Spanien und alle Länder, die an vorderster Front
       die Grenzen der EU schützen, voll und ganz“.
       
       3 Aug 2026
       
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